Auf Platte wirkt das manchmal ein bißchen wie die Filme von Quentin Tarrantino - viel gelernt, nichts erlebt. Da erstarrt das postmoderne Strebertum in der klischeebeladenen Pose. Erst im Konzert zeigen sie, dass sie zu einer ganz anderen Poptradition gehören. Einer Tradition, die ihre Authentizität und Energie nicht im Ekletizismus sucht und auch nicht in der Musik von Minderheitenkulturen, sondern in den eigenen Wurzeln.
Begonnen hat diese Suche nach einer subkulturellen Form der amerikanischen Identität mit den Byrds, den Grateful Dead und Neil Young, die in den späten 60er Jahren mit ihren Countryexperimenten den inneren Konflikt der Woodstock-Generation verarbeiteten, die zwischen Rebellion und Heimatliebe gefangen waren. “Ein Mann machte sich auf die Suche nach Amerika und konnte es nirgendwo finden", stand damals auf den Plakaten zu dem Film “Easy Rider". Für eine Generation, die für die Bürgerrechte auf die Straße ging, während ihre Regierung in Vietnam einen fremdartigen Krieg führte, wurde der Filmslogan zum Mantra.
Die Zeiten sind sich gar nicht so unähnlich. So scheint es jedenfalls bei Calexicos Auftritt. Gleich zu Beginn erzählt Sänger und Gitarrist Joey Burns vom Friedensmarsch zum Washington Square Park, und er hat sich auch wirklich einen “No War"-Anstecker ans karierte Cowboyhemd geheftet. Dafür bekommt er reichlich Jubel, denn es ist genau jene Generation, die am Nachmittag noch in lautstarkem Protest gegen den Irakkrieg und die Bushregierung den Broadway hinuntermarschiert ist, die sich jetzt in dem alten Ballsaal am Rande des New Yorker Bohèmeviertels der Lower Eastside drängt. Eine Generation, die sich in der so genanten Bewegung für globale Gerechtigkeit aufgemacht hat, die Gesellschaft in der sie lebt zu verändern.
Die Romantisierung der Heimat durch die Amerikana-Ästhetik findet sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts eben in der Surfkunst von Ed Templeton und Mark Gonzalez, in den Filmen von Gus Van Sant und Spike Jonze oder in den Büchern von Douglas Coupland und Denis Johnson. Auch das sind Männer, die sich aufgemacht haben, Amerika zu suchen und es nicht gefunden haben. Doch sie kommen zu anderen Schlüssen. “The future looks bleak and no sign of change", singt Joey Burns in einem Mariachiwalzer über einen illegalen Einwanderer, den die Sehnsucht nach Amerika in die Wüste treibt. Mit diesem Realismus trifft er die Stimmung seiner Generation im heutigen Amerika. Wenn Utopia in so weite Ferne gerückt ist, dass nicht einmal mehr der sprichwörtliche Silberstreif am Horizont bleibt, bleibt nur noch der Kampf ums Hier und Jetzt. Doch genau darum ging es in Amerika schon immer. Und genau das ist den Kampf auch wert.
Wahrscheinlich ist gerade jetzt die beste Zeit, sich noch einmal zu überlegen, warum man Amerika schon immer geliebt hat. Dabei wird einem vielleicht New York in den Sinn kommen, der Jazz dort, die Literatur und die großen Köpfe mit der noch größeren Lässigkeit. Vielleicht werden die Gedanken danach westwärts schweifen und man erwischt sich dabei, dass man von all den Klischees träumt, die den amerikanischen Mythos ausmachen. Von endlosen Straßen zum Horizont, von der befreienden Einsamkeit der Wüste, von jenem spröden Panorama aus gewaltigen Landschaften und einem azurblauen Himmelszelt, das einem so viel größer erscheint, als das in Europa. Dann ist man schon auf der richtigen Spur, denn zwischen dem Weißen Haus und Joshua Tree liegen immerhin zweieinhalb Tausend Meilen.
Ganz genau so funktioniert die Band Calexico aus Arizona, die derzeit mit ihrem neuen Album “Feast of Wire" auf Tournee ist und letztes Wochenende im New Yorker Bowery Ballroom gastierte. Calexico ist die ideale Countryband für New Yorker Intellektuelle. Das Musikerkollektiv um Joey Burns und John Convertino mischt die melancholischen Sphärenklänge der Pedal-Steel-Gitarre mit frenetischen Mariachi-Trompeten, sentimentalen Akkordeon-Riffs und herzhaften Zwei- und Dreivierteltakten. Dabei singt Joey Burns von Sehnsucht, Fernweh und der Grenzenlosigkeit im Niemandsland zwischen Amerika und Mexiko. Das klingt ein wenig nach der Westernsymphonik von Ennio Morricone und ein bißchen nach der rebellischen Drogenfolklore der Narcocorridos von Gruppen wie Los Tigres del Norte.
Für den Rest des Abends spielen Calexico dann mit der leidenschaftlichen Dynamik einer Jazzcombo, die all die Stilemlemente aus dem amerikanischen Südwesten zu einem geschlossenen Ganzen verschmilzt. Da wirkt nichts aufgesetzt, nichts einstudiert. Erst als sie den “Canción del Mariachi" als Zugabe spielen, den Antonio Banderas ursprünglich in Roberto Rodriguez' Neowestern “Desperado" gesungen hat, wird klar, dass ihre Suche nach den Wurzeln von einer abgeklärten Ironie bestimmt wird, die mit dem Utopismus der 60er Jahre nur noch wenig gemein hat.
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