Der stand am Morgen des 11. Septembers vor zwei Jahren hier an diesem Fenster im 23. Stockwerk des Bürogebäudes 14 Wall Street und sah voll Entsetzen, wie der zweite der beiden Jets in den Südturm des World Trade Center einschlug. Am nächsten Tag hätte er sich dort eigentlich mit dem Pächter des World Trade Centers Larry Silverstein treffen sollen, der ihn zwei Monate zuvor damit beauftragt hatte, die mißglückte Architektur des Komplexes zu korrigieren. Vier Tage später sprachen sie dann am Telefon zum ersten Mal darüber, wie sie den Wiederaufbau gestalten würden.
Keinerlei Mitspracherecht, sondern lediglich lautstarke öffentliche Meinungen hatten von Anfang an - der Gouverneur des Bundesstaates New York George Pataki, der ehemalige New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani, der amtierende Bürgermeister Michael Bloomberg, die Bundesregierung in Washington, die New Yorker Bürger, sowie die Jury des Architekturwettberbes, den Libeskind gewonnen hat.
Grob vereinfacht könnte man die Entwicklungen seit diesem Wettbewerb so zusammenfassen, dass Daniel Libeskind die Schlagzeilen macht und David Childs die Arbeit, weswegen auch kaum jemand Childs Namen kennt. Dabei prägt der 62jährige Architekt schon seit Jahren das Stadtbild von New York.
David Childs ist allerdings das genaue Gegenteil eines Stararchitekten, der mit Sensationsbauten zu Weltruhm gelangt. David Childs ist der Typ hemdsärmeliger Architekt, der mit Bauarbeitern aus Brooklyn, Tiefbauingenieuren und Baulöwen viel besser umgehen kann, als mit Kulturfunktionären oder den Mitgliedern einer Wettbewerbsjury.
Für die Architekturkritiker ist der Name Childs sowieso Synonym für kommerzielle Mittelmäßigkeit So eröffnete Paul Goldberger ein Essay über Urbanismus und Architektur einst mit den Worten “So etwas wie einen David Childs-Stil gibt es nicht." Betrachtet man Childs Arbeiten der letzten zwei Jahrzehnte, wird man ihm beipflichten. Allerdings sollte man dem vorausschicken, dass David Childs unter ganz anderen Bedingungen arbeitet, wie die bekannten Architekten. Die realisieren ihre Visionen zumeist mit eigenen, kleinen Firmen. Die Firma Skidmore, Owings & Merrill, an der David Childs beteiligt ist, verhält sich mit ihren 900 Mitarbeitern zu diesen Büros ungefähr so wie die Entwicklungsabteilung von Opel zu den Sportwagendesignern von Modena. Die mögen den Glamour und den Ruhm genießen. Das Straßenbild bestimmen allerdings die Ideen aus Rüsselsheim.
Man sieht dem hochgewachsenen Mann mit den kurgeschorenen grauen Haaren an, dass er für Extravaganzen keinen Sinn hat. Er trägt weder teure Anzüge noch auffällige Brillen, begnügt sich mit beiger Hose und dunklem Konfektionsjackett. Hier in New York wirkt das für einen Mann in seiner Position schon auffällig bescheiden. Ein paar hundert Meilen weiter südlich, in Washington, ist das allerdings die Uniform der Männer, die hinter den Kulissen die Fäden in der Hand halten. Und genau dort hat er sich schon früh in seiner Karriere die Fähigkeiten erarbeitet, die ihn zum perfekten Chef von Ground Zero machen.
Gleich nach seinem Studium an der Yale School of Art and Architecture ging David Childs 1971 in die Hauptstadt. Richard Nixon war dort Präsident und der hatte seinen Berater für Städtebau Daniel Patrick Moynihan damit beauftragt, mit der Washington Mall und der Paradenstrecke Pennsylvania Avenue die beiden zentralen Achsen der Stadt neu zu gestalten. Childs sah schon bald, dass sich architektonische Visionen beim Städtebau oft genug der Politik, der öffentlichen Meinung und der Geschichte unterordnen müssen. “Eines habe ich damals gelernt", erinnert er sich. “Wenn man in eine vorgegebene Situation springt, muß man sich aller Einflüsse rundherum gewahr sein. Wer in der Oper mitsingen will, der sollte auch die gleiche Tonart treffen."
18 Jahre lang arbeitete er in Washington. Unter anderem gestaltete er die Constitution Gardens, jenen Teil der Washington Mall, der für Gedenkstätten reserviert wurde. Das Vietnam Memorial war damals das erste Denkmal dort, jene glattpolierte schwarze Mauer mit den Namen der Toten, die damals eine heftige Debatte auslöste. Childs weiß also nur zu gut, was alles passieren kann, wenn Städteplanung und Emotionen aufeinander treffen. Immerhin hatte er auf der Pennsylvania Avenue selbst gegen den Vietnamkrieg protestiert.
Diese Umsicht ist ihm geblieben. Jedes seiner Gebäude ist die Summe aus den Kompromissen zwischen Funktion, Auftraggebern, Umfeld und Geschichte des Ortes. Für den Times Square entwarf er die amerikanische Konzernzentrale von Bertelsmann. “Der steht genau dort, wo sich Broadway und siebte Avenue in einer Art Schleife treffen", erklärt Childs sein Konzept. “Deswegen mußte die Spitze des Gebäudes so weit hervorstechen, damit der Rest des Times Square an diesem Gebäude seine Balance finden kann."
Doch was ihm als Mangel an eigenem Stil und visionärer Radikalität vorgeworfen wird, kommentiert er trocken mit der Bemerkung “Ich hab's nicht so mit den Moden." Das heißt ja auch nicht, dass David Childs nicht für seine Ideen kämpfen würde. Auf ein Detail im Wiederaufbau ist er zum Beispiel besonders stolz. “Hier, sehen Sie", sagt er und deutet auf seinem Holzmodell von Downtown Manhattan auf eine , die sich quer durch die Straßen und Ground Zero bis zur Südspitze zieht. “Das war einmal die Greenwich Street. Wie die meisten Straßen von Manhattan ging die durch bis zum Wasser." Und gehörte somit zu einem der markantesten Charakteristika der Insel - den Blickachsen, die das gitterförmige Straßennetz freigibt. Wer einmal auf dem Times Square stand und von dort aus den Sonnenuntergang über dem Hudson River gesehen hat, weiß, wie so ein freier Blick auf die natürlichen Horizonte am Ende der Straßenschluchten die Wucht der Beton- und Stahlgebirge abfedern kann. “Das Word Trade Center hat die Greenwich Street allerdings jäh unterbrochen. Dadurch entstand eine visueller und auch räumliche Blockade, die den Eindruck des Geländes als Fremdkörper nur verstärkte."
Childs hat Silverstein nun überredet, das Gebäude Nummer Sieben zu verkleinern und so die einst verbaute Straße wieder freizugeben. Mit Erfolg. Für Silverstein war das ein großes Zugeständnis, schließlich zählt für ihn bei 120 Millionen Dollar Jahrespacht jeder Quadratmeter zukünftiger Bürofläche. Und er was sowieso schon großzügig genug. Childs zeigt das anhand des neuen Grundrisses. Das gesamte Areal auf dem früher die Zwillingstürme standen wird ein Park mit Gedenkstätten und Museen werden. “Cultural Building", steht in diesen rot schraffierten Flächen. Für einen Mann, der mit seinem Grund Geld verdienen muß, ist das finanzielles Brachland.
“Sehen Sie hier", sagt er und deutet auf die für den Turm vorgesehene Ecke ganz am Rand des Geländes. “Unter diesem Platz verläuft eine Eisenbahn nach New Jersey. Das wird sehr aufwendig, die Pfeiler für den Turm zu setzen, weil die Züge ja auch während der Bauarbeiten fahren müssen. Dann steht der Turm an einer Durchgangsstraße, auf der Taxis und Lieferwägen nicht halten dürfen. Außerdem ist der nächste U-Bahnhof viel zu weit." Er zeigt mit dem Stift auf ein Areal auf der Ostseite des Geländes. “Hier wäre der Turm viel sinnvoller." Dort gäbe es U-Bahnhöfe, Restaurants und Halteplätze für Taxis. Er seufzt. “Aber nun wird Danny's Plan eben gebaut." Nur um schnell hinzuzufügen. “Und ich mag den Plan sehr gerne." Libeskinds Idee, für die Gedenkstätte die Dichtwand an der Westseite als Symbol für die Stärke der Nation stehenzulassen hat man ihm allerdings schon gleich ausgeredet. Die würde dem Wasserdruck vom Hudson River nicht mehr lange standhalten.
Libeskind ist inzwischen auch nur noch einer aus einem Dream Team der Stararchitekten, die unter der Leitung von Childs das Gelände bebauen. Ende September engagiert Larry Silverstein zusätzlich noch Norman Foster, Fumihiko Maki und Jean Nouvel. Es gibt ja auch noch mindestens drei große Gebäude zu gestalten. Wer welchen Turm bekommt wird allerdings erst noch entschieden. Lediglich Childs einziger eigener Entwurf, das Gebäude Nummer sieben, steht schon bis zum vierten Stockwerk.
Ende Oktober soll der Freedom Tower in seiner endgültigen Form vorgestellt werden. Gouverneur George Pataki wird ihn als erstes begutachten. Dann die Öffentlichkeit. Es wird Debatten geben, Kritiken und so einige Meinungen. Die werden sich Larry Silverstein und David Childs sicher wieder zu Herzen nehmen. Ob sie sich danach richten, liegt ganz bei ihnen.
Aus dem Westfenster im Konferenzraum des Architekturbüros Skidmore, Owings & Merrill hat man einen guten Blick auf Ground Zero. Träge bewegen sich dort schwere Baumaschinen über den festgewalzten Erdboden. Hin und wieder flackert der kalte Funkenregen eines Schweißgerätes in den Tiefen der riesigen Betonwanne. Aus der Unglücksstelle ist längst eine Baugrube geworden und der zuständige Architekt heißt David Childs, einer der Partner bei Skidmore, Owings & Merrill.
An dieser Stelle sollte man kurz die aktuellen Zuständigkeiten am Anschlagsort des 11. September rekapitulieren. Also: das World Trade Center bestand aus sieben Gebäuden auf einem Gelände von sechseinhalb Hektar Grund, das der Port Authority of New York and New Jersey gehört, einem komplexen Konvolut aus Nahverkehrsgesellschaften, Hafen- und Aufsichtsbehörden der beiden benachbarten Bundesstaaten. Den Pachtvertrag für 99 Jahre und somit die absolute Verfügungsgewalt über das Gelände hält der Baulöwe Silverstein (im Bild rechts). Den Wettbewerb für die künstlerische Gestaltung von Ground Zero hat der Berliner Architekt Daniel Libeskind gewonnen (im Bild Mitte). Silverstein will dessen Pläne für den Grundriss des Geländes und den 541 Meter hohen “Freedom Tower" auch weitgehend umsetzen. Die architektonische Leitung des Wiederaufbaus und damit das letzte gestalterische Wort hat allerdings David Childs (im Bild links), der bei Skidmore, Owens & Merrill auch als einer der geschäftsführenden Partner fungiert.
Am neuen Gebäude für den Medienkonzern Time Warner am Columbus Circle, einem der wenigen Gebäude in der Stadt, das sich über zwei Straßenzüge erstreckt, versuchte er mit zwei Türmen die unterbrochene 59. Straße anzudeuten. Etwas weiter südlich soll an der 34. Straße die neue Penn Station entstehen, für den Childs das barocke Hauptpostamt als Grundelement benutzt, um dahinter ein hochmodernes Bahnhofsgebäude zu erreichten, das von einem Gittersegel gekrönt wird. Damit hätte er schon drei der wichtigsten Punkte der Stadt mit seinen Arbeiten besetzt. Nur das neue Börsengebäude für den New York Stock Exchange wurde nach dem 11. September zu den Akten gelegt. Gemeinsam haben Childs Gebäude nur eines - keines sieht wie das andere aus.
Als hätte Silverstein mit Libeskinds Plänen nicht schon genug Ärger. Denn so ganz durchdacht sind der Grundriss und der Freedom Tower nicht. “Das erste Gebäude, das auf dem World Trade Center eröffnet, muß auf alle Fälle funktionieren", sagt er. Und meint damit, dass die Büroflächen vermietet werden und die Mieter auch zufrieden sind. Das wird allerdings nicht ganz einfach.
Den Tower selbst wird Childs zusammen mit Libeskind in den nächsten Wochen in Form bringen. “Wir sind gute Freunde", beschreibt er die Zusammenarbeit höflich. Aber dann unterbricht er sich, weil er über seinen Einfluß auf den Freedom Tower eigentlich nichts sagen darf. Die letzten Planungsphasen sind noch so geheim, dass er kurz vor dem Interview sogar die Zeichnungen und Pläne abgehängt hat, das deswegen vor kahlen Wänden mit Tesafilmspuren stattfindet.
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