Brooklyn im August - Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde man für die Auskunft, man lebe in Brooklyn mitleidig belächelt. Der New Yorker Vorstadtbezirk mit seinen zweieinhalb Millionen Einwohnern wäre als eigenständige Stadt zwar die viertgrößte amerikanische Metropole, doch seit über einem halben Jahrhundert war Brooklyn Synonym für ärmliche Vorstadtviertel, Mafia und Gewaltverbrechen, für Sozialbaublöcke voll marodierender Gangs und einen Akzent, der einen im ganzen Land als Prolet auswies. Bestenfalls zählte man zu den “Bridge & Tunnel People", zum Brücken- und Tunnelvolk, wie man in den New Yorker Nachtclubs seit der Disco-Ära all jene schimpfte, die am Wochenende aus dem Nachbarstaat New Jersey und den Außenbezirken Brooklyn, Bronx, Queens und Staten Island über die Brücken und Tunnels auf die Insel Manhattan pilgerten, und deren Haarmoden, Kleidung und Sprache immer ein bisschen zu aufdringlich waren für den Geschmack der Hipster und High Society. John Travolta setzte den Bridge & Tunnel People mit seinem Tony Manero in “Saturday Night Fever" ein Denkmal, jenem ungehobelten Stenz aus Bay Ridge, der sehnsüchtig über den East River auf die Skyline von Manhattan blickt.
Erst seit ein, zwei Jahren erntet man für die Auskunft, man lebe in Brooklyn immer öfter ein bewunderndes “Wirklich?", denn der Westen von Brooklyn ist das beliebteste Wohnviertel der Stadt geworden. Zunächst aus dem ganz einfachen Grund, dass sich kaum noch jemand die Quadratmeterpreise von Manhattan leisten kann, was dazu geführt hat, dass die Bewohner dort zunehmend alt oder reich oder beides sind, was in jedem Falle die Lebensqualität eines Stadtviertels beschneidet, weil sich Alte und Reiche nur selten am normalen Stadtleben beteiligen und sich in ihrem Umfeld auf Dauer nur Apotheken und Langweilerlokale rentieren. Die einst so glamouröse Upper Eastside hat dieses Schicksal schon ereilt. Andere Viertel wie SoHo und das Greenwich Village sind zu Kulissen für Boutiquen und Touristenlokale verkommen.
Das ist mit ein Grund, warum jenes andere Brooklynklischee wieder auflebt, das Bild von der authentischen amerikanischen Großstadt, in der jeder Hafenarbeiter so lässig ist wie Marlon Brando und jede Frau so cool wie Michelle Rodriguez. Am besten beginnt man seine Suche nach diesem Brooklyn im Schatten der zwei großen Brücken. Geht man dort auf der Washington Street zum East River, fällt der Blick ungefähr auf Höhe der Front Street durch den Stahlbogen der Manhattan Bridge auf das Empire State Building. Selbst wer noch nie in Brooklyn war, kennt diesen Blick, weil er zu den bekanntesten Kamerawinkeln der Stadt gehört. Sergio Leone hat ihn in seinem Gangsterepos “Es war einmal in Amerika" zur Ikone geadelt und es gibt kaum eine New Yorker Krimiserie, in der das die düsteren Strassen zwischen den alten Fabrikgebäuden nicht eine Rolle spielen.
Gleich um die Ecke ist das legendäre Gleason's Boxing Gym, in dem schon 122 Weltmeister trainiert haben, und dessen Boxerinnen das Vorbild für Michelle Rodriguez in “Girlfight" waren. Hinter einer Stahltüre führt eine kahle Betontreppe in den ersten Stock. Die schmucklose Halle mit ihren vier Boxringen ist weit entfernt vom Fitnessglamour der Clubs in Manhattan, weswegen sich auch nicht allzu viele Hobbysportler hierher verirren. “Als wir hier vor zwanzig Jahren eingezogen sind, traute sich kaum einer nach Einbruch der Dunkelheit in die Gegend", sagt Eddie Cruz, einer der Trainer mit kahlrasiertem Schädel und wuchtigem Kreuz. “Jetzt sind wir hier mitten im Vergnügungsviertel." Die meisten Fabriketagen des ehemaligen Industrieviertels sind innerhalb der letzten paar Jahre zu Luxuslofts umgebaut worden, es gibt Geschäfte für Designermöbel, Nachtclubs und Espressobars. Ob sich das Gleason's da noch lange halten kann? Cruz zuckt mit den Schultern. Die älteren Trainer vom Gleason's haben das alles schon einmal erlebt, als sie noch in Manhattan residierten und die Luxussanierung sie über den Fluss getrieben hat.
Denn die Erneuerung der Stadt Brooklyn ist keineswegs eine wundersame Geschichte vom Immobilienphönix, der aus der Asche der Slums emporsteigt, sondern lediglich die jüngste Phase einer urbanen Entwicklung namens “Gentrification", die in immer gleichen Wellen verläuft. Erst kommen die Bohemes und Künstler auf der Suche nach billigem Wohnraum. Dann eröffnen schicke Geschäfte und Lokale, denen die Immobilienmakler nachfolgen, die zahlungskräftige Mieter und Hauskäufer rekrutieren, bis die Immobilienpreise so hoch sind, dass die ursprünglichen Anrainer und Künstler weiterziehen müssen.
Bisher erneuerten sich in diesem Zyklus die Viertel von Manhattan, doch weil Manhattan eine Insel ist, stieß die Eroberung der urbanen Krisengebiete vor ungefähr fünf Jahren an ihre Grenzen. Da war der Sprung über den East River nur logische Konsequenz. Und man muss nur über die Brooklyn Promenade spazieren, um zu begreifen, warum inzwischen so viele Zuzügler von Brooklyn als dem wahren New York predigen, als seien sie keine Mietflüchtlinge, sondern frisch getaufte Konvertiten. Die Brooklyn Promenade ist ein schmaler Parkstreifen am Rande der Klippen hoch über dem East River. Das ist noch so ein Blick mit langer Filmgeschichte. Auf der anderen Seite des Flusses erhebt sich die Skyline des Bankenviertels von Downtown Manhattan und gleich daneben öffnet sich die Bucht von New York, in der die Freiheitsstatue in den Himmel ragt.
Am frühen Abend flanieren hier die Bürger aus Brooklyn Heights. Sämtliche Bänke sind dann von Pärchen besetzt, die Händchen halten und auf die Lichter der Großstadt hinüberschauen. Teuer ist dieser Blick geworden. Am Nordende der Promenade steht das Haus mit der Adresse Columbia Heights Nummer 140, ein prachtvolles, vierstöckiges Bürgerhaus mit ebenjener Aussicht auf Stadt und Bucht. Ideal für eine mehrköpfige Familie. Zurzeit ist es zu haben - Kaufpreis 20 Millionen Dollar plus Gebühren und Steuern. Dafür wohnt man auch nur einen Block von der Willow Street entfernt. In der wohnte der Schriftsteller Truman Capote. Es ist ganz unstädtisch ruhig hier. Das Laub der Bäume raschelt in der Abendbrise und aus den Gärten weht Blumenduft herüber.
Capote schrieb damals ein Essay, das mit dem Satz begann: “Ich lebe in Brooklyn. Aus freien Stücken. Wer die Reize dieser Gegend nicht kennt, darf sich ruhig wundern warum." Ein paar Seiten weiter gesteht er seinen Lesern: “Oft vergeht eine ganze Woche, ohne dass ich ’in die Stadt gehe', oder ’die Brücke überquere', wie meine Nachbarn einen Ausflug nach Manhattan nennen. Verwunderte Freunde, die mich provinzieller Lustlosigkeit verdächtigen, fragen ’aber was tust du da drüben?' Lassen sie mich sagen, das Leben kann hier ziemlich aufregend sein."
Als Capote dort lebte, hatte der Abstieg von Brooklyn schon längst seinen Lauf genommen. Viele sagen, der Untergang war beschlossen, als Brooklyn 1898 in New York City eingemeindet wurde. Andere glauben, das Ende wurde besiegelt, als der Brooklyn Eagle 1955 zusperrte, die Zeitung, für die der Dichter Walt Whitman als Redakteur gearbeitet hatte und die Schriftstellerin Djuna Barnes als Reporter. Wieder andere sehen den Endpunkt, als das legendäre Baseballteam Brooklyn Dodgers zwei Jahre später nach Los Angeles verkauft wurde.
Der eigentliche Punkt, der den Niedergang besiegelte war jedoch die Verlegung der New Yorker Hafenanlagen nach New Jersey in den 50er Jahren. Die Stadt New York hatte ganz richtig begriffen, dass sie als Hafen- und Manufakturstadt keine Zukunft hatte. Das stimmte vor allem für Manhattan, das sich in den folgenden Jahrzehnten zum Finanz- und Medienzentrum wandelte. Brooklyn degradierte dieser Wandel zur Schlafstadt mit urbanen Auffanglagern für Neueinwanderer aus der Karibik, Lateinamerika und Afrika. Man kann nur noch erahnen, dass hier am Flussufer einst einer der wichtigsten Häfen der Welt lag. Überquert man hinter der Promenade die Atlantic Avenue gibt es noch ein paar Anleger für Frachtschiffe und Fähren. Doch nur eine Frachtlinie nach Haiti nimmt hier noch regelmäßig Ladung auf. Die meisten der Piers dienen als Lager.
Zwei der alten Hafenkneipen haben sich trotzdem gehalten. Im Montero's hängen die Wände voll eingestaubter Mitbringsel seefahrender Gäste, die hier früher ihre Heuer verzechten - Rettungsringe und Modelle von Frachtern, die längst nicht mehr fahren, altmodische Porträts stolzer Kapitäne und Bootsmänner. Nein, die Bardame kannte keinen mehr von ihnen, sie ist viel zu jung und die Gäste heute sind Nachbarn und Studenten, die wegen der schummrigen Stimmung hierher kommen. Da muss man schon über die Strasse, in ein verschlafenes Lokal namens Long Island Bar & Restaurant. Die Wirtin lacht und erzählt, wie sie mit ihrem Mann dem Kapitän - Gott habe ihn selig - das Lokal eröffnete. Damals als hier noch die Gewerkschaft der Hafenarbeiter das Sagen hatte, gegen die Marlon Brando in “Faust im Nacken" kämpfte. Ja, damals wurden jeden Abend bis spät in die Nacht gefeiert. Heute schließt sich gegen acht oder neun. Die meisten Gäste kommen zum Lunch.
Sie weiß auch - die Tage der Seemannskneipen sind gezählt. Ein paar Blocks weiter östlich kann man auf der Atlantic Avenue schon sehen, wie sich die Gegend entwickeln wird. Gleich hinter dem Gerichtsgebäude von Brooklyn hat ein Investor einen jener Plattentürme hochgezogen, in denen die klimatisierten Apartments über zweitausend Dollar Miete kosten. Angestellte aus den Banken sollen hier leben, junge Karrieristen, die nach ein paar Jahren wieder fortziehen, damit man den Mietpreis wieder anheben kann. Solche Gebäude gibt es in Manhattan zu Hunderten. In Brooklyn sind sie noch neu.
Immer tiefer dringen die Investoren und Hauskäufer vor. An jener Kreuzung, an der sich die Atlantic und Flatbush Avenue treffen soll nach den Vorstellungen des Baulöwen Bruce Ratner das Epizentrum einer gewaltigen Bauvorhabens, das den gesamten Bezirk Brooklyn verändern soll. Eine komplette Skyline hat der Stararchitekt Frank Gehry für Ratner entworfen. 17 bis zu 60 Meter hohe Gebäude werden sich um ein Basketballstadion herumgruppieren, welches das Zentrum eines großen Korridors aus Wohn- und Bürogebäuden bildet. Luxusapartments sollen einen Menschenschlag nach Brooklyn locken, der sich sonst eher in den teuren Vierteln von Manhattan niederlässt.
Noch ist nicht viel zu sehen. An der Kreuzung selbst liegen die islamischen Buchhandlungen des benachbarten Araberviertels von Boerum Hill. Auf dem Bürgersteig riecht es nach Blumenwasser und Gewürzen. Hier kann man Tischuhren kaufen, die fünf Mal am Tag den Gebetsruf des Muezzins von Mekka abspielen, Kaftane, aber auch antisemitische Videos und Bücher des Terrorideologen Sayyd Qutb, die der Verkäufer schnell forträumt, wenn sich ein Ungläubiger zu sehr interessiert.
Doch hier ist die Grenze. Gleich hinter der Kreuzung beginnt die meilenweite Terra Incognita der Armen- und Einwandererviertel, die sich bis zum Flughafen und der Jamaica Bay hinzieht. Man darf nicht vergessen - in Brooklyn sind weiße Amerikaner eine Minderheit. Fast zwei Drittel sind Schwarze und Latinos. In fast der Hälfte aller Haushalte wird nicht englisch gesprochen. Das ist das Brooklyn, das man nur flüchtig zu sehen bekommt, wenn man entlang der Ausfallsstrassen zum Flughafen fährt, die von Lagerhallen, Autowerkstätten und Imbissbuden gesäumt werden. Da stehen die schmutzigbraunen Sozialbautürme von East New York und Brownsville, deren Gänge und Parkanlagen von Gangs wie den Bloods und den Latin Kings kontrolliert werden. Dort leben all jene Menschen, die Taxi fahren, Hamburger verkaufen und Büroräume putzen. Wenn sie Glück haben. Die Hälfte aller schwarzen New Yorker zwischen 18 und 35 ist arbeitslos. Und ein gutes Viertel aller Bewohner von Brooklyn lebt unterhalb der Armutsgrenze.
Sicher, da gibt es im Süden noch die Kleinbürgerviertel wie Bay Ridge und Bensonhurst, wo Facharbeiter und Handwerker leben. Ein Stück weiter nördlich liegen die schwarzen Bürgerviertel Fort Green und Bedford-Stuyvesant, die Spike Lee in Filmen wie ’Do The Right Thing' als dörfliche Gemeinden zeigt, in denen das Idyll der Brownstone-Häuser mit ihren Vortreppen über die brodelnden Rassenspannungen hinwegtauscht. Doch auch dorthin verirrt sich kaum jemand, der dort nicht wohnt. Nur im Westen von Brooklyn ist die erste Phase der Gentrification nach den Gesetzen der Großstadt schon vollzogen. Und die Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten.
Für die Künstler und Bohemes von New York ist Manhattan längst ein urbaner Vergnügungspark für Touristen und Neulinge. Die besten Nachtclubs der Stadt gibt es jetzt in Williamsburg, die interessantesten Lokale in Cobble Hill, die zukunftsträchtigsten Künstlerenklaven sind in Greenpoint und Bushwick, und die Literaturszene konzentriert sich um Park Slope herum, wo Paul Auster und Jonathan Safran Foer und Jonathan Lethem leben. Viel weiter als bis zum Park sind die bürgerlichen Zuzügler nicht gekommen. Bisher hält sich die Balance am Ufer des East River. In Red Hook am südlichsten Ende hat sich in den alten Seemannshäuschen die jüngste Künstlerkolonie eingenistet.
Am Abend sitzen die neuen Anrainer im Sunny's, einer Bar, die sich seit den Tagen, als hier die Mannschaften der Schlepperboote den Feierabend niedertranken, nicht sonderlich verändert hat. Im Herbst kann man hier das Nebelhorn hören. Sunny der Wirt steht mit seinem Adlergesicht und den langen, grauen Haaren hinter dem Tresen. Er kennt seine Gäste, erkundigt sich nach Haus und Familie. Nur am Wochenende kommen hin und wieder Gäste aus Manhattan, die dann gegen Ende des Abends ganz nervös fragen, wo man denn nun ein Taxi bekommt. Sunny wird freundlich eines rufen. Nur ein paar Gäste verdrehen die Augen. “Bridge & Tunnel People" - Grünschnäbel aus Manhattan, die ihren urbanen Vergnügungspark am Samstag verlassen, um in Brooklyn ein bisschen echtes New York zu entdecken, und deren Haarmoden, Kleidung und Sprache immer ein bisschen zu aufdringlich sind für die Hipster von Red Hook. Das ist nicht böse gemeint, aber ein bisschen Triumph schwingt in der Bemerkung schon mit. 107 Jahre lang hat Brooklyn im Schatten von Manhattan an seiner Rolle als Nummer zwei gelitten. Doch jetzt wird sich Brooklyn beweisen.
Nur manchmal wirft das alte Brooklyn noch seine Schatten auf die neuen Bürgerviertel. Dann kann es passieren, dass die Realitäten aus dem Herz der Finsternis ganz urplötzlich über einen hereinbrechen. Dem jungen Künstler Ellis Gallagher ist das passiert. Im Vestibül seines Mietshauses inmitten von Cobble Hill stand er plötzlich einem Straßenräuber gegenüber, der ihm eine Machete an den Hals hielt. “Ich sah nur diesen Schatten", erzählt er. Das war letztes Jahr, doch der Schock sitzt ihm immer noch in den Knochen. Er therapiert sich mit Kunst. Nachts zieht er die Restaurantmeile der Smith Street entlang und malt die Schatten der Strasse nach, die im gelblichen Licht der Straßenlaternen auf den Trottoir fallen. Zeitungskästen, Pfosten, Fahrräder - um all diese Schatten zieht er mit Kreide eine Linie. Das ergibt im Kontrast zwischen Pflaster und Schatten einen fast leuchtfarbenen Effekt. Wie die Kreidespuren einer Mordszene halten seine Straßenmalereien die Schatten des Alltages fest. Als Erinnerung, dass sich eine Stadt wie Brooklyn nicht einfach so erobern lässt.
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