Irgendwie war das die Idee der Plattenfirma. Naja, die haben natürlich dauernd irgendwelche Ideen und meistens sage ich nein. Aber diesmal fand ich, dass es ganz gut gepaßt hat. Ich hatte diesen Riesenberg Material und war dann endlich mal gezwungen, das alles aufuzuarbeiten.
Es ist ja auch nicht gerade eine konventionelle Hitsammlung geworden. Da ist ein Stück, als sie mit 15 die Flöte spielten, und eines auf dem zu einem Spinett singen.
Das sind ganz einfach meine Lieblingssongs. Und ich wollte meine ganze Entwicklung nachverfolgen. Einige von den frühen Sachen wie mit Kuklt und den Sugarcubes waren harmonisch ja doch eher so ein isländisches Ding.
Und das unterscheidet sich von europäischer Musik?
So anders ist das eigentlich nicht mehr. Aber wir hatten es nicht leicht, immerhin waren wir 600 Jahre lang eine Kolonie der Dänen und die haben uns verboten, unsere Musik zu spielen oder unsere Lieder zu singen. Wir hatten nur die Literatur, vor allem unsere Sagen. Die waren für uns damals sowas ähnliches wie der Blues für die Schwarzen hier in Amerika, eine Art passiver Widerstand.
Bis wann waren die Dänen denn in Island?
Bis 1662. Aber danach kamen gleich die Norweger. Richtig unabhängig wurden wir erst 1944.
Und dann hat man sich endlich auf die eigene Kultur besonnen.
Nein, nein, das kam erst mit meiner Generation. Island war ganz schön hinterher. Wir haben die industrielle Revolution komplett verpaßt, deswegen haben wir 1944 erstmal angefangen zu fischen. Fisch hatten wir ja genug. Es ging dann allen sehr schnell sehr gut. Alle haben gefischt wie die Blöden, es gab kein Klassensystem, keine Hierachie, keine Aristokrate. Und wie alle Neureichen sind dann eben alle auf englische und amerikanische Sachen abgefahren. Meine Eltern wurden so um den Krieg herum geboren, die fanden alles was aus dem Ausland kam absolut großartig. Meine Generation hat dann nach so etwas wie einer isländischen Identität gesucht.
Ausgerechnet zu einer Zeit, als die Jugend im Rest der Welt mit Punk gegen alle Regeln und Traditionen rebellierte.
Bei uns war Punk eben nicht Sid Vicious und Margaret Thatcher oder der Aufstand gegen irgendein Klassensystem. Wir wollten isländische Musik auf isländisch schreiben. Das war damals eine ziemlich radikale Ansage.
Aber heute singen Sie nur noch auf englisch.
Irgendwann bin ich einfach unruhig geworden. Es war alles so nett und angenehm in Island. Ich hätte ja auch den Rest meines Lebens mit den Sugarcubes touren können. Die anderen in der Band waren allerdings alles Dichter und Schriftsteller und haben das Plattenlabel eigentlich nur gemacht, um damit ihre Gedichtbände zu finanzieren. Meine Leidenschaft war die Musik. Und ich war an einen Punkt, an dem ich auch mit dem Rest der Welt kommunizieren wollte. Deswegen bin ich ja 1993 nach London gezogen. Da habe ich dann recht schnell gemerkt, dass einen eine Sprache, die nur 250.000 Leute sprechen außer auf dem Postamt oder im Laden auch beim Musikmachen nicht wirklich weiterbringt.
Die Sugarcubes waren ja auch außerhalb von Island bekannt. Hatten Sie es da nicht leicht?
Nein. Ich bin eigentlich auf gut Glück nach London, hatte kaum Geld. Die meisten hielten mich für verrückt. Aber ich kam gerade zur rechten Zeit. Es gab da einen ziemlichen Kampf zwischen so konservativen Bands wie Oasis, die eigentlich nur die Beatles wiederkäuten, und der Musik der Immigranten. Da explodierte gerade die Drum'n'Bass-Welle. Das waren alles Jamaikaner, Inder, Iraner, Türken, Einwanderer der zweiten und dritten Generation. Und ich war ja auch neu in dem Land. Da ist sehr viel passiert. Damals haben die Engländer zum ersten Mal erkannt, dass auch die Musik der Einwanderer Englisch ist.
Und warum sind Sie vor zwei Jahren nach New York gezogen?
Als ich nach London gezogen bin, war ich 27. In dem Alter geht es vor allem darum, dass man Gleichgesinnte findet und oft werden die zu einer Art Familie. Aber irgendwann muß man seinen eigenen Weg finden. Für mich war das dann New York. Man geht hier nicht so in seiner Umgebung auf, und trotzdem hat man seine Heimat hinter sich gelassen.
Gibt es in New York auch wieder eine Musik, die sie so anzieht, wie damals Drum'n'Bass?
Der große Schub kommt zur Zeit von Bands wie den Strokes oder den Yeah-Yeah-Yeahs. Das ist alles sehr nostalgisch. Ich persönlich kann Rockmusik auch nicht sonderlich leiden. Aber ich verstehe, dass man mit zwanzig erstmal seine Helden imitieren muß. Was die Yeah-Yeah-Yeahs machen hat aber eine ganz grandiose Energie. Und darum geht es doch letztendlich. Das ist allerdings eine ganz andere Generation. Auf meinem letzten Album ’Vespertine' habe ich mit mit Matmos aus San Francisco gearbeitet. Und mit Zeena Parkins. Die ist von hier.
Zeena Parkins kommt aber eher aus der New Yorker Avantgarde, die man in Clubs wie der Knitting Factory oder dem Tonic findet. Fühlen Sie sich das musikalisch eher zu Hause?
Stimmt. Das sind wohl die beiden wichtigsten Orte. Aber ich habe ziemliche Probleme mit diesem ganzen improvisierten Kram. Das sind alles Leute, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben. Sollen sie doch zu Hause improvisieren, aber dann bitte einen Song schreiben, den sie zum Gig mitbringen. Ich bin mit Hippie-Eltern aufgewachsen. Seit ich klein war wurde bei uns zu Hause rumgedudelt und gejammt. Morgens bin ich in die Schule und am Nachmittag saßen die immer noch da und haben das selbe Stück gespielt. Ich glaube ich fand schon mit sechs, dass die mal ein ordentliches Lied einüben sollten.
Wie arbeiten Sie denn? Und arbeiten Sie an einem neuen Album?
Es fällt mir immer ziemlich schwer, über etwas zu reden, während es passiert. Ich glaube in ein paar Jahren kann ich das besser erklären. Ich arbeite zur Zeit ähnlich wie bei ’Vespertine', das heißt ich schreibe auf meinem Laptop die grundlegenden Beats und Strutkuren, die ich dann später im Studio mit anderen Leuten einspiele.
Wer ist denn diesmal dabei?
Das ist nicht so wirklich durchorganisiert. Ich habe da auch keinen richtigen Überblick. Wenn alles fertig ist, kann ich zurückblicken und so richtig schlau daherreden. Aber bis dahin ist das eher ein Blindflug in unbekanntes Gebiet.
Macht Ihnen die Plattenfirma da nicht irgendwann Druck?
Na klar. Das ist ja ihr Job. Das heißt aber nicht, dass die automatisch böswillig sind. Man muß halt selber wissen, warum man das alles tut. Es gibt natürlich viele Leute, die normale Musik mögen. Aber es gibt auch viele Leute, die normale Musik machen. Die sind also alle versorgt. In der Beziehung habe ich immer großes Glück gehabt. Seit ich 16 bin arbeite ich mit Derekt Birkett bei One Little Indian. Die haben mich noch nie gefragt, was ich so treibe. Irgendwann gebe ich denen meine Musik und die veröffentlichen sie dann. In allerletzter Instanz muß ich meine Arbeit ja auch vor mir selbst rechtfertigen. Und wenn es nichts Neues ist, nichts riskiert, dann kann ich genauso gut zu Hause auf meinem Sofa bleiben.
Die meisten Stars geben eine Best-Of-Platte heraus, wenn ihnen gerade nichts einfällt. Daran kann es bei Ihnen doch eigentlich nicht liegen.
Zurück zum Inhalt
