TOTAL RECALL

Kalifornien schämt sich für
das politische Chaos, das die Neuwahlkampagnen
angerichtet haben.

© Andrian Kreye

Arnold Schwarzeneggers Auftritt in der Talkshow von Jay Leno am Mittwoch dauerte keine zehn Minuten. Zeit genug, für den Schauspieler eine ganze Batterie Kalauern und Floskeln abzufeuern, die einen historischen Moment in der amerikanischen Politik markierten. Am Mittwoch vollzog der demokratische Prozeß den letzten Schritt vom Medienspektakel zum Showbusiness. Persönlichkeiten haben die Inhalte in der amerikanischen Politik zwar schon längst ersetzt. Spätestens an jenem Abend, als ein blendend aussehender John F. Kennedy während der ersten Fernsehdebatte zweier Präsidentschaftskandidaten einen bartstoppeligen Richard Nixon auf die Plätze verwies. Schwarzenegger wäre auch nicht der erste Showstar von politischen Würden. Ronald Reagan, der Schlagersänger Sonny Bono und der Berufsringer Jesse Ventura haben sich sogar als fähige Volksvertreter profiliert. Doch Arnold Schwarzenegger tritt nicht zu einem gewöhnlichen Wahlkampf an. Ein Volksbegehren hat den Weg für außerordentliche Neuwahlen, die den kalifornischen Gouverneur Gray Davis aus dem Amt hebeln sollen. Das klingt nach radikaler Demokratie. Die Realität sieht anders aus.

Versucht man derzeit als Besucher das Gespräch auf die Neuwahlen zu bringen, reagieren Kalifornier durchweg mit betretenem Augenrollen. Das politische Chaos ist ihnen peinlich. Das erinnert an das Wahldebakel von Florida, das dem Sonnenstaat vor zweieinhalb Jahren den Ruf als Irrenhaus der Nation eingebracht hat. Dabei personifiziert Kalifornien doch traditionell den amerikanischen Traum von Fortschritt und Wohlstand. Schon beim Spitznamen hatte die Südwestküste der USA den Hauptgewinn gezogen - the Golden State. Das klingt nach Hoffnung, Verheißung und allemal besser als der große Apfel (New York), Pfirsichstaat (Georgia) oder gar Achselhöhle der Nation (New Jersey).

Hier produziert Hollywood Träume für die ganze Welt, leistet die Wirtschaft Pionierarbeit, experimentiert die Avantgarde bis heute mit Gesellschaftsformen, und in der Wüste sorgen die besten Wehrtechniker des Landes dafür, dass die USA die militärische Nummer eins des Planeten bleiben. Wo sonst als hier soll es liegen, das gelobte Land? Und nun will ein Haufen Stümper diesen Traum mit Füßen treten?

Über 400 potentielle Kandidaten haben sich die Unterlagen besorgt, mit denen sie bis zum Samstag gegen eine Gebühr von 3500 Dollar und die Vorlage von 65 Unterschriften ihre Kandidatur anmelden können. Die Favoriten sind bekannt. Allen voran der republikanische Herausforderer und Finanzier der Kampagne Darrell Issa, der in seiner Jugend zweimal als Autodieb verhaftet wurde und später mit Autoalamanlagen ein Millionenvermögen verdiente. Dann ist doch noch Pornoverleger Larry Flynt, der auf seinem vergoldeten Rollstuhl eine Pressekonferenz gab und verkündete, er würde als Gouverneur das Haushaltsloch mit dem Erlös aus Glücksspielautomaten stopfen, sowie Prostitution und Drogen legalisieren.

Aber da gibt es auch Angelyne, ein schwerreiches Busenwunder, deren Ruhm sich einzig auf einer Plakatwand in Hollywood beruht, auf die sie überdimensionale Glamourfotos von sich kleben läßt. Der zwergwüchsige ehemalige Kinderstar Gary Coleman aus der Vorabendserie “Diff'rent Strokes" ist ins Rennen eingestiegen. Ein Kandidat namens Georgy Russell verkauft auf seiner Webseite “Georgy for Governor"-Unterwäsche. Der Filmemacher Art Brown will mit einer Kandidatur auf sein neuestes Werk aufmerksam machen. Die einzigen, die an den Neuwahlen Spaß haben, sind die Fernsehmoderatoren und Zeitungskolumnisten. Nur der politische Leitartikel fragte in der selben Ausgabe bang: “Und was kommt nach den Witzen?"

Streng genommen hat sich das Ende des kalifornischen Traums schon länger angebahnt. Das US Census Bureau meldete diese Woche, dass von 1995 bis 2000 zum ersten Mal seit der Eroberung des goldenen Westens mehr Amerikaner weg-, als zugezogen sind. Dafür trifft Gouverneur Gray Davis zwar genausowenig Schuld, wie für den Zusammenbruch der neuen Märkte, der dafür gesorgt hat, dass sich die Arbeitslosigkeit in Nordkalifornien auf die gefürchtete Zehnprozentmarke zubewegt und in San Francisco 40 Prozent aller Büroflächen leerstehen, oder für die landesweite Finanzkrise der Bundesstaaten, die nun durch die Defizitpolitik der Bushregierung dramatische Formen annimmt. Und doch hat niemand Mitleid mit dem eleganten Demokrat aus Sacramento.

In den Augen seiner Bürger hat er ausgerechnet jenen Bundesstaat ruiniert, der bisher als Motor der amerikanischen Wirtschaft galt. Vor allem aber habe er sein Amt an die Interessensgruppen ausverkauft. Diesen Vorwurf bestätigte Davis mit einer filmreifen Finte. Nach einem eiligen Besuch des Gouverneurs bei einer Konferenz des Dachverbandes AFL-CIO in Chicago gaben die schnauzbärtigen Schwergewichte den Abtrünnigen von der Demokratischen Partei deutlich zu verstehen - wer sich mit Davis anlegt, bekommt richtig Ärger. Eine Drohung mit Sofortwirkung. Die demokratische Senatorin Dianne Feinstein, die mit einer Kandidatur liebäugelte, stieg prompt aus dem Rennen aus.

Bei seinem ersten offiziellen Auftritt als Politiker bei Jay Leno gab sich Arnold Schwarzenegger auch gleich als aggressiver Herausforderer. Kämpfen will er, polterte er. Für das Volk. Gegen die Interessensgruppen. Allerdings steht für Arnold Schwarzenegger selbst mehr auf dem Spiel, als eine politische Karriere. Der Mann aus Graz ist immerhin ein Actionheld, der für neunstellige Produktionsbudgets geradestehen muß. An diesem Punkt einer Schauspielerkarriere nimmt der Name eines Stars den Kurswert einer Aktie an. Würde Schwarzenegger nun einen Wahlkampf mit mehreren hundert Schießbudenfiguren auf dem Wahlzettel verlieren, wäre die Aktie Arnold ungefähr so viel wert wie derzeit die kalifornischen Staatsanleihen. So gut wie nichts. Er muß es sich also besonders gut überlegt haben, ob er sich auf dieses Rennen einläßt.

Deswegen hinken die Vergleiche mit dem letzten politisch erfolgreichen Wrestling Champion Jesse Ventura, der als bärbeißiger Alleingänger die Gouverneurswahlen von Minnessota gewann. Schwarzenegger ist kein rebellischer Populist. Sein Einstieg in die Politik erinnert eher an den frühen Ronald Reagan. Auch der hatte sich zunächst nur als Star mit stramm konservativen Ansichten profiliert. Reagan engagierte sich in der Schauspielergewerkschaft. Schwarzenegger für Schulbildung und Volkssport. Reagan war als beliebter Filmheld eine ideale Frontfigur. Schwarzeneggers größtes politisches Kapital ist seine Beliebtheit.

Einen Unterschied gibt es jedoch. Ronald Reagan war ein begnadeter Redner. Arnold Schwarzenegger haspelte sich am Mittwoch mühsam durch seine vorbereiteten Floskeln. Deswegen wird er mit jenen Mitteln kämpfen, die er beherrscht. Er witzelte, sein Einstieg in die Politik sei die schwerste Entscheidung gewesen, seit er sich 1978 die Schamgegend wachsen ließ. Er versprach den kalifornischen Regierungssitz Sacramento “sauber zu fegen" und “aufzupumpen. Und er schreckte auch nicht davor zurück, sein eigenes Klischee zu zitieren, drohte Gray Davis mit einem beherzten “Asta la vista" und beendete die Pressekonferenz mit einem fröhlichen “I'll be back".

Politikfreie Politik? Keineswegs. Vom kalifornischen Chaos wird vor allem die amtierende Regierung in Washington profitieren. Nicht zuletzt sind die Neuwahlen der Startschuß für die nächsten Präsidentschaftswahlen. Kalifornien stellt mit seinen 54 Wahlmännern ein ganzes Fünftel der benötigten Stimmen, um Präsident zu werden. Den demokratischen Gouverneur mit einem republikanischen Superstar zu ersetzen, wäre ein Etappensieg, mit dem sich das Bushteam schon jetzt einen kaum einholbaren Vorsprung erkämpft hätte.





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