New York im April '06 - Als die Zwillingstürme des World Trade Centers einstürzten, unterbrach der trügerisch sonnige Morgen des 11. Septembers 2001 nicht nur den Lauf der Weltgeschichte. Die gesamte Kultur des Abendlandes stellte sich plötzlich in Frage - Maler legten ihre Arbeit nieder, Komiker verstummten, Musiker brachen ihre Tourneen ab. Doch kaum eine Kunstform zweifelte so sehr an ihrer Aufgabe und Existenzberechtigung, wie die Literatur. Der Schriftsteller David Guterson, den die meisten kennen, weil er für seinen Roman “Schnee der auf Zedern fällt" einen Faulknerpreis bekam und die Verfilmung mit Ethan Hawke für einen Oscar nominiert wurde, sollte an diesem Tag in Washington über Manuskripte urteilen, die ein Stipendium des National Endowment of Arts verdienten. Bester Laune war er an diesem Morgen, weil er seinen neuen Roman schon zu neunzig Prozent fertig geschrieben hatte. Doch dann brach das Chaos der Anschläge aus. Die Preisberatungen wurden unterbrochen, die Züge fuhren nicht mehr und so mietete er sich einen Wagen mietete und fuhr nach Hause ins 80 Meilen entfernte Bainbridge.
Es dauerte Wochen, bis er sich wieder an sein Manuskript wagte. Ohne Ergebnis. Tagelang saß er wie gelähmt am Schreibtisch. Aus den Tagen wurden Wochen, aus den Wochen Monaten. Guterson war auch keineswegs der einzige Literat, dem die Anschläge die Sprache verschlugen. Da traf V.S. Naipaul weltweit einen Nerv, als er verkündete, die Kunstform des Romans sei mit dem 11. September 2001 endgültig überholt.
Nun hat kaum jemand den Roman so oft für tot erklärt, wie V.S. Naipaul, der nur wenige Wochen nach dem 11. September 2001 den Nobelpreis für Literatur verliehen bekam und in seiner Preisrede verkündete, dass nur Sachbücher und Reportagen die komplexen Zusammenhänge der heutigen Welt erfassen könnten. Im vergangenen Sommer bekräftigte Naipaul seinen Nachruf auf die literarische Verarbeitung der Zeitläufte noch einmal, denn der Roman gehöre letztlich zu jener idealisierten Kultur aus dem Paris des 19. Jahrhunderts, in der sich die Schriftsteller und Künstler in ihre Bohèmewelt zurückziehen, um zu schreiben und zu malen. “Die Welt hat sich verändert", sagte er. “Sie ist größer geworden." Und nur wer sich in diese Welt hinausbegebe, könne sie auch verstehen, denn: “Wenn Sie einen Roman schreiben, dann sitzen sie alleine da und stricken sich ein kleines Erzählmuster. Das ist schon in Ordnung aber von keinerlei Bedeutung."
Die vergangenen viereinhalb Jahre schienen ihm Recht zu geben. Die Zahl der Sachbücher und Reportagen, die uns die Welt nach dem 11. September erklärten ist kaum noch zu ermitteln. Von den scharfsinnigen Analysen des Zusammenpralls zwischen der islamischen und der westlichen Welt von Paul Berman, Noah Feldman und Mahmood Mamdani, über Christoph Reuters brillante Geschichte der Selbstmordattentäter und Seymour Hershs gesammelte Enthüllungen, bis zu den minutiösen Rekonstruktionen der Ereignisse aus den Redaktionen des Spiegel und der New York Times, William Langewiesches literarischer Reportage über Ground Zero oder George Packers Berichte über den Irakkrieg, waren es immer Sachbücher, die einem diese neue, bedrohliche Welt nahe brachten.
Die Zahl der Romane, die sich an das Thema des 11. September und den Krieg gegen den Terror wagten, blieb dagegen überschaubar. Ian McEwan wagte sich in “Saturday" mit der Geschichte über den Tag eines Neurochirurgen, der eine Notlandung beobachtet, an die Ängste des Londoner Bürgertums am Vorabend des Irakkrieges. Lynne Sharon Schwartz beschrieb in “The Writing on the Wall" einen sprachbesessene Bibliothekarin, die den Zusammenbruch der Türme von der Brooklyn Bridge aus beobachtet und daraufhin ihr ganzes Leben in Frage stellt. Frédéric Beigbeder lässt seinen Roman “Windows on the World" am Morgen des Anschlages im gleichnamigen Restaurant des World Trade Centers und in Paris spielen. Chris Cleave verfasste seinen Roman “Incendiary" als Brief einer Mutter an Osama bin Laden, nachdem sie Mann und Sohn bei einem fiktiven Anschlag auf ein Fußballstadion verloren hat. Und Jonathan Safran Foer schickt in “Extrem laut und unglaublich nah" den neunjährigen Oskar Schell auf der Suche nach seinem in den Zwillingstürmen verlorenen Vater mit kindlichen Augen durch das traumatisierte New York.
Im Februar erschien gerade der neue Roman von Jay McInerney mit dem Titel “The Good Life". Ähnlich wie Guerson litt McInerney nach dem 11. September unter akuter Schreibblockade. Kein Wort wollte ihm einfallen. Schon gar nicht zum Lauf der Geschichte. Kein Wunder, schließlich bevölkern seine Romanfiguren normalerweise ein New York voller Glamour und Parties. Sie arbeiten in Buchverlagen und Zeitschriftenredaktionen, sie verdingen sich als Mannequins, gehören irgendwie zu den inneren Zirkeln der Stadt und fühlen sich trotzdem vom Glamour der Metropole überfordert. Das reicht alles nicht für den 11. September.
Doch dann beschloss McInerney, genau das zu schreiben - einen Roman über den 11. September. Dabei bediente er sich eines Kunstgriffes, den sich auch sein kollegialer Freund Bret Easton Elllis immer wieder bedient - er lässt Figuren aus seinen anderen Romanen auftauchen.
“The Good Life" erzählt von dem Verleger Russell Calloway und seiner Frau Corinne, die sich in einem Loft in Tribeca an ihrer bildungsbürgerliche Downtownexistenz klammern, und er erzählt vom Investmentbanker Luke McGavock und seiner glamourösen Frau Sasha, die zur Haute Volée der Upper Eastside gehören. Die Stärke des Buches ist es gerade, dass sich McInerney keine inhaltlichen Zwänge aufbürdet, dass er sich nicht mit Feuerwehrmännern, Terroristen oder den historischen Hintergründen belastet, sondern immer ein Quentchen seiner New Yorker Oberflächlichkeit bewahrt. So kann er mit seinem Gespür für entscheidende Details und popkulturelle Querverweise genau jenes Stimmungsbild vom New York in den Tagen vor und nach dem 11. September zeichnen, das bisher gefehlt hat.
McInerney war es auch, der im vergangenen September gegen Naipauls antiliterarisches Gepolter mit einem Essay im Londoner Guardian protestierte. Da schreibt er, es sei doch gerade die Stärke der Literatur, sich Zeit zu nehmen für die Verarbeitung und dann all jene menschlichen und emotionalen Facetten herauszuarbeiten, die sich auch dem literarisch begabtesten Reporter verschließen.
Norman Mailer habe ihn gewarnt, jetzt schon einen Roman über den 11. September zu schreiben. “Warte noch zehn Jahre" habe er gesagt, so lange dauere es, bis er sich einen Reim auf die Ereignisse machen könne. Das wiederum ist indirekt eine ganz ähnliche Forderung, wie sie Naipaul stellt. Muss sich Literatur aber einen Reim auf die Weltgeschichte machen? Hat sie nicht vielmehr die Aufgabe, all jene Dinge zu transportieren, an denen die Ratio scheitert?
Zum Schluss seines Essays gegen Naipauls antiliterarischen Ausbrüche beschreibt McInerney, wie er am 15. September im Central Park spazieren geht und dort dem Schriftsteller Jonathan Franzen begegnet, der gerade sein Familienepos “Die Korrekturen" veröffentlicht hatte. Er habe Franzen gratuliert, aber sich insgeheim gedacht - armer Hund, dieses Jahr wird kein Mensch Romane lesen. Er sei froh, dass er sich nun ganz öffentlich auf die Zunge beißen könne, weil Franzen vierhunderttausend Bücher verkauft habe. Er empfehle Herrn Naipaul das Buch auch ganz ausdrücklich zur Lektüre.
Auch Guterson hat seine Schreibblockade schließlich überwunden. Zwei Jahre nach dem 11. September erschien sein Roman “Our Lady of the Forrest", eine düstere Geschichte aus den Wäldern des amerikanischen Nordwestens. Die erste Auflage betrug 350.000 Stück.
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Nobelpreisrede vom 7. Dezember 2001 ansehen
Trailer der Verfilmung von Jay McInerneys Debutromans
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