Dieses Paralleluniversum hat seine Jahre im Untergrund längst hinter sich. Auch wenn die etablierten Medien und die kosmopolitischen Ballungszentren die frommen Entertainmentformen weitgehend ignorieren - in weiten Teilen des Landes ist Jesus Christus ein durchaus popkompatibler Superstar. Die massiven Verkaufszahlen generieren die Christenpopstars fast ausschließlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Für die amerikanischen Gläubigen in der Provinz gibt es nicht nur eine eigene Popmusik, sondern auch eigene Videokanäle, Radiosender, Nachtclubs, Unterhaltungsromane und Fernsehserien. So ziemlich jede Form des Pop hat ihr christliches Spiegelbild. Es gibt christlichen Heavy Metal, Punk, Techno und sogar Gangsta Rap. Die amerikanische Hitparadeninstanz Billboard Magazine hat angesichts der christlichen Millionenerfolge sogar eine eigene Rubrik für “Top Christian Albums" einrichten müssen, um die obskuren Lobpreisungsplatten aus den regulären Popcharts zu halten.
Denn die frommen Hits werden fast ausschließlich von christlichen Radiostationen gespielt, ihr Platten in christlichen Buchläden verkauft und ihre Auftritte absolvieren sie meist in den riesigen Kirchen und christlichen Gemeindezentren des amerikanischen Südens und Westens. Dazu kommen christliche Popfestivals wie die Passion Experience, die im Sommer durchs ganze Land ziehen, und eine neue Generation christlicher Nachtclubs, wie der Revelation Room in der Nähe von Dallas, Texas. Und weil Abstinenz und voreheliches Zölibat für die christliche Jugend Amerikas wieder zu den Selbstverständlichkeiten des Alltags gehören, erinnern die Konzerte auch ganz bewusst an den harmlosen Spaß einer Konfirmandenfreizeit. Das ist auch einer der Gründe, warum christliche Popbands es schwer haben, von regulären Hallen und Clubs gebucht zu werden - Profit machen die Veranstalter längst nicht mehr mit den Eintrittskarten, sondern mit dem Alkoholverzehr, der proportional zum Verhältnis zwischen brünftigen Jungen und aufreizenden Mädchen im Publikum ansteigt.
Hauptgrund für die Berührungsängste der regulären Popwelt mit ihrem frommen Pendant ist jedoch vor allem die Qualitätsfrage. Für eine kurze Analyse der Probleme des Christenpop eignen sich die Newsboys ganz hervorragend. Wie erwähnt - optisch stimmt alles. Doch weil guter Pop eben nicht nur leicht verdaulich sein, sondern auch ein Lebensgefühl wiedergeben muss, definiert er sich eben weniger über die Optik, als über Haltung und der Fähigkeit, den Nerv eines Lebensgefühls zu treffen.
So krankt die Musik der Newsboys an genau den Dingen, an denen die meisten Vertreter des Christenpop scheitern. Die Musik klingt nur formal wie echter Pop, was fehlt sind die ungestüme Energie, der Sex Appeal und die Ironie, die Pop so unwiderstehlich machen können. Die Ernsthaftigkeit des Glaubens und die Freudlosigkeit der evangelistischen Kirchen haben im Hedonismus des Pop keinen Platz. Es hat einen guten Grund, warum man die christlichen Songs in den regulären Hitparaden der letzten dreißig Jahre an einer Hand abzählen kann. Bis auf ein paar Eintagsfliegen wie Norman Greenbaums “Spirit in the Sky" und Amy Grants “Baby, Baby" schaffte es kaum ein christlicher Song in die Top 40. Selbst so genialische Gospelsänger wie Aretha Franklin, Patti LaBelle oder Al Green konnten sich erst mit weltlichen Songs durchsetzen. Die Hits der Newsboys heißen jedoch “He Reigns", “Turn Your Eyes Upon Jesus" oder “Father, Blessed Father" und versuchen die lässige Frechheit des Pop mit dem inbrünstigen Pathos der charismatischen Kirchen zu ersetzen. Und genau da scheitert der Christenpop.
Nicht zum ersten Mal. Wer in den 70er Jahren jung war erinnert sich bestimmt noch mit Grauen an die so genannten Beatmessen, zu denen junge Priester und Pastoren ihren Ornat gegen Jeans und Turnschuhe vertauschten, um dann zur Wandergitarre so genannte “Negerspirituals" und das eine oder andere Beatleslied zu Gehör zu bringen. An solch verkrampften Dialogen mit der Jugend scheitern auch Regierungsbehörden, Versicherungsgesellschaften und Sparkassen mit beharrlicher Regelmäßigkeit. Wenn Newsboysänger Peter Furler bei Konzerten zwischen den Songs von seinen Zweifeln an seinem Glauben erzählt, von seinem Weg zurück in den Schoss der Kirche und der Glückseligkeit, die sein Leben erfüllt, seit er Jesus Christus als seinen Erlöser angenommen hat, dann reduziert sich der Popgestus eben trotz modischer Haarschnitte und zerfetzter Jeans zur heuchlerischen Pose.
Die Wurzeln des modernen Christenpop liegen in einer fast vergessenen Sekte aus der Hippiezeit, den Jesus People. Nach der Sinnsuche in exotischen Religionen während der Beatnik- und Hippiejahre fanden Tausende junger Amerikaner zu ihren spirituellen Wurzeln im Christentum zurück. Sie beanspruchten ihre subkulturelle Nische im Glauben und brachten zum ersten Mal Christentum und Rockmusik zusammen. Die meisten Stars von damals wie Melanie oder Larry Norman sind heute längst vergessen. Einzig die Verwässerung des Jesus Movement in dem Broadway Musical Jesus Christ Superstar hat überlebt.
Die Jesusrocker der 70er Jahre ebneten jedoch den Weg für jenes Konvolut aus Popstilimitationen, das in der amerikanischen Musikbranche heute als Contemporary Christian Music, kurz CCM firmiert. Es dauerte gut ein Jahrzehnt, bis sich die großen Kirchen daran gewöhnt hatten, dass der laszive Hüftschwung mit den puritanischen Botschaften des Herren zu vereinen sind. Durchbruch des Christian Pop war das Jahr 1984, als die christliche Heavy-Metal-Gruppe Petra als erste Rockgruppe mit einem der Preise der Gospel Music Association, einem Dove Award ausgezeichnet wurde. Ein Jahr später schaffte mit Stryper die erste christliche Rockgruppe den Sprung zurück in den Mainstream.
Heute sind sowohl Christian Rock, als auch die auftoupierten Hardrockstars der 80er Jahre nur noch ein Treppenwitz der Popgeschichte. Doch was sich damals zeigte waren erste Gemeinsamkeiten von Pop und Glaube, die sich zehn Jahre später im Siegeszug des Christenpop manifestierte. Deckten sich bei Petra und Stryper noch der Pathos des 80er-Jahre-Hardrocks mit dem inbrünstigen Gestus der Evangelisten, öffnete die neue Ernsthaftigkeit des Grunge Anfang der 90er Jahre eine neue Türe für spirituellen Pop. Gruppen wie Nirvana und Pearl Jam verstanden ihre Musik als Absage auf die Spaßkultur der 80er Jahre, auf den Zynismus und die Oberflächlichkeit des Pop.
Die Ernsthaftigkeit des Grunge hat sich bis heute gehalten, auch wenn sich die Szene stilistisch in unzählige Splitter gespalten hat. Die Musikindustrie hilft sich heute mit dem Etikett “Alternative", in das zwischen den Extrempolen Punk und Folk so ziemlich alle Formen neuer Popmusik passen, die sich mit einem vermeintlich unkommerziellen Flair umgeben. Die stilistische Verbreiterung und die neue Ernsthaftigkeit haben nun die Bedingungen für die jüngsten kulturellen Rückkoppelungen zwischen Pop und Glaube geschaffen. In den letzten Jahren hat die christliche Popszene erstmals Gruppen hervorgebracht, die sich nicht darauf beschränkten, die Posen eingeführter Popstilisten zu imitieren. Die neue Ernsthaftigkeit des Pop hatte Platz für eine neue Spiritualität gemacht. Neue christliche Plattenfirmen wie Tooth & Nail oder Squint suchten nach originären Gruppen, die sich nicht auf das Widerkäuen bekannter Klischees mit gläubigen Inhalten beschränkten. So schafften die ersten Gruppen den Sprung zurück in den regulären Pop. Creed landete Top-10-Hits und spielte in ausverkauften Fußballstadien. Evanescence gehört zu den Lieblingsgruppen der Videosender. Das christliche Hardrocktrio Chevelle ging sogar mit dem selbsternannten “Fürst der Finsternis" Ozzy Osbourne auf Tour.
Vor allem in den letzten vier Jahren ist die Spiritualisierung der amerikanischen Gesellschaft in einem enormen Tempo vorangeschritten. Die Regierungsanstrengungen von Präsident Bush und fundamentalistischen Kabinettsmitgliedern wie John Ashcroft und Condoleezza Rice haben die Entwicklung nur noch beschleunigt. Bei den Wahlkäpfen im vergangenen Jahr konnten sie dabei auch auf die Unterstützung der Christenrocker zählen. Schließlich wurde keine Wählergruppe von den amerikanischen Präsidentschaftskandidaten im vergangenen Jahr so eifrig umworben, wie die Jungwähler. Zunächst war es vor allem das Wahlkampfteam des demokratischen Kandidaten John Kerry, das auf die Zielgruppe zwischen 18 und 24 Jahren zählte. Pop- und Filmstars wie Bono und Ben Affleck gingen für ihn auf Wahlkampfreise, um Millionen junger Nichtwähler aus ihrer politischen Apathie aufzurütteln. Doch als Hochrechnungen der republikanischen Parteien zu dem Ergebnis kamen, dass 25 Millionen fundamentalistischer Evangelisten zwischen 18 und 35 bei den letzten Wahlen nicht gewählt hatten, lancierten die christlichen Pop- und Rockstars daraufhin ihre eigene Kampagne.
"Redeem the Vote" (zu Deutsch erlöse die Wahl) nannten sie ihre Organisation in Anlehnung an die Jungwählerorganisation des Musiksenders MTV “Rock the Vote". Die Christenrocker bedienten sich der gleichen Methode, mit der Altrocker wie Bruce Springsteen und R.E.M. auf Stimmenfang gingen. Auf Konzerttourneen durch die so genannten Swing States, jene Bundesstaaten, die im komplizierten amerikanischen Wahlmännersystem den Wahlausgang entscheiden, mischten Gruppen wie Building 429, TobyMac und Jonah33 Rockshows mit Wahlkampf. Die Botschaft war ganz eindeutig - George W. Bush ist der Kandidat, der die Werte und Moral der Evangelisten nicht nur privat respektiert, sondern bereit ist, für sie in Washington zu kämpfen.
New York im Januar '05 - Prinzipiell erfüllen die fünf Musiker der Gruppe Newsboys alle Vorraussetzungen für eine moderne Rockstarkarriere. Sie kleiden sich modern genug, um ein junges Publikum zu beeindrucken, wissen sich auf der Bühne lässig zu bewegen, und beweisen mit modischen Haarschnitten jene Sorte Individualität, die sich besonders gut auf Postern für Kinder- und Jugendzimmer präsentieren lässt. Sogar die Zahlen stimmen. Fünf Millionen Alben haben die Newsboys schon verkauft. In Boston, New York oder Los Angeles kennen allerdings nur wenige die Gruppe um den Sänger Peter Furler, denn die Newsboys bewegen sich in dem weitgehend isolierten Paralleluniversum der christlichen Popkulturen. Sie singen von der Glorie des Herrn und seinem Reich und der Ewigkeit. Nur das Amen haben sie durch fette Gitarrenakkorde ersetzt.
Nun ist auch das Leben als Gläubiger ein Lebensgefühl. Vor allem in den USA wo 70 Prozent aller Bürger regelmäßig einen Gottesdienst besuchen und sich ganze 40 Prozent als Wiedergeborene bezeichnen, die als Jugendliche oder Erwachsene, also ganz bewusst zum christlichen Glauben gefunden haben. Die meisten von ihnen bekennen sich dabei zu den evangelistischen Kirchen, deren fundamentalistische Lehren die meisten weltlichen Genüsse verbieten. Weil die Wurzeln des Pop aber in Blues und Soul liegen, also einerseits in dem weltlichen Schmerz der Geknechteten und andererseits in der befreienden Kraft des Sex, prallen da zwei sehr unterschiedliche Welten aufeinander.
Fallbeispiele für solche frömmelnden Popposer gibt es genug. Da versuchen Gruppen wie die Gospel Gangstaz und Grits den sonst betont unheiligen Gangsta Rap für das Wort des Herrn einzuspannen. Ghoti Hook und Stavesacre versuchen sich am Punk. DC Talk und ihr Anführer TobyMac haben über Jahre hinweg so ziemlich jedes aktuelle Genre geplündert, egal ob sie sich am Party Hip Hop nach Art der Beastie Boys, Manu Chaos multikulturellen Protestsongs oder dem Techopop versuchten. Das alles erinnert ein wenig an die verklemmte Fleischeslust von Vegetariern, die statt eigenständiger Gemüsegerichte lieber Wurst- und Schnitzelimitationen aus Tofu essen.
Doch auch wenn sich der Widerstand der Kirchen gegen den noch vor wenigen Jahren als Musik des Satans geschmähte Rock'n'Roll hartnäckig hielt, entdeckten die Leiter der neuen Massen- und Fernsehkirchen schon bald, dass sie die Mechanismen des Pop sehr wohl für ihre eigenen Zwecke nutzen können. Prediger wie Billy Graham, Jimmy Swaggart oder Jerry Falwell inszenierten ihre Messen bald schon in Sportstadien. Ganz ähnlich wie die Großmeister des so genannten Stadionrock vermochten sie es mit einem raffiniert inszenierten Spektakel aus Lichtspielen, Musik und Publikumsbeteiligung, Zustände der Massenekstase hervorzurufen.
Was diese Gruppen gemeinsam haben ist eine gesunde Balance zwischen eigenem Glauben und ihrer Musik. Durchschnittliche Popfans würden Gruppen wie Sixpence None The Richer, P.O.D. oder Switchfoot kaum als Christenpop identifizieren. Auch die Kirchenchorvergangenheit und strenge Glaube der neuen Popdiven wie Britney Spears, Beyoncé Knowles und Jennifer Simpson wird nur beiläufig thematisiert. Sie verstehen sich nicht als Popmissionare, wie die Newsboys oder DC Talks, sondern als Vertreter einer Jugendkultur, die nach einer eigenen Stimme sucht.
Die Wahlen waren schließlich auch für die jungen Christen eine Bestätigung, dass sie keiner Subkultur mehr angehören. Der Fernsehpfarrer und Kopf der politisierten christlichen Rechten hat es am Tag nach der Wahl im November auf den Punkt gebracht. “Wir Evangelisten sind keine Randerscheinung mehr", frohlockte er in seiner Sendung. “Diese Wahlen haben bestätigt - wir sind der Mainstream."
Der Siegeszug des Evangelismus ist in Amerika noch lange nicht am Ende. Und weil es immer mehr Jugendliche sind, die eigenständig zum Glauben finden und nicht einfach nur die religiösen Traditionen ihrer Eltern weiterführen, wird sich auch der christliche Pop als eigenständiger Stil weiterentwickeln. Ob das dem Rest der Welt gefällt oder nicht.
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