New York 11.08. '05 - Es waren nie die Schriftsteller und Rockstars selbst, die sich zur Stimme ihrer Generation erklärten. Im Gegenteil, J.D. Salinger und Jack Kerouac empfanden ihre Rolle genauso als unerträgliche Bürde wie Bob Dylan und Kurt Cobain. Bret Easton Ellis geht es da ganz ähnlich, nur dass er sich etwas lässiger damit auseinandersetzt. “Ich fand mich plötzlich als Stimme meiner Generation wieder", schreibt er über den Erfolgsstrudel nach seinem Erstlingsroman im ersten Kapitel seines neuen Romans “Lunar Park", der nächste Woche in den USA erscheint (Knopf, New York, 308 Seiten, $ 24,95). Dann demontiert seinen Status gleich mit der abfälligen Bemerkung “Es schien keine Rolle zu spielen, dass ich erst 21 Jahre alt war und es eben gerade keine anderen Stimmen gab." Mit Verve packt er das Thema seiner selbst in die ersten dreißig Seiten, um sich dann aus der literarischen Nabelschau heraus ohne Vorwarnung in eine Satire auf die Herausforderungen an das Leben im mittleren Alter zu katapultieren, in der er sich statt einem Alter Ego eine Altera Vita zimmert.
Der Kunstgriff klingt prätentiöser, als er ist, auch wenn das nicht einmal ein berechtigter Kritikpunkt wäre, schließlich ist Bret Easton Ellis die literarische Stimme jener Zwischengeneration, für die neben ideologischem Stilbewußtsein, Clubkultur, Madonna und Jim Jarmusch vor allem eine chronische Selbstüberschätzung stand, die mit großer Geste das eigene Mittelmaß als historisches Ereignis feierte und die sich ansonsten mit entwaffnender Ironie aus der Verantwortung stahl. Das mag prinzipiell unterhaltsam sein, hat sich aber gerade in der Literatur oft genug als Blindgänger erwiesen.
Mangelnde literarische Qualität hat man auch Bret Easton Ellis oft genug vorgeworfen, ausserdem Oberflächlichkeit, Frauenfeindlichkeit, Selbstverliebtheit, sowie die Verherrlichung von Drogen und Gewalt. In Deutschland kam sein Roman “American Psycho" für letzteres sogar auf den Index für jugendgefährdende Schriften. Ellis mokiert sich über seine Kritiker von der erste Zeile an, indem er die ersten Sätze seiner sämtlichen Romane durchanalysiert und dabei seinen Werdegang als Schriftsteller psychologisiert. So landet er auch gleich mitten in seinem aufregenden Leben als Jungstar der Literatur, der Mitte der 80er Jahre gemeinsam mit Jay McInerney, Tama Janowitz und einer neuen Generation hipper, erfolgsbewußter Lektoren das New Yorker ’Literary Bratpack' bildete, das sich mit seinen ironie- und drogengeschwängerten Büchern aufmachte die Welt des Pop zu erobern.
Man darf nicht vergessen, dass Ellis dabei die entscheidende Stimme war, und er es war, der eine ganze Generation gleichaltriger und nachfolgender Schriftsteller geprägt hat, auch wenn er das natürlich abstreitet. Ohne Ellis hätte es keinen Christian Kracht, keinen Michel Houellebecq und keinen Irvine Welsh gegeben, und wahrscheinlich auch nicht seine umso freundlicheren Antipoden wie Douglas Coupland, Nick Hornby und Dave Eggers. Ellis war es, der mit jedem Roman den richtigen Ton zum momentanen Lebensabschnitt seiner Generation fand, egal ob er in “Less Than Zero" und “Rules Of Attraction" den seelenlosen Hedonismus des Collegelebens auseinander nahm, den zynischen Kern des Karrierismus in “American Pyscho" oder die planlose Sinnsuche im Pop und Politik der 90er Jahre in seinem letzten Roman “Glamorama". Dabei täuschte er mit der Wucht von Rocksongs, Comicstrips und Actionfilmen über eine neue Sensibilisierung hinweg, die dem etablierten Literaturbetrieb verschlossen bleiben musste.
Natürlich war da auch immer eine Portion Neid dabei, schließlich konnte sich das Literary Bratpack mit seinen sechsstelligen Vorschüssen und den siebenstelligen Tantiemen aus Hollywood und aller Welt ein kosmopolitisches Glamourleben leisten, wie es sich zuletzt höchstens Hemingway und Capote erlauben durften. Nach der kurzen Introspektion beschleunigt Ellis deswegen auch gleich um ein Vielfaches und beschreibt sein Leben als Erfolgsliterat mit einer Aneinanderreihung von großen Namen und Ereignissen, als hätte er zwanzig Jahrgänge New Yorker Klatschkolumnen ausgewertet. Er erzählt von Ausflügen nach Mailand, Singapur und Köln, von einem Abendessen bei George W. Bush und einer Freundschaft mit Keanu Reeves, von Tete-a-tetes mit Christy Turlington und George Michael, von durchfeierten Nächten mit Bono, Michael Stipe und Bruce Springsteens Band und von Bodyguards, die ihm sein Verlag zur Seite stellt, damit er keine Drogen nimmt. Ganz bewusst verwischt er dabei Stück für Stück seine eigene Biografie mit dem überzeichneten Bild eines Sitten- und Kulturverfalls, aus dem er sich dann rechtzeitig zum zweiten Kapitel in das großbürgerliche Idyll einer modernen Erfolgsehe rettet.
Diese rasante Vermischung wahrer und unwahrer Biografiepunkte dient jedoch nur dazu, die Charakttere für die eigentliche Handlung des Romans aufzubauen. Der Bret Easton Ellis den er sich da in “Lunar Park" zusammendichtet heiratet trotz seiner sexuellen Ambivalenz eine ehemalige Liebelei, aus der ein fiktiver Sohn hervorgegangen ist. Jayne Dennis heißt seine Gattin, eine mittelmäßige Hollywoodschauspielerin, mit der er sich zerstritten hatte, weil sie eine Affäre mit Keanu Reeves anfing. Doch dann lässt er sich ausnüchtern und das Paar zieht mit dem gemeinsamen elfjährigen Sohn und der sechsjährigen Tochter aus einer anderen Beziehung der Schauspielerin in eine jener McMansions, wie man die etwas zu protzigen, aber seelenlosen Fertigvillen in den Luxusvororten der amerikanischen Großstädte nennt.
Ellis beschreibt zunächst das perfekte Bild eines Glamourpaares, das kurz vor der Mitte seines Lebens steht. Da sind die quengelnden Kinder, das bequeme Leben mit Personal, die etwas zu großen Autos und die Vergangenheit, die mit all ihren Verlockungen und psychologischen Fallen hinter jeder der manikürten Hecken lauert. Der Ellis aus “Lunar Park" schreibt an einem semipornografischen Roman, unterrichtet etwas lustlos Literatur an einem College, lässt sich vom zotteligen Campusdealer hin und wieder mit Drogen versorgen, beginnt eine Affäre mit einer Studentin, und versucht ansonsten das letzte Aufbäumen seines Suchtverhaltens und übergroßen Egos im Zaum zu halten.
Bald schon wandelt sich die fiktive Biografie von der Suburbiasatire zum buchstäblichen Horrorszenario, in dem der massenmordende Patrick Bateman aus “American Psycho" genauso eine Rolle spielt wie die verhasste Figur des verstorbenen Vaters und die geheimnisvolle Vogelpuppe der Stieftochter. Bret Easton Ellis hat aus seiner Bewunderung für Stephen King nie einen Hehl gemacht und bemüht sich auch gar nicht, seine Anleihen zu verbergen. Die Dynamik des Horrorromans verbietet es natürlich auch, hier allzu weit in den Handlungsverlauf einzudringen.
Man kann sich auch diesmal über seinen Roman streiten. Ob er sich seinem Vorbild zu stark angenähert, von der eigenen Person zu weit entfernt oder doch eigentlich nur den eigenen Narzissmus befriedigt hat. Das rätselhafte erste Kapitel tut jedenfalls schon Wirkung. Die ersten Rezensenten suchen verzweifelt nach Fakten. Hat der kinderlose Ellis nicht vor zwei Jahren seinen Lebensgefährten verloren? Hat ihn dieser Tod nicht aus der Bahn geworfen? Verbringt er seither nicht viel Zeit bei seiner Mutter in Los Angeles? Versucht er etwa mit dem familiären Suburbiaidyll auf falsche Fährten zu führen? Ellis hat verlauten lassen, dass er gar nicht daran denkt, den Grenzverlauf zwischen Dichtung und Wahrheit in “Lunar Park" preiszugeben.
“Ich war ein Enigma und das war es was zählte", schreibt er da. "Das verkaufte Bücher und machte mich immer berühmter." Mit all dem Glamour, der aufgezwungenen Bedeutungsschwere, der mysteriösen Aura spielt Ellis in “Lunar Park" mit einer fast verachtungsvollen Lässigkeit. Doch auch diesmal können seine Tricks und Finten, seine Blendereien und Pirouetten nicht darüber hinwegtäuschen, dass er natürlich weiterhin für seine Generation spricht. Vielleicht lässt sich der Horror der Erkenntnis, dass da draußen in der Suburbia nur die Lebensumstände, aber nicht der eigene Kopf erwachsen geworden sind nur als Horrorkomödie ertragen. Vielleicht ist die klammheimliche Freude, wenn das Idyll so jäh von äußerer Gewalt zerfetzt wird größer, als die Zufriedenheit des Erfolges. Das wäre eine fast schon altmodische Rebellion gegen das Bürgerliche, das Gesetzte, das gesellschaftlich Erstrebenswerte. Aber gerade da findet Bret Easton Ellis eigentlich zu sich. Denn in seinem tiefsten Inneren bleibt er ein Moralist. Auch wenn das manchmal nur schwer zu erkennen ist.
|