Heute ist das alles längst Geschichte, und genau die will Troy Wade für die Nachwelt bewahren. Seit einigen Jahren ist er der Vorsitzende der Nevada Test Site Historical Foundation, die Ende Februar in Zusammenarbeit mit dem Smithsonian Institute nicht weit vom Las Vegas Strip das Atomic Testing Museum eröffnet hat. Der moderne Zweckbau fügt sich unauffällig in den Campus des Desert Research Center des amerikanischen Energieministeriums ein. Dort hat Troy Wade im zweiten Stock sein Büro gleich neben dem des Museumsdirektors Bill Jones. Der ist von Berufs wegen Archäologe und kann auch gut erklären, warum das Atomic Testing Museum für die Geschichtswissenschaften so wichtig ist. “Die Geschichte des Kalten Krieges beginnt derzeit zu verblassen", sagt er. “Die Menschen, die ihn geführt haben gehen in den Ruhestand, Versuche gibt es sowieso keine mehr. Kein Krieg hat jedoch so wenig begehbare Schauplätze hinterlassen, wie der Kalte Krieg." Eine der wenigen Ausnahmen ist das Versuchsgelände in Nevada, das man als Ausländer nur besuchen darf, wenn man sich schon 90 Tage zuvor zu einer eingehenden Sicherheitsüberprüfung angemeldet hat. Auch für amerikanische Staatsbürger gibt es nur einmal im Monat eine streng bewachte Führung. Das Museum soll nun Abhilfe schaffen.
Finanziert wurde das Projekt zum Teil aus öffentlichen Geldern, die der Fraktionsführer der Demokraten im Senat Harry Reid besorgte, teils aus privaten Spenden, die vor allem von Rüstungsfirmen wie Bechtel, Northrop Grumman und Lockheed kamen. Knappe 750 Quadratmeter Ausstellungsfläche haben die Architekten des Museums zu einem verwinkelten Rundgang gestaltet, der die Besucher entlang der Exponate durch die Geschichte des atomaren Zeitalters führt. Gleich zu Beginn stimmt eine Videocollage auf die Zeit ein, in der die atomare Aufrüstung der Welt begann. Das zentrale Bild der Collage ist kaum zu entziffern - Albert Einsteins Brief, den er am 2. August 1939 an den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt schrieb und ihn darin inständig bat, sich um die Erforschung von Kernwaffen zu kümmern. Und das ruft die Ausstellung zunächst ins Bewusstsein zurück - Mitte des 20. Jahrhunderts waren die Gegner Amerikas mit Adolf Hitler und Josef Stalin zwei völkermordende Monster. Von Hitler vermutete man fälschlich, vom Stalin wusste man, dass er die Atombombe besaß. Beiden traute man zu, sie ohne Zögern einzusetzen.
Das Museum spart allerdings keineswegs die Kontroversen und verheerenden Folgen des atomaren Wettrüstens aus. Da laufen auf einem Monitor Ausschnitt aus Kubricks Film “Dr. Seltsam oder wie ich lernte die Bombe zu lieben", die Protestbewegung findet genauso ihren Platz wie die grausamen Folgen von Hiroshima und Nagasaki. Auch die Ängste der Welt werden behandelt. Als die amerikanische Regierung beispielsweise eine Wasserstoffbombe im Südpazifik zünden wollte, gab es Gerüchte, dass bei einer Detonation unter Wasser weltweit alle Schiffe auf Grund sinken würden, dass sämtliches Wasser der sieben Weltmeere verdampfte, dass sich unter dem Meeresboden ein Loch auftäte, durch das sämtliches Was ablief, oder dass die Schwerkraft des Planeten Erde aufgehoben werde.
Die Ängste waren nicht ganz unberechtigt, schließlich hatten die Atomwaffenbauern nicht nur in Las Vegas Fensterscheiben zu Bruch gehen lassen. Am 1. März 1954 zündete das amerikanische Verteidigungsministerium auf dem Bikini Atoll im Südpazifik die Wasserstoffbombe mit dem Codenamen Castle Bravo, deren Radius mit 66 Meilen zweieinhalb Mal so groß war, wie zunächst angenommen. Castle Bravo setzte eine weltweite Diskussion in Gang. Vor allem, nachdem die Besatzung des japanischen Fischerbootes “Glücklicher Drache" unheilbar erkrankt war, das in den Strahlungsbereiche des Versuches geraten war. In Japan, wo das Trauma von Hiroshima und Nagasaki noch nicht verarbeitet war, begründete das Schicksal der Fischer vom “Glücklichen Drachen" damals den Mythos von der nuklearen Mutation, der bis heute den Godzillafilmen zu Grunde liegt.
Besonders stolz ist Troy Wade auf den Simulator im Ground Zero Theater. Da sitzen die Zuschauer auf den gleichen Holzbänken, wie die Beobachter und Soldaten in den 50er Jahren auf dem Testgelände und blicken wie in einem Schutzbunker durch einen Betonschlitz. Der achtminütige Film beginnt mit den Aufnahmen einer Atombombe, kurz darauf vernimmt man das Grollen der Explosion, die immer lauter wird, bis die Simulatorhydraulik den ganzen Raum erbeben lässt.
Auch im Film werden historisch korrekt alle Seiten des atomaren Zeitalters behandelt. “Nicht ganz leicht in acht Minuten", gibt Troy Wade zu. Aber er hofft, dass sich vor allem die junge Generation eine Ahnung von den Auswirkungen so einer Explosion verschaffen kann. Eine unwiderstehliche Faszination geht von diesen Bildern der entfesselten Gewalt aus. Die stachelige Wassersäule über dem Bikini Atoll, die Feuerkuppel der ersten Wasserstoffbombe, die Macht, mit der die Schockwellen Gebäude, Fahrzeuge und Schiffe erfassen, ganze Landschaften umstülpen und Ozeane erbeben lassen. Doch nur wer die Gelegenheit hat, die Nevada Test Site zu besuchen, kann die Kraft der Atomwaffen erahnen. Der sieht auf der Ebene der Frenchman's Flat die zerborstenen Betonkuppeln und Gebäude, die zerknitterten Eisenbahnbrücken, Fahrzeuge und angegriffenen Tresore, die hier aufgestellt wurden, um die Auswirkungen einer Detonation zu untersuchen. “Jeder einzelne dieser Versuche hat uns immer wieder ganz gehörige Angst eingejagt", sagt Wade. “Die Leute machen sich viel zu wenige Vorstellungen, wie furchtbar die Auswirkungen einer Atombombe sind."
Nur auf die zivile Nutzung der Atomenergie lässt er nichts kommen. Er war ja auch Mitglied des Nuclear Emergency Response Team, hat im Sommer 1978 bei zweistelligen Minusgraden nach den Überresten und gehörte nach dem Reaktorunglück von Three Mile Island zu den ersten Experten vor Ort. “Damals war die Strahlung nur sehr gering", sagt er. Im Gegensatz zu Tschernobyl, dem das Museum ebenfalls Platz einräumt. Das hätte in Amerika nicht passieren können, sagt Wade. “Das war einfach furchtbar schlechtes Design."
Las Vegas im März '05 - Troy Wade kann sich noch gut daran erinnern, als sie in den 50er Jahren keine hundert Meilen vom Stadtzentrum von Las Vegas entfernt noch Atombomben in der Atmosphäre zündeten. “Wir haben uns dann immer in unseren Vorgarten gesetzt und das Spektakel angesehen, erinnert er sich. Die großen Kasinos wie das Sands und das Sahara veranstalteten damals Parties, bei denen sie Cocktails mit flotten Namen wie Rocket Man und Cognac Zoom servierten, und als Höhepunkt betrachteten die trinkseligen Gäste das mächtige Aufflammen des Nachthimmels und bei guter Sicht die pilzförmigen Wolken am Horizont. Troy Wade war damals ein junger Ingenieur. Heute sieht der 70jährige mit seinem grauen Bart und dem wettergegerbten Gesicht so aus, als hätte er viel Zeit in der Wüste verbracht. Hat er auch - 1958 trat er seinen Dienst auf der Nevada Test Site an, jenem 330.000 Hektar großen Stück Wüste, auf dem die amerikanische Regierung zwischen 1951 und 1992 insgesamt 1054 atomare Sprengsätze gezündet hat. Wade arbeitete sich dort schon bald zum Test Controller hoch. Das war der Mann, der den Countdown bis zur Explosion auszählte und dann den Auslöser bediente. Mehrere hundert Mal hat Troy Wade die gewaltigsten Kräfte freigesetzt, die je von Menschen beherrscht wurden. Ab 1963 wurden die Tests zwar nur noch unterirdisch durchgeführt, doch Wade sagt: "Das war jedesmal sehr furchterregend."
Die ersten Jahre des atomaren Zeitalters waren noch von einer naiven Euphorie gezeichnet. Das kann man sich einen kurzen Zeichentrickfilm ansehen, der damals dem Volk die Atomenergie als Wunder der Neuzeit nahe brachte. Blau schillernde Giganten stehen da breitbeinig auf dem Planeten Erde und eine Stimme, wie man sie von den Naturfilmen der Disneystudios kennt erklärt, man müsse sich die Atomenergie wie eine Armada grundverschiedener Giganten vorstellen. Da gäbe es den Krieger, den Ingenieur, den Heiler, den Forscher. Daneben sind in einer Glasvitrine kitschige Artefakte aus der Popkultur - eine Schachtel Frühstücksflocken, der eine bunter Atombombenring beigelegt ist, ein “atomares Nähset" und ein Weinkorken mit einer Miniatur der Nagasakibombe. Ähnlich makabren Kitsch kann man später auch im Souvenirladen erwerben, obwohl dort den Schlüsselanhängern mit Miniaturen der Bomben von Hiroshima und Nagasaki der ironische Kitschfaktor fehlt.
Kurz vor dem Ausgang deutet Wade auf die beiden letzten Exponate des Museums. Da stehen ein Stück der Berliner Mauer und ein zerbeulter Stahlträger aus dem World Trade Center. Symbole für den Zeitenwandel. "Ich habe mich immer als Soldat auf dem Schlachtfeld des Kalten Krieges gehsen", sagt Troy Wade. "Und ich bin durchaus stolz darauf, dass ich mein Land un diese Welt damals sicherer gemacht habe." Letztlich habe das Gleichgewicht des Schrec kens doch einen dritten Weltkrieg verhindert. Heute beunruhigt Troy Wade eines besonders: “Wir haben es heute mit einer Generation von Politikern zu tun, die zwar über ein nukleares Arsenal verfügen, aber noch nie einen atmosphärischen Test erlebt haben und somit auch nicht einschätzen können, was für eine furchterrgende Kraft in so einer Waffe steckt." Nein sagt er, seit dem Ende des Kalten Krieges und dem Ende des atomaren Wettrüstens fühlt er sich keineswegs sicherer. Die Aussichten sind auch denkbar finster. Nach der Parteiendiktatur Chinas, dem stalinistischen Nordkorea und dem notorisch bedrängten (wenn auch bis heute unbestätigten) Israel, sind mit Pakistan und Indien zwei Staaten uneingeladen in den Club der Atommächte eingetreten, in denen fanatische Religiosität ein bedeutender politischer Faktor ist. Pakistan hat schon bewiesen, gegen entsprechende Bezahlung die nuklearen Ambitionen von Islamistenstaaten wie dem Iran und Libyen technologisch zu unterstützen. Es geht das Gerücht, pakistanische Atomwissenschaftler hätten auch schon die Terroristenorganisation al-Qaida beraten. Da bekommt der Rückblick auf das überschaubare Gleichgewicht des Schreckens einen doch eher nostalgischen Beigeschmack.
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