Zwei Tage lang debattierten Soziologen, Historiker und Psychologen über einen Themenkomplex, der in seiner Gesamtheit bisher weder von der Politik noch von den Medien identifiziert wurde, obwohl er die Zeit nach dem 11. September nachhaltig geprägt hat. Wie läßt sich der weltweite Zorn auf Amerika und Israel erklären? Wo hört die berechtigte Kritik an Politik auf, wo beginnen die Ressentiments? Was haben Antisemitismus und Antiamerikanismus gemeinsam?
Die Einzelfälle sind bekannt. Zusammen ergiben sie ein finsteres Bild. Von den antiamerikanischen Ausbrüchen in Südkorea, über die anti-USA-Parolen der globalen Protestbewegung und den populistischen Antiamerikanismus Gerhard Schröders, bis zu den Verschwörungstheorien französischer Intellektueller wie Thierry Meyssan und Ignacio Ramonet, gelten die USA als Wurzel aller weltpolitischen Übel. Gleichzeitig kann man einen weltweiten Anstieg des Antisemitsmus beobachten. Die New Yorker Anti Defamation League veröffentlichte Ende Oktober eine Studie, nach der 21 Prozent aller Europäer deutlich, und über 50 Prozent latent antisemitische Ansichten haben. Der Leiter des Simon-Wiesenthal-Centers in Los Angeles Rabbi Marvin Hier hielt kürzlich eine Rede, in der er all jene Fälle des neuen Antisemitismus aufzählte, die auch während der Tagung in New York zu den Diskussionsgrundlagen zählten. Anschläge auf Synagogen in Frankreich und Belgien, antisemitische Karikaturen zum Nahostkonflikt in führenden Tageszeitungen in Griechenland, Spanien und Italien. Und vor allem den offenen Ausbruch von Judenhaß und Ressentiments in der arabischen Welt. Dort glaubt man nicht nur, die Juden seien für die Anschläge de 11. September verantwortlich. Im gesamten arabischen Raum erleben derzeit längst vergessen geglaubte antisemitische Mythen eine Renaissance.
So legte der syrische Verteidigungsminister Mustafa Tlass im Oktober sein Buch “Das Matze von Zion" neu auf, in dem er den Ritualmordvorwurf, dass Juden zum Passahfest von 1840 Matzebrot mit dem Blut ermordeter Christen gebacken hätten, als historischen Tatbestand behandelt. Auf der Internationalen Buchmesse in Damaskus verkaufte Tlass davon immerhin 18.000 Exemplare und angeblich will der ägyptische Produzent Munir Radhi das Buch mit Omar Sharif in der Hauptrolle verfilmen. Besonders beunruhigend war für Hier jedoch der Erfolg der 41-teiligen, ägyptischen Fernsehserie “Reiter ohne Pferd", die während des am Freitag zu Ende gegangenen Fastenmonats Ramadan in der gesamten arabischen Welt ausgestrahlt wurde. Denn die beruht auf den berüchtigten “Protokollen der Weisen von Zion", dem antisemitischen Standardwerk über eine fiktive jüdische Weltverschwörung, die sich zaristische Offiziere Ende des 19. Jahrhunderts ausdachten, um Pogrome zu rechtfertigen. Und auf der Tonbandnachricht, mit der sich die al-Qaida zum Anschlag auf das Hotel in Mombasa bekannte, bestätigte der Abu Gheith die Gemeinsamkeit von Antiamerikanismus und Antisemitismus mit seiner Ankündigung weiterer Anschläge auf “Juden und Kreuzfahrer".
“Die Wiederkehr der Verschwörungstheorien erinnert an das späte 19. Jahrhundert", sagte Dan Diner in der Eröffnungsrede zur Tagung. “Die gefährliche Mischung ist dabei die Verbindung von antisemitischen Metaphern mit dem Haß auf die amerikanische Hypermoderne." Moishe Postone, Historiker an der University of Chicago, führte die Verbindung der beiden Ressentiments auf zwei Ereignisse zurück. “Niemand ist sich sicher, was am 11. September geschah", sagte er. “Gleichzeitig herrscht eine Weltwirtschaftskrise, in der die Juden einmal mehr zum Sündenbock gemacht werden. Nicht zuletzt, weil es die säkularen Formen der Kapitalismuskritik, wie den Marxismus nicht mehr gibt. Denn letztendlich ist Antisemitismus eine hochreaktionäre Form der Kapitalismuskritik." Das berge umgekehrt aber eine große Gefahr: “Mit dem Argument des Antisemitismus wird so manche legitime Form der Kritik diskreditiert." Die Webseite “Campus Watch" denunziert zum Beispiel Israel-kritische Studenten und Professoren als Antisemiten.
Auch die Debatte um das Phänomen des Antiamerikanismus birgt diese Gefahr. So wies die Historikerin an der New York University Mary Nolan darauf hin, dass der Antiamerikanismus keine Einbahnstraße sei: “Es gibt genauso einen Antieuropäismus." Die Wurzeln des Antiamerikanismus seien auch nicht die Kultur, sondern die Macht des US-Imperiums. Dabei hänge viel von der jeweils amtierenden Regierung ab. So gab es während der Clintonjahre in Europa eine regelrechte Amerikabegeisterung. Erst während der Regierung Bush seien die Unsicherheiten des transatlantischen Wettbewerbs in offene Konflikte ausgebrochen. Dabei dienten die USA, so der Soziologieprofessor der Universität Hannover Detlev Claussen, oft nur als Metapher für die Prozesse des Kapitalismus. Auch wenn die in Europa ganz ähnlich verlaufen.
Ganz anders dagegen der Antiamerikanismus der arabischen Welt. Den definierte Claussens Kollege Michael Werz als eindeutigen Antimodernismus. Gleichzeitig sah die Politologin an der Yale University Seyla Benhabib die Ähnlichkeit in den Argumenten von Antiamerikanismus und Antisemitismus als Beweis dafür, dass die arabische Welt Amerika als Vehikel einer jüdischen Weltverschwörung sieht. “Der Kopf der Attentäter vom 11. September Mohammed Atta war ganz besessen davon, dass mit der Außenministerin Madeline Albright und dem Chef der Zentralbank Alan Greenspan zwei Juden die Geschicke Amerikas lenkten", sagte sie. “Heute gelten der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses Richard Perle und der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Wolfowitz als Verschwörer. Und weil sich der Islam als globalistische Religion versteht, deuten viele die Nahostpolitik der USA als Angriff auf die Umma, die Weltgemeinschaft aller Moslems."
Neu ist auch, wie die arabische Welt den Holocaust behandelt. Bisher war die vorherrschende Meinung, dass die Palästinenser für die Verbrechen Europas an den Juden bezahlen. Inzwischen wird der Holocaust ganz offen angezweifelt. Arabische Zeitungen drucken Texte amerikanischer Holocaust-Leugner wie dem ehemaligen Ku-Klux-Klan-Chef David Duke oder dem Leiter des Institute for Historical Review Mark Weber. Und im August veranstalteten arabische Revisionisten in Abu Dhabi eine Konferenz, die sich zum Ziel gesetzt hatte die "betrügerischen Forderungen und das Gebräu von Legenden der Zionisten" aufzudecken, wie die Zeitungen Gulf News und Khaleej Times berichteten.
Der europäische Rechtsradikalismus, so die einhelligen Meinung, spiele dagegen nur eine sekundäre Rolle. Antisemitismus werde vor allem von Populisten wie Jürgen Möllemann mißbraucht. Der Giessener Politologe Claus Leggewie sezierte diesen Fall mit akademischer Präzision. Er zeigte, wie Möllemann angebliche Tabus im Umgang mit Israel erfand, um sich so als Einzelkämpfer gegen eine Verschwörung zu stilisieren. Allerdings warf der Historiker der Hebrew University in Jerusalem Moshe Zimmermann ein, spielten die deutschen Fälle in Israel selbst so gut wie keine Rolle. Eine Umfrage habe ergeben, dass 99 Prozent der dortigen Bevölkerung die Namen Jürgen Möllemann und Martin Walser nie gehört hätten, den arabischen Antisemitismus allerdings als ständige Bedrohung empfinden.
Nicht immer wurde so bedacht diskutiert. Der Historiker Jeff Hersch von der University of Maryland verlor ob der zahlreichen Diskussionen um die historischen, soziologischen und psychologischen Facetten des Problems die Geduld, und forderte aufgebracht, man müsse endlich diskutieren, wie man dem “islamischen Faschismus" Herr werden könne. Worauf Zimmerman ihm entgegenhielt, man dürfe den “israelischen Faschismus" nicht vergessen.
Lösungsvorschläge wurden trotz zahlreicher Forderungen keine gefunden. Veranstalter Helmut Dubiel bemerkte in Anspielung auf den Tagungstitel sogar, er sei nun “vielleicht noch verwirrter als vorher". Womit er nur ausdrückte, wie komplex das Thema bleibt. Trotzdem - die New Yorker Tagung hat mit einem Höchstmaß an akademischer Tiefenschärfe eine Zustandsbeschreibung erstellt, die Grundlage für weitere Überlegungen sein kann.
Ursprünglich war die Tagung an der New York University als Symposion zu den deutsch-jüdischen Beziehungen geplant. Doch dann wurde die Thematik von der Wirklichkeit überholt, und so entschieden sich Dan Diner vom Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig und Helmut Dubiel vom Max-Weber-Lehrstuhl am Center for European Studies der NYU für eine neue Aufgabenstellung: “Verwirrung - die Frage nach Antisemitismus, Antiamerikanismus und anderen Formen der Verschwörung".
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