Die Angst, der Zorn und die Stadt

In New York entlädt sich der Zorn des liberalen Amerikas gegen die Politik des Präsidenten -
doch dem könnte eine Eskalation sogar nützen.

© Andrian Kreye


29. 08. '04 - In jenen Gegenden der Stadt New York, in denen es hin und wieder zu einem spontanen Nachbarschaftsplausch kommt, draußen in der Vorstadt, wo Kleinunternehmer, Angestellte und Arbeiter leben, sieht man dem Parteitag der Republikaner und den Protesten dieser Woche mit einer ähnlichen Mischung aus Alarmstimmung und Fatalismus entgegen, wie einer gewaltigen Schlechtwetterfront. Eine Frau sagt: “Mein Gott, jetzt haben sie auch noch den Broadway gesperrt." Und setzt triumphierend hinzu: “Aber ich mache Urlaub im Süden. Bis Freitag."

Das trifft ungefähr die Stimmung der meisten New Yorker. Wer kann, verlässt die Stadt. Die Republikaner wählt hier sowieso keiner, und die Angst vor den Protesten haben die Medien schon seit Wochen geschürt. Da kolportierte die Zeitung Newsday Gerüchte über Anarchisten, die Kartoffeln mit Nägeln ausstopfen und brennbare Frisbeescheiben basteln, um sie bei Demonstrationen als Geschosse zu benutzen. Die Daily News bauschte das Geplapper aus einem Internetchatroom zur Nachricht auf, dass man mit Schwarzpulverspuren im Bahnhof unter der Tagungshalleeinen Bombenalarm und sogar eine Evakuierung auslösen könnte. Rupert Murdochs New York Post und Fox News behaupteten, die Polizei verfolge Hinweise, dass die in den Siebzigerjahren aktive Terrorgruppe Weathermen während des Parteitages gemeinsame Sache mit Demonstranten machen wolle. “Diese Leute wurden in Kidnapping, Bombenbauen und der Herstellung improvisierter Munition ausgebildet", zitierte die Post einen unbenannten Polizeibeamten.

Auf Nachfrage dementiert die New Yorker Polizei solche Gerüchte zwar, aber das Schüren der Angst vor dem Terror gehört genauso zur psychologischen Kriegsführung wie die öffentlichen Manöver, bei denen Beamte der Bereitschaftspolizei vor laufenden Kameras übten, wie man Massenunruhen niederschlägt und Terroristen unschädlich macht. Die Polizeisprecher machten aber auch deutlich, dass die zwei jungen Männer, die Anschläge auf U-Bahn-Stationen und Brücken geplant hatten und am Freitag verhaftet wurden, nichts gegen den Parteitag im Sinn hatten.

Zur ersten Massenverhaftung kam es am Freitagabend. Seit vier Jahren sammeln sich New Yorker Fahrradfahrer an jedem Freitag gegen sieben im Park des Union Square, um von dort aus zur “Critical-Mass"-Fahrt aufzubrechen. Für zwei, drei Stunden gilt dann prinzipielle Vorfahrt für Fahrräder. Begonnen hat der Protest gegen die Autofahrergesellschaft vor zwölf Jahren in San Francisco. Inzwischen finden die wöchentlichen Protestradtouren weltweit statt.

Am diesem Freitagabend sammelten sich allerdings nicht wie üblich ein paar hundert, sondern fünftausend Fahrradfahrer. Polizeibeamte verteilten gleich zu Beginn der Demonstration Flugblätter, auf denen sie warnten, dass jeder, der gegen die Straßenverkehrsordnung verstößt, mit Verhaftung zu rechnen hat. Die Radler ließen sich nicht beirren, blockierten wie immer den Verkehr aus den Seitenstraßen, bis der Zug vorüber war. Die Stimmung war euphorisch, leicht streitlustig. “No more Bush", riefen die Radler, und gleich darauf ihren eigenen Slogan: “Wem gehört die Straße? Uns gehört die Straße."

Die Polizei sah sich das Treiben wie jede Woche geduldig an. Doch dann spannte sie auf der Höhe der 14. Straße quer über die Seventh Avenue ein Plastiknetz. Der Fahrradzug staute sich, es gab kein Vor und kein Zurück. Da traten die Beamten in Aktion. Sie mussten die Demonstranten nur von ihren Rädern pflücken, mit Plastikfesseln verschnüren und in die bereitgestellten blauweißen Polizeitransporter verladen. Viele Radler flohen über die Seitenstraßen, im East Village kam es noch einmal zum Zusammenstoß. Vor der St. Mark'sChurch, in der eine Party für die Fahrradfahrer stattfinden sollte, kam es zu weiteren Festnahmen.

Mehr als 260 Demonstranten wurden an diesem Abend verhaftet. Sie müssen sich demnächst vor Gericht wegen Verkehrsgefährdung und Randalierens verantworten. Damit sind sie immer noch glimpflicher davongekommen als die vier Aktivisten, die am Donnerstag ein Zimmer im noblen Plaza Hotel angemietet und unter dem Dach ein Anti-Bush-Transparent aufgehängt hatten. Weil bei der Aktion ein Polizeibeamter ein Oberlicht eintrat und sich am Bein verletzte, drohen ihnen nun wegen Körperverletzung sieben Jahre Gefängnis.

Den verdeckten Ermittlern der New Yorker Polizei und des FBI, die sich in den letzten Monaten bemühten, ein klares Bild von dem breiten Spektrum der weitgehend unkoordinierten, antihierarchischen und thematisch äußerst breiten Protestbewegung zu bekommen, ist die St. Mark's Church gut bekannt. In der Geschichte der New Yorker Subkulturen hat die bescheidene Kirche, die an der Second Avenue im Schatten mächtiger Bäume in einem kleinen Park steht, eine lange Tradition. Hier versammelten sich schon die Sozialisten Anfang des 20. Jahrhunderts, Allen Ginsberg las in der Kirche seine Gedichte, und in den Achtzigerjahren spielte Patti Smith dort die ersten Formen des Punk.

Diesen Sommer fanden in dem schmucklosen Saal im ersten Stock der Kirche auch die Treffen statt, bei denen die verschiedenen Gruppen sich bemühten, ihre Protestaktionen zum Parteitag zu koordinieren. Diese Treffen verliefen meist mit dem Ernst einer Gemeinderatsversammlung. Da verlas ein junger Mann eine ausführliche Tagesordnung, jede Gruppe bekam eine Minute Redezeit am Mikrofon, es wurden Kontingente von Freiwilligen, Transportmöglichkeiten und Schlafplätzen verteilt, Aktionspläne abgestimmt, Termine bekannt gegeben.

Wie viele Gruppen und Demonstranten diese Woche in New York gegen Bush und seine Regierung protestieren werden, lässt sich nur grob schätzen. Fünfhunderttausend kamen zum großen Marsch am Sonntag vor dem Parteitagsbeginn. Denn hatte die Organisation United for Peace and Justice organisiert, die mehr als 900 einzelne Gruppen vereint. Bei den Treffen in der St. Mark's Church reichte das Spektrum von radikalen Anarchisten bis zu fundamentalistischen Libertariern, von kahlrasierten Lederlesben über Umweltaktivisten in Bergstiefeln und Wanderhosen und Neosozialisten in altmodischer Arbeiterkluft bis zu zotteligen Althippies und 68er-Veteranen.

Es sind aber nicht nur die Mitglieder der Protestbewegung, die den Parteitag der Republikaner als zynisches Spektakel verfluchen. Selbst die ehrwürdige Wochenzeitschrift New Yorker macht sich schon seit einigen Ausgaben über die Delegierten der Republikaner lustig, die sich zum ersten Mal in ihrem Leben in den Hexenkessel des liberalen, multikulturellen, sexuell aufgeschlossenen urbanen Molochs New York wagen. In einer Ausgabe brachte der New Yorker einen satirischen Stadtführerfür Republikaner, mit einem falschen, irreführenden Stadtplan und Tipps, wie zum Beispiel die Empfehlung, nie mehr Trinkgeld als zehn Cents zu geben, und auch für die U-Bahn nichts zu bezahlen, was ihnen den heiligen Zorn von Kellnern und Taxifahrern, beziehungsweise eine Nacht im Gefängnis einbringen würde.

Es gibt gute historische Gründe dafür, warum die Republikaner in ihrer Geschichte noch nie einen Parteitag in New York abgehalten haben. Bush, Cheney und ihre ideologischen Weggefährten gehören zu jener Sorte Konservativer, die einen tiefen Hass auf den Liberalismus der urbanen Gesellschaft pflegen, für den New York schon immer exemplarisch war. Richard Nixon hatte die republikanischen Ressentiments gegen die Stadt am Hudson schon 1972 auf den Punkt gebracht. “Gott verfluche New York", hört man ihn auf einem der Watergate-Tonbänder herumpoltern. Die Stadt sei voll von “Juden und Katholiken und Schwarzen und Puertoricanern". Er fand, in New York herrsche “das Gesetz des Dschungels, in dem manche Dinge einfach nicht überleben. Vielleicht sollte New York nicht überleben."

Sein Nachfolger Gerald Ford setzte die Ressentiments dann in die Tat um, als er New York 1974 während der Wirtschaftskrise finanziell verhungern ließ, was ihm die legendäre Daily-News-Schlagzeile “Ford to City: Drop Dead" einbrachte. Dreißig Jahre später zitierte die Wochenzeitung Nation dieses Titelblatt anlässlich eines Essays des New Yorker Journalisten Jack Newfield, der unter der Dachzeile “Bush to City: Drop Dead" eine zornige Tirade gegen die Doppelmoral der Bush-Regierung im Umgang mit der Stadt losließ.

Obwohl New York nach den Anschlägen auf das World Trade Center 1993 und 2001 mit Sicherheit weiterhin die Stadt mit der größten Terrorgefahr ist,hat die Bush-Regierung ihren Anteil am Budget des Amtes für Heimatschutz kontinuierlich heruntergesetzt. Im ersten Haushalt des Amtes Anfang 2003 war von dem für sieben Städte veranschlagten Budget von 500 Millionen Dollar ein ganzes Viertel für New York reserviert. Ein knappes Jahr später war der Anteil auf weniger als sieben Prozent gesunken. Rechnete man die Zahlen auf die Pro-Kopf-Verteilung um, sah es noch finsterer aus. Da rangierte der Bundesstaat New York auf Platz 49 - hinter so spärlich besiedelten Provinzstaaten wie Wyoming, Montana und North Dakota. Auf städtische Gemeinden umgeschlagen wurde es dann richtig dramatisch. Für jeden New Yorker waren fünf Dollar und achtundsiebzig Cents vorgesehen. Im Heimatstaat des Sekretärs für Heimatschutz, Tom Ridge, entfielen auf jeden Bürger von Pittsburgh mehr als 35 Dollar, in Florida, wo Bushs Bruder Jeb das Amt des Gouverneurs bekleidet, hatte der Haushalt für Miami mehr als 52 Dollar pro Bürger vorgesehen.

Gleichzeitig bat die New Yorker Feuerwehr um Unterstützung aus Washington, um neue Funkgeräte zu kaufen, sowie um 250 Millionen Dollar, mit der sie neue Technologien für die Terrorabwehr anschaffen wollte. Die New Yorker Polizei bat ebenfalls um 261 Millionen. Zugeteilt wurden 60 Millionen für beide Behörden zusammen. Doch die Heimatschutzzahlen waren erst der Anfang. Die Bush-Regierung veranlasste Budgetkürzungen für Mietzuschüsse, die schätzungsweise zehntausend Familien ihre Wohnung kosten werden. Die Gesundheitsreform brachte 45 Krankenhäuser an den Rand des Ruins. Und das in einer Stadt mit 39000 Obdachlosen, in der mehr als eineinhalb Millionen Einwohner und ein Drittel aller Kinder unter der Armutsgrenze leben.

Andererseits dient New York seit den Anschlägen des 11. September der Regierung als politisches Faustpfand, mit dem die Kriege in Afghanistan und Irak, die umfangreichen Sicherheitsgesetze und die Missachtung von Bürger- und Menschenrechten begründet werden. Mit Erfolg. In Amerika wirkt kaum ein Bild so emotional wie die Todesgotik der Fassadenreste des World Trade Center, die aus den qualmenden Trümmern von Ground Zero ragten. Genau dieses Bild nutzte George W. Bush für seinen ersten Wahlkampfspot im März. Da sah man New Yorker Feuerwehrmänner bei einer Bergung auf Ground Zero. Der alte Haudegen des New Journalism, Jimmy Breslin, schrieb in seiner Kolumne für New York Newsday: “Mit seinem ersten Wahlkampfspot hat sich George Bush auf das niederste Niveau begeben und die Toten angepöbelt."

Ursprünglich wollte Bush diese Woche auch Ground Zero besuchen. Das haben ihm seine Berater dann ausgeredet. Doch egal was geschieht, egal was für einen Zorn das liberale Amerika und der Großraum New York auf die Republikaner haben, der Parteitag in der Opferstadt wird ein wahlkampftechnischer Siegeszug für die Republikaner werden. Je heftiger die Proteste ausfallen, desto deutlicher können sie darauf hinweisen, dass ihre Gegner, und somit auch die Oppositionspartei der Demokraten, unpatriotische Extremisten seien. Gleichzeitig werden sie das Wahlvolk mit der Stahlgewitterromantik vom 11. September als kathartischen Moment der amerikanischen Geschichte daran erinnern, dass sich die Nation in einem immerwährenden, wenn nicht sogar heiligen Krieg befindet. Wer könnte das besser belegen, als der wahre Held des 11. September, der ehemalige New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani. Er wird gleich am ersten Abend sprechen.





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