Die meisten Moais findet man allerdings auf den Flanken des Vulkans, wo sie kreuz und quer über die Wiesen verstreut sind. Hier befand sich der Steinbruch, aus dem die Statuen geschlagen wurden. Einige liegen noch halbfertig im Vulkanstein, andere wie zum Transport bereit auf dem Rücken, andere wurden umgestürzt und sind zerbrochen. Die Moais sind steingewordene Zeugen vom Aufstieg und Fall einer Hochkultur, die außer den Statuen nicht viel mehr hinterlassen hat, als Karstland und ein Dorf aus schäbigen Bungalows.
Während die Anthropologen weiter rätseln, wie die Bewohner der Osterinsel die bis zu 90 Tonnen schweren Moais vom Rano-Raraku-Vulkan zur Küste transportiert haben, kann man den Untergang der abgelegenen Zivilisation relativ präzise nachvollziehen. Fünf Hauptfaktoren bestimmen über Aufstieg und Fall einer Gesellschaft, schreibt Diamond in seinem neuen Buch “Collapse - How Societies Choose To Fail Or Succeed": Umweltschäden, die Gesellschaften anrichten, natürliche Klimawechsel, Feindschaften, Wandlungen bei freundlich gesinnten Handelspartnern, sowie die politischen, wirtschaftlichen und soziologischen Antworten einer Gesellschaft auf solche Veränderungen. Dabei müssen beim Niedergang einer Gesellschaft nicht unbedingt alle fünf Faktoren eine Rolle spielen.
Im Falle der Osterinselvölker waren es vor allem die Schäden, die jahrhundertelanger Raubbau auf dem begrenzten Eiland anrichtete. Der rapide ansteigende Holzverbrauch, um die aufwendigen Transportanlagen für die Moais zu errichten, reduzierte den Holzbestand der ursprünglich dicht bewaldeten Insel schon bald auf Null. Mit gravierenden Folgen. Bald gab es kein Wild mehr zu jagen, ohne Holz konnten die Insulaner keine seegängigen Kanus mehr bauen, um Fische zu fanden, außerdem dezimierte Erosion die bebaubaren Ackerflächen. Die Stammeskriege, während denen die verfeindeten Insulaner die Maois umstürzten, seien letztendlich nur die Konsequenz der schwindenden Ressourcen gewesen.
Diamond ist nicht der einzige, der historische Parallelen zwischen den USA und vergangenen Weltreichen zieht. Der britische Historiker Niall Ferguson suchte im Untergang des britischen Empire nach Lektionen für Amerika. Der französische Publizist Jean-Claude Ruffin und der Historiker Chalmers Johnson verglichen die USA mit dem römischen Weltreich in der Ära nach der Zerstörung Karthagos.
Auch die Kulturkritikerin Jane Jacobs benutzt in ihrem neuen Buch “Dark Age Ahead" den Fall des römischen Reiches als Vergleichsmodell. Die inzwischen 89jährige hatte 1961 mit “The Death and Life of Great American Cities" das Grundlagenwerk des modernen Urbanismus geschrieben. Zeit ihres Lebens kämpfte sie für eine kosmopolitische Gesellschaft als das reale Utopia der Moderne. Doch in “Dark Age Ahead" kommt sie zu dem Schluss, dass sich die amerikanische Gesellschaft derzeit auf eine Zeit der Finsternis zubewegt, die nicht nur den Untergang eines Weltreiches, sondern der amerikanischen Zivilisation an sich zur Folge hat. Finstere Zeiten wie im Mittelalter seien zu erwarten. Der Verlust der Geschichte und Erinnerung, ähnlich wie vor zehntausend Jahren, als mit dem Wandel der Menschheit von Jägern und Sammlern zur Agrargesellschaft die kollektive Erinnerung verloren ging. Nun stehe die Menschheit wieder an einer Schwelle, schreibt Jacobs. Sie wandle sich von der Agrar- zur Technogesellschaft, da müsse der Westen auf die fünf tragenden Säulen der Gesellschaft achten. Die definiert Jacobs als Gemeinde und Familie, Hochschulbildung, Wissenschaft und Technik, die Volksvertretung durch die Regierung, sowie die Selbstregulierung der Lernberufe. Alle fünf Säulen sind nach Jacobs nicht nur ins Schwanken gekommen, sie zeigen deutliche Spuren des Verfalls.
Doch nicht nur die Third Culture und die Linke, auch die amerikanische Philosophie übt sich in diesen Tagen in apokalyptischem Pessimismus. Cornel West, Professor für Religionswissenschaften in Princeton und einer der brillantesten Denker des modernen Pragmatismus, untersucht in seinem neuen Buch “Democracy Matters" den bedenklichen Zustand der amerikanischen Demokratie. Eine Gruppe religiöser Extremisten, die West als konstantinische Christen bezeichnet, habe sich mit den Wirtschaftseliten und Konservativen zu einer Allianz verbunden, die das Fortbestehen der Demokratie und damit die Essenz der Nation Amerika und des freiheitlichen Westens gefährden.
Neu ist der Paradigmenwechsel, der sich da im Denken vollzogen hat. Die Philosophie, die Naturwissenschaften und die progressive Linke waren traditionell die Vertreter eines zukunftsgewandten Optimismus. Der Pessimismus war eher eine Domäne der Konservativen und Religiösen, die in allen Neuerungen der Gesellschaft, Technologien und im Denken Wege ins Verderben sahen. Mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Wirtschaftswunder der 90er Jahre präsentierten sich jedoch immer öfter Konservative, Propheten des ungebremsten Freihandels und Marketingspezialisten. Die Vordenker der Dotcom-Ära wie Alvin Toffler, George Gilder und Peter Drucker predigten einen fundamentalistischen Fortschrittsglauben, der in ein goldenes Zeitalter führe, in dem niemand mehr arbeiten müsse und niemand mehr an Krankheiten leide. Konservative Politiker und Demagogen nutzten den neuen Optimismus als rhetorischen Tiefschlag gegen jede Kritik, die sie als defätistischen Pessimismus verunglimpften. Mit Erfolg. So stellte sich nachträglich heraus, dass nicht die Moralpredigten, sondern das Motiv des absoluten Optimismus George W. Bush zu seinem letzten Wahlsieg verhalfen. Sein potentieller Amtsnachfolger Newt Gingrich nennt seine Lobbygruppe für die Privatisierung staatlicher Funktionen sogar Stiftung für Fortschritt und Freiheit. Jüngstes Beispiel ist der Schriftsteller Michael Crichton, der in seinem neuen Roman Umweltpessimisten als gefährliche Hysteriker beschreibt.
Die rechtsoptimistische Rhetorik hat es trotzdem leicht, kommen die meisten apokalyptischen Weltbilder doch fast immer zu dem Schluss, dass die Menschheit selbst die Schuld an ihrem Untergang trägt. Wer will das schon hören?
Es stimmt ja auch nicht, dass es immer die Menschen sind, die Katastrophen auslösen. Auf der Osterinsel wurde die phänomenale Reihe der haushohen Maois von Tongariki übrigens erst vor zwölf Jahren wieder hergestellt. Bis dahin hatten die tonnenschweren Steinköpfe dort ebenfalls wahllos herumgelegen. Allerdings nicht, weil verfeindete Stämme sie umgeworfen hatten, wie die meisten der anderen Moais. Eine mächtige Tsunamiwelle war 1960 über die Insel hereingebrochen, ausgelöst vom großen Erdbeben in Chile. Daran hat nun wirklich niemand Schuld. Viel Schaden konnte die Welle damals allerdings nicht ausrichten. Die Völker der Osterinsel waren damals schon auf ein Bruchteil ihrer ursprünglichen Stärke reduziert.
Steigt man am Ostende der Osterinsel auf den Vulkan Rano Raraku, kann man mit einem kurzen Rundblick ganz hervorragend die Untersuchungen des Geographen und Evolutionsbiologen Jared Diamond nachvollziehen, der herausgefunden hat, wie sich Gesellschaften zwischen Untergang und Überleben entscheiden. Für solche Theorien eignet sich die Osterinsel als Anschauungsmodell besonders gut, weil es zum Festland von Chile im Osten 3600 Kilometer sind und bis zur nächsten bewohnten Insel Tahiti im Westen 4000 Kilometer, sich die Insulaner dort also bis zum Eintreffen der ersten Europäer im Jahre 1722 ungestört entwickeln konnten. Vom Rand des Vulkankraters sieht man, wie sich der Südpazifik rund um das Eiland bis zum Horizont in die silbrigen Wölbungen der Dünung legt. Zu Land ziehen sich gelbgrüne Steppengraswiesen wie kurzgeschorenes Fell über die Hügel und Vulkane, und unten in der Bucht stehen die Moais von Tongariki - fünfzehn haushohe Steinfiguren, die mit strengem Blick ins Land hineinschauen.
Diamond untersucht in “Collapse" verschwundene Völker wie die Ansazi im heutigen New Mexico, das mittelamerikanische Imperium der Maya und Nachkommen der Wikinger auf Grönland, jüngere Katastrophen wie das Elend von Haiti und den Völkermord in Ruanda, und kommt immer wieder zum selben Schluss. Es sei die Unfähigkeit dieser Gesellschaften, ihre Fehler zu erkennen, die Rationalisierung ihres Fehlverhaltens und ein falsches Wertesystem, das zum Untergang führe. Da bieten sich natürlich Parallelen zu den USA an. Umweltzerstörung durch Raubbau, die Unfähigkeit, auf die Erderwärumung zu reagieren, die steigende Anzahl weltpolitischer Krisenherde, die angespannten Beziehungen zu ehemaligen Alliierten, sowie die fatale Kurzsichtigkeit der wohlhabenden Stände, auf sozialen Zündstoff mit der Privatisierung des Staatswesens zu reagieren, sind für Diamond alles Warnzeichen. “Die Geschichte lehrt uns, dass einst mächtige Gesellschaften schnell und unerwartet zusammenbrechen", schreibt er. Düstere Aussichten von einem Mann, der eigentlich zu den Visionären der 3rd Culture gehört, die in den 90er Jahren die Suche nach dem Utopia von den ratlosen Linken übernommen hatten.
Diamond, Jacobs und West sind nur die prominentesten Beispiele für die Konjunktur apokalyptischer Weltbilder. In unzähligen Essays, Leitartikeln und Studien wird derzeit das Ende des amerikanischen Weltreiches heraufbeschworen. Nun sind Allegorien für einen drohenden Untergang Amerikas nichts Neues. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts deutete der Schriftsteller Edward Bellamy angesichts des ungebremsten amerikanischen Expansionsdrangs und Wissenschaftsglaubens die Eisbergallegorie des Malers Frederic Church um. Statt der majestätischen Kraft der Natur in Churchs Gemälde, interpretierte Bellamy den Eisberg in seinem utopischen Roman “Looking Backward 2000-1887" als Symbol der unvermeidlichen Vergänglichkeit. Eine Allegorie, die sich 25 Jahre später im Untergang der Titanic zu bestätigen schien.
Das Problem mit dem neuartigen Optimismus - Vordenker, Forscher und Politiker aus dem rechten Lager werden von der Wirtschaft finanziert und vertreten dadurch Interessensgruppen, die nur selten allzu weit in die Zukunft blicken. Sind es doch gerade die Folgen des Freihandels, des Aktionärsdenkens, sowie der konservativen Umwelt- und Außenpolitik, die apokalyptischen Weltbildern die faktische Glaubwürdigkeit verleihen.
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