Eigentlich müßte man Ann Coulter nicht weiter ernst nehmen. Bei der 37jährigen mit der Wespentaille und den blonden Mähne handelt es sich lediglich um eine professionelle Meinungsmacherin, die ihr telegenes Aussehen dazu benutzt, in möglichst vielen Talkshows ihre Bücher anzupreisen. Ihre Argumente, mit denen sie in “Treason" die antikommunistischen Hetzjagden des berüchtigten Senators Joseph McCarthy in Schutz nimmt, sind trotz der zahlreichen Fußnoten durchsichtige Provokationen im Dienste von Quote und Umsatz. Allerdings hält sich “Treason" schon seit Wochen hartnäckig unter den Bestsellern der New York Times und auf der Verkaufsrangliste des Internetbuchhändlers Amazon verwies sie sogar Hillary Clintons Megaseller auf die Plätze. Ann Coulter hat also offensichtlich einen Nerv getroffen.
Einen sehr empfindlichen Nerv. Es ist nämlich keineswegs so, dass sich die USA auf eine Position des Isolationismus und der unilateralen Politik zurückgezogen hätten, von der sie sich um den Rest der Welt nicht weiter scheren. An der amerikanischen Ostküste vergeht kaum eine Woche, in der nicht irgendwo eine Konferenz stattfindet, die Motiv und Wesen des Antiamerikanismus untersucht.
Letzte Woche begann beispielsweise eine Veranstaltungsserie des Public-Relation-Büros Benador Associates mit dem schlichten Titel “Antiamerikanismus". Hochkarätige Konservative werden bei dieser Serie in den nächsten Monaten sprechen. Den Auftakt machte der Olin Professor of Humanites an der New York University Herbert London.
Während einer Konferenz amerikanischer und deutscher Medienvertreter, die eigentlich die Rolle der Medien im transatlantischen Dialog besprechen wollten und dann doch nur die verschiedenen Aspekte der gegenseitigen Feindseligkeiten diskutierten, gab der Chef von CNN International Chris Cramer zu Bedenken: “Dieses Land fühlt sich immer noch im Krieg." Nicht erst seit dem Irak. Seit dem 11. September. Doch wer sich im Kriegszustand befindet, kann zwischen Kritik und Angriff oft nicht unterscheiden. Das zeigte sich noch am selben Nachmittag, als der Wirtschaftswissenschaftler und Deutschlandexperte Professor Eli Noam von der Columbia University in einem Atemzug den rhetorischen Dreisprung von der deutschen Romantik über Freud und Heidegger zu den Anschlägen des 11. September schaffte.
Dabei hat er im Ansatz nicht einmal Unrecht. Natürlich unterscheiden sich die europäischen und arabischen Formen des Antiamerikanismus ganz grundsätzlich. Während Europa Amerika als Stellvertreter für einen menschenfeindlichen Globalkapitalismus verteufelt, den es längst selbst praktiziert, sind die USA im arabischen Raum das Symbol für die frevelhafte Säkularisierung der Welt. Die gemeinsamen Wurzeln des Antiamerikanismus liegen jedoch tief in der Geistesgeschichte Europas.
In der aktuellen Titelgeschichte des Politikjournals The Public Interest beschäftigt sich der Politologe James W. Ceasar mit der Genealogie des Antiamerikanismus. Antiamerikanismus sei ein Werk des anspruchsvollen Denkens und der Philosophie, schreibt er da. Das führe derzeit zu einer gefährlichen Ideologisierung der europäischen Antipathien. So habe der französische Analysten Jean Francois Revel erkannt: “Ohne den Antiamerikanismus bleibt vom politischen Denken in Frankreich nicht mehr viel übrig. Weder auf der Linken, noch der Rechten." Das gelte genauso für Deutschland oder jede andere westeuropäische Nation. Kein Wunder also, dass der gemeinsame Aufruf von Jürgen Habermas und Jacques Derrida nach einem starken Zentraleuropa als Gegengewicht zur Weltmacht USA auf so heftige Widerrede stieß. Ceasar geht gegen Ende seines Textes sogar noch einen Schritt weiter und stellt die Frage, ob die Kluft zwischen Amerika und Europa nicht der wahre Kampf der Zivilisationen sei.
Anzeichen dafür scheint es genug zu geben. Nicht nur auf akademischer Ebene. Michael Moores “Stupid White Men" hielt auf der Verkaufsrangliste des deutschen Amazon-Buchversandes bis vor kurzem gleich beide Spitzenpositionen. Platz eins auf deutsch, Platz zwei auf Englisch. Dabei funktioniert Moore in Europa ganz anders, als in den USA. Daheim hat er der Linken den Humor und die Demagogie zurückerobert. Im Ausland dienen seine Bücher vor allem dazu, antiamerikanische Vorurteile zu bestätigen. Ressentiments, die nur zu oft in Verschwörungstheorien münden. Der französische Autor Thierry Meyssan machte da mit seinem spekulativen Bestseller “11. September - der inszenierte Terrorismus" den Anfang. Inzwischen glauben laut Umfrage der Zeit auch ganze 19 Prozent der Deutschen, die Anschläge vom 11. September seien im Auftrag der amerikanischen Regierung geschehen.
Man sollte nicht darauf warten. Der Vertreter der Weltbankfiliale in Genf Mark Nelson brachte das am Rande der deutsch-amerikanischen Medienkonferenz auf den Punkt. “Mit dieser politischen Kluft ziehen sich die beiden Kontinente wirtschaftlich gegenseitig in den Abgrund", sagte er. Und das wäre nicht das erste Mal.
Gleich nach dem Ersten Weltkrieg entfernten sich Europa und Amerika politisch voneinander. Die europäischen Siegermächte dachten gar nicht daran, den USA Machtpositionen auf ihrem Kontinent zuzugestehen. Amerika fühlte sich vom undankbaren Europa mißverstanden. Hatte Wilson nicht die Söhne seines Landes nach Übersee geschickt, um für die Ideale der Demokratie und Freiheit in der Alten Welt zu kämpfen? Auch damals verweigerten sich die USA internationalen Abkommen, unterzeichneten weder die Verträge von Versailles, noch die Abkommen des Völkerbundes. Dieser Isolationismus war vielleicht nicht der Auslöser, doch mit ein Grund für die folgende Weltwirtschaftskrise. Deswegen, so Nelson, sollte man die transatlantischen Feinfühligkeiten auf keinen Fall unterschätzen. Denn hinter den zickigen Posen verbirgt sich eine Krise der Weltpolitik, von der niemand profitieren wird.
Hochverrat ist ein böses Wort, aber wenn es nach Ann Coulter geht, dann haben sich nicht nur die europäischen Mächte der sogenannten Achse der Feiglinge dieses Verbrechens schuldig gemacht, sondern auch die Liberalen im eigenen Land. “Liberale haben die widernatürlich Gabe, sich auf die Seite des Hochverrats zu schlagen", schreibt die Publizistin in ihrem Buch “Treason", und ein paar Kapitel später bemerkt sie: “Amerikaner verblüfft die europäische Barbarei, schließlich sehen sie so aus wie wir." Nun ist die ideologische Einordnung von Hochverrätern nach dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr ganz so einfach. Deswegen definiert Ann Coulter den kleinsten gemeinsamen Nenner der subversiven Kräfte im In- und Ausland mit einem Schlagwort, das in den USA inzwischen als Triebfeder für so unterschiedliche Problemkreise wie Kapitalismuskritik, europäische Außenpolitik und islamischen Fundamentalismus gilt - dem Antiamerikanismus.
Der warnte davor, dass man zunächst einmal die Formen des Antiamerikanismus im eigenen Lande betrachten sollte. Die unverbesserlichen Ideologen der Linken, den latenten
Selbsthaß der Liberalen und politisch Korrekten. Erst dann sollte man untersuchen, warum europäische Nationen und internationale Antiglobalisierungs-Bewegungen aus dem Gefühl der Unterlegenheit einen solchen Haß auf Amerika entwickeln.
Bei einer solch Veranstaltung kann es einem dann schon mal passieren, dass man von einem jungen Historiker angegangen wird, warum die deutsche Regierung denn unbedingt die Internationale des Antiamerikanismus anführen wolle, während sich einer seiner Kollegen darüber lustig macht, dass sich Joschka Fischer bei seinem Auftritt in der Talkshow von Charlie Rose beim amerikanischen Volk angebiedert habe. Eine so trotzige Unversöhnlichkeit kannte man sonst höchstens von spätpubertierenden Demonstranten in Palästinensertüchern. Eine Unversöhnlichkeit, die sich aus dem Gefühl speist, im Recht zu sein und doch von niemand verstanden zu werden. Hat sich Amerika nicht die Hauptlast im Kampf gegen den weltweiten Terror aufgebürdet? Um Stabilität im Nahen Osten bemüht? Dem Westen im Irak zu einer neuen Autorität verholfen?
Verschwörungstheorien, Haß auf einen Sündenbock, Furcht vor Säkularisierung und Geldkultur - in seinen Grundzügen ähnelt der Antiamerikanismus längst den Mechanismen des Antisemitismus. Ein Vorwurf, der in Amerika auf den Konferenzen aller politischen Lager laut geworden ist. Muß man ein solches Maß an Demagogie auf allen Ebenen überhaupt ernst nehmen? Wird nicht bald wieder Vernunft einkehren, sich der Mob beruhigen, die Talkshows und Symposien neue Themen finden, der transatlantische Sturm verebben?
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