Hier oben an der Madison aber werden sie ganz ruhig. Hier fließt das Geld nicht mehr mit dem Tempo reißenden Wildwassers, sondern mit der behäbigen Macht eines Stromes, und spätestens wenn sie die schwere Türe aufgestemmt haben und aus der Schwüle eines New Yorker Sommerabends in die heruntergekühlte Klimazone der spartanisch ausgestatteten Verkaufsräume getreten sind, dämpft die Ehrfurcht ihren Ungestüm. Dann lassen sie ihre Finger über die scharfen Stoffkanten streifen, täuschen Fachkunde vor, während die Verkäufer sie noch mit verächtlichen Seitenblicken ignorieren. Das sind kostbare Minuten, die sie auskosten, ein ganz anderes Einkaufen als unten bei den neonbeleuchteten Discountern des Bankenviertels, bei Syms, Century 21, Men's Wearhouse, wo sie sich sonst nach Börsenschluß aus endlosen Reihen vollgestopfter Hängestangen hastig Rest- und Billigware pflücken.
Und genau das tut der Anzug in diesem Moment vor dem Spiegel. Fällt locker von den Schultern und hält trotzdem Linie, fältelt sich leicht um die abgestoßenen Budapester, die nun plötzlich so schäbig und deplaziert wirken wie der ausrasierte Zehndollar-Haarschnitt. Läßt Raum für Gesten, ganz anders als die steifgebügelten Alltagszwirne, deren Schultern sich unter dem Gewicht der Laptoptaschen verziehen und deren Hosenbeine im Sitzen über den Sockenrand rutschen. Jetzt sehen sie plötzlich den Mann vor sich, der sie immer sein wollten. Jetzt gehören sie zu jenen Auserwählten, die sie in New York mit einer Mischung aus klassenkämpferischer Verachtung und Respekt die "Typen in ihren Zweitausenddollaranzügen" nennen.
Zu so einem Erlebnis gehört natürlich auch ein gewisses Maß an Gaukelei, und darauf versteht sich niemand so gut wie Giorgio Armani. Sicher, da gibt es endlose Designtheorien über die Dekonstruktion des Herrenjacketts, die er mit seiner ersten Kollektion 1974 begann, aber das wahre Geheimnis von Giorgio Armani bleibt, dass er den Trägern seiner Anzüge das Gefühl vermittelt, gleichzeitig so eindrucksvoll wie ein Industriekapitän und so sexy wie ein Filmstar zu wirken. Das kann nur, wer die Stile, Formen und Klischees beherrscht und aus der Vergangenheit schöpfen kann. Das kann Armani wie kein zweiter, denn kaum ein Couturier hat die Kraft des Kinos so gut verstanden, wie Armani.
Doch ein guter Teil der Vergangenheit stammt ja längst von ihm selbst. Mit Richard Gere in "American Gigolo" fing es an, die Mischung aus teurem Stil und teurem Sex. Dann die Kurskorrektur bei Miami Vice, der herbe Machismo von Don Johnson und Philip Michael Thomas, die Armanis Dekonstruktion auf die Spitze trieben, indem sie T-Shirts unterm Jackett trugen und die Ärmel hochkrempelten. Als Michael Douglas dann drei Jahre später in der Rolle des archetypischen Erzkapitalisten Gordon Gekko in Oliver Stones "Wall Street" Charlie Sheen zusammenstauchte, er solle sich erst einmal einen ordentlichen Anzug kaufen, wußte schon jeder, dass er damit Armani meinte.
Man darf so einen Anzug nicht unterschätzen. Für die Börsenjockeys an der Wall Street ist der erste Einkauf bei Armani immer noch ein Inititationsritus, mit dem sie nun offiziell in die Welt von Erfolg und Reichtum eintreten, ein Ritterschlag, den sie sich mühsam verdienen mußten. Dazu gehört schon die Anreise aus den engen Schluchten des Bankenviertels im Süden von Manhattan in die edlen Gefilde der Madison Avenue auf der Upper Eastside, dem Postbezirk mit dem höchsten Steueraufkommen der Nation, wo die Seitenstraßen mit prächtigen Bürgerhäusern gesäumt sind, die im Schatten der ausladenden Bäume patrizierhaftes Understatement vorspiegeln. Hierhin verirren sich die Männer aus dem Fußvolk der Finanzwelt nur selten. Die verbringen ihre Tage in den Stollengängen der Bankentürme unter dem blassen Licht der Monitore und abends drehen sie dann höchstens noch ihren Adrenalinpegel in einer der lärmigen irischen Bierkneipen herunter, in denen über dem Tresen stumme Baseballspiele laufen und die breitbeinigen Posen der Gäste darüber hinwegtäuschen, dass sie von den Berg- und Talfahrten der Aktienkurse eigentlich ganz zerzaust sind.
Beim Blick aufs Etikett kommt ihnen vielleicht noch ein letzter Zweifel. Bei Armani steht eben eine Null mehr vor dem Komma. Aber das ist spätestens vergessen, wenn sie aus der Umkleide vor den Spiegel treten. Jetzt zeigt sich, was am Bügel nur zu ahnen war. Jetzt scheint es für einen Moment, als stünde der weißhaarige Signore Armani persönlich hinter ihnen, der Mailänder Modezar, der sich doch immer noch die vertrauenserweckende Aura eines Herrenschneiders erhalten hat und weiß, was Männer von einem Anzug erwarten. Haltung, Form, Stil und Klasse soll er ihnen verleihen, jene Aura von lässiger Autorität, die Männer verströmen, die die Stromschnellen der ersten Million längst hinter sich gelassen haben.
Als Filmausstatter beweist er schon seit 1980, dass er die Vergangenheit beherrscht. Die Klasse der Cops und Gangster in "Untouchables", Sam Shepards lässige Eleganz in "Homo Faber", und diesen Kinosommer rechtzeitig zu seinem 70. Geburtstag - der endgültige Ritterschlag aus Hollywood. Giorgio Armani durfte "De-Lovely" ausstatten, den Film, der die Geschichte von Cole Porter erzählt, dem Komponisten, der einen guten Teil der klassischen amerikanischen Songs geschrieben hat - Night and Day, I Get A Kick Out Of You, Begin the Beguine, der aber vor allem Generationen von Hollywoodstars als Stilikone diente. Da konnte Giorgio Armani in die Vollen greifen, konnte mit zweireihigen Smokings, breitschultrigen Blazern, wallenden Leinenhosen, Einstecktüchern und Ascots spielen.
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