Jenseits von Wut und Börse

Der Triumph der alten Werte über die Jugendkultur der Dotcoms
© Andrian Kreye



Niemand ist letzten Freitag an der Wall Street aus dem Fenster gesprungen, und es hat sich auch keiner seinen Laptopcomputer um den Hals gebunden, um sich von der Brooklyn Bridge zu stürzen. Zwar sind an einem einzigen Handelstag über eine Billion Dollar vom Erdboden veschwunden und irgend jemand muss das ja bezahlen, aber die Hauptgeschädigten, die Dotcoms, wie die jungen Entrepreneure und Cyberpioniere genannt werden, saßen nur etwas betreten in ihren Lofts an der Silicone Alley und in ihren Arbeitsparks im Silicone Valley, ein wenig wie Lausebengel, die beim Griff in die Keksdose erwischt wurden. Es hat kaum Familienväter getroffen und kaum Institutionen. Die meisten der Jungmillionäre sind Anfangs- und Mittzwanziger, die seit ihrem Aufstieg oft nicht einmal die Zeit gehabt haben, aus ihren Einzimmerappartments auszuziehen und sich nach wie vor von Pizzas und Softdrinks ernähren. Für sie ist der Reichtum noch so neu und unerwartet, dass es in New York und Kalifornien inzwischen Psychologen gibt, die sich auf die Therapie des Sudden Wealth Syndrome spezialisiert haben. Die Dotcoms haben hoch gespielt und hoch verloren. Pech für die Spekulanten und Kleinanleger, die sich auf die Hysterie eingelassen haben. Die werden wohl auf der Strecke bleiben.

Der Dotcom Collapse, wie das Time Magazine titelte, wird weder die Grundfesten des Systems noch die der Gesellschaft erschüttern. Deswegen sehen die Wirtschaftsprofis trotz Rekordbaisse der Zukunft eher gelassen entgegen. David Malpass von Bear Sterns sagte: “Man kann es eine strenge Korrektur nennen. Aber ich erinnere mich an den Crash von 1987, als sich die Leute Sorgen machten, ob unser Finanz- und Bankensystem überhaupt noch funktioniert. So ist es diesmal nicht. Die Leute machen sich eher Gedanken darüber, was die angemessenen Werte sind." Und Ed Yardeni, Wall-Street-Guru der Deutschen Bank, sagt: “Die Blase ist geplatzt, aber die Wirtschaft kann auch die nächsten zehn Jahre weiter wachsen."

Ausserhalb der heiligen Hallen der Hochfinanz macht sich in New York sogar so etwas wie Schadenfreude breit, obwohl es für diese Form der Häme in der englischen Sprache nicht einmal ein Wort gibt. Ein Aufatmen der Erwachsenen, dass die Börse die Jugend endlich in ihre Schranken verwiesen hat. Denn die Dotcoms begnügten sich nicht damit, brav und redlich Geld zu verdienen. Sie hatten eine Kulturrevolution ausgerufen, die für alle sichtbar aus dem mythischen Moloch Manhattan einen urbanen Vergnügungspark für infantile Jungmillionäre gemacht und die Kulturmetropole in die Welthauptstadt der Habgier verwandelt hat.

Ein Spaziergang durch die Lower Eastside reicht, um zu sehen, wie rapide sich die Stadt verändert hat. Es ist noch keine drei Jahre her, da lebten in den Straßenzügen zwischen der Houston und der Delancy Street vor allem lateinamerikanische Einwanderer und verarmte Subkulturelle. Abgemagerte Junkies schlichen umher, aus den Kellern schepperte die Musik der Underground Bands, in den oberen Etagen brannten Tag und Nacht die Neonröhren der Sweatshops und nur wenige Mutige wagten es, hier eine Kneipe zu betreiben. Heute glühen Niedervoltlampen in den betagten Mietskasernen, in denen man für eine eilig zurechrenovierte Etage jetzt sechtausend Dollar Monatsmiete bezahlt, steht an der Ecke Houston und Ludlow Street mitten auf der Straße ein mobiler Geldautomat, haben Sushibars und Lounges die Bodegas und Kramerläden vertrieben, und auf der Orchard Street, der Meile der Discountkleidergeschäfte, wurden die ersten Designerboutiquen eröffnet. Da kann man im Alife für 500 Dollar japanische Actionpuppen kaufen, oder im Zao ein Seidenjackett für 9000.

Fauxhemians nannte das New York Times Magazine die Kids, die zu viel Geld hatten, um richtig jung sein zu können, die frisch vom College mit ihren Internetfirmen an die Börse gingen, und trotz ihrer Millionen nicht auf die Popkultur verzichten wollten, die ihrem Alter entspricht. Ein Triumphzug der Jugend, der die Erwachsenen in Angst und Schrecken versetzte. Der Hippie-Schlachtruf “Trau keinem über dreißig" war plötzlich zur grausamen Wirklichkeit der Arbeitswelt geworden. Horden von Früh- und Mittdreißigern ließen sich die Haare färben, Nasenringe stechen und das Fett aus Kinn und Bauch absaugen, um unter dem Diktat der Jugend zu bestehen. Erst letzte Woche analysiert das das New York Magazine die kollektiven Versagensängste der nicht mehr ganz so jungen und setzte den neuen Beginn der Midlife Crisis für 35 Jahre an. Denn die Dotcom-Twens schienen unschlagbar.

Natürlich wurden sie gefeiert. Lebten sie doch den ultimativen amerikanischen Traum vom Sieger auf dem freien Markt. Doch so sehr Amerika den Erfolg vergöttert, so zuwider ist ihm der Exzess. Gott belohnt die Tüchtigen, aber dreistellige Millionensummen für eine schlichte Idee grenzen an Sünde und Frevel. Die Yuppies der 80er Jahre lebten ihre Gier wenigstens noch in den Traditionen des Wirtschafts-Establishments aus. Sie verstanden sich als Erben des Kapitalismus, arbeiteten sich aggressiv von unten nach oben, trugen Brooks-Brothers-Anzüge, wohnten auf der Park Avenue und das große Geld behielt seine elitäre Aura. Die Welt war vielleicht nicht ganz gerecht, aber doch in Ordnung. Die Dotcoms aber scherten sich nicht um die Alten und verweigerten sich den Institutionen, weil sie ihnen längst überlegen waren. Während die Titanen an der Wall Street noch mit ihren E-mail-Programmen kämpften, hatten sie schon längst neue Welten im Cyberspace geschaffen. Und von der Unsicherheit die daraus folgte, haben sie gewaltig profitiert.

Niemand wollte den Zug verpassen, sich nachsagen lassen, nichts zu verstehen, der Jugend hinterherzuhinken. Gegen jede Vernunft überhäuften die Venture-Capital-Firmen die Dotcoms mit Millionen, obwohl sich die nicht einmal die Mühe machten, Gewinne zu versprechen. Über 80 Prozent der Internetfirmen, die in den USA an die Börse gingen, haben bisher noch keinen Profit gemacht. Die Börse, bisher Gradmesser für wirtschaftliche Realitäten, wurde so zum Marktplatz der Illusionen und Phantasien - virtuelle Luftschlösser waren plötzlich mehr wert, als jahrzehntelang gewachsene Firmen. Spätestens als der Internetprovider AOL den Medienkonzern Time-Warner übernahm, machte sich an der Wall Street ein mulmiges Gefühl breit.

Natürlich gab es schon früher Zweifel. Doch die räumten die Dotcoms mit der selbstbewußten Arroganz der Jugend aus dem Weg. Als sich die Verlage beim Chef des Internetbuchhandels Amazon.com Jeff Bezos beschwerten, dass er negative Leserrezensionen auf seinen Seiten veröffentlichte, und ihm vorwarfen, er verstehe ihr Geschäft nicht, sie verkauften Bücher, um Geld zu verdienen, antwortete er frech : “Nein, Sie verstehen unser Geschäft nicht. Wir machen kein Geld."

Und nun also der Crash. Ganz altmodische Faktoren haben ihn ausgelöst. Alan Greenspans Heraufsetzen der Leitzinsen, das Urteil gegen Microsoft, die Meldung, dass die Inflationsrate 0,2 Prozent höher liegt, als erwartet. Der Triumph der alten Werte über die wohl erfolgreichste Jugendkultur aller Zeiten. Die erwachsene Welt atmet auf, denn diesmal, so schien es bis letzte Woche, war die Rebellion nicht aufzuhalten. Es gab keinen Weg, sie zu verniedlichen oder zu vereinnahmen wie all die Jugendbewegungen zuvor, denn die Dotcoms hatten das Ghetto der Subkulturen verlassen und sich der ultimativen Domäne der Erwachsenen bemächtigt - der Weltwirtschaft. Damit waren einer Gesellschaft, in der Wohlstand und Reichtum als ultimativer Beweis für ein erfolgreiches Lebens gilt, die Argumente ausgegangen. Der Crash hat ihnen den Glauben an die Gerechtigkeit in der Welt zurückgegeben.

Steht deswegeb das Ende der Dotcoms bevor? Keineswegs. Ein neues Label werden sie sich suchen müssen. Aber sie bleiben die Pioniere einer Entwicklung, die auch ein Börsenfiasko nicht aufhalten wird. Die Grenzen zwischen Neuem und Altem Markt werden sich auflösen, sobald sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass das Internet keine vierte Dimension, sondern lediglich einen neuen Vertriebsweg für Kommunikation und Produkte darstellt. Einige Firmen werden sich schon bald erholen, vor allem wenn sie Strukturen schaffen wie Microsoft oder Cisco. Andere werden auf der Strecke bleiben. Allzu große Sorgen müssen sich die Dotcoms trotzdem nicht machen. Es werden immer noch die 20- bis 30jährigen sein, die Innovationen schaffen. Und selbst die Bankrotteure unter ihnen haben glänzende Karrieren vor sich. Denn wer kann mit Mitte zwanzig schon von sich behaupten, aus dem Nichts eine millionenschwere Firma aufgebaut und auch gleich wieder gegen die Wand gefahren zu haben. Das sind Erfahrungswerte, die kann ihnen keiner mehr nehmen. Zurück zum Inhalt