BESCHLEUNIGTE MILLIONEN

Bei der teuersten Kunstauktion aller Zeiten

© Andrian Kreye

New York im August '06 - Zunächst die Ergebnisse. Bei den saisonalen Versteigerungen impressionistischer, moderner und zeitgenössischer Kunst in New York konnte sich das Auktionshaus Christie's mit einem Rekordergebnis von 491,4 Millionen Dollar für einen einzigen Abend am Mittwoch ganz klar gegen seinen Konkurrenten Sotheby's durchsetzen, der mit seinem Abendergebnis von 239 Millionen Dollar weit abgeschlagen wurde. Das waren bei Christie's immerhin 200 Millionen Dollar mehr, als der bisherige Einzeltagrekord und das, obwohl die Auktionsleitung das rekordverdächtige Picassobild des Absinthtrinkers Angel Fernandez de Soto wegen möglicher Restitutionsansprüche des deutschen Bankiers Julius H. Schoeps zurückzog. Auch die Gemälde, die an diesem Abend die höchsten Ergebnisse erzielten, stammten aus für die Erbengemeinschaften erfolgreich abgeschlossenen Restitutionsverfahren. Vier Bilder von Gustav Klimt spielten für Maria Altmann, die Nichte der ursprünglichen Besitzer Adele und Ferdinand Bloch-Bauer zusammen 192 Millionen Dollar ein, wobei alleine das Porträt der einstigen Besitzerin 88 Millionen einbrachte. Die “Straßenszene" von Ernst Ludwig Kirchner ging für rund 38 Millionen Dollar an den Kosmetikerben Ronald Lauder, der das Bild in seinem New Yorker Privatmuseum Neue Galerie ausstellen will.

Wem das alles zu sportlich ist, der war noch nie bei einer solchen Rekordauktion dabei, die eine Mischung aus Baptistenmesse, Drag Race und Pokerspiel ist, bei der sich in großen Schüben das Adrenalin im Saal anstaut. Da ist zunächst der sakrale Rahmen, bei der sich die Gemeinde in bestem Sonntagsstaat unter einer drei Meter erhöhten Holzkanzel einfindet, von der aus der Auktionator Christopher Burge das Gemurmel der Gemeinde zunächst mit einer Litanei der Regeln und Gebote zum Verstummen brachte, um die Versteigerung dann mit der Würde eines routinierten Liturgen zu leiten. Der wusste auch, wie man so eine Gemeinde gleich zu Anfang in Verzückung versetzt. Das erste Los war eine Marmor-Andromeda von Auguste Rodin, die in Sekunden von 400.000 Dollar auf drei Millionen schnellte.

Minuten später zeigte Burge gleich noch einmal, mit welchem Druck die Sammlermillionen an Beschleunigung gewinnen können. Piet Mondrians Papierstudie Nummer 2 zu seinem Gemälde Broadway Boogie Woogie schaffte es vom Startpreis bis zur ersten Million in 27 Sekunden, um dann von der Studie Nummer eins um sieben Sekunden geschlagen zu werden. Nun treten Gemälde ähnlich wie die Hochgeschwindigkeitswagen bei den Drag Races genannten Beschleunigungsrennen in verschiedenen Klassen an. Paul Gauguins “Mann mit Axt" ging beispielsweise mit einem Erstgebot von 24 Millionen Dollar ins Rennen, konnte sich innerhalb von 27 Sekunden um zehn Millionen nach vorne bringen, um dann mit einem Endergebnis von knapp über 40 Millionen Dollar den Rekord für einen Gauguin zu brechen. Die absoluten Beschleunigungsrekorde schafften jedoch eine Venus von Amedeo Modigliani und drei Menschen im Garten von Fenand Leger, die ihre erste Million bei Anfangsgeboten von jeweils 4,5 Millionen Dollar innerhalb von vier Sekunden hinter sich gelassen hatten.

Welche Werke die größte Beschleunigung haben lässt sich dabei recht einfach abschätzen. Gemälde, die im Vorfeld viel Presse bekamen, wie Kirchners Straßenszene oder die Klimts, starteten erwartungsgemäß durch. Ansonsten waren es vor allem Werke mit hohem Wiedererkennungswert, die die größte Anfangsgeschwindigkeit entwickelten. So waren es zwei typisch asymmetrische Picassos, ein ganz eindeutiger Miro und der charakteristische Leger, die rasant nach vorne preschten. Auktionsprofis missbilligen solch ungestüme Anfangsgebote, zeugen sie doch von einer Zockermentalität, mit der die neue Klasse der Sammler die Preise ins Extreme verzerrt, die sich vornehmlich aus Schwellenländern wie Russland oder Indien und den Kreisen der Hedge-Fonds-Spekulanten rekrutieren. Denen geht es oft um nur um den Nervenkitzel, ihre Millionen buchstäblich ins Rennen zu schicken. Solche Beschleunigungen schaffen ihre Dollars ja nicht einmal an der Börse. Man erkennt sie schon von weitem. Die Hedge-Fonds-Burschen mit den kantigen Kiefern im Nadelstreifen, die jungen Russen in Designermoder und Cowboystiefeln mit hochaufgeschossenen jungen Dingern in Haute Couture am Arm. Die fallen auf in einer Gemeinde, die sich ansonsten mit der lässigen Eleganz einer englischen Jagdgesellschaft kleidet und sich das Auktionsfieber nicht anmerken lässt. Die Zocker kaufen deswegen auch gerne Werke, die im Salon ihrer Yacht oder ihrer Ferienvilla auch von nicht ganz so gebildeten Gästen gleich als Original erkannt werden können.

Nun ist Beschleunigung nicht alles. So konnte sich der Modigliani bis auf fast 16 Millionen Dollar vorarbeiten, während der Leger bei knapp neun Millionen abwürgte. Denn nach der ersten Beschleunigung beginnt die Pokerphase des Steigerns, bei dem die Stimme des Auktionators vom Schnellfeuersingsang eines Baptistenpredigers in einen weichen Verführerton umschlägt, der die Bietenden zum finalen Duell lockt. Da zeigt sich, wer nicht nur Millionen, sondern auch Nerven hat. Immer vorsichtiger gehen die Paddel in die Höhe, mit denen die Sammler und Einkäufer ihr Gebot signalisieren. Da lässt sich Christopher Burge auch mal Zeit. Während die meisten Lose innerhalb von ein bis zwei Minuten versteigert waren, ließ er sich beim Porträt Nummer zwei der Adele Bloch-Bauer ganze sieben Minuten Zeit. Er ist ja auch dem Publikum was schuldig. Das Schwesterbild hatte im Sommer ja den vorübergehenden Weltrekord von 135 Millionen eingespielt. Danach leert sich der Saal auch deutlich und kaum jemand interessierte sich noch für das Rekordergebnis das zwei Häuser einbrachten, die Egon Schiele im Österreichischen gemalt hatte. Zwanzig Millionen bezahlte ein Sammler für das Bild. Das überstieg den Wert der eigentlichen Häuser um rund das Zehnfache.



Einzelergebnisse der Rekordauktion



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