Nun gehören Pech- und Schwefelprediger schon seit den Tagen des Wilden Westens fest zum Panoptikum amerikanischer Klischeefiguren, doch Jerry Falwell ist nicht nur irgendein geistlicher Scharlatan, sondern als Oberhaupt der Thomas Road Baptist Church, Gründer der christlich-fundamentalistischen Liberty University und Mitbegründer der Moral-Majority-Bewegung einer der wichtigsten Vordenker der Evangelistenbewegung. In diesem fundamentalistischen Teil des amerikanischen Protestantismus ziehen die jüngsten Gerüchte von der alsbaldigen Apokalypse nun seit Ausbruch des Libanonkrieges immer weitere Kreise. Das wird inzwischen auch von regulären Medien ernst genommen. So widmete Paula Zahn, Starmoderatorin des Nachrichtensenders CNN, den Apokalyptikern diese Woche einen ausführlichen Bericht und ein Studiogespräch.
Zu denen gehörte dann die neue “Glaubens- und Wertekorrespondentin" des Senders, die junge und sehr blonde Theologin Delia Gallagher, die vorrechnete, dass nach Kapitel 9 Vers 15 der Johannesoffenbarung ja ein Drittel aller Menschen sterben wird, was nach dem heutigen Bevölkerungsstand ja immerhin zwei Milliarden Menschen entspräche.
Die Tsunami-Katastrophe, Hurrikan Katrina, die Erdbeben im Iran und der Türkei und die Vogelgrippe sind allesamt der Beginn der tödlichen sieben Jahre. Der Krieg im Libanon aber ist der Beginn der Schlacht von Armageddon, die ja in direkter Umgebung von Jerusalem beginnen soll und nach Meinung einiger Apokalyptiker in einem Atomkrieg mit dem Iran gipfeln wird, der mit Mahmud Ahmadindeschad den Antichristen zum Präsidenten gewählt hat.
Bis zur darauffolgenden Wiederkehr Christi gibt es allerdings noch viel zu tun. Vor allem gilt es, Seelen zu retten. Deswegen haben die Vertreter der größten evangelistischen Kirchen bei einer Konferenz in der Faith Central Bible Church im kalifornischen Inglewood schon im Februar beschlossen, in den nächsten zehn Jahren weltweit fünf Millionen neue Kirchen einzurichten. In den USA selbst haben die Prediger schon ganze Arbeit geleistet. Laut einer Umfrage des Nachrichtenmagazines Newsweek glaubten schon vor zwei Jahren 55 Prozent aller Amerikaner, dass die Gläubigen vor dem Ende der Welt gerettet werden und immerhin 36 Prozent sind der Überzeugung, dass die Prophezeihungen des Johannes auch eintreten werden. Zu denen gehört übrigens auch Präsident George W. Bush.
Im Antichristen Mahmud Ahmadindeschad haben die protestantischen Apokalyptiker übrigens einen Bruder im Geiste gefunden. Der glaubt nämlich gemäß den schiitischen Lehren seines geistlichen Mentors Ajatollah Mohammed Taghi Mesbah Yazdi, dass die Zerstörung Israels und die folgende Apokalypse der Rückkehr des Madhi, des seit rund eintausend Jahren verschollenen 12. Imams, und damit dem weltweiten Sieg des Islams vorausgehen wird. So ähneln sich die messianischen Sehnsüchte.
New York im Juli '06 -
Es fällt einem als Laien-Apokalyptiker oft schwer, die Zeichen für das immer rascher herannahende jüngste Gericht zu deuten. Das liegt nicht nur daran, dass die apokalyptische Offenbarung des Johannes seit der Kirchengeschichte des Eusebius von Cäsarea als einer der umstrittensten, sondern auch ganz allgemein als einer der schwierigsten Texte der Bibel gilt. Glaubt man jedoch den Experten, dann ist der momentane Libanonkrieg der buchstäbliche Anfang vom Ende. So schrieb der amerikanische Prediger Jerry Falwell in seiner wöchentlichen Kolumne: “Es ist ganz offensichtlich, dass die aktuellen Ereignisse im Heiligen Land sehr wohl Auftakt und Vorbote der Schlacht von Armageddon und damit für die glorreiche Rückkehr Christi sind." Diese Zeilen sollte man mit einem leicht jubilierenden Unterton lesen, denn der Apokalyptiker amerikanischer Provenienz unterscheidet sich vom landläufigen europäischen Pessimisten vor allem dadurch, dass er in der Apokalypse, nicht das Ende der Welt, sondern die Erlösung sieht.
Da sah man dann die feurigen Predigten, mit der die Gläubigen in einer texanischen Pfingstkirche auf die so genannte Rapture vorbereitet werden, wie das jüngste Gericht im Jargon amerikanischer Christen heißt. Der neutrale Journalistenton behandelte die Modalitäten des jüngsten Gerichtes dabei mit der gleichen Nüchternheit wie einen Vorgang am Bundesgerichtshof. Die Moderationsformate, mit denen CNN-Sprecher versuchen, die Zuschauer über die Werbepause zu halten, führten dabei zu unfreiwillig komischen Momenten. “Berichten wir hier vielleicht über eine viel größere Geschichte?", unkte die sonst so korrekte Paula Zahn und stellte die Cliffhanger-Frage: “Kommt Armageddon nun wirklich? Nach der Werbepause fragen wir Experten, die es wissen müssen."
Doch nicht nur CNN hat Deckungspunkte mit den apokalyptischen Prophezeihungen der Bibel gefunden. Vor allem die Rückkehr der Juden nach Israel gilt als eindeutiges Zeichen, weswegen amerikanische Protestanten wie Jerry Falwell das israelische Staatsgründungsdatum des 18. Mai 1948 als wichtigstes historisches Datum seit der Geburt Christi ansehen. Das wiederum hat dazu geführt, dass derzeit laut Umfrage mehr amerikanische Protestanten, als amerikanische Juden hinter der Politik der Härte Israels stehen. Fundamentalistenkirchen haben Solidaritätsorganisationen für Israel gegründet und spenden Millionen von Dollar, denn nur die sichere Rückkehr der Juden ins Heilige Land kann die Wiederkehr Christi vorbereiten.
Längst hat die Apokalypse ihren Einzug in die Popkultur gefunden. Die Buchreihe der “Left Behind"-Romane, in denen Tim Lahaye in blutrünstigen Details die Endzeitkriege beschreibt, hat beispielsweise schon eine Auflage von 62 Millionen erreicht und damit Bestsellerautoren wie Steven King und John Grisham auf die Plätze verwiesen. Dazu gibt es Kinofilme und ein Videospiel, bei dem New York als Babylon herhalten und untergehen muss. Wem die Offenbarung des Johannes jedoch selbst als Actionroman zu kompliziert ist, der kann auf der Webseite “The Rapture Index" den gegenwärtigen Stand der Dinge nach Art der Aktienkurse einsehen. Der Mittelwert aus 45 apokalyptischen Kriterien wie Erdbeben, Hungersnöten, falschen Propheten und Königen des Ostens liegt dort gegenwärtig bei 156 und damit immerhin 99 Punkte über dem Tiefstand im Dezember 1993 und nur 26 Punkte unter dem Höchststand im September 2001. Wer sich gemeinsam mit anderen Gläubigen auf das nahe Ende der Welt vorbereiten will, kann das in den Foren des Rapture Ready Message Board besprechen.
Nun ist die Geschichte der Apokalyptiker bisher durchweg eine Geschichte der Irrtümer gewesen. In der Vergangenheit galten Hitlerdeutschland, die Sowjetunion, die Ölkrise der 70er Jahre und der Golfkrieg von 1991 als eindeutige Vorboten der Apokalypse. Der eingangs zitierte Jerry Falwell verkündete seinen Anhängern in einer Fernsehpredigt am 27. Dezember 1992, dass es kein neues Jahrtausend geben werde. Einen Unterschied zu den Prophezeiungen vergangener Jahrhunderte gibt es allerdings. Sollte der Iran seine atomaren Rüstungspläne noch während der Amtszeit von George W. Bush verwirklichen, gäbe es gleich zwei Apokalyptiker mit einem nuklearen Waffenarsenal. Dieses Szenario findet sich allerdings weder in der Offenbarung des Johannes, noch in den Schriften von Mesbah Yazdi.
Trailer für "Left Behind 3"
The Rapture Index
The Rapture Ready Message Board
Webseite der OrganisationChristians United for Israel
Anderson Cooper interviewt Jerry Falwell
Videotrailer für 'Left Behind Games'
Zurück zum Inhalt