Musikalisch verläuft diese Trennlinie genau zwischen den Anhängern von Bruce Springsteen und Bon Jovi. Bei Springsteen hört man zu. Bon-Jovi-Konzerte sind dagegen ein Phänomen, das Forscher der TU Dresden gerade anhand der La-Ola-Welle als Zusammenspiel Masseteilchen beschrieben, die ab einem gewissen Siedepunkt wie Moleküle in einer chemischen Reaktion als gemeinsames Ganzes in Bewegung kommen. Für einen Rockstar ist es dabei mindestens so schwierig, ein ganzes Stadion voller Fans ohne den Kitzel von Punkt- und Torsiegen eineinhalb Stunden lang im Zustand dieser Eksatase zu halten, wie für einen Barden a la Springsteen, Texte zu schreiben, die Millionen aus der Seele sprechen.
Bon Jovi gelten schon seit den 80er Jahren als Meister des Stadionrock. Popintellektuelle hatten für dieses Genre immer nur ein mitleidiges Lächeln übrig. Aber wenn Jon Bon Jovi 100.000 Menschen dazu bringt frenetisch einen Refrain mitzubrüllen, nur um sie Minuten später mit der Patriotenschnulze “America The Beautiful" zu Tränen zu rühren, erübrigt sich der popkulturelle Diskurs. Bon Jovi schreiben eben keine Songs für die Ewigkeit, sondern - wie der Begriff schon sagt - fürs Fußballstadion.
Beim Interview in einer Hotelsuite am Byrant Park ist Jon Bon Jovi froh, dass er nicht über seine Haare reden muß, die im übrigen nicht mehr ganz so auftoupiert sind, und nicht darüber, ob es politisch korrekt ist, den Bandnamen zur offiziellen Verzierung von VW Golfs freizugeben. Auf die Frage, warum das neue Album “Bounce" eigentlich genauso klingt, wie die anderen 12 Bon-Jovi-Platten auch, hat er allerdings eine Antwort: “Man kann das Rad nicht neu erfinden", sagt er. “Im Rock'n'Roll bezieht sich sowieso alles nur auf die Zwei und die Vier." Dann stößt er mit den Fäusten in die Luft und demonstriert den klassischen 2-4-Rockbeat: “Bumm - tschah, bumm - tschah!"
Tico Torres, der Schlagzeuger, sitzt daneben und nickt. Zur Veröffentlichung von “Bounce" haben Bon Jovi beschlossen, Interviews gemeinsam zu geben. Richie Sambora ist nur noch kurz im Nebenzimmer um dem Fachmann irgendeiner Gitarrenzeitschrift zu erzählen, welche Effektpedale er an welche Keule anschließt. Auf alle Fälle wollen sie ihr Image als Jungs von der Band pflegen.
Eine ganz gute Idee, immerhin ist Jon jetzt auch schon 40. Ganz egal, dass er mit seinen blonden Strähnchen, den engen Jeans und den Stiefeln aussieht, als habe ihn jemand aus einem Rockmagazin der 80er Jahre ausgeschnitten. Bands altern in den Augen der Fans nicht so schnell wie Stars. Außerdem verkaufen sie sich länger als Live Act. Die greisen Stones führen das in regelmäßigen Abständen vor. Und für Stadionbands wie Bon Jovi, die selten Hits mit Zeug zum tantiementrächtigen Klassiker schreiben, ist das durchaus ein Wirtschaftsfaktor.
Deswegen, so erklärt Tico Torres, verwenden sie auch keine Schlagzeugmaschinen. Die hohe Kunst der Massenhysterie - das läßt sich nicht programmieren. Und Jon fügt hinzu: “Wenn ich da oben stehe, dann muß jeder einzelne das Gefühl habe, dass ich jede Zeile für ihn persönlich singen. Weil im Prinzip funktioniert Bon Jovi immer noch wie eine Barband. Nur sind unsere Bars eben größer geworden."
Sehr kokett. In Wahrheit war es natürlich ein langer Lernprozeß, Menschensmassen von diesem Ausmaß in den Griff zu bekommen. Vor allem der Sprung in die Liga der Weltstars war nicht ganz leicht. Jon Bon Jovi erinnert sich noch gut an die Auftritte im Glasnost-Moskau von 1989. “Wir haben aus lauter Eitelkeit darauf bestanden, als letzte zu spielen. Vor uns war diese kleine, alte deutsche Band dran. Scorpions hießen die. Die haben keine einzige Dynamik ausgespielt, sondern sind wie eine Panzerdivision einfach durchmarschiert. Dann kamen wir." Er lacht. “Wir sind so jämmerlich eingegangen. Alles was sonst so gut ankam, Worte, Refrains, Balladen, nichts hat funktioniert. Kein Mensch konnte englisch. Niemand kannte unsere Stücke. An dem Abend haben wir viel gelernt."
Heute kriegen Bon Jovi sogar ein feindseliges Publikum auf ihre Seite. Darauf ist Jon Bon Jovi besonders stolz. “Wir sind vor ein paar Jahren mit all diesen hippen Bands im Madison Square Garden aufgetreten", erzählt er. “Green Day, Hole, Weezer. Alle haben nur darauf gewartet, dass wir da gegen die Wand fahren. Nach unserem Auftritt haben Green Day ihren Manager zusammengestaucht, dass sie nie wieder nach uns spielen wollen. Weil wir eben die Stadiontricks beherrschen wie sonst niemand."
Auch das neue Album taugt perfekt als Stadionprogramm. Da gibt es ein paar Powerballaden und viel Hardrock mit Refrains zum mitbrüllen. Der Unterschied zu Bruce Springsteen zeigt sich in den Titelnummern ihrer neuen Alben, die bei beiden eine Reaktion auf die Anschläge des 11. September sind. Springsteen appelliert auf “The Rising" an die Nation, wie ein Phönix aus der Asche des World Trade Center zu steigen. Bon Jovi sind nicht ganz so zimperlich. “Bounce", singen sie, was man in etwas mit “wieder hochspringen" übersetzen kann. Und dann mobilisieren sie jenen jovialen Fatalismus, den nur leidenschaftliche Sportfans verstehen: “Call it Karma, call it luck - Me I just don't give a fuck!" Jon Bon Jovi zuckt mit den Schultern. “Das war sehr persönlich", sagt er. “Aber ich glaube so denken viele hier. Wir lassen uns von nichts unterkriegen."
Breitbeinig paradierte Jon Bon Jovi im ärmellosen Muskelhemd vor 100.000 Footballfans die Bühne am New Yorker Times Square entlang, riß das Mikrofon in die Höhe, die Band hielt inne, ließ den frenetischen Jubel über sich branden. Dann fiel die Menge mit ein in den Refrain: “Shout! Come on Now! Shout!" Es schien nur logisch, dass Bon Jovi vergangene Woche das Superstarkonzert zum Beginn der NFL-Saison anführten. Das amerikanische Männervolk teilt sich schließ in zwei Sorten Mensch - die Baseball- und die Footballfans. Anhänger des Baseball sind zumeist friedfertige Bürger, die freudig mit dem Wimpel wedeln, wenn ihre Mannschaft mal wieder einen Punkt macht. Footballfans sind dagegen dafür bekannt, sich die nackten Bierbäuche in den Farben ihrer Lieblingsmannschaft anzupinseln und bei jedem gewonnen Meter Freudentänze aufzuführen, deren Gestik an die Drohgebärden fleischfressender Wildtiere erinnern.
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