Fight for you Right to Party

Die Beastie Boys kämpften mit ihren New Yorker Benefizkonzerten gegen die Welle des Patriotenpop.
© Andrian Kreye



Wer in diesen Tagen leichtfertig das Ende der Spaßgesellschaft verkündet, der hätte in New York bei einem der Benefizfestivals dabei sein sollen, die von den Beastie Boys im Hammerstein Ballroom ausgerichtet wurden. Der hätte sehen sollen, wie zweitausend Menschen unter dem Kommando der Beasties frenetisch auf- und abhüpften und den ehwürdigen Saal in einen gigantischen Moshpit verwandelten. Eine Wohltat inmitten der Betroffenheitsbekundungen, die sich die Popkultur derzeit so abringt. Da formulierte der Sänger der Rival Schools Walter Schreifels einen ganze anderen Lokalpatriotismus, als er zwischen zwei Stücken unter Beifall sagte: “Was heißt hier, New York ist am Ende. Ich habe diese Woche an einem einzigen Nachmittag Iggy Pop und Lou Reed auf der Straße gesehen." Und King Ad-Rock fragte die Menge: “Alles in Ordnung? Familie gesund? That shit's fucked up! Ok. Das war meine Ansprache.".

Nun müssen Pop und Ernsthaftigkeit kein Widerspruch sein, doch die klugen Worte über Krieg und Frieden überließen sie an diesem Abend dem Politikwissenschaftler Benjamin Barber. Beim jungen Publikum kein Unbekannter, denn Benjamin Barbers Buch “ Jihad versus McWorld" gehört zu den Standardwerken der Seattlegeneration. Die Verantwortung aller in der Zivilgesellschaft beschwor er. Auf seine Warnung “Wir können den Krieg gegen den Terrorismus nicht alleine mit Macht und Bomben gewinnen", formierte sich zwar kurz ein zorniger “U. S. A."-Sprechchor. Trotzdem vollbrachte der wackere Professor das rethorische Meisterstück, im Zeitraum einer durchschnittlichen Popsingle einer von Bier und Gras aufgeheizten Popmeute seine Überlegungen zur aktuellen Weltlage zu vermitteln. Um dann sofort die Bühne zu räumen. Denn wie gesagt - wegen der Botschaften war niemand gekommen.

Ausschließlich Bands aus Downtown New York spielten am ersten der beiden Abende. Musiker also, die dem Anschlag auf das World Trade Center geografisch am nächsten waren. Und es wurde höchste Zeit, dass sich Downtown wieder auf sich selbst besann, denn um den Pop ist es momentan nicht gut bestellt. Es mag Ausreden geben, die man gelten lassen kann. Wenn Paul McCartney und der Filmtycoon Harvey Weinstein zum Beispiel ein Konzert für die Feuerwehrmänner, Polizisten und Sanitäter ausrichten, dann ähnelt das Programm natürlich der Musikauswahl eines Verkehrsfunksenders. Feuerwehrmänner mögen nun mal Bon Jovi, The Who und Billy Joel. Es gibt auch nichts gegen die Tatsache einzuwenden, dass die verschiedenen Superstarfestivals schon über 200 Millionen Dollar Spendengelder eingespielt haben, immerhin das Budget eines richtigen Actionfilms.

Sorgen sollte man sich allerdings machen, wenn tumbe Patriotenhits an die Spitze der Hitparaden steigen, wie etwa Whitney Houstons Version der Nationalhymne aus dem Golfkrieg, oder die wehrhafte Anthologie-CD “God Bless America", auf der Celine Dion das Titelstück singt. Zu Denken gibt es, wenn die eilig geschriebenen Protestlieder von erfahrenen Songschreibern wie Paul McCartney und John Cougar Mellencamp kein Kollektivgefühl in einen Refrain mehr packen, sondern höchstens an jene Momente, wenn sich die Kandidatinnen bei Schönheitswettbewerben “Frieden für die ganze Welt" wünschen. Oder wenn Michael Jackson am Höhepunkt seines zwölfstündigen Benefizfiaskos in Washington ein Video zeigt, das ihn in eine Reihe mit Mahatma Ghandi, Martin Luther King und Mutter Theresa stellt.

New York dagegen zeigte, dass aus Downtown Manhattan immer noch Impulse kommen. Und vor allem eine ungehobelte Energie, die den Produktionen aus den Studios von Midtown und Hollywood weit überlegen ist. Daran hat auch der 11. September nichts geändert. Sechs höchst unterschiedliche Gruppen traten auf, die nur eines verband - die Powerpopmentalität des ursprünglichen New Yorker Punk, der den Rock Ende der 70er Jahre wieder zu seiner wesentlichen Qualität zurückführte - große Gefühle auf drei schlichte Minuten zu reduzieren.

Die Rival Schools spielten ein schnelles, heftiges Set aus solche knapp gehaltenen Hardcorenummern, gegen die Walter Schreifels seine fast schon phlegmatische Melodien setzte. Miho Hatori und Yuka Honda von Cibo Matto feierten ihren Downtownkosmos aus Rap, Funk, Rock und Sinopop mit ironischem Lolitacharme. Sean Lennon, der Baß für Cibo Matto spielt, kam danach noch einmal auf die Bühne, um seine Mutter anzusagen. Yoko Ono erzählte eine Geschichte, über das belagerte Sankt Petersburg als Parabel auf die Stimmung in New York, schmetterte eine ihrer gefürchteten Schreikolloraturen in den Saal und überließ die Bühne den pakistanischen Sufimusikern um Rahat Fateh Ali Khan, dem Neffen des legendären Nusrat Fateh Ali Khan.

Etwas befremdet lauschte das Publikum den islamischen Ekstasen. Doch dann folgte der eigentliche Höhepunkt des Abends. Die Strokes bewiesen, dass sie den Hype um ihr gerade erschienenes Debutalbum “Is This It" auf der Bühne sogar noch übertreffen können. Sänger Julian Casablancas hatte im Sommer etwas Probleme mit der Glaubwürdigkeit gehabt, weil er der Sohn des Modelagenturbesitzers John Casablancas ist. Doch die Strokes erwiesen sich als würdige Erben der New Yorker Rockgeschichte. Mit hypnotischer Einfachheit erzeugten sie massive Klangwände, als hätte jemand die frühen Velvet Underground im Imax-Format neu abgemischt. Casablancas düsterer Bariton erinnerte an Lou Reed, Iggy Pop und Tom Verlaine. Über lange Strecken begnügten sie sich nicht nur mit drei Akkorden, sondern beschränkten sich sogar auf einen, ohne an Dynamik und Spannung zu verlieren.

Als danach die B-52s auf die Bühne traten, machte sich Unruhe im Publikum breit. Zu viele waren eigentlich nur gekommen, um den höchst seltenen Auftritt der Beastie Boys zu sehen. Doch die New-Wave-Veteranen bewiesen sich als unschlagbare Zugmaschine, spielten ihre Klassiker wie “Rock Lobster" schneller, härter und keineswegs so fröhlich, wie man sie aus dem Radio kennt. Dann endlich wurde die Bühne leergeräumt. Schlagzeuge und Verstärker verschwanden und nur ein DJ-Pult thronte in der Mitte.

Nach einem akrobatischen Intro von Mixmaster Mike kamen die drei Beastie Boys auf die Bühne, lässig, fast schlurfend, um sich dann sofort die verbalen Bälle zuzuspielen. Zielsicher, flink und präzise, als seien sie eine Allstarmannschaft Baseballspieler. Vor über zwei Jahren sind die Beastie Boys zum letzten Mal aufgetreten. Auch damals für einen guten Zweck - beim Konzert für Tibet. Im Studio produzieren sie längst Musik, die weit über ihre bierseligen Prollrapanfänge hinausgewachsen ist.

Doch live zeigen die Beastie Boys immer noch, warum sie für den Pop so wichtig waren. Mit der respektlosen Mentalität des Punk hatten sie vor fünfzehn Jahren den schwarzen Rap für weiße Jungs erobert. Sie hatten die Synkopen durch den Druck des Vierviertelrock ersetzt, die Wurzeln im jamaikanischen Toasting durch Powerrefrains wie die der Ramones. Nicht der Breakdance, sondern der Pogo gehörte zum Hip Hop der Beastie Boys.

Und als sie an diesem Abend ganz ohne Showausstattung, ohne Band und Tänzer in T-Shirts und Turnschuhen vor dem DJ-Pult hin- und herliefen, als das Publikum im kollektiven Pogo die Mauern des Ballsaales zum Erzittern brachten, da erinnerten sie New York an ihren alten Schlachtruf, der angesichts von Betroffenheitswahn und Patriotenschmalz mehr gilt, als je zuvor: “Fight For Your Right To Party!". Denn in der Jugend- und Popkultur gehört auch das zur modernen Zivilgesellschaft.

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