Es könnte natürlich sein, dass jenes wellenförmige Armrudern nur Fortsetzung des Gemeinschaftstanzes ist, der dort zwischen Polstergruppe und Hydrokultur offensichtlich schon vor einiger Zeit seinen Anfang genommen hat. Wer sich ein wenig mit den spirituellen Moden der letzten Jahre auskennt, wird auch gleich erkennen, dass der bärtige Herr vor dem Couchtisch mit seinen tänzerischen Windungen wirklich nur die Aura jener großen Blonden abtastet, die das mit geschlossenen Augen nachzufühlen versucht; dass der Mann in der moslemischen Volkstracht keineswegs Sympathien für den Widerstand der islamischen Welt bezeugt, sondern in seiner freien Zeit den Sufismus studiert; und dass die halbnackte Dame mit dem Silbergeschmeide unter dem schwarzen Umhang nicht etwa schmerzhafte Liebestechniken bevorzugt, sondern die Wurzeln des Feminismus in den Praktiken des Hexenkults entdeckte.
Dazwischen erspäht man dann doch die eine oder andere Studentin, die sich standhaft den aktuellen Moden verweigert. Man versteht ja, dass die von den Gründervätern Amerikas als Credo ausgerufene Maxime des individuellen Ausdruckes, hier im Westen zum Dogma mutierte. Man hat auch die glorreichen Strände des kalifornischen Nordens besucht und begriffen, dass die Erweiterung des Horizontes dort keine leere Phrase sondern gelebte Erfahrung sein kann. Aber in der Küche, in der ein großer Topf Bowle steht, macht man sich doch lieber auf die Suche nach einem ungeöffneten Flaschenbier. Dem Geruch nach droht hier allüberall Gefahr durch unkontrollierte Substanzen.
Auf der Terrasse hat man dafür einen weiten Blick über die Gegend. Flache Siedlungen ziehen sich den Hügel hinunter zu den Industriegebieten am Wasser. Während des Zweiten Weltkrieges war Richmond das Vorzeigestädtchen der Heimatfront. Rosie the Riveter, jene muskelbepackte Werftarbeiterin auf dem ikonischen Bild von Norman Rockwell, soll unten an der Bucht in den Kaiser Shipyards gearbeitet haben. Dorothea Lange und Ansel Adams fotografierten hier in den Werften und Fabriken die Vorkämpfer jener Ära, deren Anstrengungen das Fundament für die Emanzipation der Frauen und Schwarzen in den Nachkriegsjahren legte.
Doch wie so viel Träume rings um die Bucht von San Francisco zerbrach auch die Verheißung von Richmond. Die einstigen Helden der Arbeit tauchten in der Volkszählung 2000 vorwiegend als “untere Einkommensschichten" auf. Das Schwarzenviertel gilt lang schon als Ghetto, die Arbeitergegenden als Opfer der vorletzten Rezession. Wie ein Mahnmal steht da am gegenüberliegenden Ufer der Bucht das Zuchthaus von San Quentin, in dem so mancher Traum von Bürgerrechten am Drogenkrieg und einer kalifornischen Flut von gesetzlich verankerten Mindeststrafen scheiterte.
Es war gegen Ende der 80er Jahre, als sich die Freidenker von Berkeley endgültig in zwei Lager teilten. Die einen fanden ihr Glück auf jenem spirituellen Neuland, das heute unter dem Sammelbegriff des “New Age" firmiert. Die anderen machten sich unter der Führung einstiger Hippie-Ikonen wie Timothy Leary, Stewart Brand oder John Perry Barlow auf, den Cyberspace zu erobern. Das Ende ist bekannt - die Prediger der Virtual Reality gelangten in der Ära des Dotcom-Booms nicht nur zu unerahnten Reichtümern, sondern auch zum knallharten Realismus des großen Geschäfts. Frei war nun noch die Marktwirtschaft, und die sorgte dafür, dass all die schmucken Häuschen in den Hügeln von Berkeley bald schon so wertvoll wurden, wie eine Villa in Beverly Hills. “Gentrification" nennt man in Amerika diese Mischung aus Luxussanierung und Preistreiberei, die innerhalb weniger Jahre Armen- und Bohemevierteln in “attraktive Investitionsgebiete" für Immobilienmakler und Bürgertum verwandelt. Wer da keinen Geschäftsplan oder zumindest eine Festanstellung an der Uni vorweisen konnte, der mußte schon bald das Feld räumen. Nun sind die Vertriebenen von Berkeley in Richmond selbst die Speerspitze der Gentrification geworden.
Das Haus des Professors steht beispielsweise weithin sichtbar auf dem Hügel über der Stadt. Ganz aus Holz nach den Vorgaben chinesischer Bauphilosophien errichtet verzweigen sich die großzügigen Räume über drei Stockwerke verteilt in alle Himmelsrichtungen. Gegen die schäbigen Arbeiterhäuschen ringsum wirkt das Gebäude wie ein Palast. Ein Palast mit einer richtigen Auffahrt, die auch am späteren Abend noch neue Gäste erklimmen. Wie das Grüppchen älterer Herrschaften, die sich mit Zauberhüten und Kostümen wie Figuren aus dem Tarot gekleidet haben.
Es sind an diesem Abend übrigens auch ein paar der Techno-Dissidenten gekommen, die ihr Glück im Silicone Valley gesucht hatten. Jetzt finden sie hier in Richmond zu den alten Gemeinsamkeiten zurück. “Wir verstehen schon", kommentieren sie mitleidig unseren verfrühten Abschied. Nach fast vier Jahrzehnten sind sie als erfahrene Utopisten gewohnt, dass man sie eben nicht verstehen und ernst nehmen will.
Im Wohnzimmer schwillt unterdessen ein Chorgesang an, zu dem sich die Kostümierten immer langsamer wiegen. Die Traumnovelle von Schnitzler kommt in den Sinn, oder vielmehr der verwirrte Tom Cruise in Kubricks Verfilmung “Eyes Wide Shut". Oder eine Passage aus einem Text über den theologischen Forschungszweig der New Religion Research. In Afrika und Asien, so heißt es da, finden vor allem die Vertriebenen der Globalwirtschaft zu den unzähligen neuen Religionen, die auf der ganzen Welt entstehen. Nicht der Glaube an sich gibt ihnen dort Halt, sondern die neu geschaffene Gemeinschaft. Dort wo Strukturen, Gesellschaften und Träume zerbrechen, kann die Spiritualität jene sozialen und geistigen Netze ersetzen, ohne die kein Mensch überleben kann.
Zerbrochene Träume sind kein schöner Anblick. Im schlimmsten Falle wogen sie, dürftig von indischen Tüchern bedeckt, quer durch ein Wohnzimmer auf neue Gäste zu und winken dabei mit beiden Händen fordernd in die Richtung jener Menschenmenge, die sich dort versonnen dem exotischen Rhythmus einer elektrischen Tablamaschine hingibt, zu der ein drahtiger Mann in Netzstrümpfen ein Didgeridoo bläst. Die Tänzer sind wie die meisten Gäste an diesem Abend vor allem Fakultätsmitglieder experimenteller Lehrinstitute aus dem Großraum der Bay Area von San Francisco. Ein Professor für interdisizplinäre Geisteswissenschaften hat sie hier in sein Haus eingeladen. Einige kennen sich schon lange. Seit Jahrzehnten, um genau zu sein.

Die strukturelle Depression hat Richmond allerdings zu einem idealen Zufluchtsort für all jene gemacht, die eine ganze andere Bewegung vertrieb. Denn nur fünf Freeway-Ausfahrten weiter südlich liegt Berkeley, jenes Synonym für Freidenkertum und Utopie. Hier lag das geistige Epizentrum der gesellschaftlichen Beben von 1968. Hier kämpften die Studenten auf der Telegraph Avenue gemeinsam mit den Black Panthers und Brown Beretes gegen die Einsatzpolizei, bis der damalige Gouverneur Ronald Reagan die Stadt 17 Tage lang von der National Guard besetzen ließ. Eine große Vergangenheit garantiert allerdings keine große Zukunft.
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