Die Idee von einem holistischen Humanismus, der die Geistes- und Naturwissenschaften verbindet, sei kedoch keineswegs neu, sie stamme vielmehr aus dem 15. Jahrhundert. Erst die Aufklärung habe das Fundament für jenen Kulturpessimismus des modernen Humanismus gelegt, der sich heute so oft als Antipode zum Wissenschaftoptimismus versteht, der doch gerade in den letzten Jahrzehnten zu phänomenalen Fortschritten auf Gebieten wie Molekularbiologie, Gen- und Nanotechnik oder künstlicher Intelligenz geführt habe.
Nun kann man davon ausgehen, dass öffentliche Auftritte von Marvin Minsky und Daniel Dennett vor überdurchschnittlich gebildetem Publikum stattfinden. Minsky hat als Pionier der Computerwisswenschaften am Massachusetts Institute of Technology grundlegende Entdeckungen auf den Gebieten der Mathematik, Physik und Psychologie gemacht, die er sich meist auf interdisziplinären Forschungsgebieten wie der Untersuchung der Wissensverarbeitung, des Lernens und der Prinzipien der Problemlösung erarbeitete. Daniel Dennett hat Philosophie und Kognitive Studien kombiniert, um das Denken, den freien Willen und die Evolution des menschlichen Geistes Darwins zu ergründen.
Das sind nicht gerade die Themen, die man statt Kino oder Konzert als entspanntes Vorabendprogramm genießt. Die Dritte Kultur hatte auch nie den Anspruch, Wissen und Erkenntnisse für ein breites Publikum aufzubereiten. Es waren die interdisziplinären Forschungsrichtungen, die Wissenschaftler seit den 80er Jahren dazu gezwungen haben, ihre Arbeiten in anspruchsvollen, aber für fachfremde Leser trotzdem verständliche Texte zu fassen. John Brockman hatte ihnen lediglich dabei geholfen, ihre Bücher auch jenseits der Wissenschaften an ein gebildetes Publikum zu verkaufen. Trotzdem wird man an diesem Abend das Gefühl nicht los, dass Minsky und Dennett längst geschlagene Schlachten noch einmal ausfechten müssen.
Zugegebenermaßen entwerfen die Vertreter der Dritten Kultur ein recht unromantisches Bild vom Menschen. Bewußtsein, Denken, Lernen und selbst den freien Willen demystifizieren sie als natürlich Vorgänge, die bei aller Komplexität erklärbar sind. So demontierte der Neuropsychologe Steven Pinker letztes Jahr in seinem Bestseller “Das unbeschriebene Blatt" die Grundlagen des humanistischen Menschenbildes, indem er Locke, Rousseau und Descartes zu Leibe rückte.
Daniel Dennett geht noch einen Schritt weiter und untersucht in seinem neuen Buch “Freedom Evolves" die Ursprünge von Ethik, Moral und freier Entscheidung mit den Argumenten der Neurowissenschaften, der Biosoziologie und der Philosophie. Determinismus, so sein Schluß, stehe keineswegs im Widerspruch zum freien Willen des Menschen, denn er habe die Menschheit geradezu angestachelt, mit den Realitäten der Evolution fertig zu werden. Für Gott bleibt bei dieser Weltsicht allerdings kein Platz, denn Gott steht für Willkür, Zufall und Widersprüchlichkeit. Die darf es in der Wissenschaft jedoch nicht geben, immerhin folgt selbst die Chaostheorie einer Art eigenem Regelwerk.
Kein Wunder also, dass sich neben der triumphierenden Zustimmung der Agnostiker im Publikum auch Zweifler melden. Bruce Feiler zum Beispiel, selbst Bestsellerautor, der in seinem letzten Buch mit missionarischem Eifer die Gemeinsamkeiten der Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam in der Figur des Propheten Abraham aufzeigte. Von den übrigen Teilnehmern unerkannt stellt er sich ans Publikumsmikrophon und fragt, ob sich die Wissenschaft mit dem Modell der multiplen Universen nicht um die viel schwierigere Erklärung des Einen und der Unendlichkeit drücke. Worauf ihn Marvin Minsky belehrt, es sei unmöglich, herauszufinden, ob man sich in einem singulären Universum befinde, die Erklärung mehrerer Universen sei jedoch wissenschaftlich haltbar.
Ein anderer Zuhörer handelt sich von John Brockman die Rüge ein, ob er hier seine Mitschriften aus dem Erstsemester referiere, als er wissen will, warum Minsky und Dennett so leidenschaftlich gegen Religion argumentierten, obwohl der Vater der Biosoziologie Edward O. Wilson den Glaube als eine der großartigsten Ideen der Menschheit beschrieben. Dennett zeigt jedoch Geduld und erläutert dem jungen Mann, man könne Religion mit dem Heißhunger auf Süßes vergleichen. Dieser Drang, alles Süße sofort und in großen Mengen aufzuessen habe während früherer Entwicklungsstufen der Menschheit eine wichtige Rolle gespielt, um Energie zu speichern. Da der Mensch aber heute in der Regel keine langen Winter in der Steppe mehr überleben muß, schade ihm der Zuckertrieb nun mehr als dass er ihm nutzt. Genauso sei es mit der Religion. Die habe über Jahrhunderte den großen Dienst geleistet, Erklärungen für das Unerklärliche zu liefern. Diese Funktion habe sich jedoch längst überlebt und halte den Menschen vielmehr davon ab, Erkenntnisse zu gewinnen.
So populär argumentieren die Vordenker der Dritten Kultur nur selten, doch genau so könnte man den pragmatischen Aspekt ihrer Kampfansage resümieren. Es geht ihnen nicht nur um die Ehre intellektuelle Oberhoheit. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts stehen die Wissenschaften kurz vor enormen Schritten. Das menschliche Genom ist entschlüsselt, die Nanoebene der Technologie erreicht, menschliche und künstliche Intelligenz sind erforschbar. Angesichts der neuen Möglichkeiten empfindet die Wissenschaft dogmatische Ethik und die moralischen Lasten der Geschichte als Hemmschuhe, die den Fortschritt unnötig bremsen. Ganz zu schweigen von der Wissenschaftspolitik eines Präsidenten, der auf Wähler Rücksicht nehmen muß, die den Schöpfungsgedanken noch als bare Münze nehmen.
Erst kürzlich verzweifelte Steven Pinker in einem Essay über die laienhaften Ethiker, die Forschung gesetzlich einschränken wollen und dabei mit den Gefahren von technologischen Möglichkeiten argumentiert, die eher im Bereich der Sciene Fiction anzusiedeln sind. Dabei fordert die Dritte Kultur keineswegs den totalitären Wissenschaftsglauben, der ihr so oft vorgeworfen wird. Es gehe nicht darum, den Mensch auf seine biologischen und physikalischen Prinzipien zu reduzieren, schreibt John Brockman in “The New Humanists". Kunst, Literatur, Geschichte und Politik müßten lediglich lernen, die Naturwissenschaften wieder in den intellektuellen Prozess einzugliedern. Nur dann könnten Natur- und Geisteswissenschaften gemeinsam an der Zukunft arbeiten.
Man verspricht sich so einiges von einem Abend, der damit beginnt, dass der Pionier der künstlichen Intelligenz Marvin Minsky das Publikum erst einmal mit dem Satz “Ich glaube nicht, dass das Universum existiert", alleine läßt. Das ist genau die Sorte Provokation, die man von dem schmunzelnden 76jährigen gewohnt ist, der an diesem Abend gerade mit zerrupftem Haarkranz und Hawaiihemd einem Linienflug Tokio-New York entstiegen ist, und sich schon mal präventiv entschuldigt, der Jet Lag könne seine Argumentationsketten heute vielleicht etwas durcheinanderbringen. Das ist natürlich Koketterie, denn er belehrt seine Zuhörer innerhalb von zehn Minuten mit bestechender Klarheit darüber, dass das Universum genauso ein überholter Begriff sei, wie Bewußtsein oder Gott, schließlich könne das Universum nicht in sich selbst existieren, es müsse vielmehr eines von vielen Universen sein. Und damit hat er das Gespräch auch schon auf Touren gebracht.
John Brockman, Literaturagent und Herausgeber des Onlinemagazines
Edge, hat Marvin Minsky an diesem frühen Abend zusammen mit dem Wissenschaftsphilosophen Daniel Dennett zu einer Podiumsdiskussion in den Lesesaal der New Yorker Buchhandlung Barnes & Noble am Union Square geladen. Anlaß ist die Veröffentlichung des Essaybandes “The New Humanists
" (Barnes & Noble Books, New York, 496 Seiten, US $ 19,95), in dem John Brockman die wichtigsten Argumente der Dritten Kultur mit Texten von Wissenschaftspromis wie Marvin Minsky, Daniel Dennett, Steven Pinker, David Deutsch, und Jared Diamond noch einmal zusammengestellt hat. Der Titel ist ganz wörtlich zu nehmen - seit 12 Jahren kämpft John Brockman für jene Bewegung aus Naturwissenschaftlern und Wissenschaftsphilosophen, die den Geisteswissenschaften die intellektuelle Oberhoheit streitig machen. In seiner Einführung umschreibt Brockman nochmals die Stoßrichtung der Kampfansage: ein vom Wissenschaftsoptimismus geprägtes neues Denken gegen den Kulturpessimismus des modernen Humanismus.
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