Prinzipiell hat sich das New Yorker Kulturleben schneller erholt, als gedacht. Der Broadway schien von der Pleite bedroht. Fünf Stücke, darunter "Kiss Me, Kate" und "The Rocky Horror Show" werden schließen müssen. Die Ensembles von Hits wie "Les Misérables," "The Phantom of the Opera" und "Rent" akzeptierten 25prozentige Gagen- und Gehaltskürzungen. Doch seit letztem Wochenende steigen die Besucherzahlen wieder, und damit der Aufwärtstrend auch anhält, will die Regierung in Washington jedem Amerikaner, der nach New York reist und ein Theaterstück besucht, einen Steuerfreibetrag von tausend Dollar einräumen.
Auch die Konzertsaison läuft in diesen Tagen an. Einige Musiker haben wegen der “ungewissen Sicherheitslage" abgesagt. Das Sängerehepaar Roberto Alagna and Angela Gheorghiu zum Beispiel, das eigentlich die Saison der Metropolitan Opera eröffnen sollte, die ehemaligen Undergroundrebellen Nick Cave and the Bad Seeds, und die Trancepopgruppe Goldfrapp. Die arabischen Stars Khaled, Hakim und Simon Shaheen verschoben ihre Auftritte aus Angst vor antimoslemischen Übergriffen. Aerosmith, Madonna, Britney Spears, Sting, Janet Jackson und die Heavy-Metal-Band mit dem zeitgemäßen Namen Anthrax werden vorrausichtlich ihre Tourneen verlegen. Doch für die meisten Musiker, Gruppen und Orchester ist es Ehrensache, gerade jetzt in New York zu spielen.
Ganz so einfach wie es die “The Show Must Go On"-Parolen glauben machen wollen, sind die Auftritte jedoch nicht. Das Trauma des 11. Septembers wird noch auf Jahre hin wirken und die Angst der New Yorker beim potentiellen Gegenschlag der Terroristen erneut zur Zielscheibe zu werden, sitzt tief.
So war es sicherlich das erste Mal, dass die Berliner Philharmoniker einem Polizeibeamten den musikalischen Vortritt ließen. Am ersten der drei Abende, mit denen die Philharmoniker die Saison der Carnegie Hall eröffneten, sang Police Officer Daniel Rodriguez zu Beginn “God Bless America", jene herzzerreißende Patriotenballade von Irving Berlin, die zu Beginn des Zweiten Weltkrieges zum Hit avancierte. “Ein patriotisches Lied ist eine Emotion, und dem Publikum darf das nicht eine Sekunde peinlich sein, sonst werden sie dich hassen", hatte Berlin damals gesagt. Und so stößt sich in Amerika dieser Tage auch niemand daran, wenn ein ganzer Saal seine Heimatliebe besingt.
Weil aber nicht nur patriotische Lieder, sondern vor allem symphonische Werke Emotionen freisetzen, änderten die Berliner Philharmoniker ihr ursprünglich geplantes Programm. Sie strichen die sechs Orchesterstücke von Anton Webern, die Siebte von Mahler, und die Auszüge aus Wagneropern. Stattdessen gab es Beethovens Fünfte, Siebte und die Egmont-Ouvertüre.
Vielleicht wären die atonalen Stücke von Webern wirklich zu anstrengend gewesen, die Symphonie von Mahler zu tragisch, und Wagner letztendlich zu taktlos. Immerhin wurde New York, die Stadt mit der größten jüdischen Gemeinde jenseits von Israel, von Terroristen angegriffen, deren Weltsicht auf dem Mythos von der jüdisch-amerikanischen Weltverschwörung beruht. In der New York Times mokierte sich Anthony Tommasini allerdings über die Programmumstellung. Amüsiert zitierte er Leonard Bernstein, der sich in seinem Buch “Joy of Music" über den Reflex der Dirigenten lustig gemacht hatte, im Moment der Krise den Humanismus mit Beethoven zu beschwören: “Was spielten wir in unseren Symphoniekonzerten, um die Gefallenen zu ehren? Die ’Eroica'. Was spielten wir für V-Day? Die Fünfte. Und was bei jedem Konzert der Vereinten Nationen? Die Neunte." Das Publikum aber dankte es Claudio Abbado, den Berliner Philharmonikern, den Solisten Thomas Quasthoff und Maurizio Pollini, dass sie den richtigen Ton über drei Tage halten konnten. Kaum waren die letzten Noten der Werke verklungen, brachen im Publikum jedesmal frenetische Jubelstürme aus. “Uplifting" fanden die New Yorker das Gastspiel. Erhebend. Und das ist derzeit das größte Kompliment.
Die meisten Symphonieorchester haben in diesen Tagen ihre Programme umgestellt. Kurt Masur ersetzte für das Eröffnungskonzert der New Yorker Philharmoniker eine Symphonie von César Franck mit Brahms' “Deutschem Requiem". Seji Ozawa will mit dem Boston Symphony Orchestra das Requiem von Berlioz spielen. Daniel Barenboim wird mit dem Chicago Symphony Orchestra zwar die geplanten Wagnerwerke aufführen, allerdings soll Yo Yo Ma Max Bruchs Cellokonzert “Kol Nidrei" spielen, das auf dem traditionellen jüdischen Gebet für den Vorabend von "Yom Kippur" basiert.
Popmusiker haben es da nicht ganz so einfach. Die meisten verfügen nur über ein begrenztes Repertoire und Dreiminutensongs lassen nur wenig Raum für Interpretationen. Die Britpopper von Travis waren die ersten Stars, die seit den Anschlägen ein größeres Konzert in New York zu bestreiten hatten. Ohne das übliche dramatische Entrée betraten sie die Bühne, offensichtlich erstaunt, dass die Radio Music City Hall bis auf den letzten Platz besetzt war, und nicht verwaist, wie die Veranstalter befürchtet hatten. Gerührt meinte Sänger Fran Healy: “Wir haben die ganze Zeit an euch gedacht. Das ist sicher das erste Mal, dass ihr zu so vielen zusammenkommt." Und als ihm der Applaus recht gab: “Laßt uns alles aus dem Abend herausholen."
Die Band nahm das Kommando wörtlich. Mit furiosem Ergebnis. Kaum eine aktuelle Gruppe beherrscht die essentielle Popmischung aus Melancholie und Optimismus so perfekt wie Travis, kaum ein Sänger kommt der inbrünstigen Dynamik des Blue Eyed Soul so nahe wie Healy. Als Travis schließlich den siebten Song ihrer neuen CD anstimmten, war das Publikum kaum noch zu halten. Denn da brachte Fran Healy die Sehnsucht der New Yorker auf den Punkt. “The monsters seem to fade so fast", singt er da. “Upon the waking of another dream, I feel safe, so safe." Für die New Yorker bleibt das nach den Bomben auf Kabul allerdings erst einmal ferne Utopie.