Die Kultur der Angst

Ein Interview mit dem Soziologieprofessor und Bestsellerautor Barry Glassner.
© Andrian Kreye

Barry Glassner ist Professor für Soziologie an der University of Southern California in Los Angeles. Sein Bestseller “The Culture of Fear - Why Americans Are Afraid of the Wrong Things" (Basic Books, New York, 278 Seiten, US $ 15,-) gehört in den USA zu den Standardwerken der Sozialkritik. In den Interviews für “Bowling For Columbine" lieferte Glassner dem Filmemacher Michael Moore die akademischen Argumente für die Theorie von der angstbesessenen amerikanischen Gesellschaft.

Mister Glassner, das FBI und das amerikanische Amt für Heimatschutz veröffentlichen ihre Terrorwarnungen meist, wenn die Regierung neue Sicherheitsgesetze oder Kriegsresolutionen erläßt. Ist Angst ein neues Werkzeug der Politik?

Barry Glassner: Konzerne und Politiker haben Angst schon seit Langem für Marketingszwecke eingesetzt. Heute wird die Angst genauso für jene Programme benutzt, die die Regierung “Krieg gegen den Terror" nennt. Und sie soll natürlich Stimmung für eine Invasion im Irak machen.

Dann meinen Sie den Begriff Marketing also bildlich.

Glassner: Nein, mit Angstmache werden in den USA auch richtige Produkte verkauft. Von Alarmanlagen und Eigenheimen in eingezäunten Siedlungen bis hin zu alltäglichen, nicht ganz so offensichtlichen Produkten, wie antibakterieller Seife. Angesichts der Millionen von Dollar, die jedes Jahr für antibakterielle Seifen ausgegeben werden, scheint es, als ob Amerikaner nicht verstehen, dass es vollkommen ausreicht, sich die Hände gründlich mit einer normalen Seife zu waschen.

Gibt es denn seit dem 11. September nicht auch gute Gründe dafür, die Bevölkerung aufzufordern, Isolierband zu kaufen, um sich gegen chemische Angriffe zu schützen?

Glassner: So etwas nutzt in erster Linie der Isolierbandindustrie. Aber weder die Politik, noch die Medien diskutieren die Tatsache, dass sich die Bevölkerung gegen diese Art von Terrorismus überhaupt nicht selbst schützen kann. Gegen solcherlei Angriffe können uns ausschließlich die Polizei, das Militär und ein funktionierendes Gesundheitssystem schützen. Mit solchen Aufrufen lenkt man nur davon ab, dass das unzulängliche Gesundheitssystem der USA von einem Ausnahmezustand wie nach einem relativ unwahrscheinlichen Terroranschlag, oder einer viel wahrscheinlicheren Naturkatastrophe vollkommen überfordert wäre.

Warum gibt es diese Kultur der Angst denn ausgerechnet in den USA? Mal abgesehen von den eben angesprochenen Naturkatastrophen ist das doch seit Jahrhunderten der wohl sicherste Flecken Erde.

Glassner: Wenn nicht sogar in der Geschichte der Menschheit. Aber gleichzeitig befinden sich Amerikaner in einer sehr unsicheren Lage, weil sich der Unterschied zwischen Arm und Reich so dramatisch ausweitet, dass sich ein großer Teil der Mittelschicht nicht mehr sicher sein kann, ob er seine wirtschaftliche Position halten kann. Vor dem Hintergrund solcher Unsicherheiten werden dann Ängste geschürt. Allen voran von den lokalen Nachrichtensendungen, die ihre Einschaltquoten fast ausschließlich mit Panikmache halten.

Zugegeben - wenn eine Nachrichtensendung nach dem 11. September einen Beitrag über einen möglichen Pockenfall in nächster Nähe mit dem Zusatz ’müssen wir uns Sorgen machen? Schalten Sie um 11 Uhr ein' ankündigt, dann schaltet man auch ein. Man weiß ja nie.

Glassner: Richtig. Die Fernsehstationen greifen solche Themen sofort auf. Und nach dem 11. September wurde in manchen Teilen des Landes alles, was mit einer möglichen Terrorgefahr zusammenhängt ein Quotenhit. Das funktioniert in Iowa natürlich nicht so gut, wie in New York. Aber all die altmodischen amerikanischen Ängste gibt es ja auch noch.

Was sind denn die altmodischen amerikanischen Ängste?

Glassner: Letzten Sommer konnte man kaum eine Nachrichtensendung einschalten, ohne einen Bericht über ein entführtes Kind zu sehen. Da sprach man von einer richtigen Epidemie der Kindesentführungen, obwohl die Anzahl der entführten Kinder nicht höher war als sonst. Das ist eine dieser immer wiederkehrenden Ängste. Eine andere, die regelmäßig durch Schlagzeilen und die Regierungserklärungen geistert, ist die Angst vor Drogen. Meist vor irgendwelchen neuen Wellen, wie zur Zeit vor den Designerdrogen.

Das klingt, als gäbe es regelrechte Moden der Angst.

Glassner: Ich habe schon versucht, Regelmäßigkeiten nachzuweisen, aber es läßt sich nie ganz genau voraussagen, wann solche Ängste auftauchen. Irgendwann nutzt sich aber jede Angst ab und wird zu den Akten gelegt. Dann dauert es eine Zeitlang, bevor sich die Nation wieder von der selben Angst packen läßt.

Wurde Angst nicht schon immer benutzt?

Glassner: Nicht in diesem Maße. In der amerikanischen Politik waren die dominierenden Themen eigentlich immer Hoffnung und Fortschritt. Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts haben die Amerikaner allerdings ihren Glauben an die wichtigen Institutionen wie Wissenschaft, Bildung, Medizin und Politik verloren.

Aber die Utopie einer technokratischen Gesellschaft erlebt doch gerade in den 90er Jahren ihre Hochzeiten.

Glassner: Das war eher die Hoffnung auf schnelles Geld, als der Glaube an eine bessere Zukunft.

Entwickelt sich Amerika damit von einer utopischen zu einer dystoptischen Gesellschaft?

Glassner: So weit würde ich nicht gehen. Diese vermehrte Angst hat viel mit dem amerikanischen Individualismus zu tun, der schon seit dem amerikanischen Revolution das Leitmotiv der amerikanischen Kultur war. Wenn das an einen Punkt kommt, an dem der Einzelne zu sehr auf sich alleine gestellt ist, so wie in den USA, wo während der letzten Jahrzehnte kontinuierlich öffentliche Dienste und Einrichtungen abgebaut wurden, dann kriegen es die Leute eben mit der Angst zu tun. Die Angstmache der Medien und der Politik ist dabei pure Irreführung.
Wenn es keine sicheren Arbeitsplätze mehr gibt, wenn das Bildungssystem am Boden ist und Millionen amerikanischer Kinder nicht krankenversichert sind, ist es für Politiker eben sehr bequem, über Kindesentführungen zu reden. Weil nur sehr wenige Kinder entführt werden, man sowieso nichts dagegen tun kann und man sich dann nicht um die wirklichen, die teuren Probleme kümmern muß.





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