“Wir werden uns mit der Dimension der Zeit auseinandersetzen", sagt er. Auch da gibt es Unterschiede zur bisherigen Arbeit des MoMa: “Es geht dabei nicht um die linearen Formen der Zeit, wie man sie beispielsweise im Film erlebt, sondern um Arbeiten, die mit nichtlinearen Strukturen Zeit erlebbar machen, so dass man, wenn man einen Raum betritt, das Hier und Jetzt mit dem Objekt teilt." Das umfaßt die Performative Kunst genauso wie Installationen mit bewegten Bildern, Kunstfilme, Videokunst, Klanginstallationen aber auch neuer Werke, die mit digitalen Medien arbeiten. Dazu gehört dann neben der Sammlung und der Organisation von Ausstellungen auch die Produktion von Auftragswerken.
In diesen Tagen produziert Biesenbach beispielsweise gemeinsam mit dem Videokünstler Doug Aitken eine Installation aus fünf Filmen, die vom 16. Januar an vier Wochen lang abends auf die Fassaden des Museumsgebäudes projiziert werden. In allen fünf Filmen durchlebt die jeweilige Hauptperson zwanzig Minuten den selben Handlungsverlauf, was bei der simultanen Projektion dann zu einer Gleichzeitigkeit führt, die Zeitlauf und Erzählmodus aufbricht. Die Kunstfiguren sind prominent besetzt. Die Popsängerin Cat Power wird in einem Film zu sehen sein, der brasilianische Sänger Seu Jorge in einem anderen, außerdem die Schauspieler Ryan Donowho, Tilda Swinton und Donald Sutherland. Bis zu dreißig Meter breit werden die Bilder sein, die mit der Sorte Projektoren gezeigt werden, mit denen man sonst Videoübertragungen in Sportstadien bestückt.
Weil Klaus Biesenbach aber auch ein Macher ist, will er die Theorie gleich in der Praxis demonstrieren. Also geht es vom italienischen Straßencafé hinter dem Museum zu Fuß durch den Feierabendverkehr auf die Westside von Manhattan. An der Ecke der 56. Strasse und neunten Avenue steht schon das Filmteam, das an diesem Abend eine Autofahrt durch die Stadt drehen wird. Doug Aitken dirigiert ein Team von 22 Leuten, prüft den Bildausschnitt, plaudert kurz und gibt dann schon das Kommando zur Abfahrt. Hinter einem Kleinlaster steht eine Limousine auf einem Anhänger, auf dem auch Scheinwerfer und Kamera befestigt sind. Aus dem Schminkzelt tritt nun Donald Sutherland, der mit seiner hochgewachsenen Gestalt und seinem silbergrauen Haar gleich soviel Charisma verströmt, dass sich eine Traube von Passanten um den Drehort sammelt.
Biesenbach und Aitken grüssen sich kurz und stellen einander ein paar Leute vor, die wiederum Leute kennen, die man von früher kennt. Der 38jährige Aitken freut sich zumindest über einen gemeinsamen Freund von einem kalifornischen Surfstrand und besiegelt die Gemeinsamkeit gleich damit, dass er Sutherland vorstellt, der freundlich ein paar Worte über die großartigen Arbeiten Aitkens murmelt und sich dann wieder in seine Rolle vertieft. Die üblichen freundlichen Gesellschaftsrituale eben, die das Leben in Amerika so angenehm machen und Sprossen für die Karriereleiter bauen.
Biesenbach beherrscht diese Rituale perfekt. Im Moma kultiviert er sie inzwischen mit exklusiven Cocktailparties und glamourösen Vernissagen, bei denen sich schon ein Netzwerk aus jungen Künstlern, Schauspielern und Musikern gebildet hat, das im New Yorker Nachtleben seit dem Niedergang der Downtownclubs kein Zuhause mehr hatte. Daheim in Berlin, wo Biesenbach seit 1990 die Kunst-Werke aufgebaut hatte, war den Zeitgenossen seine soziale Intelligenz ja immer etwas suspekt. Neulich erst schimpfte ein Galerist in der Frankfurter Sonntagszeitung über Biesenbachs Vernetzungskünste, das sei doch “schleimiges Sozialgehabe", wobei man in New York dann immer nicht so recht weiß, ob solche Vorwürfe noch provinzieller Sozialneid oder schon archaischer Antiamerikanismus sind. Biesenbach geht auf solche Gehässigkeiten gar nicht erst ein.
Ähnlich souverän ignoriert Donald Sutherland dann gleich die Schaulustigen, nimmt im Fonds der Limousine Platz und lässt sich von Aitken einweisen. Minuten später setzt sich der Zug in Bewegung. Doug Aitken und sein Team haben sich mit Gurten auf dem Kameragerüst rund um die Limousine festgegurtet. Auf der Ladefläche des Kleinlasters kann man auf einem Monitor die Bilder sehen. Donald Sutherland sitzt im Fonds, neben sich ein Bündel LED-Lichter, er liest eine Zeitung, schlägt die Hände vor dem Gesicht zusammen, sieht aus dem Fenster. Kurze, beiläufige Gesten, die Doug Aitken zur Choreographie der Simultanbilder zusammenschneiden wird.
Biesenbach und Aitken kennen sich schon länger der Kurator und der kalifornische Kunstfilmer haben schon gemeinsam eine Ausstellung im MoMa-Ableger P.S.1 kuratiert und vor fünf Jahren hat Biesenbach eine große Werkschau Aitkens in die Berliner Kunst-Werke gebracht. Solche symbiotischen Beziehungen zwischen Kurator und Künstler haben bei allem Glamour der multimedialen Moderne etwas Altmodisches. Biesenbach ist sich dessen auch bewusst. “Wer sollte solche Arbeiten sonst auch unterstützen? Es sind eben nicht mehr die Kirchen oder die Fürsten, die so etwas unterstützen. Solche Experimente gibt auch keine Stadt in Auftrag. Also fällt diese Aufgabe eben Institutionen wie den Museen zu." Dazu gehört aber nicht nur die Produktion, sondern auch die Konservierung dieser Arbeiten. “Wir sind ja keine Galerie. Wir nehmen Arbeiten endgültig aus dem Markt. Wir dürfen als Museum von einem lebenden Künstler nichts verkaufen. Und man garantiert dem Künstler, dass seine Arbeiten erhalten bleiben."
Die Konservierung war schon immer die arbeitsintensivste und am wenigsten glamouröse Aufgabe der Museen. Auf die neue Abteilung für Medien kommt da einiges zu, denn für viele Arbeiten gibt es keine bewährten Methoden der Erhaltung und Aufbewahrung. Zwar verfügt das MoMa mit dem Celeste Bartos Film Preservation Center in Hamlin, Pennsylvania seit 1996 über eines der modernsten Archivgebäude, in dem heikles Material in klimatisierten Hallen aufbewahrt werden können. Für Arbeiten auf DVDs, die sich in zehn bis zwanzig Jahren auflösen werden, erstellt das Museum beispielsweise Kopien auf Film oder Festplatte, die in Hamlin eingefroren werden. Doch das ist nur ein Anfang, denn in der Konservierung zeitgenössischer Kunst hat sich schon in den Sechziger Jahren ein Paradigmenwechsel vollzogen. “Man muss ein ganz neues Verständnis entwickeln", sagt Biesenbach. “Harald Szeemann wusste, wie man einen Beuys aufbaut. Nun leben beide nicht mehr. Wie geht man mit Beuys Arbeiten also in Zukunft um?"
In den kommenden Jahren wird Klaus Biesenbach ein Team neuartiger Konservatoren anlernen. “Im Moment arbeiten wir daran, für jede Arbeit eine Art “Gebrauchsanweisung" zu erstellen. Ich bilde zum Beispiel gerade jemanden aus, der erklären kann, wie man eine Janet Cardiff Installation aufbaut. Gleichzeitig muss man natürlich die Computertechnik auf dem Laufenden halten, mit der sich vierzig Stimmen gleichzeitig abspielt, damit man die Arbeit nicht in zehn Jahren auspackt und feststellt, dass man sie gar nicht mehr aufbauen kann, weil diese Technologie nicht mehr existiert." So wie das bei einer wichtigen Arbeit von Dan Graham passiert ist, der für eine zeitversetzte Spiegelprojektion Geräte benutzte, die aus den Frühzeiten der Fernsehtechnologie stammen, für die man keinen Ersatz mehr bekommt.
Viel Arbeit kommt auf die Abteilung zu, das weiß auch Biesenbach. Daran ist er nicht ganz unschuldig. “Neulich fragt mich jemand, ob die Abteilung nicht gegründet werden musste, weil ich so viele zeitgenössische Arbeiten gekauft und neue Projekte angefangen habe", sagt er. “Das habe ich zwar abgestritten, aber letztlich stimmt es doch. Mit unseren ganzen Ausstellungen, Ankäufen und Projekten, haben wir eine kritische Masse erreicht, die einfach eine Struktur brauchte. Das ist eine große Verantwortung, die mit viel Arbeit verbunden ist, aber das hat man im Museum auch erkannt."
New York im September '06 - Wenn das New Yorker Museum of Modern Art eine neue Abteilung einrichtet, ist das nicht nur ein bürokratischer Kraftakt, sondern auch die Kanonisierung einer kunstgeschichtlichen Entwicklung, die damit ein offizielles Zuhause findet. Es ist schone eine Weile her, dass das MoMa Gebrauchsmedien mit einem solchen Schritt zur Kunstsparte geadelt hat. Im Jahr 1935 wurde das Department of Film gegründet, fünf Jahre später das Department of Photography. Nun wurde das Department of Media eingerichtet, das der Kurator Klaus Biesenbach führen wird. Damit da erst gar keine Missverständnisse aufkommen, erklärt er auf die Frage nach den neuen Medien in der Kunst auch gleich, dass es sich hier keineswegs um ein Sammelbecken für neue Medien in der Kunst handelt, sondern um eine Abteilung, die sich um alle Kunstformen kümmert, die sich vom traditionellen Modell des statischen Materials gelöst haben.
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