DUMM UND FETT

Mit einem Film, einem Bestseller und
Internettagebüchern schießen sich amerikanische
Konservative auf Michael Moore ein.

© Andrian Kreye


New York 26. Juli '04 - Der Titel der 246-seitigen Tirade gegen den Satiriker und Filmemacher Michael Moore, die nun schon seit drei Wochen auf der Sachbuchbestsellerliste der New York Times steht, bewegt sich ungefähr auf dem Niveau eines Vierjährigen, der versucht einen Streit damit zu beenden, dass er auf den Boden stampft und laut "Nein, DU bist doof" schreit. "Michael Moore is a big fat stupid white man" haben der ehemalige Anwalt für das amerikanische Innenministerium David T. Hardy und der Webseitentechniker Jason Clarke das Buch genannt, das sie gemeinsam herausgegeben und teilweise geschrieben haben. Wer die multimedialen Scharmützel der linken und rechten Demagogen in Amerika verfolgt hat, weiß dass sie dafür die Titel der zwei Bestseller gekreuzt haben, mit denen die Linke auf dem Gebiet der Polemik entscheidend an Boden zurückgewonnen hatte.

Das eine war Michael Moores Durchbruch auf dem internationalen Buchmarkt "Stupid White Men". Das andere hieß "Rush Limbaugh is a big fat idiot and other observations" und war eine Abrechnung des Fernsehkomikers Al Franken mit genau jenem rechtskonservativen Pöbel, für den der Radiotalkmaster Rush Limbaugh eine ähnliche Symbolfigur abgibt, wie Michael Moore für den linken Volksmund, der im Grenzbereich zwischen ehrlicher Empörung und hasserfüllter Verschwörungstheorie mit den rechten Demagogen auf Augenhöhe debattiert.

Hardy und Clarke bedienen sich in ihrer Philippika gegen den "fetten, dummen" Moore der selben Methode, wie das Objekt ihres leidenschaftlichen Grolls. Pedantisch zerpflücken sie seine Biografie und Arbeit, analysieren seine Auftritte und Zitate, und kommen dabei zu dem Schluß, dass Moore erstens eine anachronistische Form der Linken vertritt, die spätestens mit dem Mauerfall zu den Akten der Geschichte gelegt wurde, und zweitens die Wahrheit gnadenlos seiner Rhetorik unterwirft. Um ihren Argumenten Gewicht zu verleihen, finden sich im Anhang ganze 33 Seiten Quellenangaben.

Hardy und Clarke haben lange gesammelt. Beide unterhalten Webseiten mit Blogs, die ausschließlich das Thema Michael Moore behandeln - Hardy Moorexposed.com, Clarke Moorelies.com. So kamen die beiden Blogger auch zu Tausenden freiwilliger Mitarbeiter, die für sie Fakten, Zitate und Widersprüche zum Thema Michael Moore sammelten. Nun ist Moore eine dankbares Opfer. Vor allem bei der Arbeit an seinen Büchern hat er geschlampt und im Dienste der Polemik Fakten verdreht.

Mit ihren historischen Vergleichen werden die Mooregegner dann meist sehr deutlich. In vorliegendem Buch vergleichen sie Michael Moore mit Hitler und dem ägyptischen Vordenker des islamistischen Terror Sayid Qutb. Das konservative Onlinemagazin Frontpage schlug neulich in die selbe Kerbe und verglich Moore mit Stalin, Mao, Pol Pot and Castro. Wenn die Blogger ihn dann allerdings in Buchform mit enervierender Beharrlichkeit immer wieder aufs Neue als antiamerikanischen Nestbeschmutzer beschimpfen und die eigenen Meinungen als Fakt verkaufen, verpufft die Polemik nach ein paar Dutzend Seiten in ödem Gepolter. Moore versteht es immerhin, unterhaltsame Filme zu drehen und amüsante Tiraden zu schreiben. Mal davon abgesehen, dass er nie behauptet hat, journalistisch, politologisch oder gar historisch ernsthafte Arbeit zu betreiben.

Etwas origineller als die redundanten Beschimpfungen der Blogger verspricht der Film "Michael Moore Hates Amerika" zu werden. Der 28jährige Filmemacher Mike Wilson versucht darin vergeblich, Michael Moore vor der Kamera zu befragen. Er bedient sich dabei Moores eigener Technik, seinen Interviewopfern unangekündigt aufzulauern, weil das Scheitern der Boulevardjournalistentaktik meist amüsanter ist, als es ein Interview je sein könnte. Der Film soll Ende August ins Kino kommen, und wird ebenfalls Moores Arbeit auf faktische Problem abklopfen. Was Wilson ansonsten ankündigt, klingt eher nach einem Wahlkampfspot des Bush-Cheney-Teams, als nach eigenständiger Filmarbeit. Er habe auf seinen Reisen durch Amerika Normalbürger befragt, und sei dabei "auf einen Optimismus gestoßen, den man in Moores Arbeit nicht findet." Damit plappert Wilson das Leitmotiv der Angriffe auf Kerry nach, die jegliche Kritik an der Regierung als unamerikanischen Pessimismus und somit als Nestbeschmutzung diffamieren.

So viel Leidenschaft im Lager seiner Gegner ehrt Michael Moore nicht nur. Es bestätigt ihn auch als Ikone einer Linken, die aus ihrer Lethargie der blutarmen Ernsthaftigkeit und politischen Korrektheit erwacht und bereit ist, dem rechtskonservativen Lager mit der gebotenen Aggressivität zu begegnen.

Einen Fehler machen Michael Moores Gegner alle. Sie beziehen sich auf seine satirische Arbeit vor dem Kinostart von "Fahrenheit 9-11", während sie gleichzeitig vom phänomenalen Erfolg der Filmes profitieren wollen. Mit "Fahrenheit 9-11" beweist Moore jedoch, dass er aus seinen Fehlern gelernt hat. Der Film ist weniger polemisch, als emotional. Außerdem hat Moore den Film gleich drei Teams aus erfahrenen Dokumentaristen und Anwälten nach faktischen Fehlern durchforsten lassen. Gleichzeitig verkündete er unermüdlich, er sei keineswegs ein neutraler Dokumentarfilmer, sondern ein Demagoge, der einzig die liberalen Massen aus ihrem politischen Tiefschlaf aufrütteln und letztlich den Sturz von George W. Bush herbeiführen wolle. Der Erfolg an den amerikanischen Kinokassen, der keineswegs auf die urbanen Zentren und liberalen Hochburgen beschränkt war, hat ihm zumindest im ersten Punkt schon recht gegeben. Am vergangenen Wochenende überstieg "Fahrenheit 9-11" die magische 100-Millionen-Dollargrenze. Ob seine politischen Ambitionen mit dem Film berechtigtes Anliegen oder pathologischer Größenwahn sind, wird man erst am Wahlabend selbst erfahren.





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