Das ist, um hier gleich mal einen traditionellen Ton anzuschlagen, auch nicht mehr das, was es mal war. Die einst legendäre Neonpracht ist schon vor Jahren durch monumentale LCD-Schirme ersetzt worden, hoch über dem Las Vegas Boulevard schwirren Magnetbahnen hin und her, und wenn es so richtig heiß wird, besprühen die großen Hotels ihre Parkbuchten mit feinem Wassernebel, damit die Gäste auf ihren Wegen zwischen der klimatisierten Lobby und den vorgekühlten Taxis und Mietwagen keinen Hitzeschock erleiden.
Eigentlich war das Prinzip der Kasinos bisher, die Gäste mit allen erlaubten Mitteln und vor allem viel Alkohol daran zu hindern, ihre Hotels zu verlassen, damit sie ihr Geld im Haus verspielen. Weil die Zeiten der harten Burschen und kessen Miezen in Las Vegas aber längst vorbei sind, stellt sich die Stadt auch entsprechend auf die neue Klientel ein. Für die Gäste aus der Provinz wird in Las Vegas seit einigen Jahren ein kosmopolitisches Großstadtleben simuliert, zu dem Einkaufsbummel, Gourmetlokale und vor allem Theaterbesuche gehören. Motor dieser Entwicklung ist dabei der phänomenale Erfolg des Cirque du Soleil, jener Theatergesellschaft der eingangs erwähnten kanadischen Hippies.
Nun könnte man einwenden, das sei ja gar kein richtiges Theater, genauso wie das ja auch kein richtiger Zirkus ist. Doch als allererstes wird man sich von seinen Genrebegriffen lösen müssen. Hier geht es um eine neue Form der Live-Unterhaltung, die seit der ersten Cirque-du-Soleil-Premiere in Las Vegas vor zwölf Jahren in Amerika schon sämtliche Bühnensparten beeinflusst hat.
Da marschieren, wirbeln, tanzen, hüpfen, turnen und purzeln allerlei wild kostümierte Gestalten durchs Bild, die allesamt an die romantische Bilderwelt des Kunstrock aus den 70er Jahren erinnern, zu der all die Fabelwesen, Märchenfiguren und surrealen Traumlandschaften gehören, die man auf den Plattencovern von Bands wie Genesis, Yes und Eloy fand. Das macht Sinn, schließlich begann Begründer Guy Laliberté seine Laufbahn als einer jener Gaukler, die sich heute noch in den Fußgängerzonen der Welt verdingen. Anfang der 80er Jahre schloss er sich in Quebec einer Straßentheatergruppe an, die aus Stelzenläufern, Jongleuren und Feuerschluckern bestand. Später hat er Bühnenshows für Peter Gabriel konzipiert. Laliberté entstammt somit trotz seiner verhältnismäßig jungen 45 Jahre genau jener bewusst anti-coolen Popkultur, gegen die sich seine Altersgenossen mit den Ausbrüchen des Punk und Dandytums wehrten. Doch gerade weil der Cirque du Soleil weder als stilistische, noch als intellektuelle Herausforderung funktioniert, sondern als eine Art Echokammer für popkulturelle Schlüsselreize, kann er auch in dieser Breite funktionieren.
Bisheriger Höhepunkt der Cirque-Produktion ist das Stück “Kà", das seit letztem Jahr im MGM Grand Hotel läuft. 185 Millionen Dollar hat die Produktion gekostet. Doch nach seinen Erfolgen der letzten Jahre hat Guy Laliberté nicht nur absolute künstlerische, sondern auch finanzielle Freiheit. So lässt er sich für seine Stücke auch eigens Theater bauen. Der Bühnenraum von “Kà" ist beispielsweise rund elf Stockwerke hoch. Statt einer Bühne findet die Handlung jedoch auf beweglichen Bühnenelementen statt, deren Kernstück eine 175 Tonnen schwere Plattform ist, die mit eigens konstruierten Hydrauliksystemen in jede nur erdenkliche Stellung gebracht werden kann.
Da spielt es dann auch keine Rolle mehr, dass “Kà" das erste Stück des Cirque du Soleil ist, das einer rudimentären Handlung folgt, die die Geschichte eines Königskinderpaares erzählt, die Abenteuer erleben, die nicht zufällig an die mittelalterliche Sagenwelt chinesischer Abenteuerfilme wie “Tiger & Dragon" erinnern. Das ist Reizüberflutung in Perfektion, die mit jedem Hollywoodfilm mithalten kann, nur dass sich das als Theatererlebnis natürlich viel deutlicher einprägt, als ein Kinobesuch.
85 Akteure sind in “Kà" auf der Bühne zu sehen. Akrobaten, Artisten, Tänzer, Musiker, Sänger und Schauspieler, die aus der ganzen Welt rekrutiert wurden und oft zu den Besten ihres Fachs gehören, vor allem wenn sie sich in Nischengenres einen Namen gemacht haben, die vielleicht gar kein Massenpublikum erreichen.
So wie die Pantomime des Deutscher Hamburgers Jörg Lemke, der Rolle des Hofrates spielt. Es ist schon nach Mitternacht, als er sich abgeschminkt und verabschiedet hat. Zwei Vorstellungen gab es an diesem Abend wieder. Der Bereich hinter der Bühne gleicht trotz der Routine einem emsigen Großbetrieb. Der monumentale Bühnenbereich mit der Hydraulik wirkt wie der Hangar aus einem Science-Fiction-Film.
Im Nachtcafé des MGM Grand bestellt sich Jörg Lemke noch einen Salat. Der sehnige Artist mit dem kahlgeschorenen Kopf wirkt zwischen all den übernächtigten Pauschaltouristen fast wie ein Fremdkörper. Nach über zwanzig Jahren als Pantomime ist der Cirque du Soleil der unbestrittene Höhepunkt seiner Laufbahn. Dabei ist er nicht irgendein Pantomime. Er hat in Frankreich sämtliche prestigeträchtigen Preise seines Faches gewonnen, er hat in Hamburg an der Hochschule unterrichtet und am Schauspielhaus mit Jerome Savary und Peter Zadek gearbeitet.
Ein Jahr später kam der Anruf aus Montreal. Zwei Monate lang wurde im kanadischen Hauptquartier trainiert und geprobt. Seit letztem Februar steht Jörg Lemke zehn Mal in der Woche im MGM Grand auf der Bühne.
Zwölf Jahre nach seiner ersten Premiere am Las Vegas Strip hat der Cirque du Soleil Las Vegas als zweite Theaterhauptstadt Amerikas etabliert und das traditionelle Geschäftsmodell des Broadways gekippt. Bisher gehörte es zur Kalkulation jedes Theaterstückes, dass Zweitbesetzungen über Land touren. Doch in den letzten Jahren haben einige der erfolgreichsten Theaterproduktionen aus New York und London keine Tourneen mehr geplant, sondern stattdessen in Las Vegas eine zweite Heimat gefunden. Das Abbastück “Mamma Mia" zum Beispiel, Andrew Lloyd Webbers “Phantom of the Opera" und das Puppenmusical “Avenue Q".
Neben den vier Häusern in Las Vegas gibt es ja noch ein festes Haus in der Disney World, sowie sieben Tourneeproduktionen. Gleichzeitig werden gerade zwei weitere feste Produktionen vorbereitet. Ein Stück für das Disneyland in Japan, sowie ein Stück, das im Mirage Casino die dieses Jahr die stornierte Show von Siegfried & Roy ablösen soll. Für die greift Guy Laliberté zu den wahrscheinlich bewährtesten Schlüsselreizen in der Geschichte des Pop - zu den Beatles. Das Spektakel soll diesmal zur Musik von “Yellow Submarine" gegeben werden. Beatlesproduzent George Martin wird die Musik höchstpersönlich überwachen.
Doch Laliberté hat als erster Milliardär in der Geschichte des Theaters nicht nur die Geschäftsmodelle der Bühne revolutioniert. In den USA hat der Cirque ein ganzes Genre etabliert, welches das sinnfreie Theatererlebnis als Erfolgsformel nutzt. Die Blue Man Group gehören dazu genauso wie das Akrobatikstück De La Guarda oder die Tanzproduktion Stomp. Das bedeutet letztlich, dass sich Las Vegas vom Marktplatz für Unterhaltung zur kulturellen Triebfeder gemausert hat. Für ein Land wie Amerika, in dem Popkultur inzwischen zu den wichtigsten Exportgütern gehört, ist die neue Bedeutung der Wüstenstadt deswegen nicht zu unterschätzen.
Las Vegas - Bevor man sich Gedanken darüber macht, warum der Cirque du Soleil jeden, aber auch wirklich jeden Tag Eintrittskarten für rund eine Million Dollar verkauft, wie es kommen konnte, dass ein paar kanadische Hippies die amerikanische Theaterszene umkrempeln, und warum das alles weltweite Folgen haben wird, sollte man sich zunächst ins Herz dieser eigentümlichen Kulturrevolution begeben. Nach Las Vegas.
Erster Feldversuch ist das Stück “O" im Bellaggio, dem Kasino, mit dem der legendäre Hotelimpresario Steve Wynn versucht hatte, mit viel Geld, Pomp und Schnörkelei den Flair europäischer Kultur nach Las Vegas zu bringen. Kernelement von “O" ist ein riesiges Becken, das in die Mitte der Bühne eingelassen ist und rund fünfeinhalb Millionen Liter Wasser fasst. Darum herum gruppieren sich die Szenen, die nur scheinbar in einem narrativen Zusammenhang stehen. Auch die Texte der ätherischen Musik sind nicht zu verstehen, weil sie in einem eigenartigen Kauderwelsch gehalten sind, der mit Lautmalereien die tonalen Eigenarten von Französisch, Thai oder brasilianischem Portugiesisch imitiert und so eine etikettenfreie Exotik schafft.
Höhepunkt des Stückes ist dann eine fernöstlich angehauchte Schlachtenszene, während der sich die Plattform so weit zur Seite dreht, bis die Zuschauer wie aus der Vogelperspektive auf die Szenerie blicken, in der die Akrobaten scheinbar schwerelos im 45-Grad-Winkel zum hockanten Unterboden agieren, der mittels einer Computermatrix auch noch den Eindruck erweckt, als spiele sich die Action in flachem Wasser ab, in dem jeder Schritt Wellenkreise zieht. Das ganze wird mit einer Rundumtonanlage bespielt, deren Effekte durch kopfnahe Stereolautsprecher unterstützt werden, die in die Kopfstützen jedes einzelnen Sitzplatzes integriert sind.
Etwas mehr als zwei Jahre ist es her, dass er zu einem der Casting Calls des Cirque du Soleil nach Berlin eingeladen wurde. Zwanzig Castingagenten reisen permanent um die Welt, um die Artisten und Akrobaten zu finden. Da gehören dann olympische Goldmedaillengewinner wie der aserbaidschanische Bogenschütze aus “O" genauso dazu, wie das Schlangenmädchen aus dem indischen Bauernzirkus. 180 Kandidaten waren damals nach Berlin geladen. “Die Hälfte haben sie gleich nach dem ersten Tag nach Hause geschickt", erinnert sich Lemke. Die übrigen mussten sich am zweiten Tag neun Stunden lang bei Improvisationen bewähren. Zum Schluss kamen vier der Kandidaten in die Kartei.
Ohne Guy Lalibertés Pionierarbeit wäre das undenkbar. Der hat aber nicht nur die Geschäftsmodelle der Theater, sondern auch der Stadt Las Vegas umgekrempelt. Das Bellaggio, in dem “O" läuft, erwirtschaftet inzwischen nur noch 40 Prozent seiner Umsätze mit dem Glücksspiel, den Rest mit dem Hotel, der Einkaufspassage, den Theatern, Lokalen und Nachtclubs. Der Cirque selbst ist inzwischen zum milliardenschweren Kulturunternehmen mit globaler Reichweite expandiert. Die Statistiken im Publicitymaterial sind atemberaubend. 50 Millionen Menschen haben schon ein Cirque-du-Soleil-Stück gesehen, sieben Millionen allein im Jahr 2004. Das Unternehmen beschäftigt 3000 Angestellte, von denen 1600 im Internationale Headquarters in Montreal arbeiten. Und der eingangs erwähnten tägliche Kartensumsatz von einer Million Dollar ist noch untertrieben, denn der wird alleine in Las Vegas erwirtschaftet.
Für einige Bühnensparten ist Las Vegas inzwischen wichtiger als New York, Paris oder London. Gerade weil Guy Laliberté ein solches Faible für anachronistische Gaukeleien hat. “Pantomime ist ja so was von unterm Tisch", seufzt Jörg Lemke. Wahrscheinlich hat er derzeit den einzigen fest angestellten Pantomimenjob der Welt. Auch wenn das Leben in der Wüste nicht leicht ist. “Ich wäre ja lieber in Hamburg weltberühmt", sagt er. Aber dann lacht er und stößt die Gabel in den Salat. Weil er weiß, dass er hier am Höhepunkt seiner Zunft angelangt ist.
Trailer
"Cirque du Soleil & Beatles"
Trailer
“Ka"
Trailer
"O"
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