Eines muß man den rechten Demagogen allerdings lassen - sie bereiten ihre Tiraden so unterhaltsam auf, dass sie seit Jahren die wenigen Erfolge im amerikanischen Mediengeschäft feiern. Mike Savage wurde von MSNBC nach Protesten zwar gefeuert, doch seine Radiosendung erreicht im Schnitt 10 Millionen Zuhörer. Sein Kollege Sean Hannity bei Fox News, der die meisten seiner Meinungen teilt, steht mit seinem neuen Buch derzeit auf Platz eins der New York Times Bestsellerliste.
Von links gab es da nur wenig Gegendruck. Allenfalls die Daily Show der Politsatirikers Jon Stewart, oder die Bücher der Komiker Michael Moore und Al Franken. Al Franken ist auch der Starmoderator von Air America, der mit seiner künftig täglich dreistündigen Sendung "O'Franken Factor" (eine Anspielung auf den Titan der konservativen Demagogie Bill O'Reilly) am Mittwoch den Anfang machte.
Obwohl der Bestsellerautor und einstige Star der Comedysendung Saturday Night Life lange Fernseherfahrung hat, klang er nervös. Große Pläne verkündete er: "Dies wird ein Kampf um Wahrheit und Gerechtigkeit und somit ein Kampf um Amerika", verkündete er mit bebender Stimme. Spätestens als seine Komoderatorin Catherine Langford mit auf Sendung war, legten sich Pathos und Nervosität. Die Angriffsstimmung blieb. "George Bush der Älter und Jüngere waren seit Herbert Hoover die ersten Präsident, die netto keinen einzigen Job schufen", polterte Al Franken. "Stellen Sie sich vor, die beiden hätten unser Land von Anbeginn bis jetzt geführt. Dann würden wir hier alle als Jäger und Sammler durch die Wälder streifen und uns um Wurzeln prügeln." Dann plauderten die beide Moderatoren unterbrochen von ein paar eingespielten Sketchen über die Anhörungen zum 11. September.
Im Wortwechsel zwischen den Moderatoren und Moore zeigte sich auch, dass die aktuelle Nachrichtenlage keiner satirischen Überzeichnung erfordert. So verlas Catherine Langford kommentarlos eine Reutersmeldung: "George Bush der Ältere findet es zutiefst abstoßend und verdammenswert, dass die Eliten und Intellektuellen im Wahlkampf die Errungenschaften im Irak niedermachten." Die kurze Lesepause war Pointe genug: "So formulierte er es bei seiner Rede bei der Jahresversammlung des Nationalen Öl- und Raffinerieverbandes."
Air America soll aber auch das Vorurteil entkräften, Liberale seien keine Patrioten. "Nach einer Umfrage wollen nur sieben Prozent aller Amerikaner weniger strenge Umweltauflagen", sagte Franken da. Moore gab ihm recht: "Wir Liberale sind näher am politischen Mainstream, als die Extremisten der Bushregierung. Die vertreten eher besagte sieben Prozent." Was Franken mit dem Ausruf beschloß: "Wir lieben Amerika! Wir sind ja Liberale!"
Furiose Radiounterhaltung wurde da am ersten Tag geboten. Ob sich ein liberaler Talksender auf dem traditionell rechtslastigen Feld durchsetzen kann, muß zeigen. Die ersten Monate sind mit einem Startkapital von 20 Millionen Dollar erst einmal garantiert. Ein Publicityerfolg war der Sender jetzt schon - Fernsehsender und Zeitungen berichteten seit Wochen über den geplanten Start. Das Sonntagsmagazin der New York Times widmete Al Franken und Air America sogar eine Titelgeschichte. Der Medienerfolg ist allerdings auch ein Zeichen für den wahren Zustand jenes sagenumwobenen liberalen Meinungsmonopols, das Rechtskonservative so gerne beschwören. Catherine Langford bemerkte gegen Schluß ihrer ersten Sendung jedenfalls bitter: "Schon traurig, dass viel Wind um einen geschlossenen Auftritt der Liberalen gemacht wird, wenn der in einem so hoffnungslos veralteten Medium wie dem Radio stattfindet."
Am Mittwoch den 31. März 2004 um Punkt zwölf Uhr Mittags New Yorker Ortszeit ging in den USA erstmals der Talkradiosender Air America in den Äther. Finanziert wird das Projekt von einem Konsortium liberaler Geschäftsleute um den Investmentbanker Evan Cohen. Gesendet wird bisher in sechs Großstädten auf Mittelwelle, im Satellitenradio, sowie im Internet unter
www.airamericaradio.com. Air America soll ein Gegengewicht zur ansonsten ultrarechten Demagogie der Talkradiosendungen und Nachrichtensender wie Rupert Murdochs Fox News und Microsofts MSNBC bilden. Dort poltert beispielsweise der Radiostar Rush Limbaugh seit Jahren gegen Frauenrechtlerinnen, die er "Feminazis" schimpft, und gegen "Umweltidioten". MSNBC machte sich mit dem Talkmaster Mike Savage einen Namen, der Vergewaltigungsopfer als "Schlampen" bezeichnete, findet, dass Frauen das Wahlrecht entzogen werden sollte, weil sie "hormongesteuert" entscheiden, und der die wahre Bedrohung Amerikas nicht in der al-Qaida, sondern in "jedem einzelnen stinkenden Linken" sieht.
Ab der zweiten Stunde ging es mit Stargästen weiter. Der demokratische Senator Bob Kerry, der zur Zeit als Vorsitzender des Untersuchungsausschusses zu den Anschlägen vom 11. September fungiert, gab hochaktuelle einen Vorgeschmack auf die unbequemen Fragen, die er demnächst Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice stellen wird. Der Gründer der Rapgruppe Public Enemy und Chefideologe der Hip Hop Generation Chuck D stellte sich als Moderator der Morgensendung von Air America vor. Die dritte Stunde bestritten Franken und Langford mit dem Dokumentarfilmer und Demagogen Michael Moore, der noch einmal die Geschichte seines Buches "Stupid White Men" erzählte, das sein Verlag nach dem 11. September nicht veröffentlichen wollte, und das doch ein Welterfolg wurde. Höhepunkt - ein Anruf von Al Gore, bei dem sich Michael Moore für seine Unterstützung des Grünenkandidaten Ralph Nader entschuldigte. Al Gore will die neue Medienstrategie von links übrigens konsequent weiterführen. Mit finanzkräftigen Partnern kauft er gerade den Kabelfernsehsender Newsworld International, den er zu einem liberalen Nachrichtenkanal für eine junge Zielgruppe aufbauen will.
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