Angst über den Wolken

Weil der Popsänger Cat Stevens auf einer der
berüchtigten Flugverbotslisten des Heimatschutzministeriums
stand, wurde ein Transatlantikflug zur Notlandung gezwungen.

© Andrian Kreye


New York 22.09.2004 - Bis kurz vor der amerikanischen Küste war der United Airlines Flug Nummer 919 von London nach Washington am vergangenen Dienstag ruhig und normal verlaufen. Auch der bärtige Passagier im traditionellen moslemischen Gewand war niemandem weiter aufgefallen. Doch dann kam plötzlich die Durchsage “Bitte zur Landung fertig machen", der Jumbo Jet setzte auf und eine Stewardess verkündete: “Willkommen in Bangor, Maine". Die Passagiere dachten noch an einen schlechten Witz, doch vor dem Gate warteten schon Agenten des FBI. Die verhafteten den bärtigen Mann, den nun ein paar Fluggäste als die Poplegende Cat Stevens erkannten.

Sprecher des Heimatschutzministeriums gaben später bekannt, dass Stevens, der 1977 zum Islam übergetreten ist und sich seither Yusuf Islam nennt, auf einer der berüchtigten Flugverbotslisten stehe. Der 56jährige habe karitative Vereinigungen unterstützt, die auch Kontakt zu terroristischen Gruppen unterhalten, hieß es. Mit welcher Gruppe sich der Sänger zum Terrorverdächtigen qualifizierte wurde nicht bekannt. Auf der Webseite des Sängers finden sich drei Organisationen, mit denen er Waisenkinder im Kosovo, Erdbebenopfer in der Türkei und islamische Schulen in Großbritannien unterstützt. Zuletzt war Stevens im Mai in die USA eingereist, um dort eine Filiale seiner Kinderhilfsorganisation Small Kindness zu eröffnen. In Bangor wurden er und seine 21jährige Tochter festgenommen. Stevens sollte am Mittwoch deportiert werden.

Anfang der 70er Jahre war Stevens mit Folksongs wie “Morning has broken", “Moon Shadow" und “Peace Train" bekannt geworden. Nach seiner Konvertierung zum Islam zog er sich zehn Jahre lang aus dem Musikgeschäft zurück. Später geriet er in die Schlagzeilen, weil er den Schriftsteller Salman Rushdie kritisierte, über den der Ajatollah Khomeini ein Todesurteil verhängt hatte. Ansonsten gilt Stevens als Friedensaktivist. Die Anschläge vom 11. September verurteilte er deutlich, und erst letzte Woche veröffentlichte er eine Erklärung, dass Terrorakte wie der Überfall auf die Schule in Beslan mit den Lehren des Islam nicht vereinbar seien. Stevens gilt allerdings auch als scharfer Kritiker der USA. Erst letztes Jahr nahm er aus Protest gegen den Irakkrieg eine Neufassung seines Hits “Peace Train" auf.

Die Flugverbotslisten des amerikanischen Heimatschutzministeriums gehören zu den umstrittensten Antiterrormaßnahmen, die nach dem 11. September eingeführt wurden. Wer einmal auf so einer Liste landet, wird nicht mehr an Bord eines Passagierflugzeuges gelassen. Dazu reicht schon, dass man einen Namen hat, der dem eines Terrorverdächtigen ähnelt. Das musste Ted Kennedy erfahren, der liberale Senator des Bundesstaates Massachusetts und Bruder des ermordeten Präsidenten John F. Kennedy. Fünf Mal wurde ihm in Boston und Washington die Ausstellung eines Flugscheines verweigert.

Auf Nachfragen, wo das Problem sei, wurde ihm regelmäßig erklärt, dass man ihm das nicht sagen dürfe. Kennedy konnte seine Flüge erst wahrnehmen, wenn die Vorgesetzten des Schalterpersonals den prominenten Politiker erkannten und ihm eine Genehmigung ausstellten. Nur über seine persönlichen Verbindungen in den Ministerien konnte Kennedy seinen Namen von der Liste nehmen zu lassen. Nach Auskunft einer amerikanischen Luftfahrtgesellschaft gibt es allerdings für Normalbürger keine Möglichkeit, von einer der so genannten “No Fly"-Listen gestrichen zu werden, was im Einzelfall einem lebenslangen Flugverbot gleichkommen kann.

Die American Civil Liberties Union klagt derzeit gegen die Praxis. Doch erst diese Woche wurden die Regeln für amerikanische Fluggäste noch einmal verschärft. In Zukunft müssen die Luftfahrtgesellschaften ihre Passagierlisten nicht nur bei Übersee-, sondern auch bei Inlandsflügen an das Heimatschutzministerium melden. Dabei soll überprüft werden, ob Passagiere auf einer Fahndungsliste auftauchen. Auf den Listen werden in Zukunft aber auch Bemerkungen des Boden- und Bordpersonals verzeichnet, ob sich ein Passagier aggressiv, angetrunken oder sonstwie auffällig benommen hat.

Wie groß die Angst über den Wolken inzwischen ist, zeigte sich vergangenen Sonntag bei einem Abendflug der Midwest Airlines von Milwaukee nach San Francisco. Kurz vor dem Abheben hatte ein Passagier beim Durchblättern eines Bordmagazines handgeschriebene Schriftzeichen entdeckt, die ihm arabisch erschienen. Daraufhin wurde der Jet zum Terminal zurückbeordert und der Flug gestrichen. Die handschriftliche Botschaft entpuppte sich dann als Notiz im persischen Farsi, die Sprecher der Luftlinie mit “etwas Besinnliches, Gebetsähnliches" umschrieben. Die 108 Passagiere wurden über Nacht in einem Flughafenhotel untergebracht und konnten ihre Reise am nächsten Morgen fortsetzen.





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