DIE SINGAPURISIERUNG DER STADT NEW YORK

Bürgermeister Bloomberg hat
New York zu einer Boomstadt gemacht und
wird deswegen wiedergewählt.

© Andrian Kreye

New York 07.11. ’05 - Als sich die beiden Bürgermeisterkandidaten für die Stadt New York Michael Bloomberg und Fernando Ferrer am vergangenen Dienstag in einem Studio des Fernsehsenders WABC zu einer letzten Debatte vor den Wahlen am 8. November trafen, wurde man den Eindruck nicht los, dass da ein Schaukampf ausgetragen wurde, dessen Ausgang vorhersehbar ist. Der distinguierte ehemalige Stadtbezirkspräsident der Bronx und der elegante amtierende Bürgermeister gingen zwar mit aller rhetorischen Wucht aufeinander los. Doch der Demokrat Ferrer liegt in den Umfragen derzeit mit dreißig Prozentpunkten hinter dem Republikaner Bloomberg. Dafür gibt es zwei Erklärungen. Die eine findet sich in Fernando Ferrers Wahlkampfslogan “Würde gegen Geld". Über 65 Millionen Dollar hat Michael Bloomberg aus eigener Tasche in den Wahlkampf gesteckt. Dagegen musste Ferrer schon mehrere Kredite aufnehmen, um die knapp acht Millionen Dollar zu finanzieren, die sein Wahlkampf bisher gekostet hat.

Bloomberg kann sich das leisten. Schon vor vier Jahren hatte er 74 Millionen Dollar seines eigenen Geldes ausgegeben. Auf der Liste der 400 reichsten Amerikaner kam Bloomberg dieses Jahr mit einem Privatvermögen von 5,1 Milliarden Dollar auf Platz 40. Die Wochenzeitung Village Voice kommentierte seine ununterbochene Fernsehkampagne deswegen auch: “Das ist kein Wahlkampf mehr, das ist reine Häme."

Die andere Erklärung findet man in den Leitartikeln der örtlichen Zeitungen, die sich von der liberalen New York Times bis zur reaktionären New York Post fast ausnahmslos hinter Bloomberg gestellt haben. Unter ihm hat sich New York trotz der Anschläge vom 11. September und dem Börsencrash vor vier Jahren vom Problemfall zur Boomtown gewandelt. Wie kaum eine andere Stadt auf der Welt zieht New York die Reichen, Schönen und Ehrgeizigen mitsamt ihrem intellektuellen und ökonomischen Kapital an, die Immobilienpreise haben sich in den letzten vier Jahren vervielfacht, die Zahl der Touristen ist so hoch wie nie und auf der Liste der 210 amerikanischen Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern steht New York in punkto Kriminalität auf Platz 194.

Solche Erfolgsgeschichten kennt man normalerweise aus dem asiatischen Raum. Das hat seinen Preis und so ist die Singapurisierung der Stadt New York inzwischen auch für Normalbürger spürbar. Nicht nur, weil sich die Lebenshaltungskosten in den letzten vier Jahre verdoppelt haben und mit 64.000 Dollar Jahresunterhalt für eine vierköpfige Familie, die sich keine Markenartikel und auch kein Auto leistet an der absoluten Weltspitze liegen. Das hat die Bevölkerung der Stadt in die “zwei New Yorks" gespalten, die Fernando Ferrer als Wahlkampfargument ins Feld geführt hat. Ein Fünftel der New Yorker lebt inzwischen unterhalb der Armutsgrenze. Rund die Hälfte aller Schwarzen zwischen 18 und 35 Jahren sind arbeitslos. Wegen Rekordmieten und unerschwinglichen Immobilien pendeln New Yorker Angestellte inzwischen bis nach Philadelphia und Delaware.

Doch auch für die ansässigen Normalverdiener hat sich der Alltag spürbar verändert. Da ist man beispielsweise an einem Samstagabend in Brooklyn mit dem Fahrrad unterwegs. Auf einem dunklen Straßenstück, auf dem es häufig zu Unfällen kommt, empfiehlt es sich, kurz auf den menschenleeren Bürgersteig auszuweichen, doch da schneidet einem schon ein Streifenwagen den Weg ab. Mit der gebotenen Autorität erklären die beiden Beamten, dass man sich nun in Polizeigewahrsam befinde, nach einer halben Stunde händigen sie ein Formular aus - kein Strafzettel, sondern eine Vorladung vor den “Criminal Court" in Brooklyn Süd. Dazu der süffisante Hinweis, ein Versäumen des Gerichtstermins führe einen sofortigen Haftbefehl nach sich.

Nun sollte man glauben, dass man mit über vierzig Jahren aus dem Alter herausgewachsen ist, in dem man normalerweise straffällig wird und mal eine Nacht im Gefängnis verbringt. Doch eine kurze Recherche ergibt, dass man nun die Aussicht hat, sogar ganze drei Wochen auf der Gefängnisinsel Rikers Island zu verbringen, was für einen Europäer mittleren Alters eine durchaus lebensverändernde Erfahrung wäre, denn das Fahrradfahren auf dem Bürgersteig ist in New York ein kriminelles Verkehrsvergehen. Im Gegensatz zum Autofahren auf dem Bürgersteig, das mit einem Bußgeld geahndet wird.

Eine Nachfrage beim Leiter der New Yorker Fahrradfahrerinitivaitve “Transportation Alternatives" ergibt, dass es sich hier um ein Gesetz handelt, das vor zwei Jahren auf Begehren von Anwohnern der Upper Eastside erlassen wurde. Die Upper Eastside ist der Postbezirk mit dem höchsten Steueraufkommen der USA und auch Wohnort von Bürgermeister Bloomberg, der 2001 darauf verzichtet hatte, in die offizielle Bürgermeistervilla einzuziehen, weil sein eigenes Townhouse an der 79. Strasse so viel komfortabler ist. Die Bürger dieser Gegend waren ganz entnervt, dass ihnen die Fahrradlieferanten der umliegenden Lokale auf dem Bürgersteig oftmals gegen ihre Mäntel und Tüten rempelten.

Politisch macht das drakonische Gesetz jedoch nicht nur Sinn, um einer der Stammwählerschaften des Bürgermeisters entgegenzukommen. In Los Angeles hat man schon lange Jahre gute Erfahrungen mit der Kriminalisierung von Fahrradfahrern gemacht, denn die rekrutieren sich meist aus konfliktbereite Bevölkerungsgruppen wie Jugendlichen, Linken und Armen, die man mit Vorstrafen dieser Art ganz hervorragend kontrollieren kann. Und wahrlich, die Aussicht auf eine solche Strafe wirkt sofort - man ertappt sich plötzlich bei musterschülerischem Verhalten in der Öffentlichkeit.

Die Verfolgung von Fahrradfahrern ist nicht die einzige Maßnahme zur Singapurisierung der Stadt New York. Die Liste der Gängeleien im Namen der von Bloombergs Vorgänger Rudolph Giuliani ausgerufenen Politik der Nulltoleranz ist lang. So wird man in New York seit einiger Zeit für jedes noch so leichte Vergehen erst einmal über Nacht ins Gefängnis gesteckt. Das kann das unbefugte Betreten von Rasenflächen sein, öffentlicher Alkoholgenus oder Schwarzfahren. Minderjährige werden wegen Schulhofraufereien oder Schwänzen in Handschellen gelegt. So musste die Besitzerin eines Friseursalons neulich ihre 13jährige Tochter auslösen, die auf dem Polizeirevier an eine Bank gefesselt war, weil sie nach Schulschluss vor einer Pizzeria herumgeungert hatte.

Die Village Voice druckte kurz zur Wahl eine lange Liste von Gründen gegen Bloomberg. Seine Nähe zu Immobilienspekulanten, denen er ganze Stadtbezirke wie die Flussufer und den Stadtkern von Brooklyn zuschanzte. Die steigende Zahl der Oberschulabbrecher. Die katastrophalen Zustände in den Notaufnahmen der Krankenhäuser. Seine Flirts mit der Bundespolitik und sein ewiger Zweikampf mit New Yorks Gouveneur George Pataki, und seine kostspieligen Bemühungen Prestigeobjekte wie die Olympiade oder die Country Music Awards, die ihn von der Stadtpolitik ablenken.

Die Wähler wird das beim heutigen Wahlgang nicht stören. Glaubt man den prominenten Urbanisten, die neulich in New York tagten, dann sind Sonderkonditionen für Investoren und eine strenge Kontrolle der breiten Bevölkerung der Preis, den man in Zukunft dafür bezahlen muß, um eine Großstadt zu regieren. Grob vereinfacht gibt es für die Zukunft der Metropolen zwei Modelle - die Boomstadt New York oder den Moloch Lagos. Es ist an den Lokalpolitikern, herauszufinden, wo die Schmerzgrenzen liegen.

In New York beklagen allerdings nicht nur Normalbürger die Singapurisierung der Verhältnisse. Der Richter des Criminal Courts in Brooklyn Süd sah die Verhandlung eines Falles von Fahrradfahren auf dem Bürgersteig jedenfalls als reine Zeitverschwendung. “Wissen Sie denn, dass Sie da gegen das Gesetz verstossen haben?", fragt er belustigt und fällte im gleichen Atemzug das Urteil: “Klage abgewiesen". Fall erledigt.





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