LOBBY FÜR DEN KRIEG

Die irakische Opposition warb
in den USA für einen gewaltsamen
Machtwechsel in ihrer Heimat.
© Andrian Kreye

New York, 28. November 2002. - Nach einem leichten Mittagessen beginnt General Najib al- Salhi seinen Angriff. Die Lage ist verzwickt. Rund um den riesigen Tisch in einem der Konferenzräume einer Wirtschaftskanzlei am Broadway hat seine Lobbyistin ein gutes Dutzend Entscheidungsträger und Meinungsmacher versammelt. Da ist ein Oberst der US Marines, mehrere Abgesandte konservativer Think Tanks, ein Attaché der türkischen Botschaft und einige wichtig erscheinende Damen und Herren, die sich als “Privatleute" vorstellen. Die muss der General erobern. Seine wahre Stärke ist es, Panzerdivisionen ins offene Feld zu führen. So wie am 2. August 1990, als er mit den Grenadieren des fünften Corps der irakischen Armee in Kuwait einmarschierte. Einen politisch heiklen Standpunkt in einer Gesprächsrunde mit ebenso vielen Interessen wie Teilnehmern zu vertreten, erscheint da ungleich schwieriger.

Während die Gäste ihre letzten Sandwichbissen mit Kaffee hinunterspülen, sitzt der breitschultrige General mit dem wulstigen Schnauzbart und dem dunkelgrau gestreiften Anzug am Kopfende des Tisches, lächelt, nimmt Blickkontakt auf, sondiert die Lage. In einem Punkt sind sich die Anwesenden offensichtlich einig - der Krieg wird kommen. Trotzdem bleiben genügend Fragen offen, und einige würde der General heute gerne zu seinen Gunsten beantworten. Denn wenn alles nach Plan läuft, wird General al-Salhi nach dem Sturz Saddam Husseins das irakische Volk in eine freie, demokratische Zukunft führen. So steht es zumindest im Programm seiner “Bewegung freier Offiziere und Zivilisten", die sein Sekretär verteilt.

Das wollen so einige andere auch. Knapp siebzig Anwärter gibt es für den Posten des Oberhauptes einer Interimsregierung. Die meisten gehören wie al-Salhi zu den rund 1500 ehemaligen irakischen Offizieren im Exil. Sie träumen davon, nach einem Sturz des Hussein-Regimes der “nächste Karsai" zu werden, ein Herrscher von Amerikas Gnaden wie das derzeitige nominelle Regierungsoberhaupt von Afghanistan, Hamid Karsai. Doch von den drei Spitzenkandidaten hat der 50jährige al-Salhi momentan vielleicht die besten Chancen.

Dem Oberhaupt des zivilen irakischen Nationalkongresses in London, Ahmed Chalabi, traut man in Washington inzwischen nicht mehr zu, dass er die verschiedenen ethnischen Gruppen des Irak vereinen und so Lynchjustiz und Bürgerkrieg verhindern könnte. Deswegen galt General Nisar al-Chasradschi, der ehemalige Stabschef der irakischen Armee, bis vor kurzem noch als Spitzenkandidat. Ihm traute man zu, dass er gemeinsam mit der Armee Ordnung schaffen würde. Allerdings lebt al-Chasradschi gerade in Dänemark und steht unter Hausarrest, denn die Regierung dort nimmt es mit der Verfolgung von internationalen Kriegsverbrechern sehr ernst. Am 19. November wurde er vor einem Gericht in Soroe wegen Verstoßes gegen die Genfer Konvention während des Iran-Irak-Krieges angeklagt. Außerdem geht man dem Verdacht nach, dass al- Chasradschi für die Giftgasangriffe auf die kurdische Stadt Halabja verantwortlich sein könnte. Bleibt al-Salhi, der Favorit des amerikanischen Außenministeriums und der CIA.

General Najib al-Salhi will nicht nur die Interimsregierung in Bagdad führen, sondern auch den Krieg gegen Saddam. Der gar kein Krieg wäre, sondern nur ein Machtwechsel, wie er sagt. Die irakische Armee würde die Diktatur kaum verteidigen. 30000 Kämpfer könne er mobilisieren. Mit denen würde er den Bodenkrieg bestreiten. Die USA könnten sich auf Luftangriffe beschränken. Seine Strategie wäre dabei ein Zangengriff aus drei Himmelsrichtungen - aus dem kurdischen Norden, aus Kuwait im Süden und von Westen aus Jordanien.

Eine ähnliche Strategie verfolgt der General bei seiner Überzeugungsarbeit. Von drei Seiten bearbeitet er die Runde - politisch, völkerrechtlich und emotional. Politisch präsentiert er sich als überzeugter Demokrat. Auch wenn er sagt, dass die Demokratie in einem befreiten Irak erst einmal warten müsste. Damit stimmt er mit den Pragmatikern in den USA überein, die in der ersten Phase des Wiederaufbaus eine Militärregierung befürworten. Al-Salhis Vorteil: Er kennt immer noch einen Großteil der militärischen Spitze, ist zwar selbst Sunnit, kommt aber mit den Kurden, Turkmenen und Assyrern im Norden genauso gut aus wie mit den Shia-Arabern im Süden und der schiitischen Mehrheit.

Im Gegensatz zu al-Chasradschi, so sagt er, könne man ihm völkerrechtlich nichts vorwerfen. Sicher, er habe gegen den Iran gekämpft. Die meisten Offiziere seien jedoch gegen diesen Krieg gewesen, und als der Iran den ersten Waffenstillstand mit einem Gegenangriff gebrochen habe, hätten sie eben ihre Heimat verteidigt. Nicht das Hussein-Regime. Gegen das habe er schon seit 1979 im Untergrund opponiert. Er habe den Aufstand 1991 unterstützt, der nur scheiterte, weil die USA im letzten Moment ihre Unterstützung für die Rebellen zurückzogen. Später im Süden habe er so einige Oppositionelle vor dem sicheren Tod bewahrt, weil er die Befehle aus Bagdad einfach nicht an seine Offiziere weitergab. Und 1995 musste er sowieso nach Jordanien fliehen.

Und dann hat der General noch die Trumpfkarte des Patriotismus im Ärmel. Die Liebe zu seinem Land, seinem Volk, das verstehen die Amerikaner. Außerdem lässt er damit genügend Spielraum für alle anderen Interessen. Wobei er betont, das irakische Atomprogramm sei ein Mythos. Die brutale Unterdrückung der Iraker sei das wahre Drama. Er selbst wird ja immer noch verfolgt. Ins Detail will er nicht gehen. Aber sein Sekretär hat vorhin den Artikel aus der Washington Post verteilt, in dem die furchtbare Geschichte steht. Als al-Salhi noch in Amman lebte, habe ein Taxifahrer eine Videokassette für ihn abgegeben. Erst habe er geglaubt, das sei ein Pornofilm. Bis er seine Verwandte erkannte, die da vor laufender Kamera vergewaltigt wurde.

Die Zeit bis zum Angriff wird dem General quälend lang erscheinen. Vorerst lebt er in Washington. Da plagt ihn das Heimweh. Doch er wird in den USA bleiben müssen, um sich bei Gesprächen wie diesen gegen seine Konkurrenten zu behaupten. Denn letztlich entscheidet nicht das irakische Volk über die Zukunft seines Landes, sondern Männer wie der schweigsame Oberst der Marines, ein Mann mit grauem Bürstenschnitt und den kantigen Gesichtszügen eines Karriereoffiziers. Der gibt außer Hörweite des Generals und seinerGäste zu, dass eines sicher sei. Den Krieg wird al-Salhi nicht alleine führen. “Der hat ja nicht einmal eine stehende Truppe." Das war bei der afghanischen Nordallianz anders. Und die modernen Laserzielgeräte, mit denen die Special Forces am Boden die Bombenhagel aus der Luft koordinieren, “die bedienen wir lieber selbst."

Weiß der General, wie abhängig er vom Schutz der Amerikaner ist? Er zuckt mit den Schultern. Sicher gäbe es viele verschiedene Interessen im Irak. Aber auf eines könne sich doch die ganze Welt einigen. Saddam muss weg. Es sei doch nur die Frage wie.





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