Auch musikalisch haben die vier schwer eingebüßt, obwohl sie das britische Musikmagazin “Uncut" erst kürzlich noch als “Americas Beatles" feierte. Der Altersstimmbruch hat sie ereilt. Die hohen Lagen wollten nicht mehr gelingen. Die ehemals sphärischen Gesangsharmonien stürzten ab. Der Backbeat wirkte nicht mehr entspannt, sondern nur noch schleppend. Da nutzte es auch nichts, dass sie die Stax-Soul-Legenden Booker T. & the MGs als Band engagiert hatten, die zumindest den Grundrhythmus sauber hielten. Als Neil Young die Zeilen “Old Man look at my life, I'm a lot like you were" sang, bekamen die süßlichen Marihuanaschwaden in der Halle einen leicht nekrophilen Beigeschmack.
Aber all das sei verziehen und vergessen. Wer sich ein Rockkonzert anhört, dessen Protagonisten älter als 30 Jahre alt sind, darf nicht mehr als Reminiszenzen im mehr oder minder fortgeschrittenen Zustand des Verfalls erwarten, und das reicht ja oft schon für einen grandiosen Abend. Die 60.000 New Yorker im zweifach ausverkauften Madison Square Garden ließen sich auch zu wahren Begeisterungsstürmen hinreißen, vor allem, wenn die vier ihre Klassiker anstimmten. “Wooden Ships" etwa, “Eight Miles High" aus der Zeit, als David Crosby noch bei den Byrds sang, oder Neil Youngs antirassistische Hymne “Southern Man".
Ein guter Teil der Begeisterung ist natürlich alleine darüber, dass die vier überhaupt zusammen auftreten. Gegen die Allüren, Egotrips und Exzesse von Crosby, Stills, Nash & Young wirken die Allüren mit denen Stars heute in die Schlagzeilen kommen geradezu puritanisch. Stills und Young hatten zusammen bei Buffalo Springfield gespielt, Ende der 60er Jahre eine Superstargruppe, die an den überdimensionalen Egos der beiden Frontmänner scheiterte.
Als Young sich nach dem ersten Erfolg von Crosby, Stills and Nash dazu überreden ließ, doch dazuzustoßen, durfte er beim ersten gemeinsamen Auftritt in Woodstock nicht gefilmt werden. David Crosby bretterte in einem VW-Bus mit Porschemotor durch Los Angeles. Die Drogenexzesse in seinem Haus waren so legendär wie seine Frauengeschichten. Die Musiker spannten sich gegenseitig die Freundinnen streitig, allen voran Graham Nash, der sich erst mit David Crosby's Entdeckung und Geliebter Joni Mitchell liierte, und ihm dann wenige Jahre später Rita Coolidge ausspannte. Stills und Young gingen sich derweil wieder gegenseitig an die Gurgel, weigerten sich, gemeinsam im Studio aufzunehmen. Crosby, Stills, Nash & Young waren auch die ersten, die samt Tourgepäck und Anlage im Jet auf Tour gingen. Bei ihren Konzerten mußte die Bühne mit einem Perserteppich ausgelegt werden, der akkurat im rechten Winkel zum Bühnenrand liegen mußte. Fünf Jahre hielt die Formation. Dann zerbrach die Gruppe. An den Drogen, aber vor allem an den Egos.
Doch nicht der Verfall stimmte dieses Wochenende im Madison Square Garden so traurig. Es war die Unfähigkeit, ihr eigenes Erbe zu verwalten. Aus der Sicht der amerikanischen Popgeschichte waren Crosby, Stills, Nash & Young die wichtigste Gruppe der späten 60er und frühen 70er Jahre. Wichtiger noch als Ikonen wie Jimi, Janis und die Dead. Immerhin hatte Atlantic-Chef Ahmed Ertegun die Film- und Schallplattenrechte am Woodstock-Festival eigentlich nur gekauft, um sich die Rechte am Debütauftritt von Crosby, Stills, Nash & Young zu sichern. Er ahnte, was für eine Bedeutung sie haben würden. Die vier gehörten zur Speerspitze einer neuen Strömung, die den damaligen Zeitgeist musikalisch auf den Punkt brachte. Viele Musiker hatten Ende der 60er Jahre mit der drogenvernebelten Rebellenpose der psychedelischen Musik gebrochen und zum Entsetzen der Hippiebewegung begonnen, mit dem reaktionären Country zu experimentieren. Allen voran die Byrds, zu denen neben dem Pionier des Rebellencountry Gram Parsons auch David Crosby gehörte, und die Superstars von Buffalo Springfield Stephen Stills und Neil Young.
Mit dem Falsettsänger der britischen Schnulzenpopgruppe Hollies Graham Nash rundeten die vier ihre Harmonien zu einer fragilen Klangwand ab und schufen eine Musik, die das Experiment mit dem Country auf eine neue Ebene hob. Die Zeit war reif. Crosby, Stills, Nash & Young trafen den Nerv von Millionen, die ganz erschöpft waren von den Unruhen der Bürgerrechtsära, der Wut der Vietnamproteste und den Anstrengungen. Das erste gemeinsame Album “Déja Vu" stieg auf Platz eins der amerikanischen Albumcharts. Es war genau die Mischung aus Amerikana, jener unpolitischen Heimatliebe, und der intellektuellen Protesthaltung der Folkmusik, die den Erfolg begründete. Crosby, Stills, Nash & Young waren keine zornigen Rebellen, sondern formulierten ihren Zorn über die Welt mit sanfter Trauer.
Auch heute scheint die Zeit wieder reif zu sein für Amerikana. Wieder ist das Land erschöpft. Vom Radikalkapitalismus der 90er Jahre. Vor allem aber vom Schock des 11. September. Die ersten Erben der Countryfolk-Ikonen haben sich auch schon aufgemacht, die Amerikana wieder zu erwecken. Ryan Adams von der Band Whiskytown, Kurt Wagner von Lambchop David Berman von den Silver Jews finden wieder die richtige Balance zwischen Heimatliebe und kritischer Distanz zur Nation. Doch die rebellische Trauer von Crosby, Stills, Nash & Young hat sich zur staatstragenden Wut gewandelt.
“Tour of America" heißt die aktuelle Tour.
Die Trauer konnten sie wohl noch vermitteln. Hinter der Band war eine jener Holzwände aufgebaut, die New Yorker nach den Anschlägen Vermißtenanzeigen, Gedichte und Bilder zugepflastert hatten. Auf den Verstärkern brannten Kerzen. Graham Nash sang die Ballade “Half Your Angels", die er als Reaktion auf die Anschläge geschrieben hatte. Doch dann spielte Neil Young die Single seiner neuen Platte “Are You Passionate", deren Cover von einer Rose geziert wird, die auf der Brust eines Kampfanzuges liegt. “Let's Roll" lautet der Refrain, die legendären letzten Worten von Todd Beamer. Der hatte sie ins Handy gerufen, bevor er am Morgen des 11. September mit anderen Passagieren die Entführer des United Flug Nummer 93 überrumpelte, was dann zum Absturz führte. George W. Bush hat “Let's Roll" schon zum Credo der Nation im Krieg erkoren. Die US Air Force wird einhundert Bomber und Kampfjets mit dem Slogan verzieren. Die Hersteller von partiotischem Schnickschnack streiten sich sogar um das Copyright am Satz. Im Madison Square Garden ließ die Wirkung nicht lange auf sich warten. “U.S.A.! U.S.A.!" skandierte das Publikum. Selbst die Bedeutung der alten Gesten wandelte sich da. Wie einstmals reckten so einige im Publikum die Faust in die Luft. Doch das war nicht mehr der revolutionäre Gruß der Black Panthers, den die Hippies adaptiert hatten, sondern die zornige Geste der Patrioten.
Nicht widerspricht dem ursprünglichen Geist des Rock'n'Roll so sehr wie die Affirmation, die höchstens im Pop ihren Platz hat. Man möchte Crosby, Stills, Nash & Young die eingangs zitierten Zeilen aus “Old Man" um die Ohren schlagen. Und wenn das nichts hilft, bleibt immer noch ein anderer Song von Neil Young. 1979 beklagte Young in seinem Song “My, My, Hey, Hey" den traurigen Zustand des Rock'n'Roll. Er verglich das rebellische Posieren der Marketingpunkt von den Sex Pistols mit den tragischen Auftritten späten Elvis Presley, und forderte Rotten mit einem der bekanntesten Rock'n'Roll-Zitate zum Rücktritt auf: "It's better to burn out than to fade away."