Heinz wusste um die Bedeutung seiner Insignien. Denn unser erster Schritt in die Freiheit war in diesem Sommer auch unsere erste Begegnung mit dem Staat gewesen, jenem abstrakten Gefüge aus Rechten und Pflichten und Ordnungsorganen. Zu Beginn des neuen Schuljahres durften wir endlich unbeaufsichtigt mit dem Bus nach Hause fahren. Heinz, Olli, der Hintermayer und ich hatten den selben Weg, also bildeten wir eine verschworene Gemeinschaft, die auch auf dem Schulhof hielt. Was waren wir erwachsen geworden mit unseren acht und neun Jahren. Mündige Bürger mit einem eigenen Fahrschein, einem eigenen Heimweg, einem eigenen Schlüssel. Unsere Freiheit endete jedoch nur wenig Meter hinter dem Schultor vor dem Zebrastreifen. Dort stand die Vertreterin der Staatsgewalt, eine ältere Dame, die bei jedem Wetter einen orangefarbenen Gummimantel und eine Schildmütze mit einem fluoreszierendem Band trug. Unter ihrem Arm klemmte ihre Kelle, ein polierter Holzstab, an dessen Ende eine runde Metallscheibe befestigt war, weiß lackiert mit orangenem Kern. Mit der konnte sie wahre Wunder vollbringen. Kelle runter ließ uns auf der Stelle verharren. Kein Ausbruch war möglich, sonst erklang ein gellender Pfiff auf der Trillerpfeife, die sie an einer Schnur um den Hals trug. Kelle hoch brachte den vierspurigen Ausfallsverkehr mit einem Schlag zum Stehen.
An der Schülerlotsendame kam keiner vorbei, und das war auch gut so. Sie gab unseren Eltern dieses Gefühl von Sicherheit - und eigentlich auch uns. Denn mal ehrlich, der Weg vom Fußballplatz nach Hause führte über Erdhügel und Bürgersteige, einen nicht zu betretenden Rasen und ein Treppenhaus, das im Wochentakt von den Mietparteien blank gefegt wurde. Zwischen der Schule und dem Mittagstisch lagen jedoch unzählige Gefahren. Ampeln, Kreuzungen und Fahrradwege, die Bushaltestelle mit den missmutig Erwachsenen, nicht zuletzt jene mythischen Figuren, die hier draußen die Funktion der Gespenster unterm Bett übernommen hatten - die unbekannten Männer mit der Schokolade, die nur darauf lauerten, uns zu verschleppen und Gräueltaten zu begehen. Die Frau mit der Kelle aber wachte wortlos und streng über den kurzen Weg zwischen der Schule und der Busstation. Wir kannten ihren Namen nicht, wir wussten auch nicht, was sie während der 22 Stunden tat, die sie nicht vor unserer Schule stand. Wir wusste nur - dieser Frau kann man vertrauen. Weil sie mit einem Zeichen ihrer Kelle die ganze Welt zum Stillstand brachte.
Keine Frage, wo die Staatsgewalt auftritt, regt sich auch der Widerstand. Unser einziger Versuch zu rebellieren wurde allerdings schnell unterbunden. Der Olli hatte entdeckt, dass sich das große Tor des Schulhofes öffnen ließ. So konnten wir, anstatt den Zebrastreifen zu benutzen, einfach über die Straße laufen, vor allem aber vorbei am Kiosk, einem Pavillon aus Holz, vor dem sich schon am Mittag ältere Herren zum Bier trafen. Dort setzten wir unser Taschengeld in Superman-Hefte und Gummischlangen um. Wir legten unsere Münzen in die Schale aus buntem Plastik und verstauten die Beute zwischen Heften und Büchern in den Ranzen. Wir hatten uns ein Stück wirklicher Freiheit erobert. Einen Ort, an dem man uns wie Erwachsene behandelte. Als selbstständige Kunden.
Doch dann ist der Hintermayer beim Straßenüberqueren in einen Fahrradfahrer gelaufen. Eine böse Schürfwunde hat er am Knie davongetragen. Und weil der Fahrradfahrer sich als Klassenlehrer der Älteren entpuppte, gab es am nächsten Tag in der Pause eine gehörige Standpauke für alle. Der Hintermayer musste nach vorne kommen und seine Schürfwunde zeigen. Das wäre ja wohl der Beweis, dass hier die Regeln nicht aus Spaß aufgestellt würden, sagte der Direktor. Die hätten schon einen guten Grund. Zur Sicherheit brachte der Hausmeister dann am Tor zum Schulhof ein großes Vorhängeschloss an. Und wir ließen uns wieder von der Kelle in die Sicherheit der anderen Straßenseite lotsen.
Wie naiv? Wie niedlich? Hatten wir denn gar keine Ahnung, dass zu dieser Zeit eine ganze Generation den Staat in Frage stellte? Natürlich nicht. Einmal waren diese Protestgestalten auch vor unserer Schule aufgetaucht. Gymnasiasten mit langen Haaren, die Bundeswehrparkas trugen und Flugblätter verteilten, auf denen in großen Lettern “Schulkampf" stand und ein Text, den wir nicht verstanden, weil wir nicht wussten, was Staatsgewalt bedeutete und wer die Büttel des Schweinesystems sein sollten.
Nun ist es nicht so, dass unsere Eltern nicht auch hin und wieder auf den Staat geschimpft hätten. Schließlich war man als Bildungsbürger liberal, offen und kritisch bewusst. Aber die abendlichen Tiraden auf die CSU, die Konsumgesellschaft und die Industrie waren eher vom Radical Chic dieser Zeit geprägt als von wirklichem Protest. Denn unsere Eltern wussten sehr wohl, dass die frühen siebziger Jahre eigentlich eine friedliche Zeit war. Die Unruhen der späten sechziger Jahre hatten sich zu Bewegungen konsolidiert und überwiegend auf den Marsch durch die Institutionen gemacht. Der Kalte Krieg sorgte für ein Gleichgewicht, dessen Schrecken so abstrakt war, dass nur konservative Politiker und Actionfilm-Regisseure etwas damit anfangen konnten. Sicher, es gab großes Unrecht auf der Welt, aber das beschränkte sich auf Vietnam, Afrika, die DDR und vor allem auf die immer fernere Vergangenheit. Wir lebten eine Musterdemokratie, der Welt zum Vorbild. Nichts konnte schief gehen, schließlich hatte die BRD mit der sozialen Marktwirtschaft den genialen Kompromiss gefunden. Freiheit, Wohlstand und Altersversorgung schien auf den Markmünzen zu stehen. Ein ganzes Land als fürsorglicher Kokon.
Dieses unerschütterliche Vertrauen in den funktionierenden Rechtsstaat übertrug sich natürlich auch auf uns Kinder. Ein paar Jahre später wussten wir zwar, dass Polizisten Bullen heißen. Doch dies war nur eine freche Floskel. Sollten wir die Herren in den grünen Uniformen nicht um Rat fragen, wenn wir uns einmal verlaufen hätten? Sie hatten uns sogar schon bewiesen, dass sie nur unser Bestes wollten. Auf der Ringstraße, als wir mit Heinzens Eltern vom Kino heimkehrten. Ein Streifenwagen überholte, ein Arm in Leder reckte sich aus dem Beifahrerfenster und winkte mit einer Kelle, in deren Mitte eine rote Lampe leuchtete. Heinzens Vater kontrollierte Tacho und Krawatte, fuhr auf den Pannenstreifen und kurbelte das Fenster herunter. Er überlegte kurz. War das Rücklicht ausgefallen? Der Tankdeckel nicht zu? Schuld war er sich keiner bewusst. Der Beamte mit der Kelle stieg aus, trat höflich an den Wagen. Der Hinterreifen sei schon ganz platt, sagte er. Da könne schnell ein Unglück geschehen. Heinzens Vater bedankte sich, grüßte und machte sich sogleich mit Wagenheber und Schraubenschlüsseln daran, den Schaden zu beheben.
Wie viel Staatsgläubigkeit verträgt ein Land? Selbst als sich die Kelle in den Händen der Polizei zum Instrument von Zucht und Ordnung wandelte, wurde das Sicherheitsgefühl nicht weiter gestört. Zur gleichen Zeit, als die Fahndungsplakate in den Postämtern auftauchten, erfand die Staatsmacht die Methode der Rasterfahndung. An den Straßensperren standen die Polizisten nun bewaffnet und bereit. Mit ihren Kellen selektierten die Beamten die Fahrzeuge für die Stichproben am Straßenrand. Die Freundlichkeit war verflogen. Sie fragten mit strengem Ton nach den Papieren, ließen uns den Kofferraum öffnen, manchmal sogar das Gepäck. Nach der Prozedur winkten sie einen wortlos weiter.
Das sahen wir meist nur im Vorbeifahren. Es waren nie wir, die durchsucht wurden. Der Kampf zwischen Untergrund und Staat tobte in abstrakten Fernsehbildern und Zeitungsberichten. Nach wie vor waren es die anderen, die unter der Wirklichkeit zu leiden hatten, auch wenn sich diese Wirklichkeit mit einem Mal in nächster Nähe befand.
Bis in die späte Jugend begleitet uns die Kelle als Szepter des öffentlichen Dienstes und gleichzeitig das Gefühl, in Sicherheit zu sein. Später gingen wir unsere eigenen Wege. Heinz schlug die mittlere Beamtenlaufbahn ein. Olli ging in die Werbung. Der Hintermayer zum Bund. Und weiterhin blieb alles klar und alles geregelt.
Erst als die Mauer fiel und die Grenzposten auf beiden Seiten machtlos mit ansahen, wie die Bürger ihr Schicksal selbst in die Hand nahmen, schien die Kelle an Bedeutung zu verlieren. Nutzlos hing sie an den Gürteln der Grenzer. Niemand wollte sich noch den Weg weisen lassen. Die Realität war nach Deutschland zurückgekehrt. Und der Lauf der Geschichte ließ sich nicht einfach so regeln wie der Straßenverkehr.
Den Heinz habe ich vor kurzem nach Jahren mal wieder besucht. Die Beamtenlaufbahn hat er abgebrochen. “Nix zu verdienen", wie er meinte. Jetzt macht er in Papieren und hat sich in Krailling ein hübsches Einfamilienhaus gebaut. Es war ein recht langweiliger Abend. Wir saßen in der Küche, tranken Wein. Heinz erzählte von seinen Aktienpaketen, seinen Investitionen, versuchte mich dazu zu überreden, doch endlich meine Ersparnisse aggressiv anzulegen. Im Wohnzimmer spielten seine beiden Söhne auf der Polstergarnitur. Der Ältere trug einen Cowboyhut. Der Jüngere eine Feder. Dann standen sie plötzlich vor uns. Sie zogen ihre Plastikpistolen. “Geld oder Leben", krähte der Ältere. Dann griffen sie sich jeder einen Keks und rannten wieder hinaus.