Leben in Zeiten der Angst

In New York leben Menschen, die mit Katastrophen vertraut sind und deswegen selbst mit einer Tragödie wie den Anschlägen umgehen können.
© Andrian Kreye



Niemand in New York blieb unberührt. Keiner kann sich in diesen Tagen gegen die Ängste, gegen Entsetzen und Trauer wehren. Und doch begegnet die Stadt der Katastrophe mit einer Souveränität, die den Rest der Welt kurz stutzen läßt. An vielen Ecken gibt es schon wieder ein fast normales Leben. Menschen gehen zur Arbeit, ins Kino und Theater. In der Alphabet Lounge an der Avenue C feierten Menschen einen Geburtstag. Um die östliche Grand Street herum hatten die Geschäfte und Lokale schon seit Mittwoch ganz normal geöffnet. Kleine Nischen scheinbar regulärer Lebensfreude zwischen der Trauer, und den Anstrengungen.

Angesichts der eigenen Verwirrung, fragen sich die Menschen in Europa - wie machen die das? Beweist sich hier die legendäre New Yorker Coolness unter Extrembedingungen als Mittel zum Überleben? Sieht nun die ganze Welt, wie tough, wie hard boiled, wie unerschütterlich die Menschen dieser Stadt bis in ihr tiefstes Innerstes sind? Und schwingt in solchen Fragen nicht gleich wieder ein wenig von althergebrachten Vorurteilen mit? Dass wer nicht ordentlich trauert und leidet, eben kein sehr tief empfindender Mensch sein kann?

Zwei Zitate sind aus der Flut der Bilder und Worte übriggeblieben. Kurze Flüche auf der Tonspur jener Aufnahmen, die als erste zeigten, wie die Türme des World Trade Centers zusammenbrachen. “Holy Shit!", ruft da einer aus der Menge. In der zweiten Einstellung klingt der Fluch fast trocken. “Oh Shit", sagt da eine Männerstimme, als wäre das eine nüchterne Feststellung von Tatsachen. Das wirkt cool, fast schon wie bei Kinohelden, die auch im Moment der großen Katastrophe noch eine lockere Bemerkung auf den Lippen haben. Und doch steckt hinter diesen zwei vermeintlich so lässigen Reaktionen die gesamte Bandbreite des Entsetzens und der unendlichen Trauer.

Die beiden Flüche unterscheiden sich in ihrer Bedeutung grundlegend. “Holy Shit" markiert in der New Yorker Umgangssprache die Erkenntnis, dass hier ein Ernstfall eingetreten ist, der sofortiges Handeln verlangt. Dem Spruch folgt meist sofortige Aktion - es gibt noch etwas zu retten, jetzt nur keine Sekunde verlieren. “Oh Shit" dagegen markiert den Endpunkt, die Resignation angesichts unveränderbarer Tatsachen. Dem Spruch folgt meist der Rückzug - angesichts der Trümmer gibt es zunächst nichts mehr zu tun oder sagen, bis man sich ans Aufräumen macht. Die Lässigkeit liegt also höchstens im Duktus. An der Tiefe der Reaktion ändert sie nichts.

Allerdings: in New York leben Menschen, die gelernt haben, mit Katastrophen umzugehen. Dieses Sicherheitsgefühl, das uns vor allem im Europa nach dem Zweiten Weltkrieg wie ein Cocon umhüllt, ist ihnen vollkommen fremd. So sind das Feiern und die Geschäftigkeit weder ein Tanz auf dem Vulkan noch Verdrängung. Die Ladenbesitzer und Kellner an der Grand Street sind allesamt Chinesen, die meisten Neuankömmlinge der letzten fünf bis zehn Jahre, nur wenige Dissidenten, die vor dem Regime in Sicherheit geflohen sind. Die meisten von ihnen haben Armut, Hungersnöte oder Überschwemmungen überlebt und sich nach Amerika gerettet, um nicht politisch, sondern ganz existentiell zu überleben. Und die, die da in der Alphabet Lounge feierten, Musik hörten, tranken und es sich gut gehen ließen, waren Kolumbianer. Junge Menschen aus einem Land, in dem ein Bürgerkrieg tobt, der älter ist als die meisten von ihnen. Ein so genannter lokal begrenzter Konflikt, der ihre Heimat jahrelang mit Terrorkampagnen überzogen hat, in dem ganze Dörfer ausgelöscht, Passagierflugzeuge gesprengt und öffentliche Gebäude gesprengt wurden.

Auch die Amerikaner selbst sind keine weltfremden Konsummenschen. Es stimm, dass seit dem amerikanischen Bürgerkrieg auf ihrem Kontinent keine bewaffneten Auseinandersetzungen mehr stattfanden, weswegen direkte Angriffe im Land wie Pearl Harbor, Oklahoma City oder der 11. September so eine massive Schockwirkung haben. Aber sie haben keineswegs auf einer niedlichen Spaßinsel gelebt. In Los Angeles haben selbst die Reichen und Schönen von Malibu und Beverly Hills immer ein Notköfferchen gepackt. Mit Frischwasser, Taschenlampen, Kurzwellenradio und den wichtigsten Papieren. Weil sie jederzeit mit einem Erdbeben rechnen müssen. Die Sonnenmenschen von Florida werden jedes Jahr von Stürmen heimgesucht, deren verheerende Wucht man sich als Europäer kaum ausmalen kann. Entlang der großen Ströme sind die Menschen von Überschwemmungen bedroht, im gesamten Westen können Feuersbrünste ganze Städte in Asche legen, selbst Sommerhitze und Winterkälte werden immer wieder zu tödlichen Ereignissen. Die Lässigkeit hat also nichts mit Kaltschnäuzigkeit zu tun. Sie ist vielmehr ein Überlebensmechanismus.

Natürlich gibt es nun auch die Angst. Doch die New Yorker sind nicht die ersten, die lernen mußten mit ihr zu leben. Der Zustand der permanenten tödlichen Bedrohung gehört in Ländern wie Israel oder Nordirland zum Alltag. Ohne Folgen bleibt das nicht. In Bügerkriegsgebieten kann das beispielsweise ganze Generationen für immer traumatisieren. In den kurzen Jahren des Friedens leitete Dr. Mustafa el-Masri das "Community Mental Health Program" in Gaza City, das die psychologischen Folgen der Intifada untersuchen und behandeln sollte. "Fünfundneunzig Prozent unserer Kinder kämpfen mit schweren Traumata", berichtete er damals. “Sechzig Prozent aller Kinder haben mit drei oder mehr psychologischen Störungen zu kämpfen. Dreißig Prozent aller Erwachsenen leiden unter Post Traumatic Stress Disorder." Aussichten auf erfolgreiche Therapie hätte nur die Wenigsten.

Auch in New York hat die Katastrophe psychologische Wunden geschlagen, die nie mehr heilen werden. In einer Volksschule von Downtown Manhattan saßen Kinder zur Zeit des Anschlages in einem Raum mit Blick auf das World Trade Center. Die Fenster waren an diesem Morgen verdunkelt. Nur an einer Stelle war die Jalousie kaputt. Ein kleiner Junge sah durch die Lücke nach draußen. “Warum brennen denn die Vögel?", fragte er. Und realisierte voller Entsetzen, dass es Menschen waren, die da in Flammen niederstürzten.

Der Wille, sich vom Trauma nicht brechen zu lassen, wird Amerika nun antreiben. Die wahren Siege werden dabei nicht vom Militär gefeiert werden. Die wahren Siege sind all die Moment der Normalität, die die Terroristen ja auslöschen wollten. Wenn an der Landstraße nach Long Island beispielsweise die Veteranenvereine Straßensperren aufgebaut haben, an denen sie jeden Wagen anhalten, um den Insassen amerikanische Flaggen zu geben, dann ist das kein blindwütiger Patriotismus. Denn der Star Spangled Banner läßt sich nicht so einfach zur Nationalflagge reduzieren, unter deren Banner nun ein Land in den Krieg zieht. Für all die Einwanderer, die in die USA gezogen sind, war die amerikanische Flagge immer der kleinste gemeinsame Nenner. Und daran erinnert sich Amerika nun. An den gemeinsamen Willen und das gemeinsame Ziel. Das große Ziel Amerikas war immer “the pursuit of happiness", das von der Verfassung garantierte Recht darauf glücklich zu sein. Für die meisten Menschen dieser Welt sind das nicht unbedingt Ruhm und Reichtum, sondern ganz einfach Ruhe, Frieden und Normalität.


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