Expedition Suburbia

Ein Interview mit dem Schriftsteller Chang-Rae Lee .

© Andrian Kreye


Steigt man an einem Sommernachtmittag in Princeton aus einem der New Yorker Vorortzüge, hat die Ruhe erstmal eine betäubende Wirkung. Da rauscht eine Brise durchs Laub der Bäume, Vögel zwitschern und nur ab und zu rollt ein Auto durch die Strassen. Der Schriftsteller Chang-Rae Lee lehrt hier als Professor an der Fakultät für Literatur, an der unter anderen auch Joyce Carol Oates, Toni Morrison und Edmund White unterrichten. Der 39jährige ist mit dem Fahrrad zum Bahnhof gekommen. Mir seinem Polohemd und den kurzen Khakihosen trägt er die klassische Sommertracht der Suburbiabewohner. Er will das Interview nicht seinem Büro führen, sondern lieber an einem der Picknicktische im Park.

Nach seinem Debutroman “Native Speaker", für den er mit dem PEN/Hemingway Foundation Award ausgezeichnet wurde, und dem mehrfach ausgezeichneten Roman “Fremd im eigenen Leben" hat er jetzt mit “Turbulenzen" (Kiepenheuer & Witsch, Köln, 442 Seiten, ¤ 22,90) sein drittes Buch vorgelegt. Gleich zu Beginn liefert Chang-Rae Lee darin ein perfektes Bild für das Lebensgefühl der Suburbia. Jerry Battle, Frührentner und Erzählerfigur, sitzt in seinem Sportflugzeug und kreist über Long Island. “Von hier oben, achthundert Meter über der Erde, sieht eigentlich alles ganz perfekt aus", hebt er an. Eine Beobachtung, die Lee dann auf 440 Seiten meisterhaft widerlegt. Allerdings verlässt sich Lee dabei nicht auf die bewährten literarischen Pfade durch jene rätselhafte Landschaft aus Einfamilienhäusern, Einkaufszentren und baumbestandenen Strassen. Die New York Times feierte “Turbulenzen" als Wiedergeburt des Suburbiaromans. Chang-Rae Lee stelle sich damit in einer Reihe mit John Cheever, John Updike und Philip Roth.

Hinter Jerry Battle lauern keine Abgründe, keine erotischen Verirrungen oder selbstzerstörerische Manien.

Chang-Rae Lee: Ich bewundere die Figuren von Updike und Roth. Aber das waren nicht die Menschen, die ich aus meinem Leben kenne.

Wie gut kennen Sie die Suburbia denn?

Lee: Ich bin dort aufgewachsen. Meine Eltern sind mit mir nach New York emigriert, als ich drei Jahre alt war, und dann haben sie die Stadt wie alle Immigranten so schnell wie möglich verlassen. Und so wie Amerika entwickelt und gebaut wurde, ist das dort immer noch einfacher, als in jedem anderen Land der Welt.

Wieso?

Lee: Es gibt in der amerikanischen Suburbia immer noch eine Menge günstigen Wohnraum. New Rochelle, wo wir dann lebten, war voll von Einwanderern, die dort genau wie wir hingezogen waren, weil die Stadt eben zu eng, zu teuer und zu dreckig war.

Aber ist die Suburbia nicht auch ein sehr isolierter, dezentralisiert Ort, an dem es schwer fällt, Fuß zu fassen?

Lee: Damals war es noch nicht ganz so dezentralisiert, weil die Suburbias immer noch als Schlafstädte für Pendler konzipiert wurden, die sich um eine Stadt herumgruppierten.

Das ist allerdings nicht die Suburbia, die Sie in ’Turbulenzen' beschreiben.

Lee: Nein, das ist ein sehr verwirrender Ort. Die Suburbias der zweiten und dritten Generation haben irgendwann ihre Anbindung an die Stadt verloren, weil die Arbeit den Menschen gefolgt ist und die Pendler nun zwischen all diesen undefinierten Ortschaften hin- und herfahren. Das ist ein sehr losgelöstes und wurzelloses Leben. Deswegen personifiziert Jerry dieses Leben auch so gut. Er ist nicht gerade unsympathisch oder ungesellig. Aber er braucht seine Pufferzone, die ihm erlaubt, sein virtuelles Leben zu leben. Jerry ist der Typ, der dreißig Jahre lang in einer Gegend leben kann, ohne irgendjemanden richtig kennen gelernt zu haben. Aber das stört ihn auch nicht weiter.

Sie haben auch schon in New York gelebt. Wo ist es Ihnen denn lieber?

Lee: Ein befreundeter Städteplaner, mit dem ich lange über das Buch gesprochen habe, meinte, ich sei unverbesserlicher Urbanist. Aber die Suburbia ist immer noch der ultimative amerikanische Traum. Der Urbanismus ist eine eher europäische Kultur. Hier in Amerika erobert sich die Suburbia deswegen inzwischen schon die Städte. Selbst New York wird suburbanisiert. Mit diesem Time Warner Center, bestimmten Shopping Malls. Natürlich gehört es in New York immer noch zum Alltag, zu Fuß zu gehen und in Läden einzukaufen. Wie in Paris oder Amsterdam. Wer würde in Paris schon in eine fünfstöckige Mall gehen. Aber ich höre, dass sich jetzt sogar immer mehr Leute einen Swimming Pool einbauen lassen. Das sind natürlich sehr reiche Leute. Aber das sind alles Zeichen dafür, wie sich die suburbane Kultur in den Städten breitmacht.

Die meisten Figuren in Ihrem Buch scheinen für bestimmte Bereiche des amerikanischen Lebens zu stehen.

Lee: Das stimmt, aber ich habe sie nicht als Allegorien geschrieben. Das hat sich so ergeben. Ich schreibe auch nicht bewusst von A nach B. Meine Figuren und Handlungen entwickeln sich erst während der Arbeit am Text.

Seine manisch-depressive Frau scheint aber ganz exemplarisch die Berg- und Talfahrten eines amerikanischen Lebens zu verkörpern. Alleine ihre manischen Einkaufstouren.

Lee: Ich habe mir das trotzdem nicht als Symbol für irgendetwas ausgedacht. Ihre psychischen Probleme könnte sie überall bekommen. Auch wenn die Suburbs natürlich nicht gerade der ideale Ort für eine labile Einwandererfrau sind. Da sind die Leute zu sehr sich selbst überlassen.

Deswegen geschehen in der Suburbia ja so eigenartige und oft auch bizarre Dinge.

Lee: Die bizarren Seiten sind es ja auch, die die meisten an der Suburbia so faszinieren. Das ist ja auch die Tradition der Suburbialiteratur, dass es da eine dunkle Seite gibt, die irgendwann in einem spektakulären Feuerball über den beschaulichen Strassen explodiert. Aber mich das hat mich nicht so sehr interessiert. Natürlich passieren in meinem Buch schlimme Dinge. Jemand wird krank, jemand wird alt, jemand stirbt, jemand verliert, jemand geht pleite. Wie in den meisten Familien. Ich wollte Jerry Battle durchschütteln. Aber Jerry Battle ist kein Ehebrecher, kein Trinker oder irgendein anderer dieser suburbanen Alpträume. Er hat keine verborgenen dunklen Seiten. Und genau so wollte ich ihn haben. Er sollte sich immer noch im Bereich der Realität bewegen.

Ist es nicht ungemein schwer, in der Suburbia einen klaren Realismus durchzuhalten?

Lee: Ich wollte mich über die Sprache und den Rhythmus über den reinen Realismus erheben. Ich wollte ja keine Reportage schreiben. Aber was mich an diesem Buch gereizt hat war, in Jerrys Mustern, seiner Sprache und der Melodie seine Sehnsüchte zu finden. Das ist vielleicht altmodisch. Die Leute wollen ja keine literarischen Überhöhungen mehr, keine Form der Erhabenheit. Vielleicht liegt das an unserer Realitykultur in den Medien.

Hat die überhaupt etwas mit Realität zu tun? Ist das nicht pure Häme?

Lee: Reality Shows sind nur darauf angelegt den Leuten die letzten Reste von Würde und Größe und sie zum absoluten Nichts zu schleifen. Da wird die Menschlichkeit verhökert. Ein guter Roman kann zwar die tiefsten Abgründe der Menschlichkeit ausloten, aber es wird immer einen Funken Hoffnung geben. Nehmen sie Manns ’Tod in Venedig'. Das ist nun wirklich ein ausgesprochen düsteres Buch. Da geht dieser arme Schreiber am Strand buchstäblich drauf und ergeht sich trotzdem in seiner Besessenheit. Aber durch Manns Eleganz und Sinn für Herrlichkeit und Glauben, bekommt das eine Form der Bestimmung und Herrlichkeit. Für mich ist diese Erhabenheit allerdings mit einem ganz bestimmten Optimismus verknüpft. Und ich bin unverbesserlicher Optimist.

Aber trotzdem basiert auch Ihr Roman auf einem ganz bewussten Realismus.

Lee: Das schon, aber eben nicht auf einem faktischen Realismus. Unsere Gesellschaft begnügt sich immer mehr mit reinen Fakten und Informationen. Das kommt aus diesem postmodernen Denken, dass jede Geschichte und ihr Erzähler prinzipiell suspekt sind. Daran glaube ich eben nicht. Ohne eine Orchestrierung und Leitung ist Information wertlos.





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