Selten hatten die Spätnachrichten so gute Einschaltquoten, wie an diesem Abend. Nun sollte man wissen, dass die amerikanischen Fernsehsender das Geschäft mit der Angst erfunden haben. Der Soziologe Barry Glassner beschreibt dieses Phänomen in seinem Buch “The Culture Of Fear" (Basic Books, Perseus Book Group,New York, 1999, 276 Seiten, US $ 25,-). Das hat auch einen recht ausführlichen Untertitel. “Warum Amerikaner vor den falschen Dingen Angst haben: Kriminalität, Drogen, Minderheiten, Teenagermüttern, Killerkids, mutierten Mikroben, Flugzeugabstürzten und so viel mehr." Das hat auch einen recht ausführlichen Untertitel. “Warum Amerikaner vor den falschen Dingen Angst haben: Kriminalität, Drogen, Minderheiten, Teenagermüttern, Killerkids, mutierten Mikroben, Flugzeugabstürzten und so viel mehr." Einleuchtend und präzise beschreibt Glassner darin, wie Medien und Politiker von der schon pathologischen Angst der Amerikaner profitieren.
Auch die Milzbrandberichterstattung funktionierten an diesem Abend nach dem bewährten Schema. Nachdem die Zuschauer eine Stunde lang wie auf Kohlen auf die Nachrichten gewartet hatten, berichteten die Sender über den ersten Fall von Anthrax, zu deutsch Milzbrand, in Florida. Da wurde nichts in Relation gesetzt, um die Bevölkerung zu beruhigen. Es weiß zum Beispiel nicht jeder, dass man sich Milzbrand auf jedem Bauernhof einfangen kann. Es wurde auch nicht ganz klar, dass Milzbrand nicht von Mensch zu Mensch übertragen wird. Schließlich wollten man ja die Zuschauer auch am nächsten Tag noch dazu bringen, sich die Nachrichten anzusehen.
Und die waren gut vorbereitet. Seit den Anschlägen vom 11. September schüren die Fernsehsender und Zeitungen die Angst vor dem Zweitschlag der Terroristen. Und der, so sagen Experten, Militärs und Politiker, könne auch mit Biowaffen durchgeführt werden. Hatten sich die Terroristen nicht nach jenen Flugzeugen erkundigt, mit denen man Düngemittel über Felder versprüht? Gab es da nicht diese Zahl, dass ein geschickt lancierter Milzbrandangriff über einer Großstadt bis zu drei Millionen Todesopfer fodern könnte? Nennen die Militärs biologische Waffen nicht “die Wasserstoffbombe des kleinen Mannes"? Die Wissenschaftler, die das in Relation setzen wollten, die erklären konnten, wie schwierig es ist, einen Biogangriff durchzuführen, die nachweisen konnten, dass die japanische Aum-Shinrikyo-Sekte Tokio acht Mal mit Milzbrand- und Pesterregern angegriffen hatte, ohne dass auch nur ein Mensch erkrankte, kamen kaum noch zu Wort.
Und nun haben sich die Ängste im Fall Florida auch noch bewahrheitet. Seit dem Wochenende sieht man im Fernsehen FBI-Beamte in Schutzanzügen, die mit Pinsel und Pinzette die Redaktionsräume der Klatschzeitungen Sun und National Enquirer nach Staub durchkämmen, der die tödlichen Sporen enthalten könnte. Biologen haben festgestellt, dass die Bakterien keineswegs aus der Natur stammen, sondern aus einem Versuchslabor in Ohio, das in den 50er Jahren eine besonders tückische Variante des Milzbrandes entwickelt hatte. In ganz Amerika gehen nun seit Mittwoch hunderte von Anrufen wegen Verdacht auf Bioangriffe ein. Durchweg falscher Alarm. Auch in Deutschland hat sich die Angst schon breitgemacht. In Berlin fand die Polizei zwei verdächtige Umschläge. In Wiesbaden stellte die Polizei acht Drohbriefe sicher.
Kein Wunder, dass ein Sachbuch, das vor drei Wochen zum Thema erschien, seit letzten Sonntag auf der Bestsellerliste der New York Times zu finden ist: “Germs - Biological Weapons and America's Secret War" (Simon & Schuster, New York, 2001, 382 Seiten, US $ 27,-), das die New-York-Times-Reporterin Judith Miller mit ihren Kollegen Stephen Engelberg und William Broad geschrieben hat. Das perfekte Team für dieses Thema. Miller war Chefin des Kairobüros und gilt als Expertin für den Nahen Osten und die arabische Welt. Engelberg gehört in Amerika zu den besten Redakteuren für investigativen Journalismus. Broad hat für seine Arbeit als Wissenschaftsjournalist schon zwei Pulitzerpreise bekommen.
Die aktuellen Ereignisse haben den Inhalt des Buches längst überholt. Miller und ihre Kollegen beschäfitgen sich in erster Linie mit den Biowaffenprogrammen, die die USA vor allem während des Kalten Krieges unterhielt. Und mit der Gefahr, dass die Viren- und Bakterienbestände, sowie die arbeitslosen Wissenschaftler und Techniker aus dem umfangreichen Biokwaffenprogramm der ehemaligen Sowjetunion seit dem Zusammenbruch des kommunistischen Weltreiches, eine hochgefährliche Altlast des Kalten Krieges darstellen. Die akute Bedrohung sehen sie noch in Saddam Husseins Biowaffenprogramm. Osama Bin Laden und die neuen Formen des internationalen Terrorismus nehmen nicht einmal eine Seite ein. Trotzdem wird Judith Miller derzeit als eine der begehrtesten Experten zur aktuellen Lage gehandelt. Sie hat nicht nur ein Buch über die militanten Bewegungen des Nahen Ostens geschrieben, das “God Has Ninety-nine Names" heißt (Taschenbuchausgabe bei Touchstone Books, New York, 1997, 512 Seiten, US $ 15,-), sondern für die New York Times auch immer wieder über die verschiedenen Fraktionen des islamistischen Terrors berichtet.
Diese Woche sprach sie im Regency Hotel bei einem Mittagessen des Middle East Forum, einem Think Tank jüdischer Industrieller und Banker in New York, die regelmäßig Experten zu Themen des Nahen Ostens einladen. Judith Miller ist ein zierliche, elegante Frau, die ihr braunes Haar in einem Pagenkopf trägt. Sie beginnt ihren Vortrag mit ein paar beruhigenden Worten. “Als ich angefangen habe, an diesem Buch zu arbeiten, hatte ich Alpträume", sagt sie. “Als ich damit fertig war, fand ich, dass es durchaus Hoffnung gibt."
Der schlimmste Moment sei gewesen, als sie 1989 in Kasachstan zum ersten Mal eine sowjetische Biowaffenfabrik besucht hätte. In einer Stadt, die auf keiner Landkarte zu finden war, die keinen Namen hatte, nur eine Nummer. Und in deren Forschungszentrum sich zehn Fermentierungsanlagen befanden, von denen jede einzelne groß genug war, um das gesamte Biowaffenprogramm des Iraks aufnehmen zu können. “Das war eine von sechs solchen Städten", sagt Miller. “60.000 Wissenschaftler und Techniker hat die Sowjetunion in ihren Biowaffenprogrammen beschäftigt. Einige von ihnen arbeiten heute in Libyen, Syrien, im Iran und im Irak. Auch Israel hat ein Biowaffenprogramm, über das allerdings niemand sprechen will."
Um eine weitere Abwanderung der russischen Biowaffenexperten in so genannte Schurkenstaaten zu verhindern haben die USA die International Science Centers eingerichtet, die sie mit Stellen und Arbeit anlocken. Doch sie wendet ein: “Im Jahr 2000 haben wir ganze 14 Millionen Dollar für dieses Programm ausgegeben." Das sind nicht einmal neuntausend Dollar für jeden der Russen.
Dass sie längst für Amerikas Feinde arbeiten, kann man ganz leicht nachweisen. “Man muß nur fragen", sagt Miller. “Die Russen sind ja nicht so schlecht darin, immer zu wissen, wo ihre Leute sind. Ein Institutsleiter sagte zu mir, vier seiner Wissenschaftler seien derzeit in einem Austauschprogramm in Teheran."
Doch sie sagt auch: “Staatliche Biowaffenprogramme sind nicht das Problem. Jeder Staat weiß, dass ein Biokrieg nicht zu gewinnen ist." Richard Nixon habe das amerikanische Biowaffenprogramm 1969 mit dem Argument beendet, er wolle die Zukunft der Menschheit nicht aufs Spiel setzen. Selbst Saddam Hussein setzte seine Biowaffen im Golfkrieg nicht ein, obwohl er von den Russen gelernt hatte, wie man Pockenviren in Gefechtsköpfen einsetzt. Das mag daran liegen, dass auch Saddam Hussein weiß, dass eine Pockenepidemie in Israel oder gar an der Kuweitischen Front schon bald auch sein Volk dahinraffen würde. Die Amerikaner sollen ihm damals allerdings auch angedeutet haben, dass sie einen Bioangriff mit einem atomaren Gegenschlag beantworten würden. Allerdings, sagt Judith Miller, wurde diese Drohung bis heute nicht offiziell bestätigt.
Man könne durchaus etwas tun, sagt Judith Miller. “Das Problem ist für unsere nationale Sicherheit nunmal ganz essentiell." Nein, Gasmasken und Antiobiotika würden nichts helfen. Es gibt keine Meßgeräte, die einen Bioangriff rechtzeitig melden könnten. “Nein", sagt sie. “Was wir angehen müssen sind: Zivilverteidigung, zivile Progamme und vor allem das öffentliche Gesundheitswesen." Nun rächt sich der systematische Abbau des amerikanischen Gesundheitswesens, der dazu geführt hat. Die ersten Schritte: “Wir müssen Ärzte und auch Apotheker ausbilden. Krankheiten, die einen Bioangriff darstellen müssen so früh wie möglich erkannt werden." Dann kann man die Fälle isolieren und eine Epidemie verhindern. “Glücklicherweise haben wir als Gesellschaft noch etwas Zeit", sagt sie. “Wir müssen uns halt um diese ganzen Dinge kümmern, die für Politiker nicht so sexy sind. Das Gesundheitswesen."
Ruhig und sachlich bleibt Judith Miller während ihres Vortrages und den anschließenden Fragen. Nur einmal huscht die Panik über ihr Gesicht. Auf die Frage, was geschehen würde, wenn Terroristen waffentaugliche Pockenviren bekämen. “Das ist das Alptraumszenario", gibt sie zu. “Nicht nur, weil Pocken ein so schrecklicher Tod sind. Es gibt in den USA nur fünf Leute, die sich damit auskennen, weil sich die Behörden in den letzten Jahren um Aids, Ebola und Marburg kümmern mußten. Die Pharmakonzerne waren unterdessen viel zu sehr damit beschäftigt Viagra und Mittel gegen Haarausfall zu enwickeln." Im August hat sie an einer Übung der amerikanischen Regierung teilgenommen, die “Dark Winter" hieß. Da spielte die Regierung eine Pockenepidemie durch, die in drei Städten beginnt. “Senator Sam Nunn spielte den Präsidenten. Schauspieler die Reporter" erzählt sie. “Wir haben das mit Computern simuliert. Und die Regierung war machtlos."
Nach dem letzten Stand der Ermittlungen lassen die Milzbrandfälle in Florida noch keine sicheren Schlüsse zu. Die einzige Verbindung zu den Attentätern vom 11. September ist deren Flugschule, die nicht weit von den Büros der American Media Corporation entfernt ist. Doch biologische Kriegsführung ist keineswegs eine Domäne arabischer Terroristen. 1984 verseuchten Baghwan-Anhänger in Oregon hunderte von Amerikanern mit Salmonellen. Wie erwähnt experimentierte die japanische Aum-Shinrikyo-Sekte mit Erregern. Und 1998 verhaftete das FBI den Amateurbiologen Larry Wayne Harris, Mitglied der neonazistischen Aryan Nations und Anhänger des rechtsradikalen Christian-Identity-Glaubens, der versuchte, Milzbrandkulturen zu erwerben. 1995 war Harris schon einmal mit Pestbazillen erwischt worden.
Ist die Bedrohung real oder übertrieben, fragen die Autoren im Epilog ihres Buches. Ja und nein, schreiben sie. Sicher ist jedenfalls, dass nicht nur die USA, sondern die gesamte Welt ihr Gesundheitswesen aus- und aufbauen muß. In Deutschland endete der Versuch eines FAZ-Reporters, die für Bioangriffe zuständige Stelle zu suchen, damit, dass er von Behörde zu Behörde weiterverwiesen wurde, und letztendlich entnervt seine Recherche aufgab.
In den USA kümmert sich die Pharmaindustrie zunächst um die Kollateralschäden des Bioterrorismus. Seit einigen Tagen schaltet die Firma Glaxo Smith Kline verstärkt Werbespots und Anzeigen für eines ihrer erfolgreichsten Medikamente - Paxil, Tabletten gegen Schüchternheit, Depressionen und Panikattacken. Eine neue Volkskrankeheit, die den altmodischen Depressionsbegriff auf die Höhe der Zeit bringt hat sich die Werbeabteilung auch schon aus den Archiven der Psychiatrie besorgt: Generalized Anxiety Disorder. Allgemeine Angststörung. Erste Symptome: Konzentrations- und Schlafschwierigkeiten. Darunter leiden laut der Nachrichtenagentur Reuters seit dem 11. September zwei Drittel aller US-Bürger. Seit Florida werden es täglich mehr. R>