EINE SKYLINE FÜR BROOKLYN

Frank Gehry will sch mit New Yorks
größtem Bauprojekt ein Denkmal setzen.

© Andrian Kreye


New York 08. 07. '05 - Frank Gehry ist mit zunehmendem Alter ein Mann der immer größeren Gesten, dessen architektonischen Duftmarken aus wogenden, splitternden, berstenden Metallflächen in den Stadtbildern von Bilbao, Chicago, Los Angeles und Seattle hängen, wie der Hauch eines viel zu teuren Parfums, das nach der Feier noch lange in den Sofapolstern herumgeistert. Kein moderner Architekt hat es so konsequent geschafft, Skylines und Panoramen zu verändern wie er, doch nun wird er seinem Lebenswerk noch eine mächtige Krone aufsetzen, denn in Brooklyn wird er die Skyline des ansonsten eher flachen New Yorker Stadtbezirkes komplett neu ordnen. 17 bis zu 60 Meter hohe Gebäude werden sich um ein Basketballstadion herumgruppieren, welches das Zentrum eines 85.000 Quadratmeter großen Korridors aus Wohn- und Bürogebäuden bildet.

Nun ist New York schon voll von Versuchen, in ganzen Stadtvierteln zu denken, seien es die Sozialbauprojekte von East New York, die mittelständische Tristesse von LeFrak City oder das Angestelltenghetto Battery Park City. Frank Gehry hat sich jedoch vorgenommen, den Städtebau neu zu erfinden. Sein Projekt wird wie ein beschwingter, hypermoderner Remix der eher kargen Skyline von Downtown Brooklyn in den Himmel ragen. Das Stadion soll mit einer gepresst elliptischen Form die Spannung des sportlichen Wettkampfes spürbar machen.

Ausgedacht hat sich das seit Jahrzehnten größte Bauvorhaben der Stadt New York der Bauunternehmer Bruce Ratner. Um die notorisch renitente Bevölkerung von Brooklyn für sich zu gewinnen, hatte er eigens für den Stadionbau die Basketballmannschaft Nets aus dem benachbarten New Jersey gekauft. Zudem hat er mächtige Verbündete. Weil Ratner auch die neue Konzernzentrale der New York Times Incorporated baut, ergeht sich die Zeitung regelmäßig in Jubelarien über die Brooklynpläne des Tycoons. Größte Hilfe ist jedoch Bürgermeister Bloomberg. xxDer wird rund 100 Millionen Dollar staatlicher Unterstützung auftreiben und hat schon dafür gesorgt, dass die Bauvorschriften für das gesamte Viertel um Ratners Projekt herum geändert werden, was den Wert vieler Grundstücke entlang der 4th, Atlantic und Flatbush Avenues vervielfacht hat, die derzeit noch von Discountläden und Autowerkstätten gesäumt werden. Einige Anrainer werden allerdings weichen müssen. Ein Block, in dem sich Künstler und Mittelständler ehemalige Fabriketagen zu Lofts umgebaut haben, wird unter dem Vorwand des Eigenbedarfs der Stadt quasi enteignet. Der Vorgang ist eine der ersten staatlichen Enteignungen für ein privates Bauvorhaben. Allerdings hat der Supreme Court die Verfassungsmässigkeit in einem ähnlichen Fall erst vor kurzem per Grundsatzurteil garantiert.

Die Stadtväter sehen Ratners Projekt als Startschuss für eine Erneuerung von Brooklyn, das als eigenständige Stadt die viertgrößte Metropole der USA wäre. Eine umfangreiche Bebauung der brachliegenden Ufer des East River soll folgen. Noch muss Bruce Ratner die Widerstände der renitenten Anwohner brechen. Und sich gegen einen rivalisierenden und weitaus bescheideneren Entwurf der Immobilienfirma Extell durchsetzen, der deutlich mehr Rücksicht auf die Anrainer nimmt. Die werden jedoch nicht allzu lange durchhalten, denn die Renaissance des Bezirkes, das vom East River von der unteren Hälfte der Insel Manhattan getrennt ist, hat nicht erst mit den kühnen Plänen Bruce Ratners begonnen.

Seit gut zwei Jahrzehnten haben explodierende Mietpreise und Wohnungsnot die Künstler, Intellektuellen und mittelständischen Familien aus Manhattan über den Fluss getrieben. Viele Viertel von Brooklyn, das heute noch als Hort gewaltbereiter Unterschichten und Gangster verschrien ist, gehören heute zu den sichersten Gegenden von New York City. Mit der Brooklyn Academy of Music und dem Brooklyn Museum hat der Bezirk zwei Kulturinstitutionen von Weltrang und Bohemeviertel wie Williamsburg und Greenpoint haben den luxussanierten ehemaligen Hochburgen der Subkulturen in Manhattan längst den Rang abgelaufen.

Bald schon werden die Welten in den klassischen Brooklynfilmen wie “Do The Right Thing", “Saturday Night Fever" oder “Moonstruck" genauso der mythischen Vergangenheit angehören, wie das Manhattan aus den Filmen von Woody Allen, Martin Scorsese und Sidney Lumet. Für Sentimentalitäten hatte New York allerdings noch nie Geduld. Bald schon sollen neue Filmstudios im ehemaligen Brooklyn Navy Yard neue Mythen schaffen. Das aber ist schon der nächste Schritt der Erneuerung.





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