Es reicht aber schon ein kurzer Rundgang zwischen den Ständen der Armory Show, um zu sehen, welche Kapitel der New Yorker Kunstgeschichte derzeit als relevant gelten. Gemälde von Alex Katz und Zeichnungen von Louise Bourgeois gab es dieses Jahr in inflationären Mengen zu haben, die hier vor gut dreißig Jahren den Ton angaben. Auf dem boomenden Markt für künstlerische Fotografie waren mit Robert Mapplethorpe, Cindy Sherman und Nan Goldin vor allem die 80er Jahre vertreten, während ansonsten die Düsseldorfer Schule das Angebot dominierte. Da hing buchstäblich an jeder Ecke einer der mächtigen Glasprints von Thomas Gursky, die inzwischen genauso zur Standardausrüstung einer prestigebewussten Chefetage gehören, wie eine originale Sitzgruppe von Mies van der Rohe.
Nun ist die Armory Show eher dafür bekannt, die kommenden Marktbewegungen vorauszusagen, als den Status Quo zu bestätigen, und natürlich gibt es auch aus Amerika Neues zu berichten. Afroamerikanische Künstler wie der Maler Kehinde Wiley werden endlich auch vom Markt ernst genommen.
Alex Katz' einstige Muse Ena Swansea gehört zu den so genannten Shooting Stars. Doch ansonsten lautet die Devise auf dem New Yorker Kunstmarkt: hauptsche jung und deutsch. Da hat das Museum of Modern Art einen ganzen Satz Bilder von Marc Brandenburg gekauft. Am Tag zuvor hatte einer der ganz großen Sammler gleich vier der großformatigen Fotos von Amelie von Wulffen erworben. Solche Nachrichten verbreiten sich in Windeseile in den Gängen der Armory Show und treiben den Marktwert eines Künstlers in die Höhe, wie bei einem Konzern mit dreistelliger Wachstumsprognose.
Die begehrten jungen Deutschen sind nun oft nur noch mit guten Verbindungen zu haben. Da bekommt man auf der Armory Show im Abstellraum eines Standes verstohlen ein Häuflein handtellergroßer Aquarellbilder auf Skizzenpapier gezeigt, die der 25jährige Jonas Lipps an der Berliner Kunstakademie gemalt hat, wo ihn die Galeristen beim Semesterrundgang entdeckten. Zwei der Miniaturen sind noch im Angebot. Sonst - alles schon weg. In den Kosmos der Sammler geschossen, in dem sich der Wert nun schon bald ins Unermessliche steigern und potenzieren wird.
Mit der Kunst verhält es sich da ähnlich wie mit der Architektur -wenn eine Gesellschaft so richtig ins klassenfeindliche Prassen gerät, wenn ungeheure Mengen neuen Geldes im Umlauf sind, dann steigt der Wagemut der Käufer und die verlangen nach neuer, aufregender Kultur, die sie für sich selbst beanspruchen können. Gerade deswegen ist New York ein so guter Gradmesser für die Stimmung auf dem Kunstmarkt.
Nirgendwo ist mehr lockeres Geld im Umlauf als hier. Nirgendwo gibt es mehr Supersammler. Steve Cohen zum Beispiel, einen 48jähriger Risikofondmanager, dessen Jahreseinkommen dem Bruttosozialprodukt von Karibikstaaten wie Grenada und St. Vincent entspricht. Der hat in den letzten fünf Jahren rund 300 Millionen Dollar für Kunst ausgegeben. Dabei bricht er mit seiner Sammelwut regelmäßig Rekordpreise. So hat er für 52 Millionen Jackson Pollocks Nummer 8 gekauft, für 25 einen Superman von Warhol, und als die Saatchi Collection neulich ihren Richtungswechsel mit einem Massenverkauf zementierte, bezahlte er für Damien Hirsts Haifisch in Scheiben acht Millionen Dollar. Und Cohen ist nicht der einzige New Yorker Risikofondsmanager, der seine Millionen entweder direkt oder über Stiftungen und Museen in den Kunstmarkt pumpt.
Das schafft natürlich auch Möglichkeiten. Andreas Osarek, der in Berlin die Galerie Crone betreibt, schätzt vor allem, wie couragiert in Amerika mit Kunst umgegangen wird. “Speziell die Museumsszene hat hier eine Offenheit, die ich in Deutschland oft vermisse." Er weiß aber auch, wie schwierig es ist, auf einem überhitzten Markt, die Balance zu finden. “Man muss aufpassen, dass man den Verlockungen des amerikanischen Marktes nicht erliegt, sondern eine kontinuierliche Arbeit für den Künstler leistet." Denn während europäische Sammler in den meisten Fällen ein Werk behalten, werfen die amerikanischen Kunstinvestoren ihre Erwerbungen oft schon nach fünf Jahren wieder auf den Markt. Da greifen dann Marktgesetze, die mit künstlerischen Inhalten nichts mehr zu tun haben.
Die großen Themen der letzen beiden New Yorker Kunstjahrzehnte dominieren immer noch die Arbeiten der hiesigen Künstler. Die Suche nach der eigenen Identität, wie in den Arbeiten von Kelley Walker, Rina Banerjee oder Jen de Nike. Auch die politische Wut der Stadt, die seit dem 11. September als Faustpfand einer zynischen Weltpolitik missbraucht wird, findet ihren Ausdruck. Tyler Drosdeck benutzte Protesttafeln als Leinwände. Als Journalist kann man nur vor Neid erblassen, mit welcher Direktheit der Zeichner Steve Mumford den Krieg in den Bildern seiner “Baghdad Journal"-Serie vermittelt. Wie so oft bei Gruppenausstellungen, die lediglich einen geografischen gemeinsamen Nenner zusammenhält, finden sich die üblichen Kalauer und überambitionierten Experimente. Im Großen und Ganzen präsentiert “Greater New York" jedoch eine Qualität, die sich nach wie vor weltweit sehen lassen kann. Doch der Titel ist ja schon Programm. Die eigentliche Stärke New Yorks, Subkulturen, Geld und kulturelle Mitte auf engstem Raume aufeinanderprallen zu lassen, ging jedoch verloren. In “Greater New York" funktioniert New York schon wie die wuchernden Urbangebilde im amerikanischen Hinterland. Oder muss man sich einfach vom traditionellen Stadtbegriff verabschieden?
Genau deswegen schwelt seit einigen Jahren die New Yorker Sehnsucht nach Berlin, denn die marode Stadt an der Spree erinnert viele an den mythischen Moloch der ersten vier Nachkriegsjahrzehnte, in dem Leute wie Jackson Pollock, Andy Warhol oder Jean-Michel Basquiat Meilensteine schaffen konnten, in dem die Beatniks, Hipster und Punks über alle Genregrenzen hinweg kulturelle Bewegungen in Gang setzten, die weltweit Bedeutung hatten. Das erhoffen sich die New Yorker jetzt von Berlin. So schwärmte die Stargaleristin Barbara Gladstone neulich in der New York Times: “Die Wandlung von Ostberlin erinnert an die Hochzeiten des East Village." Wenn man den kulturellen Zeitgeist schon nicht mehr leben kann, dann will man ihn wenigstens kaufen.
New York 16. 03. '05 - Als Kunststadt funktioniert New York ganz einfach. Wer hier eine Einzelausstellung bekommt, der darf weltweit seine Preise verdoppeln. Wer ein zweites Mal ausgestellt wird, darf das dann auch noch mal tun. Die Zeiten, als New York nicht nur die Preise, sondern auch den Takt vorgab, sind allerdings schon lange vorbei. Die Impulse kommen heute aus Europa, aus Asien und aus der amerikanischen Provinz. Glaubt man dem Raunen auf den Gängen der alljährlichen New Yorker Kunstmesse Armory Show, dann kommen sie aber vor allem aus Berlin. Woher auch sonst? Tokio ist zu kindisch, Paris zu altbacken, Skandinavien zu kühl und London ja so was von 20. Jahrhundert. New York kämpfte auch dieses Jahr zäh und vergeblich um ihren Status als Kunstnabel der Welt, indem sie eine museale Bestandsaufnahme terminlich auf die Armory Show abstimmte. Letztes Jahr war das die Biennale im Whitney Museum, dieses Jahr ist es die Regionalausstellung “Greater New York" im PS 1, dem jungen, wilden Ableger des Museum of Modern Art in Queens.
Viele Künstler wissen, dass Rekordpreise ernsthafter Arbeit eher schaden. Der 39jährige Maler Kai Althoff besteht beispielsweise darauf, dass seine Bilder höchstens für 25.000 Euro verkauft werden. Doch da sind Kräfte im Spiel, gegen die sich niemand wehren kann. Am letzten Tag der Armory eilten die Galeristen und Sammler denn auch neugierig zu Christie's. Das Auktionshaus hatte eine knapp dreißig mal dreißig Zentimeter große Papierarbeit von Althoff im Angebot. Offizieller Schätzwert - fünf bis siebentausend Dollar. Bezahlt wurden dann 78.000 Dollar, und somit war der Hype um den jungen Deutschen bestätigt. Der Marktwert seiner Ölbilder wird in New York jetzt auf 300.000 Euro geschätzt. Zum Vergleich - eine doppelt so große Papierarbeit von Willem de Kooning brachte auf dieser Versteigerung lediglich 45.000 Dollar, ein Ölbild von Mark Rothko 45.000, eine Kreidezeichnung von Elizabeth Peyton 22.000.
Der ungeheure neue Reichtum ist ja auch mit ein Grund dafür, warum New York nun schon seit gut einem Jahrzehnt zu einem Spielplatz für die Ehrgeizigen und Betuchten geworden ist und als kultureller Impulsgeber immer weniger eine Rolle spielt. Für Künstler ist hier kein Platz mehr. Wer erst einmal zweitausend Dollar Monatsmiete zusammenkratzen muss, wird kaum Muße finden, an künstlerischen Inhalten zu feilen, geschweige denn das Geld, sich ein Atelier zu leisten. Deswegen richtet die Ausstellung “Greater New York" ihren Blick auch weit ins Land hinein. Weniger als ein Drittel der mehr als 160 ausgestellten Künstler wohnt noch in Manhattan. Da werden nicht nur das ehemalige Krisengebiet der South Bronx und die Kleinbürgerviertel von Queens entdeckt, nein auch die Kleinstädte Peekskill und Yonkers am Hudson River dürfen sich nun kulturell zu New York zählen, obwohl die immerhin eine gute Stunde flussaufwärts liegen. Oder die Vororte Jersey City und Hoboken, die zu New Jersey und damit zu einem ganz anderen Bundesstaat gehören.
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