GLAUBE OHNE GOTT

Ein Besuch im Celebrity Center
der Church of Scientology in Hollywood.

© Andrian Kreye

Fährt man den Hollywood Boulevard vom Laurel Canyon aus immer weiter Richtung Osten, ragt gleich links hinter dem Freeway Nummer 101 ein elfenbeinfarbenes Gebäude über die Palmenwipfel, das mit seinen Erkern und Türmchen ein wenig an ein französisches Landschloß erinnert. “Church of Scientology - Celebrity Centre" steht in geschwungenen Neonlettern auf dem Dach geschrieben. Zu deutsch etwa “Scientologisches Kirchenzentrum für Promis". Und so beginnen wir die Geschichte am besten gleich auf der buchstäblichen Sonnenseite des Lebens als Scientologe. Die befindet sich sechs Stockwerke über dem Rosengarten des Celebrity Centre. Hier oben auf der Terrasse hat man an diesem Dienstagvormittag einen grandiosen Blick über das schier endlose Straßennetz der Stadt. Man sieht die Wolkenkratzer von Downtown im Osten und den Pazifik im Westen. Liegestühle stehen an der Balustrade. Der Faltenwurf auf den grünen Polstern sieht aus, als habe dort gerade noch jemand in der Vormittagssonne gelegen. Und weil man natürlich längst weiß, welche Stars sich zur Church of Scientology bekennen, weil Tom Cruise, John Travolta, Juliette Lewis und Lisa Marie Presley keine Gelegenheit auslassen, um zu erzählen, wie die Lehren des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard ihnen geholfen haben, die steilen Klippen des Lebens im Rampenlicht zu umschiffen, legt sich für einen Moment mystische Hollywood-Aura über die Polster.

Damit sind wir schon beim Thema - Hollywood und Scientology. Auf der Fahrt hierher ist einem schon der weitläufige Bürokomplex von Scientology International aufgefallen, kurz davor auch das Ladenbüro, vor dem höfliche junge Menschen den Passanten einen kostenlosen Psychotest anbieten, und ganz zu Beginn der einstigen Prachtmeile das überlebensgroße Porträt von Hubbard, das einen aus dem Schaufenster eines Museums anlächelt, das man ihm zu Ehren an der Ecke Ivar Street eingerichtet hat. Dem Straßenbild nach zu schließen ist die Church of Scientology in Hollywood ähnlich omnipräsent wie die verschiedenen Zweige der christlich-jüdischen Weltreligionen. Was Sinn macht, schließlich hat hier alles begonnen, denn bevor L. Ron Hubbard zum Heiland der Church of Scientology aufstieg, verdiente er hier sein Geld als Autor von Science-Fiction-Romanen. Unterhält man sich mit Einheimischen in Hollywood hat auch fast jeder eine Scientology-Anekdote zu erzählen. Allerdings sind ihnen die Kontroversen um die selbst ernannte Kirche eher fremd. Die Church of Scientology ist ja nur eine von hunderten neuer und alter Glaubensrichtungen, die sich den Sinnsuchern hier feilbieten. Zwischen San Diego und San Francisco muß es in den spirituellen Sphären ungefähr so hektisch zugehen, wie im Luftraum über Frankfurt - manche warten auf ihren Messias, andere haben ihn schon verabschiedet, es gibt Verbindungen ins Nirvana auf Erden oder im Jenseits, direkte Drähte zu eigenen oder fremden Vorfahren, und in San Francisco kann man in einer eigenen Kirche sogar den Jazzsaxofonisten John Coltrane anbeten.

So sind auch die Scientologygeschichten der weltlichen Kalifornier eher belustigt. Wie neulich auf einer Party von Architekten in den Hollywood Hills. Einer erzählte, wie er aus seinem Bürofenster ein paar Scientologen beobachtet hatte, die einen Haufen Sand von der einen Ecke in die andere schaufelten, und als sie damit fertig waren wieder zurück. Ein anderer wußte zu berichten, dass man im Stadtrat von Hollywood um die Scientologen nicht herumkommt, weil ihnen so viele historische Bauwerke gehören, über die sie strenger wachen, als das Denkmalsschutzamt. Ein Dritter hat mal den Test mitgemacht, den die Scientologen anbieten, mag die Zeugen Jehovas aber lieber, weil man die so leicht aus der Fassung bringen kann. Zitieren lassen will sich allerdings keiner. Man weiß ja nicht. Man hat doch gehört. Nur die Scientologen selbst scheinen gerne über Scientology zu reden. Da muß man manchmal nicht einmal nachfragen, denn eigentlich begann die Geschichte über diesen Besuch vor drei Jahren mit einem Anruf in New York.

Ein Herr von der Church of Scientology war dran, wollte sich zum Mittagessen treffen. Man habe da ein paar Kleinigkeiten zu besprechen, wegen der Kritik zu John Travoltas Verfilmung von L. Ron Hubbards Science-Fiction-Roman “Battlefield Earth" in der Süddeutschen Zeitung. Nein, nicht am Telefon, sondern bitte schon persönlich. Die Neugier siegte und so traf man sich im Howard Johnson's am Times Square, einem Kettenlokal, das man mit seiner deftigen Speisekarte und den Lederbänken sonst eher in Kleinstädten auf dem amerikanischen Land vermutet. Zwei Herren unbestimmten Alters fanden sich dort ein. Sie waren in korrekte, dunkle Konfektionsanzüge gekleidet und hatten eine englische Übersetzung der Kritik dabei, auf der jemand mit Bleistift fein säuberliche Notizen an den Rand geschrieben hatte. Viel zu besprechen hatten sie, Fehler zu korrigieren, Material mitgebracht. Viel zu viel für einen Zeitungstext, doch auf eine Frage konnte man sich dann doch noch einigen. Warum nur schließen sich so viele Hollywoodstars wie John Travolta der Church of Scientology an? Vielleicht könnte man das ja bei einem Besuch im Celebrity Centre klären, schließlich umgibt die Church of Scientology diese geheimnisvolle Aura und nichts scheint da geheimnisvoller, als das Kirchenzentrum für Promis in Hollywood. Das interessiert doch jeden. Da stimmten sie zu.

Allzuviel darf man sich von so einem Besuch natürlich nicht erwarten. Stars zum Beispiel. Die wollen bei ihren Aufenthalten im Celebrity Centre nicht behelligt werden, schon gar nicht von Journalisten. Oder ein tieferes Verständnis der Lehren, Methoden und Gefahren der Church of Scientology. Doch zwei der wichtigsten Gründe, warum die Church of Scientology eine so große Anziehungskraft auf Hollywood hat, erfährt man dafür schon im ersten Gespräch mit dem Sprecher des Celebrity Centre Greg LaClaire. “Scientology basiert nicht auf Glauben", sagt er. Und: “In der Scientology verfügen wir über Werkzeuge, mit denen Leute ihr Leben verbessern können." Das klingt schlicht und ist doch äußerst raffiniert.

Als L. Ron Hubbard 1954 die Church of Scientology gründete schloß er mit einer Religion ohne Gott und Glauben eine spirituelle Marktlücke, die sich gerade erst geöffnet hatte. Die angestammten Weltreligionen des Westens galten als burgeoise Anachronismen. Vielen wurde das säkulare Hier und Jetzt allerdings schon bald zu eng und sie versuchten die spirituelle Leere mit den Religionen und Praktiken fremder Völker zu füllen. Doch für meisten Westlern blieben die fernöstlichen Glaubensrichtungen abstrakte Exotika.

Scientology war die perfekte Verbindung aus säkularem Pragmatismus und spiritueller Führung eine Generation, die längst zu skeptisch war, um sich einem theistischen Glauben hinzugeben. Doch wer den Halt verloren hatte, dem lieferte Scientology strenge Strukturen, die auf den ersten Blick vertraut wirkten. Wer sich dem Regiment der so genannten Purification und Clearings unterwarf, der konnte sich, so das Versprechen, mit Fleiß und Engagement in einer Hierarchie der Läuterungsstufen hocharbeiten. Das schien vertraut, weil es an protestantische Disziplin erinnerte und schaffte Halt, weil man sich einem System unterwerfen konnte, das für jede Frage eine Antwort lieferte. So liefen im amerikanischen Fernsehen jahrelang Werbespots, die das Hubbardbuch “Dianetics" als “Betriebsanleitung für den menschlichen Geist" anpriesen. Das ist ein Heilsversprechen, das im Moment der Schwäche und Verzweiflung pragmatische Lösungen für alle Probleme im Hier und Jetzt und ohne den Unsicherheitsfaktor eines unberechenbaren Gottes anzubieten scheint.

Greg LaClaire wirkt mit seiner korrekten Art, der dunklen Hose und dem weißen Hemd auch wirklich wie der Vertreter einer der evangelistischen Kirchen und spricht mit der Souveränität und Bestimmtheit eines Mannes, der nicht nur seine Wahrheit gefunden hat, sondern es auch als seine Mission versteht, sie weiterzugeben. An die Stars zum Beispiel. “Ganz egal wie erfolgreich ein Mensch ist - niemand segelt so einfach durchs Leben", sagt er.

Natürlich sind Stars reich, schön, berühmt und nicht zuletzt mächtig. Warum sollten sie sich einer so rigiden Struktur wie der Church of Scientology hingeben? Weil sie das Vertrauen in den Rest der Welt verloren haben. “Künstler neigen dazu, jenen Typ Mensch anzuziehen, den L. Ron Hubbard als ’antisoziale Persönlichkeit' beschrieben hat", sagt Greg LaClaire. “Wir geben ihnen die Information, mit der sie die Personen in ihrem Umfeld erkennen können, die eine solche destruktive Wirkung auf ihr Leben haben." Das ist ein verlockendes Angebot - klare Parameter und eine Gemeinschaft des unbedingten Vertrauens. Für einen Star wird die Church of Scientology so ein Zufluchtsort, der wie ein Bollwerk gegen den Rest der Welt abschottet.

Das Celebrity Center ist dabei ganz bewußt die Antithese zum Staralltag in Hollywood. Da steht der zeitlose Komfort gediegener Polstermöbel und sanft federnder Teppichböden gegen den hysterischen Luxus der überstylten, minimalistischen Villen und Hotels. Im Foyer steht ein weißer Flügel. Im Keller steht ein plüschig ausgestattetes Theater mit Bühne und Filmleindwand zur Verfügung. Ein Gourmetrestaurant mit beachtlichem Weinkeller überblickt eine Gartenanlage, die es mit jedem Country Club aufnehmen kann.

Dann ist da die allgegenwärtige Aura der Urgeschichte von Hollywood. In den 30er und 40er Jahren war das Manor Hotel die bevorzugte Herberge des Hollywoodadels. Das Personal kennt sogar noch die Zimmernummern - Errol Flynn logierte in 211, Humphrey Bogart in 603, Ginger Rogers in der Suite 705.

An diesem Vormittag ist die Suite 705 verlassen, das Bett noch nicht bezogen, die Sofakissen plattgesessen. Schwere Vorhänge schirmen die Zimmerflucht vom grellen Tageslicht ab. Der Verkehr auf dem Hollywood Freeway brandet als leises Murmeln herauf. Manch ein Star hat hier schon eine oder zwei Wochen verbracht, denn so viel Historie an einem Ort wirkt wie ein Tonikum für Menschen, die ihre eigene Geschichte meist der Karriere geopfert haben und dabei im atemlosen Jugendwahn von Hollywood bestehen müssen Oft nach einem großen Projekt. Dann haben Künstler nicht nur die Zeit, sondern auch das dringende Bedürfnis, an sich und ihrem Geist zu arbeiten, jener spirituellen Ebene des Menschen, für die L. Ron Hubbard das Wort “Thetan" erschuf, um jede Verwechslung mit dem althergebrachten Begriff Seele zu vermeiden.

Denn wer in Hollywood Karriere gemacht hat, der hat sich meist schon in früher Jugend aus dem wirklichen Leben katapultiert. Der befindet sich in einer Umlaufbahn, deren Verlauf von den manisch-depressiven Zyklen der Film- und Studioarbeit bestimmt wird. Vor allem die Zeit nach einem großen Projekt gilt als besonders heikel. Nach Wochen und Monaten intensiver Arbeit, in der ein Team zu einer kurzfristigen Familienstruktur zusammenwächst folgt eine Leere, die vor allem bei Schauspielern nach der Konzentration auf eine Rolle zu Depressionen und einem Gefühl der Haltlosigkeit führen kann. In den Lehren der Church of Scientology gibt es aber ganz konkrete Strukturen und Inhalte, die auf solche Löcher abgestimmt sind.

Nun waren Tom Cruise und John Travolta nicht die einzigen Stars auf Sinnsuche, Juliette Lewis und Lisa-Marie Presley nicht die einzige, die beim Glauben ihrer Eltern blieben. Madonna fand zum Kabbalismus, Richard Gere zum Buddhismus. Michael Jackson war schon immer ein Zeuge Jehovas, und Mel Gibson baut der fundamentalistischen Katholikensekte seines Vaters eine Kirche in Malibu. Doch niemand propagiert seinen Glauben so leidenschaftlich, wie die Anhänger der Church of Scientology. Auch das ist Teil der Lehre. “Scientologen werden immer davon erzählen, was ihnen geholfen hat", sagt Greg LaCLaire. “Ein Star hat nur eine etwas wirksamere Stimme. Statt einem Freund davon zu erzählen, spricht er in einem Interview wahrscheinlich zu 3 Millionen Menschen." Das perfekte Marketing. Denn die Mediengesellschaft kennt zwar keinen Gott. Aber den Ikonen schenkt man Glauben.





Zurück zum Inhalt