Beim Anflug auf Städte wie Dallas, Detroit oder Denver kann man die akkuraten Gitter- und Meandermuster der Vorortstraßen erkennen. Unten auf dem Highway gleiten die parzellierten Neubausiedlungen wie eine fremde Welt vorbei. Zu hunderten haben die Immobilien-Investoren freistehende Einfamilienhäuser über einstmals brache Hügel und Ebenen gestreut, Planungseinheiten mit Mauern umgeben und sie mit wohlklingenden Namen wie Sunny View, Spring Hills oder New Horizons versehen. Ein gleichförmiges Panorama, nur unterbrochen von Industrieparks und den Malls, den künstlichen Begegnungsebenen mit Filialen der Geschäfts-, Restaurant- und Kinoketten.
Auch Eric Harris, einer der beiden Amokläufer von Littleton, lebte in so einer "Subdivision", einer Parzellensiedlung, namens Columbine Knolls, zu deutsch "Hügelkuppen von Columbine. Nach europäischen Maßstäben wäre das hellgraue Haus seiner Eltern eine Luxusvilla. Nicht weit davon entfernt wohnte der zweite Amokläufer Dylan Klebold mit seiner Familie, ebenfalls in einem prächtigen Bau.
In der Welt der Subdivisions sind die Häuser der Harris' und der Klebolds nichts besonderes. Mehrere hundert Quadratmeter Wohnfläche, eine eigenes Bad für jedes Familienmitglied und ein großzügiger Garten sind kein Luxus. Platz gibt es genug in Amerika. Massenanfertigung machen die Häuser erschwinglich. Zu hunderten stehen sie in gleichförmig angenehmen Farben und Formen entlang der neugeschaffenen Straßenzüge bis weit ins Land hinein. Nur die Details unterscheiden sich, die Anordnung der Fenster und Wohnebenen, die Ausbuchtungen und Erker. Das täuscht wenigstens ein Mindestmaß an Individualität vor.
Für Jugendrevolte bleibt in der durchgeplanten Welt der Suburbia kein Platz. Wo sollen sich die Gegenkulturen auch entwickeln? Die künstlichen Dörfer der Subdivisions und die hellen Betonkonstrukte der Schulen, Malls und Firmensitze sind nicht mehr als antiseptische Matrizen, auf denen sich das bürgerlich Leben abspielt. Da findet man keine Nische, die einer Subkultur als Nährboden dienen könnte.
Für die Teenager gibt es fernab der traditionellen Großstädte kein Entkommen aus der Suburbia. Sie treffen sich in Fastfood-Lokalen mit Fließenböden, Neonbeleuchtung und Resopalmöbeln, auf den sogenannten Begegnungsflächen der Shopping Malls, die mit Wasserspielen und Hydrokultur Dorfplatzatmosphäre mimen, im digitalen Lärm der Videospiel-Arkaden und in der hysterischen Wetteiferstimmung der Sportplätze. Unmöglich hier als Teenager ein Gefühl für Identität zu entwickeln.
So fiel es den Medien auch schwer, in Littleton das Bild einer bedrohlichen Jugendkultur zu zeichnen. In aller Eile trugen die Reporter sämtliche Popkoordinaten zusammen, die sie im Umfeld "Trenchcoat Mafia" finden konnten. Den Gothic Rock von Marylin Manson fanden sie da. Deutschen Industrial Rock von KMFDM und Rammstein. Filme wie "The Basketball Diaries" und "Natural Born Killers", die den Amoklauf zur Heldenpose erheben. Die Metztelcomputerspiele Doom und Quake, für die Eric Harris sogar Programme geschrieben hatte. Das Internet als virtuellen Treffpunkt. Und auf Harris' Website stießen sie auf eine wirre Mischung aus Militia-Ideologie, Nationalsozialismus, satanistischer Mystik und Waffenkult.
All das ergibt kein geschlossenes Bild einer Generation, nur das einer Stimmung. Nihilismus als Waffe gegen die Kultur von Bequemlichkeit und Wohlempfinden.
Es ist gut fünfzehn Jahre her, daß der Nihilismus Einzug in die amerikanische Popkultur gehalten hat. Die Punks der späten 70er Jahre in den USA waren noch Intellektuelle Rocker wie Patti Smith oder Lou Reed, die Selbstzerstörung zur Kunstform erhoben. Die nächste Generation meinte es ernst. Gangsta Rap entstand aus der Kultur der Drogengangs, die sich während der Crackwelle mit schweren Waffen und schnellen Autos ausstaffierten und die Gefühlskälte des Gangster Cool zur höchsten Tugend erhoben. Grunge Rock kultivierte wenig später die Hoffnungslosigkeit der ersten Generation, die keine Aussicht auf wirtschaftliches Wachstum hatte. Beide wurzelten in der Enttäuschung einer Jugend, die miterlebt hatte, wie die Ideale und Versprechungen aus der Protestbewegung Eltern von den Realitäten des Neoliberalismus weggefegt wurden.
Gangsta Rap hat sich in der Suburbia bis heute als provozierende Pose gehalten. Der schwarze Gangster der Innenstädte, die Verkörperung all dessen, vor dem die Eltern in die Suburbia geflohen waren, als Schockmittel. Doch vielen weiße Teenager ist die schwarze Kultur zu fremd. Sie haben ihre eigenen Stars. Professionelle Schockrebellen, die sehr wohl wissen, was sie tun.
Der Produzent und Sänger Trent Reznor brachte die Klanggewitter des europäischen Industrial Rock mit seiner Band Nine Inch Nails in die amerikanischen Charts. Er produzierte auch das erste Album von Marylin Manson, der zuvor als Musikjournalist die Mechanismen des Popmarkts studiert hatte. Der silisierte sich mit schwarzen Lippen, weißem Puder und farbigen Kontaktlinsen zur apokalyptischen Vogelscheuche, sang von Selbstmord und Haß auf schöne Menschen, und traf damit die Bedürfnisse seines Teeny-Publikums. Er bediente den Teenage Weltschmerz mit Todesfantasien, das Bedürfnis nach einer für Erwachsene unzugänglichen Jugendbewegung mit harschen Tönen und einer Ästhetik der Häßlichkeit, und die jugendliche Wut auf die Welt durch Koketterie mit faschistoiden Symbolen und lautem Gebrüll. Alles genau kalkuliert. Mit Erfolg. Tausende von Kids laufen mit schwarzweißem Makeup und morbidem Gewand durch die Malls und werden in den Nachmittags-Talkshows als plakative Rebellionsschablonen ausgestellt. Viel geschimpft wird da, kaum geredet und die Argumente der Kids beschränken sich meist auf ein trotziges "Ich bin eben anders".
Die wirkliche Ausgrenzung der Elterngeneration findet jedoch auf dem Computer statt. Im Internet gibt es die Nischen, die aus der Wirklichkeit weggeplant wurden. Dort hat sich allerdings auch die neue amerikanische Rechte breitgemacht. Verschwörungstheoretiker, Militiagruppen und Rassisten beanspruchen mit ihren finsteren Ideologien das Moment der Rebellion für sich, haben eine Subkultur aufgebaut, die viele Schlagworte der Linken und der Rockkultur aufnimmt. Und für den Kampf gegen das Establishment gibt es auf ihren Websites Anleitungen, wie man eine Rohrbombe baut.
Auch die Shootergames unter den Computerspielen bedienen sich einer Mischung aus Rock'n'Roll und traditioneller Motive der Ultrarechten. Das geht vom Brutaldarwinismus der Spielregeln über morbiden Mystizismus bis zum Übermenschendesign der Figuren. In dieser Kunstwelt bewegen sich die Spieler, oft über Internet miteinander verbunden, mit Blick über den Lauf ihrer Waffe durch Gänge und Hallen, die einer Horror-Mall gleichen und metzeln nieder, was sich ihnen in den Weg stellt. Die Schemenbilder der Nachrichtensendungen, die den Weg der Amokläufer durch das Schulgebäude zeigten, erinnerten ein wenig daran.
Doch taugen Pop-Nihilismus und rechte Ideologie als Erklärung für den Amoklauf von Littleton? Sicher nicht. Die laxen Waffengesetze der USA schon eher. Beides hört Amerika nicht gerne. Denn beide Verdachtsmomente rütteln ganz kräftig an den geheiligten ersten und zweiten Zusätzen der amerikanischen Verfassung. Dem unumschränkten Recht auf Rede- und Informationsfreiheit. Und dem Recht darauf, Waffen zu tragen.