DEN HIMMEL AUF DIE ERDE HOLEN

Anish Kapoors Skulptur "Sky Mirror"

© Andrian Kreye


New York im September '06 - Auf den ersten Blick wirken Anish Kapoors monumentale Skulpturen oft etwas anmaßend, weil er sein Publikum überwältigt, indem er öffentlichen Raum an zentralen Orten zu bloßem Material reduziert. Für seine Installation “Marsyas" verzerrte er beispielsweise das Raumempfinden in der Turbinenhalle der Londoner Tate Modern mit einer gewaltigen dunkelroten PVC-Membran, die über eine Länge von einhundertfünfzig Meter und eine Höhe von 35 Meter die Vertikalen und Horizontalen in eine psychedelische Bewegung drehte. Im Millennium Park in Chicago brach er mit seiner 125 Tonnen schweren Spiegelblase “Cloud Gate" die Skyline der Stadt auf und degradierte die benachbarte Konzerthalle von Frank Gehry zum bloßen Beistück. Dagegen nimmt sich sein jüngstes Werk “Sky Mirror" in New York fast bescheiden aus. Das liegt zum einen daran, dass er sich von drei auf zwei Dimensionen zurückzieht, und zum anderen, dass die rund zehn Meter hohe konkave Spiegelscheibe zwischen den Art-Deco-Wolkenkratzern des Rockefeller Centers nicht dominieren, sondern nur einen Akzent setzen kann.

Doch Anish Kapoor strebt mit jeder seiner Arbeiten nach Größe, deswegen dehnt er seine Arbeitsfläche in New York angesichts der übermächtigen Architektur bis ans Firmament und gibt dadurch seinem Ehrgeiz eine gotteslästerliche Note. “Ich wollte den Himmel auf die Erde holen", sagt er an dem regnerischen Nachmittag, an dem er seine Arbeit der New Yorker Öffentlichkeit vorstellt. In einem dunklen Blazer zum blütenweißen Hemd verströmt der 52jährige indischstämmige Londoner mit der silbergrauen Dirigentenmähne auch im Menschengewühle der Rockefeller Plaza die Sorte Charisma, die keinen Zweifel daran lässt, wer hier die Hauptperson ist, was einen zum plumpen psychologischen Schluss verleiten könnte, dass der Mann ähnlich viel Platz und Aufmerksamkeit braucht, wie seine Werke. Die ähnlich plumpe Frage nach der spirituellen Dimension seines “Sky Mirror" umkreist er aber dann mit kluger, britischer Höflichkeit.

“Die Geschichte der Bildhauerei war auch immer die Geschichte der Materialien", sagt er. “Von Ton zu Bronze und immer weiter. Ich war jedoch schon immer an dem Immateriellen als Objekt interessiert. Nun ist diese Skulptur hier ein Riesenteil. Das wiegt fast dreißig Tonnen. Und trotzdem hat es einen Hauch von einer Unendlichkeit des Materials. Als Spiegel nimmt es alles um sicher herum in sich auf. Und mit der konkaven Oberfläche kann man nie genau sagen, wo oder was diese Oberfläche eigentlich ist. Womit wir bei der Antwort ihrer Frage sind - nach unserem Verständnis von Kunst bedeutet Licht immer etwas Spirituelles. Und so ist das auch hier." Ganz direkt habe ihn jedoch nicht die spirituelle Dimension der Kunst, sondern die Landschaftsmalerei des 18. Jahrhunderts beeinflusst.

Blickt man von der Westseite der Plaza des Rockefeller Center zur fünften Avenue, dann ist ihm der Trick, den Himmel auf die Erde zu holen exzellent gelungen. Scheinbar schwerelos steht die Skulptur wie eine große Scheibe Licht in der Stadtlandschaft, auf deren konkaver Oberfläche der Himmel noch klarer und weiter erscheint, als in der Wirklichkeit darüber. Nur das umgekehrte Spiegelbild der Wolkenkratzerspitze verortet “Sky Mirror" im Hier und Jetzt von New York City.

Man kann Anish Kapoor allerdings nicht auf die monumentale erste Wirkung seiner Arbeiten reduzieren. Vom affirmativen Pathos staatlicher Monumente und der Kunst am Bau sind seine Skulpturen weit entfernt. Kapoor gibt seinen Betrachtern immer auch die subtile Ebene des persönlichen Erlebens. “Was soll ich ein Objekt einfach vor ein Gebäude stellen nur damit es sich diesem Gebäude unterordnet", sagt er. “Ich wollte eine dynamische Beziehung zwischen Skulptur und Umgebung aufbauen. Deswegen hat die Arbeit auch zwei Elemente." Schließlich verbirgt sich hinter der konkaven Oberfläche mit dem Effekt der Lichtscheibe die konvexe Gegenseite der Skulptur.

Die schwebt wie auf Augenhöhe über dem Trottoir der fünften Avenue und gibt so den Passanten die Möglichkeit, Teil der Skulptur zu werden. “Cloud Gage" funktioniert mit seiner verspiegelten Oberfläche in Chicago ganz ähnlich. Und genauso wie dort ist der Effekt in New York ein permanentes Kommen, Staunen, Fotografieren und Betasten rund um die Skulptur. Der visuelle Schwebezustand wirkt dabei fast noch surrealer, weil “Sky Mirror" die fünfte Avenue im Weitwinkel direkt über die Strasse selbst projiziert, so dass man sich erst suchen muss, bevor man sich im konkaven Spiegelbild gefunden hat. Überquert man dann wieder die Strasse steht wieder das surreale Ebenbild im Raum.

Genau solche Wirkungen sind Anish Kapoors Stärke. Das ist Kunst fürs Volk ohne sich anzubiedern und ohne komplexe Gedankengänge der Effekthascherei zu opfern. Auftraggeber der Skulptur war der New Yorker Public Art Fund, dessen Kuratoren ein besonders gutes Gespür für “Public Art" entwickelt haben.

Die unregelmäßige Serie im Rockefeller Center begann vor sechs Jahren mit Jeff Koons monumentaler Blumenskulptur “Puppy" die Plaza des Rockefeller Center als Bühne für monumentale Kunstprojekte zu nutzen. Auf Koons folgten zehn Meter hohe Bronzespinnen für Louise Bourgeois' “Maman", Nam June Paiks Laserskulptur “Transmission", Takashi Murakamis Skulpturenpark “Reversed Double Helix", über dem zwei monumentale Ballons schwebten, sowie Jonathan Borofskys Pop-Installation “Walking To The Sky". Die Kuratoren des Public Art Fund haben dabei auch immer wieder die Stimmung der Stadt getroffen. Chefkuratorin Ann Wehr streitet das zwar ab, aber dann ist es zumindest instinktiv. Gleich nach dem Zusammenbruch der neuen Märkte sorgte Jeff Koons dreißig Meter hoher Welpe aus Blumengestecken für ähnlich gute Laune, wie Takashi Murakamis bunte Comicwelt im zweiten Sommer nach dem 11. September. Zum ersten Jahrestag hatte Nam June Paiks Laserskulptur noch pietätvolle Haltung bewahrt.

Auch Anish Kapoors “Sky Mirror" passt mit seiner optimistischen Spiritualität zum Herbst des fünften Jahrestages der Anschläge. Und auch wenn der New Yorker “Sky Mirror" nur eine größer dimensionierte Version der Skulptur ist, die Kapoor 1997 für das Nottingham Playhouse schuf (und die seine New Yorker Biografie sorgsam verschweigt), ist der Bezug zum 11. September nicht zu übersehen. Das kann selbst Kapoor selbst nicht abstreiten, auch wenn er auf die Frage erst einmal die Augenbrauen hochzieht. “Na sicher, da ist das Bild eines umgedrehten Gebäudes, das ganz offensichtlich Teil der jüngeren Geschichte dieser Stadt ist", sagt er. “Ich bin zwar ein abstrakter Künstler und liefere keine Illustrationen. Aber auch die abstrakte Kunst hat immer die Last der möglichen Bedeutung und der möglichen Inhalte zu tragen. Deswegen sehe ich es als gegeben an, dass ’Sky Mirror' sich ganz deutlich auf den 11. September bezieht."

Anish Kapoors Fähigkeit, öffentlichen Raum erlebbar zu machen, ohne in die Fallen des Populismus zu tappen oder der Versuchung der Affirmation finanzieller oder politischer Macht zu verfallen, hat den Turnerpreisträger in den letzten Jahren zum weltweiten Star gemacht. Am 13. Oktober wird er eine Ausstellung in der Londoner Lisson Gallery eröffnen, bei der er neben vielen Skizzen und Entwürfen auch eine Arbeit zeigen wird, die er gemeinsam mit dem Schriftsteller Salman Rushdie entworfen hat. Die Arbeit wird aus zwei Bronzekisten bestehen, die mit einem Keil aus rotem Wachs verbunden sind, in das ein Text von Rushdie eingraviert wird, der auf einem Märchen aus 1001 Nacht beruht. Der Text sei sehr blutrünstig, erzählte Kapoor neulich, das sei ein Gemetzel und so habe er die Bronzekisten auch mit Material gefüllt, das einen Kritiker an frisch ausgeweidete Organe erinnerte.

Die Arbeit mit Rushdie gilt schon jetzt als neue Phase in Kapoors Werk. In dem Komplex ehemaliger Lagerhäuser in denen er im südlichen London seine Skulpturen entwirft, arbeitet er derzeit an mehreren Aufträgen für Rio, Mailand und Neuseeland, die sich teils noch mit den polierten Oberflächen seiner jüngsten Arbeiten beschäftigen. Für eine Ausstellung in München konstruierte er jedoch eine bewegliche Skulptur, bei der ein dunkelroter Wachsblock auf Eisenbahngestell montiert über Schienen durch verschiedene Räume fährt, deren Durchgänge ein bisschen zu eng sind und so das Wachs abschaben. Damit setzt er zunächst seine Abkehr von den glatten Formen und den immateriellen Objekten im Raum fort. Die inhaltliche Seite der abstrakten Skulptur für eine Ausstellung in Deutschland dürfte nicht allzu schwer zu interpretieren sein.






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