CHRONIK EINER
ANGEKÜNDIGKTEN APOKALYPSE

Nach dem 11. September ist die Welt
die gleiche geblieben, nur unser
Blick hat sich verändert

© Andrian Kreye

New York am 10. September '06 - Für die meisten Menschen in der westlichen Welt war der 11. September vor fünf Jahren einer jener epochalen Tage, an den wir uns für den Rest unseres Lebens mit minutiöser Genauigkeit erinnern werden. Wir wissen noch genau, wo wir waren, als der zweite Jet vor laufenden Fernsehkameras in den Südturm des World Trade Centers einschlug und es in Deutschland kurz nach drei Uhr am Nachmittag war, was wir taten, als der Nordturm um fünf nach vier einstürzte und was, als der Südturm um kurz vor halb fünf zusammenbrach. Vieles blieb noch unklar an diesem Abend. Nur eines schien sicher: nach diesen Angriffen würde die Welt nicht mehr die gleiche sein.

So ähnlich ist es dann auch gekommen. Dabei hat sich jedoch weniger die Welt selbst, als unser Blick auf sie verändert. Der 11. September war keine Zäsur im Lauf der Weltgeschichte, als vielmehr in unserem Denken. Denn die globalen Machtverhältnisse haben sich in den letzten fünf Jahren nicht entscheidend verändert.

Die Weltwirtschaft expandiert weiter. Die G-8-Staaten haben ihre wirtschaftliche Führungsposition behalten. Der Irakkrieg war kein plötzlicher Ausbruch, sondern die konsequente Fortsetzung einer Außenpolitik, die mit der Carter-Doktrin von 1980 begann. Es kam auch keineswegs zu einem Kampf der Kulturen, sondern lediglich zu einem größeren Interesse an den Vorgängen in der islamischen Welt. Der militante Fundamentalismus hatte sich dort schon seit 1979 ausgebreitet. Sicher forderte der Terror zwischen dem 11. September 2001 und dem 31. Dezember 2005 18,944 Tote. Doch das Gros der Toten fiel Anschlägen im Irak und dem Nahen Osten zum Opfer.

Die größte Kraft des internationalen Terrors Al-Qaida wurde durch die Intervention in Afghanistan in die Handlungsunfähigkeit getrieben und mutierte zu einer Art apokalyptischen Konzessionsbetrieb. Man darf die Gefahren des Terrorismus nicht unterschätzen, doch zu einem Dritten Weltkrieg zwischen der islamischen und der industrialisierten Welt wird es nicht kommen. Es war also nicht der Beginn eines neuen Zeitalters, wie befürchtet, und doch hat sich das Lebensgefühl in den westlichen Ländern verändert. Denn der 11. September markierte die Rückkehr der apokalyptischen Weltbilder.

Nun gehören Untergangspropheten seit jeher zum Standardvokabular der Karikatur. So kramte die Zeichnerin Roz Chast in einer der letzten Ausgaben der Wochenzeitschrift New Yorker wieder einmal den archetypischen Apokalyptiker mit Bart, Kutte und Sandalen hervor, diesmal allerdings mit Konkurrenz. Unter der Überschrift “Revierkampf auf der 49. Strasse" stehen sich ein Pech- und Schwefelprediger und eine Hippiedame gegenüber. Der Prediger trägt ein Schild mit der Aufschrift “Das Ende ist aus religiösen Gründen nahe", die Hippiedame eines mit “Das Ende ist aus ökologischen Gründen nahe". Weil die Karikaturen des New Yorker aber auch ein hochsensibler Gradmesser für gesellschaftliche Strömungen sind, darf man die Zeichnung durchaus als Bestätigung für die neue Relevanz apokalyptischer Weltbilder sehen, die sich seit den Anschlägen des 11. Septembers vor fünf Jahren nicht nur in ihrer angestammten Domäne in den Randzonen der der Religiösität verbreitet hat.

Sicherlich ist das dominierende Endzeitszenario in Amerika immer noch das Armageddon, das in der Offenbarung des Johannes prophezeit wird. Dieses Hoffen auf ein Ende mit Schrecken, das den Gläubigen den Weg ins Paradies öffnet und die Ungläubigen in die Hölle verdammt hat nun im Islamismus ein moslemisches Pendant gefunden. Der iranische Präsident Mahmud Ahmadindeschad folgt beispielsweise den Lehren des Ajatollah Mohammed Taghi Mesbah Yazdi, der sagt, dass die Zerstörung Israels und die folgende Apokalypse der Rückkehr des Mahdi, des seit rund eintausend Jahren verschollenen 12. Imams, und damit für die Schiiten dem weltweiten Sieg des Islams vorausgehen wird.

Doch es sind vor allem die weltlichen Formen des apokalyptischen Denkens, die den 11. September 2001 zu einem Stichdatum für eine Zäsur in der Geistesgeschichte machen, weil er ein vorläufiges Ende der Utopien und damit auch des unerschütterlichen Optimismus im amerikanischen Denken markiert. Da vermengen sich die Offenbarung des Johannes, religiöser Weltuntergangspop, Naturkatastrophen, rasant steigende Benzinpreise, Al Gores Warnungen vor dem ökologischen Super-Gau und paranoide Schreckensszenarien liberaler und konservativer Lager zu einem überparteilichen Cocktail der Angst.

Es war also durchaus der Zeitgeist, den die säkulare amerikanische Linke da aufgriff, als sie in den letzten Jahren begann, ihre eigenen Endzeitszenarien zu entwickeln. Immerhin hat die Apokalypse längst Einzug in die Popkultur gefunden. Die vierzehn Bände der “Left Behind"-Serie der Tim LaHaye und Kerry Jenkins verpacken die christliche Apokalypse in Actionromane, die eine Auflage von über 50 Millionen Stück erreichten. Inzwischen gibt es mehrere Verfilmungen und sogar ein Videospiel. Mit ähnlichen Endzeitmotiven spielt die Fernsehserie “Jericho", die diesen Herbst anläuft. Selbst Bestsellerautor Stephen King ließ in seinem letzten Roman “Puls" gleich die gesamte Menschheit an einem über Handysignale verbreiteten Virus zu Grunde gehen.

Da sind die Endzeitvisionen der amerikanischen Linken etwas realistischer. Die teilt sich in die Anhänger einer ökologischen und die Verfechter einer soziologischen Apokalypse, wobei sich die beiden Modelle auch überschneiden. Vordenker der ökologischen Apokalypse ist der ehemalige Vizepräsident Al Gore, der der amerikanischen Öffentlichkeit mit seinem Film “An Unconvenient Truth" das Drama des Klimawandels näher brachte, als jeder andere zuvor. Selbst Wochen nach dem Kinostart war der Film noch bestens besucht. Was Al Gore und seine wissenschaftlichen Zuarbeiter von den Ivy-League-Universitäten da an Fakten in neunzig Minuten Film packen kann einem allerdings auch richtig Angst einjagen. Denn im Gegensatz zu religiösen oder ideologischen Endzeitszenarien, basieren die ökologischen und soziologischen Modelle einer weltlichen Apokalypse auf handfesten Fakten.

Noch extremer, als die ökologischen Untergangspropheten sind die Anhänger der so genannten “Peak Oil"-Bewegung. Die gehen davon aus, dass die Weltwirtschaft am Mangel an Rohstoffen zerbrechen wird. Allerdings wir dieses Ende nicht erst dann eingeleitet, wenn die Rohstoffe zur Neige gehen, sondern vielmehr am Höhepunkt der weltweiten Produktion. Und nachdem die Weltwirtschaft zu einem Großteil auf Erdöl basiert, ist der Anfang vom Ende der Moment des “Peak Oil", dem Moment, an dem die weltweite Ölförderung ihren Höhepunkt erreicht hat. Wann das sein soll ist umstritten. Vorsichtige Schätzungen gehen vom Jahr 2025 aus. Die “Peak Oil"-Bewegung befürchtet, dass der Höhepunkt im letzten Herbst erreicht war. Was und wann danach geschieht ist ebenso strittig. Die “Peak Oil"-Bewegung geht davon aus, dass die Weltwirtschaft in den nächsten fünf bis zehn Jahren implodieren und damit das posttechnologische Zeitalter einläuten wird. Erschwerend hinzu kommen pessimistische Prophezeiungen, wie sie der Autor James Howard Kunstler in “The Long Emergency" prophezeit. Demnach wird es eine apokalyptische Synergie aus versiegenden Rohstoffen, Klimawandel und neuen Seuchen wie der Vogelgrippe sein, welche die Zivilisation, wie wir sie heute kennen, in die Knie zwingen wird.

Einen Hoffnungsschimmer gibt es jedoch in den Weltbildern der kommenden Apokalypse. Das ist die Empirie. Es ist ja nicht das erste Mal, dass wir das Ende der Welt befürchten. Fast jede Weltreligion hatte ihre apokalyptischen Ideen, von den Eschatologien der Antike und dem Verfall der Menschheit, den der Buddhismus in den Seiten der Sutta Pitaka vorhersieht, über das schwarze Zeitalter Kali-Yuga der Hindus, die Endzeitvisionen der Mayas und Azteken, bis zum apokalyptischen Weltbild der Zeugen Jehovas, Mormonen und Pfingstkirchler. Säkulare Endzeitvisionen gab es zu den Jahrhundertwenden, zu Beginn neuer technologischer Zeitalter, oder aus dem Moment ideologischen Eifers. Die Empirie, welche die Apokalyptiker seit der griechischen Antike immer wieder aufs Neue widerlegte, ist ganz einfach zu definieren: Hurra, wir leben noch! Das gilt selbst für die säkularen Endzeitvisionen. Weder der nukleare Winter, noch das weltweite Waldsterben, noch ein Aufreissen der Ozonschicht sind in den letzten Jahrzehnten eingetreten.

Das Ozonloch ist dabei ein besonders gutes Beispiel dafür, dass die Menschheit ihr Schicksal in selbst in die Hand nehmen kann. Seit 43 Nationen unter der Führung der USA 1987 das Montreal Protokoll unterzeichnet und die Produktion von ozonzerstörenden Stoffen eingestellt haben, erholt sich die Ozonschicht zunehmend. Eine erste Stabilisierung wurde letztes Jahr gemessen. In den nächsten Jahren soll sich die Ozonschicht sogar wieder ganz normalisieren.

Das illustrierte den entscheidenden Unterschied zwischen religiösem und säkularem Apokalypsedenken. Während sich der gottergebene Fatalismus der Religiosität im amerikanischen Protestantismus und schiitischen Dogma in eine Sehnsucht nach der apokalyptischen Katharsis steigert, bewahrt sich der säkulare Endzeitglauben immer noch einen Funken Hoffnung, dass der Mensch die Verpflichtung hat, alles in seiner Macht stehende zu tun, um dieses Ende aufzuhalten. Denn für den säkularen Humanismus gibt es kein Paradies im Jenseits, nur das Leben im Hier und Jetzt. Deswegen verfasste der Biologe an der Harvard University Edward O. Wilson in der letzten Ausgabe der Zeitschrift New Republic einen offenen Brief, in dem er sich ganz allgemein an die Kleriker wandte. Es sei die Pflicht eines jeden Christen, Gottes Schöpfung zu bewahren, schreibt er da. “Religion und Wissenschaft sind die beiden stärksten Kräfte in der heutigen Welt", fährt er fort. “Wenn Religion und Wissenschaft im Naturschutz eine gemeinsame Basis finden könnten, könnten wir das Problem gemeinsam lösen." Glaubt man der Wissenschaft, wird die Zeit dafür bald knapp.





Plus - Touristenvideo vom Besuch des World Trade Centers



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