NEUE HEIMAT

Die Wiedereröffnung des Brooklyn Museum
of Art markiert die Renaissance eines Stadtteiles.

© Andrian Kreye


Brooklyn, 22. 04. '04 - Als das Brooklyn Museum vergangenes Wochenende nach dem Abschluß der 63 Millionen Dollar teuren Modernisierungsmaßnahmen wieder eröffnet wurde, herrschte bei Jazzmusik und Käseplatten eine trotzige Stimmung, wie man sie im sonst eher übersättigten New Yorker Kulturbetrieb immer seltener findet. Das war jene Mischung aus Neugier, Dissidenz und Aufbruchsstimmung, die das New York der sechziger bis achtziger Jahre geprägt hat, als die Stadt im internationalen Kulturbetrieb noch die Impulse vorgab und nicht nur die Preise bestimmte. Ganz Brooklyn hatte sich versammelt - Literaten im Tweedjacket aus Brooklyn Heights mischten sich da mit afrozentrisch gewandetem schwarzen Bildungsbürgertum aus Fort Greene, kunstvoll verschlampten Bohemiens aus Williamsburg und zerzausten Althippies aus Park Slope. Und weil die gleichzeitig eröffnete Ausstellung "Open House: Working In Brooklyn" versucht, einen allgemeingültigen Überblick über die Kunstszene von Brooklyn zu geben, blieben die Vergleiche mit der Kunstwelt von Manhattan nicht aus. Dort läuft schließlich derzeit die Biennale des Whitney Museum of American Art, die den Anspruch erhebt, einen allgemeingültigen Überblick über die junge, moderne Kunst Amerikas zu geben.

Nun gibt es kaum einen Ort, dessen Bewohner einen so leidenschaftlichen Lokalpatriotismus pflegen, wie Brooklyn. Hier, so sagen sie, leben die wahren New Yorker, die echten Einheimischen, die schon seit Generationen in der Stadt leben, und nicht nur für ein paar Jahre aus der Provinz hierher kommen, um im Durchlauferhitzer von Manhattan schnell Karriere zu machen und dann wieder in die familienfreundlichen Vororte zu ziehen. Außerdem wäre Brooklyn mit zweieinhalb Millionen Einwohnern eigentlich die viertgrößte Metropole der USA. Der südöstliche Zipfel von Long Island hat allerdings auch einiges an Minderwertigkeitskomplexen wett zu machen. Erst wurde die Hafenstadt Brooklyn 1898 per Verwaltungsakt zum Außenbezirk von New York City degradiert. Von da an ging es fast einhundert Jahre stetig bergab.

Talent und Geld ließen sich von den Lichtern der Großstadt über den East River nach Manhattan locken. Brooklyn wurde zur Schlafstadt für Einwanderer, Arbeiter und Kleinbürger, die der Schriftsteller Irwin Shaw schon in den dreißiger Jahren als "Friedhofsbezirk" belächelte. Dann wurden die Docks und Werften geschlossen, die Schwarzen- und Einwandererviertel verkamen und Brooklyn wurde zum Synonym für Gangster, Gewalt und Ghettoelend. Daran konnten auch die Schriftsteller wie Truman Capote und Arthur Miller, oder Filmemacher wie Martin Scorcese und Spike Lee nichts ändern, die den urwüchsigen Bezirk in ihren Werken verklärten.

Auch das Brooklyn Museum hatte unter dem Niedergang seiner Heimatstadt zu leiden. Bei seiner Eröffnung im Jahre 1897 galt der neoklassizistische Kuppelbau mit seinen weitläufigen Galerien, Sälen und Säulengängen noch als eines der prächtigsten Kunstmuseen der Welt. Immerhin hatten sich die Stadtväter von Brooklyn das Architekturbüro McKim, Mead & White geleistet, das um die Jahrhundertwende prestigeträchtige Regierungsaufträge wie die Modernisierung des Weißen Hauses, die Gestaltung der Washington Mall und der Universitätsanlagen von Harvard und Columbia durchführte, und nebenher die prachtvollen Sommerhäuser für Familien wie die Whitneys, Vanderbilts und Pulitzers bauten.

Doch gegen die Konkurrenz des Metropolitan Museum of Art am Ostrand des Central Park hatte das Brooklyn Museum keine Chance. Während das Metropolitan epochale Kunstschätze aus aller Welt anhäufte, mußte sich das Brooklyn Museum damit begnügen, wenigstens mit seinen ägyptischen und afrikanischen Sammlungen zur ersten Liga der Museen zu gehören. Doch während die großen Museen in Manhattan Besucherzahlen von bis zu vier Millionen pro Jahr melden konnten, schrumpfte die Zahl der jährlichen Besucher in Brooklyn in den neunziger Jahren auf unter zweihunderttausend. Daran konnte auch der Kulturskandal des Jahrzehnts nichts ändern. Der damalige Bürgermeister Rudolph Giuliani wollte dem Brooklyn Museum die städtischen Gelder entziehen, weil es im Herbst 1999 im Rahmen der Ausstellung "Sensation" ein Madonnenbild gezeigt hatte, das der Maler Chris Ofili mit Elefantendung verziert hatte.

Das Architekturbüro Polshek hat dem Museum nun mit kühnem Schwung einen modernen Glaspavillion vorgesetzt, der den wuchtigen Bögen des neoklassizistischen Baus die allzu ernste Schwere nimmt. Es ist aber vor allem der Vorplatz, der als Anziehungspunkt dienen soll. Dort hat das kalifornische Designbüro Wet einen Brunnen installiert, der mit seinen choreographierten Fontänen auch gleich am ersten Wochenende den gewünschten Effekt erzielte. Spaziergänger und Familien ließen sich in der Frühlingssonne auf den Stufen und Treppen vor dem Museum nieder. Einige schlenderten ins Museum, andere blieben nach dem Ausstellungsbesuch noch etwas länger. So bildet das Brooklyn Museum einen neuen Mittelpunkt ohne sich mit städteplanerischem Gestus aufzudrängen.

Denn die Neueröffnung des modernisierten Brooklyn Museums markiert keinen künstlichen Wendepunkt in der Geschichte des Stadtteiles, so wie ihn der Vorstand des Museum of Modern Art derzeit in der maroden Industrielandschaft von Queens inszeniert, sondern den vorläufigen Höhepunkt einer Entwicklung, die schon vor rund dreißig Jahren begann. Damals zog die erste Welle der Bildungsbürger aus Manhattan nach Brooklyn. Verwahrlosung und Kriminalität vertrieben damals den Mittelstand aus den Großstädten, doch weil für die kosmopolitischen Intellektuellen von New York ein Leben in der Suburbia einem kulturellen Todesurteil gleichgekommen wäre, suchten sie den Kompromiss in Brooklyn. Dort konnte man in den ehemals prächtigen Bürgerhäusern in den baumgesäumten Straßen ebenso gut Familien aufziehen, wie in den Vororten, ohne auf die urbane Umgebung verzichten zu müssen. In Brooklyn Heights und Park Slope entstanden die ersten Kulturenklaven, die sich bald in alle Richtungen ausbreiteten. Giulianis Säuberungsaktionen, der Dotcomboom und die damit einhergehende Amerikanisierung von Manhattan initiierten dann in den neunziger Jahren die zweite innerstädtische Völkerwanderung. Die junge Boheme zog nach Williamsburg und Dumbo, die Bildungsbürger nach Cobble Hill und um den Prospect Park.

Weil es sich in Brooklyn aber nicht nur wegen der niedrigen Mieten, sondern auch wegen der weitläufigen Strukturen etwas entspannter lebt, als im komprimierten Manhattan mit seinem überhitzten Immobilienmarkt, bleibt hier eben auch Platz für all das, was eine lebendige Kulturlandschaft ausmacht - Neugier, Dissidenz und Aufbruchsstimmung. Wer in Manhattan arbeitet, kann sich keine Fehler erlauben. In einer Zeit, in der Dissidenz verdächtig und Affirmation lebensnotwendig geworden sind, heißt das aber auch - keine Experimente. Kein Wunder also, dass die Künstlerin Sharon Gilbert am Eröffnungsabend stolz bemerkte, die Open-House-Ausstellung sei doch so viel politischer, als die bisher so kontroverse Biennale des Whitney. Dabei gab es sogar Überschneidungen.

Open House ist allerdings noch breiter gefächert, als die Biennale, schließlich verbindet die 200 Künstler lediglich die geographischen Gemeinsamkeiten. Da finden sich Vertreter des kulturellen Kanons wie die Bildhauerin Louise Bourgeois und Alexis Rockman mit seinem sensationellen Auftragsgemälde vom Flußufer von Brooklyn als postapokalyptische Wildnis. Die stilistische Bandbreite reicht von Pop Art wie den monumentalen Puzzles des Schweizers Christoph Draeger und den Neonskulpturen von Heidi Cody, über Konzeptinstallationen von James Cullinane und Diana Cooper, oder urbane Ethnokünstlern wie Xiomara de Oliver und Lorenzo Pace, bis hin zur Fotokunst von Luis Gispert und Katy Grannan.

Doch Brooklyn ist mehr, als nur ein geographischer Rahmen. Das deutet sich in Stücken wie Jovi Schnells Gemälde "Pounce In Babel" an, oder in Nina Levys Gumminachbildungen ihrer Nachbarn. Brooklyn ist ein Identitätsstifter, der den wurzel- und rastlosen Kosmopoliten der Megalopolis New York eine urbane Heimat geben kann. "Laterales Wachstum - die gesellschaftliche Transformation New Yorks jenseits von Manhattan - wird in absehbarer Zukunft wahrscheinlich die interessanteste Entwicklung der Stadt sein", schrieb der Architekturkritiker der New York Times Herbert Muschamp in seiner Besprechung des modernisierten Brooklyn Museums. Damit wäre der Traum von New York gerettet, denn damit wäre die Stadt wieder grenzenlos.





Zurück zum Inhalt