LAGOS STYLE UND KONGOTRONICS

In Afrika emanzipiert sich eine urbane
Kultur vom Erbe des Kolonialismus

© Andrian Kreye


New York im April '06 - Es war um die Mitte der 90er Jahre als über die Fotografie die ersten Anzeichen für eine kosmopolitische afrikanische Großstadtkultur auftauchten. Der nigerianische Fotograf Waheed Andrew Dosunmu produzierte damals zum Beispiel für das New Yorker Paper Magazine eine Modestrecke, die gerade im Kontext des Hip Hop aus dem Rahmen fiel. Während in der amerikanischen Jugendmode Hosen, Jacken und T-Shirts gerade Form und Fassung verloren und die schlaksige Gestik des Gangsta Rap den neuen Parameter für hippe Lässigkeit bestimmte, zeigte Dosunmu junge afrikanische Männer in Bleistifthosen mit messerscharfen Bügelfalten und Mädchen, die perfekt taillierte Sommerkleider mit der Eleganz von altmodischen Filmstars trugen.

Dosunmus Modestrecke zitierte damals die Bilder, die der Fotograf Malick Sidibé während der 60er und 70er Jahre in den Nacht- und Tanzlokalen der malinesischen Hauptstadt Bamako gemacht hatte und damit unbewußt den Aufbruch einer postkolonialen afrikanischen Moderne dokumentierte. Der Rest der Welt bemerkte von diesem Aufbruch nicht viel, weil bald schon Krieg, Armut und Krankheit ein Afrikabild bestimmten, das jenseits der Schreckensmeldungen weiterhin vom kolonialen Ethnologenblick auf das pastorale Idyll afrikanischen Dorflebens geprägt wurde.

Ungefähr zur selben Zeit, als Dosunmu das neue afrikanische Stilbewusstsein von Lagos nach New York brachte, richtete der nigerianische Kurator Okwui Enwezor im New Yorker Guggenheim Museum die Ausstellung “In/sight" aus, in der er diesen kulturellen Aufbruch mit der jüngeren Geschichte der afrikanischen Fotografie dokumentierte. “In/sight" gilt heute noch als kunsthistorischer Meilenstein und katapultierte neben Sidibé Fotografen wie Seydou Keita, Cornélius Augustt oder Philip Kwame Apagya in die Spitzen des Kunstmarktes.

Enwezor, der vor vier Jahren auch Kurator der Documenta in Kassel war, hat nun mit dem Abstand von zehn Jahren eine zweite Fotografieausstellung eröffnet, die derzeit unter dem Titel “Snap Judgements - New Positions in Contemporary African Photography" im New Yorker International Center for Photography zu sehen ist. Wieder ist dem Kurator eine epochale Ausstellung gelungen, die nicht nur eine Bestandsaufnahme der afrikanischen Fotografie vornimmt, sondern neue Realitäten und Befindlichkeiten vermittelt. Doch statt handwerklicher Studiofotografen wie Sidibé, Keita und Augustt sind es diesmal junge Fotokünster, die das neue Afrikabild bestimmen.

Andrew Dosunmu ist einer der Stars der Ausstellung und in seinen Videos und Bildern findet sich genau jene neue afrikanische Lässigkeit, die Welten entfernt vom postkolonialen Blick auf den “Schwarzen Kontinent"ist, den Enwezor im Begleittext zum Ausstellungskatalog als “Afropessimsismus" bezeichnet. Dosunmu schafft es sogar, dieses Gefühl zu übertragen, und wenn Harlem, Brooklyn und Detroit in seinen Videos für US-Popstars wie Maxwell, Common oder Angie Stone aussehen wie die Vergnügungsviertel in Lagos, Nairobi oder Kinshasa, dann ahnt man etwas von diese neuen afrikanischen Moderne.

Dabei soll nichts beschönigt werden, denn zur afrikanischen Moderne gehört auch ein neuer Realismus. Den bringt die Serie “Capitales Africaines" des senegalesischen Fotogafen Boubacar Touré Mandémory auf den Punkt, in der sich die Verlorenheit der in der Stadt Gestrandeten mit der Dynamik des urbanen Aufbruchs, ohne dass eines der beiden Elemente die Oberhand gewinnen könnte. Enwezor hat viele solcher Fotografen entdeckt, die einen ganz eigenen Blick gefunden haben. Die südafrikanische Fotografin Tracey Rose zum Beispiele, die mit ihren Porträts die neuen Identitäten von Johannesburg einkreist. Die Fotokünstlerin Lara Baladi, die in Kairo mächtige Collagen konstruiert, die von einem tropischen Sinn für Ornamentik und Farben bestimmt sind. Den 21jährigen Mahamed Canara aus Bamako, der mit einer geliehenen Digitalkamera Lichtebenen ergründete und dem seine erste Fotoserie vor fünf Jahren gleich eine Einzelausstellung in der Londoner Tate Modern einbrachte.

Die Ausstellung drückt sich auch nicht um die Sozialreportage, doch auch da verschiebt sich der Blickwinkel. Randa Shaath zeigt gesellschaftliche Randgebiet auf den Dächern von Kairo. Michael Subotzky erfasst die Realität des Alltages in den südafrikanischen Gefängnissen mit apokalyptischen Panoramabildern. Moshekwa Langa und Romuald Hazumé ergründen den Materialmangel ihres Kontinentes. Ein Mangel der sogar zum Stilmittel werden kann, wenn Alan de Souza kaum noch erkennbare Familienfotos zu mächtigen Tafelbildern aufbläst, in denen die Korrosionen zu psychedelischen Formen expandieren.

In solchen Momenten zeigen sich die Stärken der Ausstellung, denn solche Ästhetisierungen des Mangels lassen sich gerade in der Kunst leicht nachvollziehen. In Film und Musik fällt das schon schwerer. In Nigeria hat sich beispielsweise während der letzten fünfzehn Jahre in Lagos Vergnügungsviertel Surulere die inzwischen drittgrößte Filmindustrie der Welt etabliert. Die so genannten Nollywoodfilme werden zwar in alle Welt vertrieben, sind jedoch auf längst veralteten Videosystemen produziert und mit ihren hölzernen Dialogen und ungelenken Spezialeffekten für europäische Zuschauer nur schwer verdaulich.

In der Musik limitiert das in Afrika nach wie vor dominierende Medium der Musikkasstte den Einsatz all jener dreidimensionalen Klangeffekte, der die westliche Popmusik bestimmt. Das kulminiert in der Musik der Gruppe Konono Nr. 1, die in den Vergnügungsvierteln von Kinshasa ihre traditionellen Daumenklaviere über billige Mikrofone so weit verstärkt, bis ein scheppernder, psychedelischer Klangteppich ensteht, für den es noch keine Vergleichsmodelle gibt. Die westliche Plattenfirma, die schon zwei CDs der Gruppe veröffentlicht hat, erfand deswegen einfach ein neues Genre - Kongotronics. Ähnlich hat sich das Klangbild des kongolesischen Soukouss dem blechernen Klang der afrikanischen Auto- und Transistorradios angepasst hat und Stars wie Papa Wemba, Koffi Olomide oder Félix Wazekwa die Wirkung ihrer Hits auf die spitzen Gitarrenläufe und treibenden Marschtrommeln konzentriert. Mit Erfolg - Soukouss ist die erste pan-afrikanische Popkultur, die von Kinshasa bis Nairobi, von Johannesburg bis zu den Diasporagemeinden in Paris und New York die gesamte afrikanische Welt erobert hat.

Immer mehr Institutionen versuchen, die neue afrikanische Moderne zu erfassen. Eine afrikanische Sonderausgabe der britischen Literaturanthologie Granta streift von den nigerianischen Schriftstellern Chimammanda Ngozi Adichie, Segun Afolabi und Adewale Maja-Pierce über den südafrikanischen Autor Ivan Vladislavic bis zur Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer sämtliche Generationen englischsprachiger Literaten aus Afrika. Dazu gehört auch Binyavanga Wainainas, der in Nairobi mit seiner Literaturzeitschrift Kwani eine neue Generation Schriftsteller wie Uwem Akpans an die Öffentlichkeit bringt, die gegen die Simplifizierung ihres Kontintents anschreiben.

In Paris fördert die Zeitschrift Revue Noire moderne Kultur im französischsprachigen Afrika. In den USA vermittelt die Radiosendung Afropop zwischen der Diaspora und der afrikanischen Heimat und propagiert neue Formen des urbanen Afropo wie die südafrikanische Kwaito-Musik, die jetzt mit Soundtrack für den Oscarprämierten Film "Tsotsi" nach Norden kam. In Bamako findet seit 1994 eine Biennale für afrikanische Fotografie statt. In der Hauptstadt Ouagadougou gibt es seit 1969 ein Festival für afrikanischen Film und Fernsehen. Kairo und Kapstadt richten Buchmessen aus.

Die Kultur der afrikanischen Metropolen steht vielleicht erst am Anfang, doch was Enwezor, Wainainas oder die Redakteure der Revue Noire da entdecken, ist kein exotisches Nebenfach ethnologischer Betrachtungen, sondern ein wichtiger Teil moderner Kultur, der nicht nur aus Afrika kommt. Bei einer Konferenz über die Zukunft der Großstädte erklärte der Architekt und Städtephilosoph Rem Koolhaas vor einiger Zeit, dass die beiden Blaupausen für die Metropolen der Zukunft das abgesicherte, überteuerte New York und das wild wuchernde, anarchische Lagos seien. Das war keine rhetorische Finte, sondern längst Realität. In Städten wie Lagos, Kinshasa, Kairo, Rio oder Bangkok entstehen derzeit neue Gesellschaftsformen, die ohne die Strukturen und Wirtschaftskreisläufe der Wohlstandsländer auskommen müssen. Dort gären Kulturszenen, die sich vom postkolonialen Erbe emanzipieren und sich nicht mehr an Europa und Amerika orientieren. Wer das Leben in diesen Städten begreifen will, der wird sich mit afrikanischer Fotografie, kongolesischem Pop und nigerianischem Film genauso auseinandersetzen müssen, wie mit arabischer Lyrik, indischem Film oder brasilianischem Hip Hop.

Dann würde man zum Beispiel auch erfahren, was für einen Stand die Opfer der so genannten 419-Betrüger in der westafrikanischen Popkultur haben. Paragraph 419 betrifft im Strafgesetzbuch von Nigeria jene Betrüger, die gutläubige Europäer und Amerikaner mit dem Versprechen um ihr Geld bringen, sie seien Verwandte hochrangiger Politiker oder Militärs und hätten Zugriff auf große Vermögen aus Bürgerkriegen oder Staatsstreichen und brächten nur einen Vorschuss auf die Bankgebühren. Der nigerianische Komiker Nkem Owho spielte in dem Nollywoodfilm "The Master" einen solchen 419-Betrüger, der dumme, fette Weiße ausnimmt. Der Filmsong "I Go Chop Your Dollar" ist derzeit einer der größten Afropophits. Da singt Owho: "419 ist ein Spiel. Du bist der Verlierer. Ich bin der Gewinner."




Kongotronics

Ausstellungswebseite Snap Judgements

Andrew Dosunmus Videoportfolio bei der Agentur Artists' Company (unter Directors/Music Video)

Video für Koffi Olomides Hit "Longitima Skol" (Kongo)

Video für den Hit "I Go Chop Your Dollar", aus dem Nollywoodfilm "The Master" (Nigeria)

Nigeria Movies Online

Radioreportage über die Kwaito Generation

Trailer und 'Making Of' für Tsotsi




Zurück zum Inhalt