Nun ist das Publikum der Met nicht gerade belastbar. Bei Robert Wilsons Inszenierung des “Lohengrin" verließen Dutzende unter buchstäblichem Wutgeschrei den Saal und mit Dieter Dorns “Tristan und Isolde" handelte sich das Haus die satt siebenstellige Schadensersatzklage einer Mäzenatenfamilie ein. Tobias Pickers Werk gilt jedoch als konsensfähig. Mit seinen vier Opern, drei Symphonien und sechs Orchesterkonzerten hat er sich als Protagonist einer zeitgenössischen amerikanischen Musik profiliert, die sich eher heimischen Modernisten wie Aaron Copland und Samuel Barber verbunden fühlt, als den Minimalisten oder der europäischen Avantgarde.
“An American Tragedy" beruht auf Theodore Dreisers gleichnamigen Roman aus dem Jahr 1925, der wiederum auf der wahren Geschichte des jungen Aufsteigers Chester Gillette beruhte, der 1906 hingerichtet wurde, weil er seine schwangere Geliebte in einem See in den New Yorker Adirondack Mountains ertränkte, um eine Liaison mit einer wohlhabenden Erbin zu verfolgen. Dreisers Roman über die dunklen Seiten der amerikanischen Tugend des Ehrgeizes gilt als klassisches Beispiel für die “Great American Novel", jener epischen Aufarbeitung der amerikanischen Gesellschaft, die amerikanischen Literaten seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert als eine Art heiliger Gral dient. “An American Tragedy" wurde mehrere Male verfilmt, 1931 von Josef von Sternberg, 1951 unter dem Titel “A Place in the Sun" von George Stevens mit Elizabeth Taylor und Montgomery Clift in den Hauptrollen, und dieses Jahr hat Woody Allen in seiner Rückkehr zum Drama eine eigene Version der Geschichte gedreht.
Picker hat Stevens Verfilmung als Zehnjähriger gesehen und seither ließ in die Geschichte nicht mehr los. Er zögerte also nicht lange, als ihn der musikalische Direktor der Met James Levine nach dem Erfolg seiner ersten Oper “Emmeline" vor sieben Jahren fragte, ob er ein Werk für sein Haus schreiben wolle. Levine hat allerdings nicht selbst dirigiert, sondern das Podium dem Hausdirigenten der Met James Conlon überlassen. Auch sonst ist “An American Tragedy" eine rein amerikanische Produktion. Alle dreizehn Solistenrollen wurde mit teils prominenten amerikanischen Sängern wie Dolora Zajick und Susan Graham besetzt. Regie führte die Amerikanerin Francesca Zambello.
Die Erwartungen an eine solche Uraufführung sind naturgemäß hoch. Die Nachtkritik auf der Webseite der New York Times stellte dann auch die bange Frage: “Wird der Feder des Komponisten ein neues Meisterwerk entspringen, oder wird das Publikum einem teuren Fiasko ausgesetzt?", um gleich die Antwort “keines von beidem" hinterherzusetzen.
Europäische Kenner der zeitgenössischen Musik bezeichnen Pickers Musik schon mal als einfältig. Das mag hart sein, doch der größte Einwand gegen “An American Tragedy" ist sicher, dass Picker die große Chance der tonalen Oper versäumt hat, emotionale Spannungsbögen zu schaffen, die auch einem Stoff, der schon als Roman und Film kongenial umgesetzt wurde, neue Dimensionen entlocken.
Vielleicht ist das europäische Ohr die lineare Gesangsführung über solch einer Untermalung auch einfach nicht gewohnt, weil sich der Verdacht aufdrängt, man sitze in einem Musical in Moll. Letztendlich geht es natürlich nicht um formale Fragen, sondern um die Wirkung auf die Zuhörer. Die waren am Ende des Abends so unentschieden wie die Nachtkritik der Times. Ein paar Bravorufe gab es, freundlichen Applaus, doch dann wandte sich die Galagesellschaft schon dem Ausgang zu.
New York 03.12. '05 - Eine Uraufführung an der Metropolitan Opera ist selbst für den übersättigten New Yorker Kulturbetrieb ein großes Ereignis, noch dazu wenn die Oper den Titel “An American Tragedy" trägt und der Komponist mit Tobias Picker ein Sohn der Stadt ist, der als große Hoffnung der zeitgenössischen Oper gilt, weil er nicht nur sozialkritische Stoffe auf die Bühne, sondern auch viel zahlendes Publikum in die Häuser bringt. Einen gewissen Seltenheitswert hatte diese Uraufführung auch, denn in ihrer sechzigjährigen Geschichte hat die Met bisher lediglich acht Auftragswerke komponieren lassen. Das letzte war John Harbinsons Opernfassung des Fitzgerald-Romans “Der Große Gatsby", die hier vor sechs Jahren uraufgeführt wurde. Da wird selbst dem blasiertestem Publikum ganz feierlich zu Mute, wofür das Foyer der Met den geeigneten Rahmen gibt, denn auf dem roten Teppich der ausladenden Freischwingertreppen fühlt sich auch der bürgerliche Operngast zwischen all den Prominenten aus Wirtschaft, Politik und Kultur wie ein vollwertiges Mitglied der High Society, selbst wenn die Cocktailbar mit dem majestätischen Blick über die Plaza des Lincoln Center an einem solchen Abend für Gönner und Mäzene reserviert ist.
Über zehn Jahre lang hat Picker an “An American Tragedy" gearbeitet, die schon im Vorfeld als der ehrgeizige Höhepunkt seiner Arbeit gefeiert wurde. Da zeigte die wichtigste amerikanische Frühstücksfernsehsendung am Tag der Uraufführung Ausschnitte, die Wochenzeitschrift New Yorker erklärte Picker zum erfolgversprechendsten amerikanischen Komponisten und die deutsche Hochglanzillustrierte Park Avenue räumte ihm gleich acht Farbseiten ein. Kein Wunder - Picker hat sich einen großen Stoff ausgesucht, der schon seit einem Jahrhundert durch die amerikanische Literatur- und Filmgeschichte geistert.
Ein paar große Arien hat er geschrieben, die vor allem Dolora Zajick und Susan Graham mit Bravour ausführten. Ansonsten beschränkft sich Pickers Komposition viel zu oft darauf, Emotionen lediglich zu illustrieren, anstatt Ausdrucksformen für sie zu finden. Dabei scheint sich seine Musik öfter auf Bernard Herrmann zu beziehen, als auf Copland oder Barber. Nun war Herrmann zwar der begnadetste Filmkomponist in der Geschichte Hollywood, doch die Funktionalität auf die subtilen Zwischentöne und Bilder des Films zu reagieren läuft auf einer Opernbühne ins Leere. Da wirkt der häufige Griff zu allzu gestischer Musik fast wie Angst vor der eigenen Courage. Doch da sind sie alle, die altbekannten Signale - die kontrapunktierten Blechbläser bei Gefahr im Verzug, die Tupfer von Kesselpauken und Flöten bei steigender Spannung, Oboe und Fagott bei Trauer und Verzweiflung.
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