DER TEXT IST DIE PARTY

"Sex and the City"-Autorin Candace Bushnell
inszeniert das Schreiben als Ausdruck eines antiquierten Glamour.

© Andrian Kreye

Die Schriftstellerin Candace Bushnell hat außer dem Band mit Texten aus ihrer "Sex and the City"-Kolumne in der Wochenzeitung New York Observer lediglich zwei dünne Gesellschaftsromane veröffentlicht, die sich vom Ton und Inhalt her nur geringfügig von ihren Glossen unterscheiden. Kein besonders umfangreiches Lebenswerk für eine Schriftstellerin mittleren Alters, die Welterfolge feiert, aber darum geht es bei Candace Bushnell auch nicht. Sie steht vielmehr für die Inszenierung der Schriftstellerin als Phänomen, das in bester Hollywoodtradition auf einer großen Sehnsucht beruht - der Sehnsucht nach Glamour.

Während der Blütezeiten der Romantik hatten Autoren noch eine ähnliche Funktion wie heute Filmstars. Eine so schillernde Rolle spielte zuletzt Truman Capote, dessen Parties in den fünfziger und sechziger Jahren zu den wichtigsten Ereignissen der New Yorker Gesellschaftslebens gehörten, und der in seinen Roman ebenjene Gesellschaft oft sehr direkt entblößte. Aber das paßt, denn trotz der modernen Jagd nach schnellem Sex und Geld und schönen Menschen verstecken sich hinter Candace Bushnells Figuren genau diese Mischung aus Glamour und Romantik.

Diese Aura hat ihr Werk inzwischen so weit überschattet, dass sie für ihr nächstes Buchprojekt auch nur einen einzigen Satz schreiben mußte. Und zwar in ein 2000 Seiten starkes in Leder gefaßtes Buch voll leerer Seiten. Das hat sich die Marketingabteilung der Füllfederhalterfirma Montblanc ausgedacht, die das Teil in acht Städten auslegen wird, auf dass ganz Amerika an der so genannten "Montblanc Great American Love Story" mitschreiben kann, die schließlich als literarischer Text mit den höchsten Mitautorenzahl ins Guiness Buch der Rekorde eingetragen werden soll.

Schreiben als Sport, als Ereignis - so viel antiquierten Glamour gibt es in New York selten. Da erschien Candace Bushnell zu der Cocktailparty, die zu ihren Ehren in den New Yorker Repräsentationsräumen von Montblanc gegeben wurde in einem Cocktailkleid aus gelben Transparentstoff mit einer weißen Stola dazu und ondulierten blonden Locken, als wäre sie zu einem Fürstenball geladen. Die schwarzgekleidete bessere Gesellschaft der Stadt dankte ihr den Auftritt mit ehrfürchtigen Seitenblicken, aber deswegen waren sie ja gekommen. Weil sich kaum jemand so gut auf die hohe Kunst des inszenierten Glamour wie Candace Bushnell.

Dabei ist Glamour eine heikle Ware mit ganz plötzlich eintretenden Verfallsprozessen, denn seine großen Gesten sind der ständigen Gefahr ausgesetzt, Opfer billiger Prahlereien und Eitelkeiten zu werden. Die amerikanische Fernsehkomikerin Joan Rivers führt das bei großen Preisverleihungen regelmäßig mit ihren Interviews auf dem Roten Teppich vor. Die ganze Welt erinnert sich dann an die mißlungenen Auftritte von Uma Thurman im Dirndlkleid oder Björk mit dem falschen Schwan um den Hals. Wenn das mit dem Glamour allerdings funktioniert, und hier sollten wir die Übersetzung des Muret-Sanders-Wörterbuches hinzuziehen, welches das Wort mit Zauber, Glanz und Schönheit übersetzt, wenn sich diese drei seltenen Segnungen also auf einen einzigen Moment konzentrieren, dann hat das eine berauschende Wirkung, die alle Umstehenden und Zuschauern in den Bann zieht.

Dazu sollte man anmerken, dass es zum Wesen des New Yorker Glamours gehört, dass sich die Einheimischen letztendlich nur durch Leistung beeindrucken lassen. Deswegen leben die Hiltonschwestern ja auch in Los Angeles und der Jungadel im frankophonen Europa. Candace Bushnell stammt zwar aus jener Gegend im benachbarten Connecticut, in der man sich normalerweise im Schatten der Eichen und Platanen auf den Finanzpolstern der Vorfahren ausruht. Doch da hielt sie es nicht lange aus, zog mit achtzehn nach Manhattan und erkämpfte sich ihren Platz zwischen all den Reichen und Berühmten im Epizentrum der Discobewegung Studio 54. Dort begann sie auch mit dem Schreiben - Klatschgeschichten für das Hipsterblättchen Beat, der bald Aufträge für die großen Illustrierten folgten. Ohne diese Mischung aus Charisma und Talent wäre ihre "Sex and the City"-Kolumne in der Wochenzeitung New York Observer wohl nie zur Grundlage für einen Roman und eine Fernsehsendung geworden, die diesen Großstadtglamour weltweit ikonisiert haben.

Nun hätte der Abend bei Montblanc ganz gewaltig schiefgehen und einen jener gefürchteten Verfallsprozesse einleiten können. Denn darin sind sich Glamour und Hipness verwandt - beide lassen sich nicht künstlich erzeugen. Auch wenn sich Eliten- und Subkulturen inhaltlich antithetisch gegenüberstehen, gehört zu beiden doch ein ganz besonderer Instinkt der Protagonisten und ein Höchstmaß an kultureller Leistung. Besonders gefährlich sind Versuche, Glamour und Hipness zu vermarkten, deswegen war es ein großes Wagnis, dass sich Candace Bushnell dazu bereit erklärte, ihren Glanz und Zauber für gutes Geld in den Dienst einer Firma für Füllfederhalter zu stellen. Aber dann gehört zum Glamour ja nicht nur die Inszenierung der eigenen Person, sondern auch ein soziales Zeitgefühl, ein Gespür für Situationen und ein gehöriges Maß an Zurückhaltung.

So hielt sich Candace Bushnell bescheiden am Arm ihres Ehemannes Askegaard, einem Tänzer beim American Ballet. Sie plauderte mit ihrer hochschwangeren Schauspielerfreundin Marcia Gay Harden und nippte am Roséchampagner. Es gab ja auch sonst genug zu sehen - die Modeschöpferin Anna Sui mit Gespielin, osteuropäische Models und westeuropäische Erben, Bodyguards in Maßanzügen. Die Hauptdarstellerinnen aus "Sex and the City" ließen sich zwar nicht blicken, aber dafür der kantige Kyle MacLachlan (spielte Charlottes ersten Ehemann MacDougal) und das Supermodel Jason Lewis (spielte Samanthas Liebhaber Smith), was angesichts der vornehmlich weiblichen Gästeschar sowieso viel mehr Effekt haschen konnte.

Schließlich sprach Herr Schmitz von Montblanc ein paar ernste Worte zum Niedergang des Handgeschriebenen, bevor ein livrierter Butler Candace Bushnell eine Schatulle reichte, der sie einen 125.000 Dollar teuren Füllfederhalter mit 4800 Pavédiamanten entnahm, um ihren ersten Satz zu schreiben.

Der lautet wie folgt: "Kaum eine Frau kann einem handgeschriebenen Brief widerstehen und Pinky Weatherton war da keine Ausnahme. Aufgeregt starrte sie auf die Nachricht, die auf cremefarbenes Papier mit einem in Gold geprägten Wappen gekritzelt war." Und weil nun jeder, der sich in der dicken Kladde verewigt, ein ganz bißchen am Glamour von Candace Bushnell und ihren berühmten Freunden teilhaben darf, war sich auch keiner der Anwesenden zu fein, brav anzustehen, um auch einen Satz zu Papier zu bringen.

Der Ton blieb romantisch. Marsha Gay Harden fabulierte: "Pinky führte das Briefchen an ihre kleine, leicht nach oben geschwungene Nase und atmete tief ein." Jason Lewis brachte die frisch geborene Romanfigur schließlich auf die Beine: "Sie ließ sich von ihrer Leidenschaft mitreißen, sprang aus dem Bett, warf sich einen Mantel über ihr Nachthemd und rannte in die Nacht hinaus, ohne die Tür hinter sich zu schließen." Das klingt zwar eher nach Hedwig Courths-Mahler, als nach Jane Austen, aber es ging ja auch nicht um den Text, sondern um die Party.

Candace Bushnell weiß aber auch, dass es nicht ausreicht, den Glamour in die Literatur zurückzubringen. Es ist genauso wichtig, die Literatur in die Welt des Glamour einzuführen. Deswegen sitzt sie auch im Vorstand der "Young Lions of the Public Library", eine wohltätige Vereinigung für betuchte Jungnewyorker, die sich finanziell und gesellschaftlich für die Literatur engagieren möchten. Der diesjährige Frühjahrsball der Young Lions knüpfte dann auch an die letzte große Zeit des literarischen Glamours an. Im Plaza Hotel am Central Park wiederholten sie Truman Capotes legendären schwarzweißen Maskenball von 1966, zu dem von Lauren Bacall und Frank Sinatra über Norman Mailer und John Steinbeck bis zu Andy Warhol und Richard Avedon die gesamte New Yorker Haute Volée erschien.

Die Neuauflage der Young Lions hatte zwar kaum Prominenz, sondern vor allem junges Geld aufzuwarten. Doch das sind ja auch nur erste Schritte der amerikanischen Literatur, aus ihrer Welt der genialen Einsiedler und vergeistigten Vordenker auszubrechen. Das kann man berechtigterweise als ruhm- und vergnügungssüchtiges Posieren abtun. Schaden wird es dem Betrieb ganz sicher nicht.





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