Eine Stadt und die Schatten der Angst

New York nach dem Absturz der American-Airlines-Maschine - Rauchsäulen über Queens wecken schreckliche Erinnerungen, denn seit den Terroranschlägen mag niemand mehr an tragische Zufälle glauben.
© Andrian Kreye



Jede Katastrophe könne ein Angriff sein. Und so reagiert New York seit dem 11. September auf jeden Unglücksfall wie ein militärisches Einsatzkommando. Wenige Minuten, nachdem American Airlines Flug Nummer 587 auf dem Weg in die Dominikanischen Republik um 9:17 Uhr Ortszeit über dem Belle-Harbor-Viertel abgestürzt war, verhängte das Rathaus höchste Alarmstufe. Im gesamten Stadtgebiet schwoll der Straßenlärm mit dem Sirenengeheul der Einsatzfahrzeuge an. Feuerwehr, Sanitäter, Polizei rasten nach Queens, dicht gefolgt vom Konvoi des Bürgermeisters. Einheiten von Polizei und National Guard riegelten sämtliche Tunnels und Brücken ab, in den Straßen von Manhattan begann sich bald darauf die Autos zu stauen. Die Luftfahrtbehörde FAA erklärte den Luftraum über dem Großraumgebiet New York zur No Fly Zone. Nur die F-15-Kampfjets der National Guard durchschnitten den strahlend blauen Herbsthimmel mit ihrem schrillen Dröhnen, schon seit Wochen bewaffnet und bereit, jede Maschine abzuschießen, die von ihrem Kurs abkommt.

Während der ersten Stunde nach dem Unglück war nichts zu sehen. Mit stoischer Ruhe hielten die TV-Kameras auf eine mächtige Rauchsäule, die sich am Horizont gen Himmel reckte. Erst schwarz, kurz nach halb zehn dann weiß - das erste gute Zeichen, denn weißer Qualm bedeutet, dass erste Feuerwehrmannschaften die Brände mit Wasserrohren unter Beschuss genommen hatten.

Augenzeugen berichteten, sie hätten kurz nach dem Start des Flugzeuges eine Explosion am rechten Flügel gesehen. Eddie Niedes, der nicht weit von der Unglücksstelle wohnt, erzählte: “Die Turbine ist hochgegangen. Ich habe einen heftigen Knall gehört, von der rechten Seite des Flügels." Darauf folgten mehrere kleinere Explosionen.

Niemand in New York glaubt heute noch an tragische Zufälle. Alleine das Bild der Rauchsäule weckte für viele Bewohner der Metropolis die schrecklichen Erinnerungen an die brennenden Türme des World Trade Center. Eilig wurden von sämtlichen Radio- und Fernsehsendern Spezialisten bemüht, die den Verdacht auf einen Terroranschlag wenn schon nicht ausräumen, so doch abmildern sollten.

Ein Flugzeugingenieur erklärte: “Wenn es sich wirklich so verhält, dass eine Turbine explodiert ist, weist das relativ sicher auf ein technisches Versagen hin." Die Stimme des Ingenieurs klang dabei erleichtert, als wäre die Tatsache, dass 246 Passagiere und neun Besatzungsmitglieder bei einem regulären Flugzeugabsturz ums Leben kommen schon eine gute Nachricht. Nicht alle New Yorker lassen sich in diesen Tagen so leicht beruhigen. “Ich dachte nur: Nein, nicht schon wieder, nicht schon wieder", sagte John Popek, der im East Village auf den Bus wartete. Panik war nicht zu spüren. Viele Menschen waren wegen des Veterans' Day ohnehin zu Hause geblieben, viele Schulen hatten frei.

Es war eher stille Verzweiflung und Ratlosigkeit, die sich in den Straßen breit machte. Wann endlich wird New York wieder es selbst sein dürfen? “Es waren zwei harte Monate hier. Wir versuchten, zu einem normalen Leben zurückzufinden, aber jetzt sind wir wieder da, wo wir angefangen haben", sagte Rosemary Wiener, die gerade vom Einkaufen zurückkam. Trotz der großen Zahl von Toten breitete sich fast etwas wie Erleichterung aus, als erste Berichte die Hoffnung nährten, diesmal habe es sich 'nur' um einen Unfall gehandelt. Soweit ist New York jetzt schon.

Die Stimmung in der Stadt war an diesem vergangenen Wochenende schon gespannt genug. Die Vereinten Nationen hielten ihre alljährliche Herbst-Generalversammlung ab. Staatschefs aus aller Welt sind gerade in New York, vom Leiter der autonomen Palästinensergebiete Jassir Arafat bis zum pakistanischen Präsidenten Pervez Musharraf. Auch eine deutsche Delegation befand sich in der Stadt. Außenminister Joschka Fischer hatte für den Zeitpunkt des Unglücks ein Gespräch mit dem zypriotischen Außenminister Ioannis Kasoulides anberaumt, bevor er um 10.15 Uhr seine Rede vor der Generalverammlung hielt. Im Glaspalast am East River ließ der Hausherr Kofi Annan sämtliche Eingänge schließen, eine Zeitlang kam niemand hinein und hinaus.

Bundespräsident Johannes Rau, der ebenfalls seit dem Wochenende zu einem Besuch in New York weilt, wollte am Montag Vormittag ursprünglich Bürgermeister Giuliani treffen und dann mit ihm sowie mit den Angehörigen der deutschen Opfer des 11. September zum Ground Zero am ehemaligen World Trade Center fahren. Johannes Rau blieb nichts anderes übrig, als sich zu gedulden. In seinem Hotel in Manhattan begab er sich an die Bar und tat das, was vermutlich Millionen New Yorker in diesen Stunden der Anspannung taten: er verfolgte das Fernsehprogramm.

Rudolph Giuliani hatte nun sowieso keine Zeit mehr für Staatsgäste. Der Bürgermeister war wie immer einer der ersten am Ort der Katastrophe. Nicht weit vom Einschlagsort des Airbus 300 an der Ecke von 129. Straße und Newport Avenue im Stadtteil Queens gab er ruhig, knapp und sachlich seine erste Verlautbarung zu Protokoll. Mit wenigen Worten setzte er die Prioritäten. “Ich bitte alle Bürger darum, die Ruhe zu bewahren. Wir haben Luftschutz, um sicherzustellen, dass dies ein Einzelfall war. Wir haben oberste Alarmstufe verhängt und einige Örtlichkeiten und Wege gesperrt. Ich habe mit dem Präsidenten und dem Gouverneur gesprochen."

Über möglich Gründe wollte er nicht spekulieren, hielt die Ursachenforschung für viel zu verfrüht. “Wir werden jetzt erst einmal nach möglichen Überlebenden suchen und die Löscharbeiten vorantreiben. Ok? Alles weitere dann später." Nur jenseits der Mikrophone erlaubte Rudolph Giuliani sich einen Moment der Emotionalität. Er konnte es nicht fassen, dass ausgerechnet das Belle-Harbor-Viertel in den Far Rockaways getroffen wurde. Ein Viertel, das schon unter den Anschlägen am 11. September besonders schwer gelitten hatte. Denn auf der schmalen Halbinsel, die vom John- F.-Kennedy-Flughafen durch die sumpfige Jamaica Bay getrennt wird, leben viele Feuerwehrleute. Hier in der kleinbürgerlichen Idylle nicht weit vom Atlantikstrand des Rockaway Beach haben vor allem Feuerwehrleute, Polizisten und Handwerker ihre Ersparnisse in eines der niedrigen Einfamilienhäuser investiert, die dicht an dicht die beschaulichen Straßen säumen. Hier in der Vorstadt haben sie sich ihren bescheidenen amerikanischen Traum erfüllt, mit einem Barbecue-Grill hinter dem Haus und einem Fahnenmast im Vorgarten. Noch ist unklar, wie viele Menschen die Gemeinde an diesem Montag verloren hat. Die 129th Street ist eine der belebtesten Straßen der Gegend. Kleine Geschäfte und Cafés reihen sich aneinander. Nicht weit davon steht eine Tankstelle, vor der ein Teil der Turbine einschlug.

Es war ein Feiertagsmorgen, an dem Flug AA 587 auf Belle Harbor stürzte. Veteran's Day wollten sie feiern, den Tag, an dem Amerika der Veteranen und Gefallenen gedenkt, oder in Zeiten wie diesen, für seine Soldaten an der Front betet. Doch einmal mehr waren es nicht die Kriegshelden, die an diesem Vormittag gefordert waren, sondern die Vorkämpfer der Zivilgesellschaft. Breitbeinig standen sie in ihren schweren Gummimänteln auf den Trümmern, hielten den Hochdruckstrahl auf die lodernden Flammen. Keine Helden, sondern Profis. Denn an diesem Veteran's Day gab es an der Atlantikküste von New York City nichts zu erobern. Nur zu retten. Um halb zwölf Uhr Mittags bot sich allerdings jenes Bild des Schreckens, das ohne Blut und Trümmer auskommt. Frustriert kehrten Sanitäter vom Einsatzort mit leeren Not- und Streckbahren zurück. In den umliegenden Krankenhäusern waren in den ersten zwei Stunden nur 15 Menschen mit Rauchvergiftungen und leichten Verletzungen eingeliefert worden. Und noch einen Kommentar fand der Bürgermeister da jenseits der Kameras: “Oh mein Gott, oh mein Gott. Ich war doch erst gestern auf zehn Begräbnissen."


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