Der Bestsellerpatriot Mark Bowden hatte diese Geschichte aufgeschrieben. Ridley Scott verfilmte das Buch
dann in den gleichen erdigen Tönen, in denen die kurzen Actionspots gedreht wurden, mit denen die US Army zur Zeit im Fernsehen um Rekruten wirbt. Der Vorwurf, dass der britische Ridley Scott mit “Black Hawk Down" Stimmung für einen bevorstehenden Einmarsch in Somalia machen will ist aber dann doch etwas gewagt. Immerhin dauert die Produktion eines Actionfilmes von dieser Größe mehrere Jahre. Die Überlegungen, in Somalia die offenen Rechnungen der letzten Intervention zu begleichen, werden in Washington jedoch erst seit wenigen Wochen angestellt.
Es ist auch fraglich, ob sich irgendein Kinogänger vom Boykottaufruf der Demonstranten davon abhalten lassen wird, sich den Film anzusehen. Die wahre Botschaft des Auftritts war eigentlich viel trauriger. Denn hinter der Demonstration stand die New Yorker Gruppe International Answer, eine multilaterale Friedensbewegung, die in den Monaten nach dem 11. September bis zu 12.000 Menschen auf die Straße brachten, um gegen den Krieg zu demonstrieren. Dreißig Demonstranten und ein Klapptisch mit Flugblättern demonstrieren nur vier Monate nach den Anschlägen und am Vorabend der zweiten Kriegsphase vor allem den jämmerlichen Zustand, in dem sich die New Yorker Friedensbewegung befindet.
Dafür gibt es viele Gründe. Die unentschiedene Linie der Bewegung. Der übermächtige Patriotismus im Land. Außerdem haben die Behörden von New York eifrig daran gearbeitet, dass die Protestler aus dem Stadtbild verschwinden. Sicher, die Genehmigungen für die Demonstrationen sind ein verfassungsgegebenes Recht. Aber es gibt ja auch ganz subtile Methoden, um die pietätlose Opposition in ihre Schranken zu verweisen. Nur wenige Meter vom Union-Square-Kino entfernt kann man das ganz deutlich sehen.
Das Südende des Union-Square-Parks war nur wenige Stunden nach den Anschlägen zu einem wichtigen Zentrum geworden. Gleich auf der anderen Straßenseite hatte die Sperrzone begonnen. Hier aber hatten sich die Menschen im Schatten der mächtigen Bäume spontan zum Trauern eingefunden. Kerzen wurden entzündet, improvisierte Mahnmale errichtet, Suchanzeigen an die Zäune geheftet. Gottesdienste und Trauerkreise fanden hier statt. In der ganzen Welt sah man damals die Bilder der Trauernden vom Union Square im Fernsehen.
Hier formierte sich aber auch die aufkeimende Friedensbewegung. Immer mehr versammelten sich regelmäßig zu Aufmärschen, die manchmal bis zum Times Square geführt wurden. Im Dezember fand das bunte Treiben der Protestler und Trauernden dann ein natürliches Ende. Die Buden eines Weihnachtsmarktes vertrieben die Menschen von ihrem neuen Treffpunkt. Gleich im Anschluß daran hat das Straßenbauamt die Bürgersteige rund um das Südende aufgerissen. Angeblich ein schon lange festgelegtes Sanierungsprogramm. Der Bauzaun der Maßnahme hat das Südende des Union Square Parks jedenfalls so komplett abgeriegelt, dass man einen Umweg von einem ganzen Straßenblock machen muß, um dorthin zu gelangen. Der Effekt - der Platz, an dem sich die Tausenden trafen ist heute bis auf ein paar Tippelbrüder menschenleer und verlassen.
Den Aktivisten von International Answer ist das auch schon aufgefallen. “Seltsamer Zufall, nicht wahr?", seufzt Larry Holmes, einer der Gründer der Bewegung. Momentan haben sie allerdings keine Zeit, sich mit der Stadtverwaltung zu streiten. Am 2. Februar organisiert International Answer den großen Aufmarsch vor dem Waldorf Astoria Hotel, in dem dieses Jahre die Konferenz des World Economic Forum stattfinden wird. Sie wollen dafür sorgen, dass die Rechnung der Veranstalter nicht aufgeht. Denn die haben die Konferenz nach den heftigen Protesten in Davos, Göteborg und Genua aus der Schweiz nach Manhattan verlegt. Weil sie einerseits hoffen, dass die Protestbewegung ein Einsehen hat, dass man in der geschlagenen Stadt keine Krawalle anzetteln kann, und andererseits wissen, dass die New Yorker Polizei die Härte, mit der sie unter Giuliani den Moloch in den Griff bekam, auch bei der Sicherung einer Wirtschaftskonferenz beweisen kann.
Aus dem Rathaus kamen schon deutliche Töne. “Friedliche Demonstrationen dürfen ohne Frage stattfinden", sagte Bloombergs neuer Polizeichef Raymond Kelly. “Sollte es zu Störungen oder gar Gesetzesüberschreitungen kommen, werden wir durchgreifen." Und damit auch klar ist wie, durften die örtlichen Reporter beim Training seiner Polizisten zusehen, die im Shea-Sportstadion mit Gasmasken und Gummiknüppeln Einsatzbereitschaft demonstrierten.
Die Aktivisten von International Answer wissen, dass das World Economic Forum für die Friedens- und Protestbewegung eine weitere Feuertaufe wird. Dass es am 2. Februar friedlich zugeht ist ihnen deswegen sehr wichtig. Wenn sich das Gerücht, dass die gefürchteten Anarchisten anreisen, um Aufstände anzuzetteln, weiter so hartknäckig hält, wie es aus dem Rathaus heißt, entzieht ihnen die Stadtverwaltung am Ende noch die Genehmigung. Ob sie denn selbst Angst vor dem so genannten Black Block haben? Ein bärtiger Junge namens Tony schüttelt den Kopf. “Wir haben nur Angst vor dem Blue Block", sagt er. Vor den Phalanxen der Polizisten in ihren blauen Uniformen.