Ein Großteil der Gäste hat seinen Namen zum ersten Mal auf der Einladung für die alljährliche Benefizgala des Simon Wiesenthal Center gelesen und dabei erfahren, dass Bono der Vorsänger einer irischen Rockgruppe namens U 2 ist und ansonsten erstklassige Menschenrechtsarbeit leistet. Warum das Simon Wiesenthal Center ausgerechnet ihm den alljährlichen Humanitarian Laureate Award verleiht, kann niemand so genau sagen. Die ersten drei Ansprachen drehen sich jedenfalls um das neue Kulturzentrum, den Holocaust und Antisemitismus, Themen mit denen Bono eigentlich nichts zu schaffen hat. Aber dann betritt endlich Professor Jeffrey Sachs die Bühne, der Wirtschaftswissenschaftler aus Harvard, von dem Bono so einiges über den Schuldenberg der Dritten Welt gelernt hat, über die diskriminierende Struktur Weltmarktpreise, und über die unmenschlichen Patentrechte, die verhindern, dass billige Aids-Medikamente für Afrika produziert werden. Alles Dinge, für die sich Bono seit einigen Jahren bei Staatschefs und Wirtschaftskapitänen einsetzt, wie Professor Sachs in der Laudatio erklärt. Dann hängt er dem Rockstar einen Orden um und Bono faltet sein Textblatt auf.
Dem durchschnittlichen Rockfan würde sich in den nächsten zehn Minuten sicher der Magen umdrehen. Bono klingt wie ein Grünenabgeordneter nach einer Überdosis Pfefferminztee, erzählt in blumigen Worten von afrikanischen Aidsdörfern, von Armut, Hunger, Krankheit, sagt Sachen wie: “Gott ist längst vor auf die Knie gegangen und bittet uns inständig, diesen Supertanker der Gleichgültigkeit zu stoppen." Aber gerade weil er keine Sekunde den coolen Rockstar gibt, funktioniert seine Rede. Und ist das nicht sowieso der Bono, den so viele nicht ertragen, weil er schon immer mit Pathos und großer Geste gearbeitet hat?
“Es kann nicht angehen, dass wir kalte Sprudelgetränke bis in den hintersten Winkel der Welt schaffen können, aber keine Medikamente", fährt er fort. Die antikapitalistische Spitze ist geschickt kalkuliert. Bono weiß sehr wohl, wen er hier vor sich hat. Auf den Spendenkärtchen fürs neue Kulturzentrum, die jeder bekommen hat, kann man schließlich Summen zwischen 25.000 und einer Million Dollar ankreuzen. Und so schlägt er auch gleich die rhetorische Harke: “Es darf nicht darum gehen, die Konzerne anzuklagen. Wenn wir Afrika retten wollen, brauchen wir die Coca-Cola-Kühlwagen und die Pharmafirmen sogar ganz dringend." Das kommt an. Das gibt Applaus.
Als die Lichter im Saal wieder angehen, ist es ganz egal, wie unbeholfen der Abend verlief. Bono hat seinen Preis schließlich nicht dafür bekommen, weil er George Bush dazu überredet hat, fünf Milliarden Dollar mehr für Afrika lockerzumachen, die G-8-Staaten zum Nachdenken über die Schulden der Dritten Welt brachte oder den Papst für den Kampf gegen das Elend in Afrika mobilisierte. Letztlich ging es um etwas ganz anderes. “Ich bin nicht einfach nur Rockstar", erklärt Bono die Dynamik solcher Veranstaltungen. “Ich bin vor allem prominent. Prominenz ist eine Währung und ich habe inzwischen gelernt, wie man die investieren kann." Wen kümmert es also, dass Bono und das Wiesenthal Center nicht viel miteinander zu tun haben? Das Wiesenthal Center kann mit einem glamourösen Ehrengast wie Bono die Jugend rekrutieren. Bono kann seine Anliegen in einem ganzen Saal voller Entscheidungsträger vortragen, die mit seiner Musik nichts anfangen könnten. Beide kommen in die Medien. Und genau dafür hat er einen Preis verdient. Weil er als Pionier der sozial engagierten Superstars dafür gesorgt hat, dass sich der rebellische Symbolismus der Woodstock-Generation in konkreten Aktivismus verwandelte.
Sein Schlüsselerlebnis hatte Bono, als er vor zwanzig Jahren sechs Wochen lang als Entwicklungshelfer in einem äthopischen Flüchtlingslager arbeitete. Später half er Bob Geldorf bei Live Aid, engagierte sich für Amnesty International und Greenpeae. Sein Vorbild machte Schule. Heute ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Stars für einen guten Zweck einstehen. Nicht alle beweisen dabei so viel politisches Geschick und Wissen wie Bono. Erst neulich taumelte die Schauspielerin Angelina Jolie mit verwirrtem Gesichtsausdruck über kambodschanische Minenfelder. Schon legendär ist das Zitat von Mariah Carey, die sagte: “Wenn ich diese armen, hungernden Kinder im Fernsehen sehe, muß ich immer weinen. Ich wäre ja auch gerne so dünn, aber nicht mit all den Fliegen und dem Sterben und dem Kram." Aber das verlangt ja auch keiner. Bono wurde von seinem Freund Jeffrey Sachs so umfassend geschult, dass er auf jedem Podium bestehen kann. Und für die nicht ganz so gebildeten Unterhalter gibt es inzwischen Agenten, die dafür sorgen, dass sich die Stars für einen Zweck engagieren, der ihnen wenigstens ansatzweise nahesteht.
Bei der Allianz zwischen Glamour und Wohltätigkeit geht der gegenseitige Nutzen weit über die der traditionellen philanthropischen Zweckgemeinschaften hinaus. Während das soziale und kulturelle Engagement für Konzernchefs und Investoren harte Steuerdollars, ist es für Stars vor allem der enorme Prestigegewinn, der sich auszahlt. Bestes Beispiel dafür ist Leonardo di Caprio. Der geisterte nach seinem Erfolg mit “Titanic" als wilder Partyboy durch die Klatschpresse, der mit seinen Freunden in Luxusgeländewagen durch New York und Hollywood kurvte und sich in Nobellokalen betrank. Noch mehr schlechte Presse gab es, als bekannt wurde, dass die Dreharbeiten für “The Beach" in einem thailändischen Nationalpark schweren Schaden angerichtet hätten. Mit einem publizistischen Kraftakt stilisierte sich di Caprio daraufhin innerhalb von wenigen Monaten zum prominentesten Sprecher der Umweltbewegung, wurde zum Ehrenvorsitzenden des Earth Day 2000 ernannt und durfte sogar den damaligen Präsidenten Bill Clinton interviewen.
Hinter dem Imagewechsel stand Ken Sunshine, der zuvor Politiker wie David Dinkins und Hillary Clinton beraten hatte. Ken Sunshine gehört auch zum Vorstand der Creative Coalition, einer Art Anbahnungsinstitut für Stars und ihre guten Zwecke, zu der neben Bestsellerautoren und Fernsehstars vor allem Hollywoodgrößen wie die Baldwin-Brüder, Robin Williams und Harvey Keitel gehören. Für die Wohltätigkeitsorganisationen sind die Promis ein Geschenk. Ein Benefizdinner mit einem Superstar bringt leicht das Zehnfache an Spenden und Presse wie eine Gala ohne Zugpferd.
Bono bringt den Prozess noch einige Schritte weiter. Er betreibt seine Lobbyarbeit für Afrika inzwischen in den obersten Etagen von Politik und Wirtschaft und hat so dafür gesorgt, dass Stars von den Entscheidungsträgern ernst genommen und als Gesprächspartner akzeptiert werden.
Gepsräche mit George Bush, Kofi Anan und dem Papst - wirklich cool ist so viel Realpolitik nicht. Seine Bandkollegen nehmen ihm seinen missionarischen Eifer auch hin und wieder übel. Das nimmt er hin. Kokettiert sogar und meint, seine Managerin Sheila Roche habe ihn schon gebeten, doch wenigstens ab und zu mal ein Hotelzimmer zu zertrümmern oder wegen Drogen verhaftet zu werden. Aber als die Combo zum Abschluß seinen Hit “I still haven't found what I'm looking for" als Bossa Nova spielt, lächelt er höflich und posiert noch für ein Foto.
Bono weiß was sich gehört. Er hat sich einen schwarzen Anzug angezogen, ein sauberes Hemd und eine Krawatte. Immerhin wird er an diesem Abend im Ballsaal des New Yorker Marriott Marquee Hotels für seine Verdienste an der Menschheit ausgezeichnet. Das ist selbst für einen Rockstar mit einer Wagenladung Video- und Schallplattenpreise ein besonderes Ereignis. Nur die blaugetönte Romeo-Gigli-Brille bleibt. Irgendwie muß er ja in der Menge der Smokingträger als Rockstar erkennbar bleiben. Etwas linkisch sitzt er zusammen mit Helena Christensen am runden Tisch mit den Honoratioren. Eine Jazzcombo spielt Evergreens. Es gibt ein dreigängiges koscheres Menü. Bono läßt sich begaffen.
Zurück zum Inhalt