Unter Moslembrüdern

Erinnerungen an eine versäumte Begegnung mit Osama Bin Laden.
© Andrian Kreye



Es war die Zeit der Erneuerung, der Sinnsuche und des Aufbruchs. Zu Hunderten waren die Geistlichen und Würdenträger nach Khartoum gereist, in die Hauptstadt des islamischen Staates Sudan. Dr. Hassan Al-Turabi wollten sie hören, jenen Mann der den Weg weisen sollte. Er, der spirituelle Führer und heimliche Staatschef, hatte eine “Konferenz für den interreligiösen Dialog" einberufen, doch als er sprach, wußten viele, dass dies kein bloßer Dialog sein würde, sondern vielmehr ein Neubeginn. “Wir sind zusammengekommen, um eine Front zu bilden", verkündete er im Konferenzsaal unter dem tobenden Applaus der Delegierten. “Eine Front gegen die Ungläubigen, die die Welt beherrschen." Wie ernst es ihm ist, unterstreicht dann einer der folgenden Redner. Voller Zorn erklärt der Imam der El-Kabir-Moschee der Weltlichkeit den Krieg. “Sie haben sich von Gott dem Allmächtigen abgewandt und Gott der Allmächtige hat sie bestraft", ruft er ins Mikrofon und stoßt dabei mit der Faust in die Luft. “Sie werden von Aids und Drogen zerfresse, Promiskuität und Unzucht zerstören ihre Familien. Deswegen ist ihre Gesellschaft dem Untergang geweiht."

Etwas später an jenem Tag im Oktober trafen sich die Konferenzteilnehmer im Festsaal der Freundschaftshalle, des Konferenzzentrums am Ufer des Nil, das die Chinesen dem sudanesischen Volk geschenkt haben. Unter den Gästen war auch der saudische Bauunternehmer und Exilant Osama Bin Laden, der nicht weit von Turabi an einem der runden, weiß gedeckten Tische Platz genommen hatte. Uniformierte Kellner schlichen um die Gäste herum, servierten Orangensaft, Limonade und Tee. Für uns seltene Gäste aus den christlichen Industrieländern hielten sie in der Küche ein paar Flaschen alkoholfreies Bier bereit. Später gab es eine Mahlzeit.

Bin Laden war keine sonderlich auffällige Erscheinung, hochgewachsen und schlank, wie viele der Sudanesen, Eriträer und Somali im Saal. Er trug Kaftan, Turban und Bart wie die meisten der Gäste. Angeregt plauderte er mit dem Botschafter aus dem Jemen, einem älteren Herrn, der Bart und Haar hennarot gefärbt hatte, und eindringlich auf den jungen Saudi einredete. Hin und wieder ließ Bin Laden seinen Blick durch den Raum schweifen, suchte nach bekannten Gesichtern.

Eine illustre Gesellschaft hatte sich zu diesem Empfang eingefunden. Moslemische und christliche Theologen aus Afrika, Arabien und Asien, Vertreter der katholischen und protestantischen Kirchen und der koreanischen Moon-Sekte - Fundamentalisten aller Religionen und Konfessionen. Und die ständigen Gäste Turabis, Dutzende islamistischer Radikaler, die im Sudan Zuflucht gefunden hatten, nachdem die Regierung 1991 die Visumspflicht für Moslems aller Länder aufgehoben hatte. Viele standen auf den Fahndungslisten ihrer Heimatländer. So wie Bin Laden, oder der souverän lächelnde Herr mit Brille und langem, schwarzen Bart, der zwei Tische weiter saß, ein ägyptischer Arzt namens Dr. Ayman Al-Zawahiri.

Sie waren aus den verschiedensten Gründen in ihrer Heimat geächtet. Osama Bin Laden hatte das saudische Königshaus blamiert, jene korrupte Monarchie, die den ungläubigen Amerikanern nach dem Golfkrieg erlaubt hatte, seine Soldaten auf dem Boden jenes Landes zu stationieren, in dem sich die heiligen Städte Mekka und Medina befinden. Dr. Ayman Al-Zawahiri wiederum war einer der Führer des Islamischen Dschihad, jener ägyptischen Radikalen, die gegen die Säkularisierung ihres Landes kämpften, und 1981 Präsident Anwar Sadat ermordet hatten.

Kein Außenstehender konnte ahnen, dass die freundlichen Gespräche damals weitreichende Folgen haben würden. Turabis Konferenzen und Empfänge waren das fundamentalistische Äquivalent zu Veranstaltungen wie das Aspen Summit für die neuen Märkte oder das Oscar-Diner bei Spago's für den Film. Hier trafen sich die Besten und Klügsten, und Turabi schaffte die Verbindungen. Kein Gespräch ohne Ziel - schon ein Jahr nach dieser Konferenz hatte Bin Laden im Jemen seine ersten Trainingslager errichtet. Al-Zawahiri gilt heute als wahrer Kopf der Al-Quaida.

Damals im Jahre 1994 wußten die westlichen Geheimdienste schon von der Existenz Osama Bin Ladens. Allerdings noch nichts von seiner Rolle und Bedeutung. Noch konzentrierten sie sich auf Turabi, den Politologen als Lenin des Islam bezeichneten und den sie als Paten des Terrorismus in ihren Akten führten. Es war zwar bekannt, dass die Visaregelung des Sudan nichts anderes war, als eine Einladung an den Internationalen Terrorismus, sich hier eine neue Heimat zu suchen, doch in welchem Umfang hier eine neue Weltordnung geplant wurde, verstand der Rest der Welt erst Jahre später. Wenige Wochen vor der Konferenz hatte der Sudan auf internationalen Druck den venezuelanischen Terroristen Carlos an Frankreich ausgeliefert. Eine Geste der Versöhnung. Doch Carlos war damals schon ein Terrorist der alten Schule. Einer, der zusammen mit den Kubanern, der PLO und der RAF für die Selbstbestimmung unterdrückter Nationen, Klassen und Minderheiten gekämpft hatte. Die Terrorismusgeneration der Bin Ladens und Al-Zawahiris jedoch, die in Khartoum unter den Fittichen Al-Turabis heranwuchs, hatte höhere Ziele. Damals wie heute galt es ihnen, die Welt vor der Säkularisierung zu retten.

Die Wurzeln der Bewegung liegen in den 30er und 50er Jahren. 1928 hatte sich in Ägypten die Moslembruderschaft formiert, eine Gemeinschaft Gläubiger, die verhindern wollten, dass ihr Land sich säkularisierte. Sayyid Qutb, einer der Moslembrüder, war es, der die heutige Ideologie der Fundamentalisten mitbegründete, der während eines zweijährigen Aufenthalts in Amerika die Minderwertigkeit der westlichen Gesellschaft und ihrer Gedanken erlebte, und der in seinen Büchern eine Erneuerung des Islams forderte. Sowohl Hassan Al-Turabi, als auch Ayman Al-Zawahiri begannen ihre Laufbahn als Moslembrüder, bevor Turabi seine Popular Arab and Islamic Concference gründete, und Zawahiri sich dem Islamischen Dschihad anschloß.

“Wenn der Westen eine neue Weltordnung errichtet, dann müssen wir eine neue Weltordnung dagegensetzen, bevor sie Gott aus der Welt vertreiben", sagte Dr. Turabi ein paar Tage später. Er hatte zum Mittagessen geladen. Ohne weitere Gesellschaft. Er lebte im Stadtteil Hay al-Amariyya in einem zweistöckigen Haus mit weitverzweigten Räumlichkeiten, einem gepflegten Garten voller Obstbäume und einer hohen Betonmauer drumherum. Die Reichen und Mächtigen residieren hier, doch auch am Rand der Wüstenstadt Khartoum bestimmen rohe Betonmauern und staubige Pisten das Bild.

Turabi ist von zierlicher Statur, kleidet sich stets in blütenweiße Gewänder und Turbane, fährt sogar einen weißen Mercedes. Eine Nickelbrille balanciert auf seiner schmalen Nase, und wenn er mit seiner sanften, eindringlichen Stimme spricht, unterbricht immer wieder ein eigenartiges Kichern seinen Redefluß. “Sehen Sie, die Bewegung des Islamischen Erwachens reicht heute von Algerien bis Malaysia", fährt er fort, während ein Diener Tabletts voller Schüsseln und Teller in das Besuchszimmer bringt. “Die Weltordnung der Vereinten Nationen ist nur ein Übergang." Der Fundamentalismus, davon ist er überzeugt, wird den Islam zur selben Größe führen, wie während der 300 Jahre von 650 bis 950, als er ein Reich erobert hatte, das von Spanien bis nach Asien reichte. Eine kühne Behauptung. Bisher hat der Fundamentalismus keines seiner Versprechen eingehalten. Weder im Iran, noch im Sudan, den damals beiden fundamentalistischen Staaten, hatte die islamische Staatsform die soziale Gerechtigkeit und den Wohlstand gebracht, die seine Vertreter prophezeit hatten. Doch Turabi war zuversichtlich. Denn die Alternative, die weltliche Regierung moslemischer Länder und die friedliche Koexistens der Kulturen, war für ihn niemals akzeptabel.

Auf die üblichen Einwände ist er gut vorbereitet. Turabi ist ein Rechtsgelehrter, hat an der Sorbonne und in Oxford studiert. Die Menschenrechte? “Die Menschenrechte der UNO sind nicht die unseren. Für uns gilt das Wort Gottes als oberstes Gesetz, nicht das Wort des Sicherheitsrates in New York, dem Instrument der Amerikaner." Terrorismus? “Was die einen Terrorismus nennen, ist für die anderen ein Kampf. Für uns sind die Amerikaner die größten Terroristen." Demokratie? “Die Franzosen und Amerikaner wollen sie uns aufzwingen. Doch Afrika funktioniert immer noch nach dem Stammesprinizp. Da hat der Islam die besseren Lösungen. Und wenn wir das demokratische Spiel spielen, so wie in Algerien, sieht man ja, was geschieht." Turabis politische Berater hatten dort 1992 den siegreichen Wahlkampf der fundamentalitischen FSI organisiert. “Dann werden klare Wahlsiege plötzlich nicht mehr anerkannt und die Demokratie gilt nichts mehr."

Turabi denkt bis heute in großen Dimensionen - eine Erneuerung des Islam, eine Befreiung der islamischen Länder von den korrupten Diktaturen und Monarchien, die Bezwingung des Westens und der Säkularisierung. Damals unterstützte er eine fundamentalistische Internationale, unterhielt Kontakte zu Guerillagruppen in Eritrea, Somalia, Kenia, Uganda, Mauretanien und Tansania, zur Hamas und zur Hisbollah. Er förderte islamistische Oppositionsbewegungen in Ägypten, Saudi-Arabien, Äthiopien, Malaysia und Indonesien. Der Sudan, so sagte er, würde in dieser neuen Weltordnung eine entscheidende Rolle spielen. Sei der Bürgerkrieg erst einmal beendet, werde dieses größte Land Afrikas den ganzen Kontinent ernähren, die Bodenschätze es zu einem reichsten Länder der Welt machen.

“Sehen Sie sich um in unserem Land", sagte Turabi zum Abschied. “Besuchen Sie unsere Universität, unsere Schulen, unsere Fabriken, und Sie werden sehen, dass der Sudan ein Land mit großer Zukunft ist." Dann hatte er noch eine Empfehlung. “Reden Sie mit Osama Bin Laden. Der hat schon viel getan für unser Land. Er hat Straßen gebaut, bringt die Wirtschaft in den Gang." Das klang nach einem Propagandagespräch. Wer wollte schon Fabriken und Schulen besuchen, oder über Straßenbau reden, während im Süden ein Krieg tobte? Nein, Osama Bin Laden, das hatten selbst Konferenzteilnehmer gesagt, war eine marginale Figur, der reiche Sohn einer reichen Familie. Was sollte der zu sagen haben?

Die Reise an die Front gestaltete sich als langwieriger als geplant. Was als Propagandaausflug gedacht war, zu dem der Präsident einen ganzen Illuschin-Jet voller Mullahs und Theologen nach Juba fliegen ließ, der eingekesselten Stadt im Süden, endete als Public-Relations-Fiasko. Der Flieger verschwand, die Würdenträger standen plötzlich unter Hausarrest mit Schießbefehl, die Gouverneurin der Südprovinz gab zu, dass Garrangs Rebellen angekündigt hatten, den Flieger unserer Delegation abzuschießen, und die Rückreise fand in einem Frachtflugzeug voll afghanischer Mudschaheddin statt. Auch ein Besuch im Flüchtlingslager im Norden von Khartoum zeigte dann eher den Standardkatalog der Menschenrechtsverletzungen, als die Sorge des Staates um seine christlichen Bürger aus dem Süden. Alles viel spannender, als ein saudischer Exilant.

Immer wieder war die hagere Gestalt Bin Ladens während der Konferenz auf den Empfängen und bei den Vorträgen aufgetaucht. Der amerikanische Schriftsteller und Journalist Rory Nugent hatte in den Büroräumen der Popular Arab and Islamic Conference ein paar Wochen später ebenfalls ein Mittagessen mit Dr. Turabi, und bei dem war Osama Bin Laden sogar zugegen. Der Al-Quaida-Führer gab sich schweigsam, nickte nur sprach nicht viel mit dem Gast. Nur als Turabi die Zerstörung der Monarchien und weltlichen Regierungen im arabischen Raum prophezeite, jubelte er kurz: “Jawohl, richtig! Bald wird es geschehen!"

Auch Rory Nugent hatte das Potential des Saudis unterschätzt. “Wenn man das damals gewußt hätte", sagte, als wir uns vor zwei Wochen in einer New Yorker Bar trafen. Im Nachhinein wäre es natürlich ein journalistischer Coup gewesen, auf Dr. Turabis Empfehlung zu hören, sich doch mit dem saudiarabischen Bauunternehmer zu befassen, oder sich länger mit Dr. Al-Zawahiri auseinanderzusetzen, anstatt an die Front eines Krieges zu reisen, der zwar immer noch andauert, aber fast schon vergessen ist. Andererseits ist dies eigentlich der Kern der Geschichte.

Im Khartoum der 90er Jahre, war Osama Bin Laden nur eine von vielen Figuren. Es war nicht abzusehen, dass die größenwahnsinnigen Pläne Turabis, der Haß Al-Zawahiris und der Ehrgeiz Bin Ladens sich sieben Jahre später im größten Terroranschlag in der Geschichte Amerikas entladen würden. Vor der Bar kann man am Abend den Lichtschein der Unglücksstelle sehen. Bei West- und Südwind riecht es in Downtown Manhattan immer noch nach dem Qualm der schwelenden Unglücksstelle. Die Erinnerung an die ruhigen, würdevollen Männer in ihren Kaftanen, die am Ufer des Nils gezuckerten Tee tranken und in salbungsvollen Worten vom spirituellen Ende der Welt und der tiefen Versündigung der Säkularisierung sprachen, und die allgegenwärtige Präsenz des Anschlages und der Angst in New York scheinen nichts miteinander zu tun zu haben. Und doch wurden dort an der Stelle, an der der blaue und der weiße Nil sich zum großen Strom vereinen, die Grundlagen für einen Krieg gelegt, der mit den Kriegen und Maßstäben des 20. Jahrhunderts nichts mehr zu tun hat. Nein, für einen Mann wie Osama Bin Laden wäre das doch eine Nummer zu groß.

Sicherlich brachte er all das mit sich, was Männern wie Dr. Al-Turabi oder Dr. Al-Zawahiri fehlte. Geld, Charisma und vor allem den unbeugbaren Ehrgeiz, sich zum öffentlichen Gesicht der Bewegung, zum Ziel der Gegenschläge, zur Prophetenfigur der radikalisierten moslemischen Welt aufbauen zu lassen. Doch auch wenn sich Osama Bin Laden heute im Fernsehsender Al Dschassira gerne zum Propheten stilisiert, innerhalb der Bewegung blieb er immer der Erfüllungsgehilfe und Finanzier, der “Organisator", wie ihn Turabi beschrieb.

Es war ein Jahr nach der Konferenz am Nil, als Osama Bin Laden in Khartoum fast selbst Opfer eines Terroranschlages wurde. Vier Mitglieder der ägyptischen “Gesellschaft für Buße und Flucht vor der Sünde" Takfir wa al-Hijrah hatten mit automatischen Waffen eine Moschee im Altstadtviertel Omdurman beschossen und 12 Männer getötet. Nach dem Anschlag sprangen sie in ihren Toyota Pickup Truck, rasten in den Vorort Ryiad, wo sie das Feuer auf Osama Bin Ladens Büro eröffneten und sich ein Gefecht mit seinen Männern lieferten, das sieben Tote forderte. Nach ihrer Auffassung war Bin Laden ein hoffnungsloser Liberaler. Ein Weltlicher, der mit seinem Reichtum, mit seiner Politik und seinem Ehrgeiz die Sünde in den Sudan gebracht hatte. Wer so gegen den Willen Gottes verstößt, so glaubten sie, der muß nach den Gesetzten des Koran mit dem Tode bestraft werden.

Auch die Kämpfer der Takfir wa al-Hijrah folgen den Schriften des ägyptischen Vordenkers Sayyid Qutb. Doch sie glauben nicht, dass ein Islamisches Erwachen, eine Revolution oder eine Erneuerung den Islam oder gar die Welt erretten wird. Das, so glauben sie noch heute, kann nur ein Neuanfang nach der vollkommenen Zerstörung. Es gibt keine Gesellschaft im Sinne Allahs. Viele von ihnen sind deswegen in die Wildnis gezogen. Sie leben wie der Prophet Mohammed in der Wüste, der dort mit den Dämonen kämpfte. Und sie sagen, wer den bestehenden Gesellschaften nicht den Rücken kehrt und darauf wartet, bis sie zerstört sind, der hat sein Recht auf Leben verspielt.

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