BLICK AUF BERLIN

© Andrian Kreye


New York im Sommer '05 - Neulich kündigte eine große amerikanische Luftfahrtgesellschaft ihre neue Nonstopverbindung nach Berlin mit einer ganzseitigen Anzeige in der New York Times an, als wäre nun endlich ein abgelegenes Traumziel erreichbar. Große amerikanische Luftfahrtgesellschaften wissen schon, warum sie ganzseitige Anzeigen schalten, und man kann davon ausgehen, dass die Marktforschung vor kurzem herausgefunden hat, dass es in den Bohemevierteln und Künstlerkreisen der Stadt seit einigen Jahren eine Berlinsehnsucht gibt, die inzwischen so ausgeprägt ist, dass sie eine eigene Flugroute rechtfertigt.

Nun hinken Marktforscher dem Lauf der Zeit prinzipiell um ein paar Jahre hinterher. In Williamsburg, jenem Teil von Brooklyn, der eine ähnliche Dichte an richtungsweisenden Nachtclubs und tätowierten Anrainern vorweisen kann, wie größere Teile von Mitte, gab es schon vor vier Jahren eine Clubnacht mit dem Titel “Berliniamsburg", die als Epizentrum der kurzlebigen Tanzmusikmode Electroclash galt. Das war ein ähnlich großes transatlantisches Kompliment, wie die Schallplatte, die Lou Reed 1972 “Berlin" nannte.

Damals in den 70er Jahren gab es ja schon mal so eine New Yorker Sehnsucht nach Berlin. Allerdings war das eher die Sorte nihilistischer Punkattitütde, mit der damals ein paar Hipster im East Village eine Bar mit dem Namen “Downtown Beirut" eröffneten. Nach den Hippiejahren mit ihren sonnenbeschienen Blumenwiesen war Berlin das perfekte Kontrastprogramm - das exotische Schlachtfeld des Zweiten und des Kalten Krieges, das geteilte Faustpfand der Supermächte, in dessen Ruinen man noch ein wenig vom morbiden Flair der untergegangenen Koksmetropole aus den 20er Jahren erahnen konnte.

Die aktuelle Berlinsehnsucht hat zwar ganz andere Fluchtpunkte, und auch wenn es natürlich immer noch ein großes Kompliment ist, wenn es die notorisch lokalpatriotischen New Yorker in eine andere Großstadt zieht, so handelt es sich auch diesmal um ein eher zweischneidiges Kompliment. Denn die Berlinsehnsucht unterscheidet sich von dem Interesse für die geistigen Partnerstädten London und Tokio ganz gewaltig. Den Metropolen London und Tokio begegnen die New Yorker auf kosmopolitischer Augenhöhe.

Nach Berlin zieht sie jedoch eine Sehnsucht, die weniger geografisch und kulturell, als historisch ist. Berlin erinnert die New Yorker Bohemiens und Intellektuellen ganz einfach an die glorreichen goldenen Jahre der New Yorker Downtownkultur, an jene Zeit zwischen Mitte der 70er und Mitte der 80er Jahre, als die Stadt geradezu platzte vor Energie und Kreativität, als dort Disco, Punk und Hip Hop geboren wurden, sich die Pop Art, Performance- und Videokunst emanzipierten, als sich aus den Nachtclubs von Downtown eine neue Generation aufmachte, die größenwahnsinnige, selbstverliebte Superstars wie Madonna, Jeff Koons und Bret Easton Ellis hervorbrachte.

Das alles konnte jedoch nur in einer urbanen Extremsituation entstehen. Damals war New York bankrott, kaputt und verdreckt. Es stank, war gefährlich und für ein paar hundert Dollar konnte man sich eine Wohnung mieten, einen Laden, eine Fabriketage oder ein Studio, wo man sich hemmungslos seinen Ideen hingeben konnte, ohne sich allzu große Gedanken um Geld machen zu müssen.

Heute kann sich die Stadt keine Subkultur mehr leisten, schließlich bezahlt man im ehemaligen Scherbenviertel auf der Lower Eastside für ein Zweizimmerloch mit Blick auf Brandmauer gut zweitausend Dollar Miete. Deswegen ist New York heute nur noch kultureller Marktplatz und kein Impulsgeber mehr. Die Rolle hat jetzt Berlin übernommen, wo man so wunderbar billig, verdreckt und gefährlich leben kann, wie früher in New York. Es ist kein Zufall, dass der New Yorker Kneipenwirt Steven Mass vor vier Jahren in Berlin seinen Mudd Club noch einmal aufgemacht hat, der im New York der 80er der wahrscheinlich wichtigste Club der Welt war, in dem sich allabendlich die Kunst- und Popprominenz um Stammgäste wie Andy Warhol und David Byrne scharte. Und einer der besten Gradmesser für den kulturellen Wert einer Stadt hat inzwischen Fiebertemperaturen angezeigt.

Der New Yorker Kunstmarkt ist ganz wild auf Stoff aus Berlin. Da wurden neulich bei der alljährlichen Kunstmesse Arbeiten von Berliner Akademiestudenten so heiß gehandelt wie Klassiker der Moderne, die besten Galerien von Chelsea geben Berlinern Soloschauen, und das Museum of Modern Art eröffnete seinen neuen Flügel für Fotografie mit dem in Berlin ansässigen Thomas Demand.

Im New York der 80er war der überhitzte Kunstmarkt natürlich das erste Anzeichen für den Niedergang der Boheme und den Aufstieg der neuen Geldkultur.

Doch da muss sich die Berliner Boheme keine Sorgen machen. New York war schon immer ein Durchlauferhitzer für großes Geld und große Pläne und die haben die Stadt auch immer wieder zur Boomtown gemacht. In Berlin gibt es jedoch keine Wall Street, kein Midtown, keine Madison Avenue. Ganz Berlin ist ein East Village mit ein paar Regierungspalästen in der Mitte und so blieben Geld und Pläne seit dem Mauerfall auch nur leere Versprechen. An Berlin als Weltstadt und Metropole hat letztendlich nur Helmut Kohl geglaubt. Ein Glück, denn so bleibt Berlin weiter Welthauptstadt der Subkulturen und Fluchtpunkt New Yorker Sehnsüchte.





Zurück zum Inhalt